Sie haben es verbockt, aber so richtig. Ganz gleich, ob Sie in einen Streit mit Kollegen zu einem Thema geraten sind oder eine Präsentation schlecht gelaufen ist: Ab irgendeinem Punkt müssen Sie sich erklären. Flucht nach vorn heißt, dass der Rückweg versperrt ist. Eine richtige Flucht, ein in Ordnung bringen ist nicht mehr möglich. Sie wurden ertappt und nun stellt sich die Frage, bleibt tatsächlich nur das Leugnen, das Abwälzen von Schuld auf andere? Wie reagieren Sie, treten Sie die Flucht nach vorn an oder nehmen Sie sich zurück? In welcher Situation kann es eine kluge Strategie sein und wann sollte man erkennen, dass man sich verrannt hat?

Flucht nach vorn richtige Strategie wann Macht Angriff

Flucht nach vorn Bedeutung: Jetzt nicht klein beigeben

Flucht nach vorn - das klingt wie ein Widerspruch und ist es genau genommen auch. Flucht für sich betrachtet bedeutet, dass jemand vor etwas flieht. Das muss nicht zwangsläufig eine Flucht sein, bei der eine andere Person jemandem schaden will - es kann auch die Flucht vor einer verbalen Auseinandersetzung bedeuten.

Insofern bedeutet Flucht, dass der Fliehende sich einer bestimmten Situation nicht stellen will. Flucht ist dann der einfachere Weg, bei dem keinerlei Verantwortung für das eigene vorherige Handeln übernommen wird.

Flucht nach vorn hingegen ist eine Art des sich Stellens; der Fliehende greift aber gewissermaßen zum Präventivschlag. Durch aktives Handeln versucht er, eine schwierige Situation zu meistern, sich aus einer Notlage zu befreien.

Das Vorgehen findet nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" statt.

Flucht nach vorn: Ablenkungsmanöver starten

Es ist schon auffällig, dass das Vokabular aus dem Militärbereich stammt:

  • Ablenkungsmanöver
  • Angriff
  • Flucht
  • Präventivschlag
  • Strategie
  • Verteidigung

Und ähnlich wie bei einem militärischen Einsatz geht es auch bei kleineren menschlichen Konflikten ums Taktieren: Wer gibt zuerst nach? Wer kann wie "Boden gutmachen", sich also in einer vertrackten Situation wieder berappeln und in eine günstigere Position bringen?

Flucht nach vorn bedeutet, durch eine überraschende Aktion das Gegenüber zu überrumpeln, um so wieder die Kontrolle über eine kritische oder peinliche Situation zu erhalten. Es ist wie ein Ablenkungsmanöver: Ihr Kollege hat beispielsweise seinen Teil zur Arbeit nicht geleistet.

Statt jedoch einzugestehen, dass er Mist gebaut hat, tritt er die Flucht nach vorn an und verweist auf grundsätzliche Fehler im Projekt, die bisher übersehen wurden. Ist er erfolgreich damit, weil beispielsweise an anderer Stelle katastrophal geschlampt wurde, kann er seinen Kopf retten. Sein Anteil spielt dann möglicherweise eine untergeordnete Rolle.

Flucht nach vorn als Strategie?

Noch bevor jemand einen genaueren Blick auf die Fehler des Kollegen werfen konnte, ist er mit dieser Verteidigungstrategie also davongekommen. Aber ist Flucht nach vorn tatsächlich so clever? Wenn Sie irgendwo neu sind, mit den Abläufen noch nicht so vertraut sind und Ihnen dann Fehler unterlaufen, mag das funktionieren.

Berufsanfänger genießen sowieso noch eine Art "Welpenschutz" und bei genauerer Betrachtung gab es vielleicht wirklich Umstände, die bei jedem anderen ebenfalls zum Fehler geführt hätten. Statt also alles auf die eigene Kappe zu nehmen, können Sie die Gelegenheit nutzen, um Missstände zu zeigen, die das Scheitern begünstigten.

