Mit dem Kopf durch die Wand: Warum es nicht nur metaphorisch blöd ist

Manche Ideen, Meinungen, Vorstellungen und Wünsche setzen sich so sehr im Kopf fest, dass wir partout nicht umkehren oder davon ablassen wollen. Gedanken in Einbahnstraße. Irrtum ausgeschlossen. Ohne Rücksicht auf Verluste geht es mit dem Kopf durch die Wand. Wir pochen darauf, dass bitteschön alles genauso laufen muss, wie wir das gerne hätten. Und je stärker der Gegenwind ist, desto energischer versuchen wir uns durchzusetzen. Vorwärtsverteidigung heißt das im Fachjargon. Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist aber nicht nur metaphorisch eine blöde Idee. Heraus kommen dabei im besten Fall nur Kopfschmerzen. Im schlimmsten Fall verliert man alles: Chancen, seinen guten Ruf, Freunde…

Mit dem Kopf durch die Wand: Warum es nicht nur metaphorisch blöd ist

Mit dem Kopf durch die Wand: Kopfschmerzen mit Ansage

Mit dem Kopf durch die Wand… Schon die Redewendung selbst zeigt, dass es keine gute Idee ist, mit aller Kraft und allen Widerständen zum Trotz unbedingt den eigenen Willen durchsetzen zu wollen.

Beispiel gefällig? In aller Regelmäßigkeit finden sich auf Facebook unüberlegte Anmerkungen und Kommentare. Wenig durchdachte, emotionale Schnellschüsse, die objektiv gesehen schlichtweg falsch, viel zu pauschal oder schlicht überzogen sind. Darauf angesprochen, könnten die Betroffenen den eigenen (Denk-)Fehler einräumen, den Kommentar zur Not löschen oder die eigene Aussage zurückziehen und korrigieren.

Macht aber kaum eine(r). Stattdessen ist die häufige Reaktion: Flucht nach vorn. Die Argumente werden immer abstruser, der Ton zunehmend persönlicher. In der Not werden angebliche Mehrheiten herbei gedichtet. Hauptsache mit dem Kopf durch die Wand – bis man mit dem Rücken an derselben Wand steht. Dann bleibt oft nur noch ein Ausweg: Weil ich nicht zugeben kann, dass ich Unrecht hatte, müsst ihr „unprofessionell“ sein. Also lese ich euch nicht mehr! Gesichtswahrung durch Liebesentzug. Eine klassische Kindergarten-Rhetorik (Wenn du nicht so spielst, wie ich das will, bist du nicht mehr mein Freund). Sandkasten-Seelen entlarven sich so.

Wir erinnern uns noch gut an einen Fall, als uns ein (natürlich anonymer) Leser schrieb, die Rückfragen zum Bewerbungsgespräch seien angeblich schlecht. Er selbst habe sie schon oft gestellt, und deshalb den Job nicht bekommen…

Wir wurden stutzig – und fragten nach:

  • Woher weißt du, dass du den Job ausgerechnet wegen der Rückfrage nicht bekommen hast?
  • Wenn du den Job wirklich willst und es sogar bis ins Vorstellungsgespräch schaffst, zugleich aber (von den letzten Malen) angeblich weißt, dass du den Job wegen der Rückfragen nicht bekommst, wieso stellst du sie dann trotzdem wieder?

Sie merken schon, die Geschichte war komplett ausgedacht. Weder werden Bewerber wegen einer einzelnen Rückfrage abgelehnt, noch sagen Personaler das so, noch ist es wahrscheinlich, dass sich jemand „oft“ und immer wieder selbst um Job und Einkommen bringt, nur um uns zu beweisen, dass die Fragen „schlecht“ sind. Wahrscheinlicher ist ein Leser mit schlechter Laune, ein Troll – oder ein Mitbewerber, der die Kommentarfunktion dazu nutzen wollte, die Tipps zu diskreditieren. Gezielte Desinformation ist im Netz leider gar nicht so selten.

Darauf angesprochen, kam es wie es kommen musste: Vorwärtsverteidigung, wüste Anschuldigungen, angebliche Freunde, die das alles bestätigen können (Klar, die sind auch alle lieber arbeitslos und versuchen deshalb noch im 87. Vorstellungsgespräch herauszufinden, ob sie trotz angeblich riskanter Frage vielleicht doch mal den Job bekommen… sehr plausibel, das.). Mit dem Kopf durch die Wand eben.

Sicher, bei dem Beispiel ist es eindeutig: Hier lohnt keine lange Diskussion. Pure Verschwendung von Lebenszeit. Einzige Lösung: löschen, blocken, tschüss.

Aber wie oft stecken wir selbst in unseren Meinungen und Vorurteilen fest, verharren und beharren mit der geistigen Flexibilität einer Betonschwelle?

Bitte nicht falsch verstehen: Niemand sollte sich durch jede Kritik vom eigenen Weg oder den eigenen Zielen abbringen lassen. Auf jeden Kritiker zu hören, kann sogar gefährlich sein – siehe Backfire-Effekt. In vielen anderen Fällen aber ist es sinnvoll und auch angebracht, sich selbst zu hinterfragen und zumindest seine Meinungen und Beweggründe zu reflektieren:

  • Sind die Einwände berechtigt und ich liege falsch?
  • Warum will ich mich jetzt unbedingt durchsetzen?
  • Will ich mir oder jemand anderem etwas beweisen?
  • Kann das überhaupt gelingen, lohnt sich das?