Für eine einmalige Angelegenheit kann die Flucht nach vorn also gelingen. Im Laufe der Zeit jedoch sollten Sie merken, wie die Arbeitsabläufe im Unternehmen funktionieren, welche Informationen oder Materialien Sie brauchen, um Ihre Arbeit erfolgreich erledigen zu können.

Flucht nach vorn oder vor sich selbst?

Ist es tatsächlich so, dass Sie keine Fehler machen? Oder ist die Flucht nach vorn nicht eher das Unvermögen oder der mangelnde Wille, für die eigenen Fehler geradezustehen? Das zumindest sollte sich jeder fragen, der bei Kritik durch andere nie nachgibt, nie ins Grübeln gerät und stattdessen sofort anfängt, Ausflüchte zu finden.

Dabei handelt es sich hier um eine Form des Selbstbetrugs. Jeder, wirklich jeder, macht Fehler. Warum sie nicht zur Abwechslung eingestehen? Das befreit den vermeintlich "Unfehlbaren" vom Druck. Dem Druck, den Perfektionismus ausübt, aber auch dem Druck, der durch die Angst entsteht, weil jemand entdecken könnte, dass Sie nicht perfekt sind.

Es besteht ja bei alledem die Möglichkeit, dass Sie sich völlig in etwas verrennen. Bei nüchterner Betrachtung wären Sie schon längst darauf gekommen, dass an der Sache ein Haken ist. Aber der Stolz hält einen manchmal zurück, Dinge zuzugeben. Vielleicht haben Sie auch richtig viel Energie investiert - nur leider dabei einen Denkfehler übersehen.

Es ist nicht leicht, sich Fehler einzugestehen. Wer damit besonders große Probleme hat, leidet unter einem geringen Selbstvertrauen. Betroffene empfinden Fehler für das Selbstwertgefühl bedrohlich, also geht es in die Vorwärtsverteidigung. Das führt aber nie zu etwas Gutem, eher provoziert es Konflikte mit Kollegen.

Anschuldigungen wie "Wenn Kollege XY dies und das gemacht hätte, dann wäre auch ich..." sind wenig zielführend und bringen besagten Kollegen gegen sich auf. Sie sollten sich daher fragen: Bringt diese Strategie der Flucht nach vorn mich weiter? Oder gerate ich so nicht womöglich noch tiefer in die Misere?

Flucht nach vorn: Fehler erkannt

Sie können ja erklären, welche Umstände dazu geführt haben, sofern es nicht auf ein Abwälzen oder Schuld zurückweisen hinausläuft. Sie könnten stattdessen erklären, was Sie benötigen, um Ihre Arbeit sinnvoll zu erledigen. Vielleicht auch zugeben, wo Sie Nachholbedarf haben, was Ihnen schwerfällt.

Die Wahrheit kann befreiend sein. Und mehr noch: Sie wirken dadurch sympathischer. Keiner mag Besserwisser und in dem Moment, in dem Sie Fehler zugeben, zeigen Sie, dass Sie auch nur ein Mensch sind - so wie alle anderen. Sie geben somit auch dem Teamspirit eine neue Chance.

Wenn Sie schon die Flucht nach vorne antreten, können Sie statt in Beschuldigungen oder Erklärungen zu verfallen auch ganz anders vorgehen: Sie haben einen Fehler bei sich erkannt und können schlecht alles allein ausbügeln? Dann zeigen Sie, dass Sie die Situation erfasst und sich Gedanken zur Lösung gemacht haben.

Natürlich kann es im Einzelfall Situationen geben, in denen Sie ungerechtfertigterweise zurückstecken müssen. Der Klügere gibt nach, heißt es. Wenn Sie nach wie vor der Überzeugung sind, eigentlich im Recht zu sein, aber partout nicht damit bei Ihrem Gegenüber landen können, bleibt Ihnen dieses Zitat immer noch als Heldennotausgang. Sie sind damit in der moralisch überlegenen Position.

[Bildnachweis: Evgenyrychko by Shutterstock.com]

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