Wer hier ehrlich mit sich selbst ins Gericht geht, findet in der Regel schnell heraus, ob er oder sie auf dem richtigen Weg ist oder krampfhaft versucht, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen.

Warum wollen wir überhaupt mit dem Kopf durch die Wand?

Warum wollen wir überhaupt mit dem Kopf durch die Wand?Aber woher kommt diese unglaubliche Sturheit überhaupt? Dieser infantile Drang, unbeirrbar und im Recht zu bleiben?

Leider liegen die Wurzeln dafür ganz oft in der Persönlichkeit, einem übergroßen Ego oder gar einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die keinen Widerspruch duldet. Das sind allerdings Extreme.

Es gibt auch abgeschwächte Formen und Auslöser:

  • Gesichtsverlust. Der Weg zurück fällt vielen schwer, weil sie Angst davor haben, das Gesicht verlieren zu können. Je vehementer jemand seinen Standpunkt geäußert oder vertreten hat, je weiter sich eine(r) dabei aus dem Fenster lehnt, desto größer die Gefahr abzustürzen – und desto größer die Überwindung, zurückrudern zu müssen. Dazu braucht es Selbstbewusstsein und Souveränität. Beides ist aber selten. Nicht jeder besitzt die Chuzpe eines Konrad Adenauer, der der Presse süffisant vorhielt: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!“ Das ist zwar auch nicht gerade klug. Aber einen Fehler zuzugeben, ist weniger peinlich und geht schneller vorbei, als sich immer weiter in Widersprüche und Lügen zu verstricken.
  • Selbstachtung. Der zweite Grund ist eng mit dem ersten verwandt. Das Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben, gescheitert zu sein oder einfach so nicht weiterzukommen, rüttelt mächtig am Selbstbild. Vielleicht ist man doch nicht so perfekt, wie man anderen und sich selbst immer glauben machen wollte. Um dann die Selbstachtung aufrecht erhalten zu können, behelfen sich viele mit einer Ausweichstrategie: Sie ziehen die Sache durch, versuchen die Fehler irgendwie zu überspielen und hoffen, sich so doch noch aus der Affäre stehlen zu können. Kann klappen, reitet einen aber häufiger noch tiefer in den Mist.
  • Siegessucht. Konkurrenz gibt es in allen Bereichen – beruflich wie privat. Gesunder Ehrgeiz und Sportsgeist können dabei enorm beflügeln. Manche aber übertreiben es dabei. Für Sie gibt es kein Unentschieden, keinen Kompromiss. Nur Sieg oder Schande. So mancher, der im (Berufs-)Leben vielleicht nur wenige Erfolge verbuchen kann, versucht dann an anderer Stelle zu gewinnen – koste es, was es wolle. Jedes Gespräch verkommt zum intellektuellen Armdrücken, jeder Konsum wird zum Wettkampf. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – alles größer, teurer, besser… Dass das nicht nur enorme Kraft, Energie und Lebensfreude kostet, wird dabei gerne ignoriert.

Immer mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, kostet viel. Den wenigsten ist das in dem Moment bewusst. Das Ziel ist der Durchbruch im Wortsinn. Weiter reicht der Horizont nicht. Schade. Denn…

Mit Dem Kopf Durch Die Wand Spruch Zitat

Warum es sich nicht lohnt, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen

Natürlich ist das auch kein Plädoyer für beharrliches Nachgeben. Gerade im Berufsleben ist Durchsetzungsvermögen ein wichtiger Erfolgsfaktor. Man muss deswegen ja nicht gleich die Ellbogen ausfahren. Eloquenz, Kommunikationsstärke und Überzeugungskraft sind hilfreiche Soft Skills in jedem Job.

Auch wer mit dem Kopf durch die Wand will, stellt sich – nicht nur metaphorisch – Hindernissen entgegen. Doch während es beim Durchsetzungsvermögen darum geht, einer guten Idee oder einem veritablen Ziel Bahn zu brechen, steht bei der Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Methode nur eine Sache im Vordergrund: Nicht nachgeben – und ja nicht zugeben, dass man vielleicht auf dem Holzweg ist.

Wer sich durchsetzen kann, ist nicht automatisch blind für Alternativen, sondern erkennt, wo man Korrekturen vornehmen muss und ist bereit, Kompromisse zu schließen. Mit dem Kopf durch die Wand gehen zu wollen, zeugt hingegen nur von Beratungsresistenz, ungesunder Rigidität. Nicht selten auch von Fanatismus und einer gewissen Selbstgefälligkeit.

Um nicht in diese Falle zu tappen, ist es nützlich, sich immer wieder bewusst zu machen, warum man nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen sollte. Das meiste davon ist jedem von uns intuitiv klar – aber schnell vergessen, wenn es darauf ankommt. Daher – als Impuls und Gedächtnisstütze: Warum es sich nicht lohnt, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen…

  1. Sie verrennen sich immer weiter.

    Wer mit dem Kopf durch die Wand will, läuft in der Regel eher an dieser entlang und entfernt sich dabei immer weiter. Dies lässt sich besonders regelmäßig bei Meinungsverschiedenheiten beobachten. Statt eine neue Erkenntnis zu gewinnen, verhindert die Sturheit jeglichen Lerneffekt. Effekt: Das zementierte Weltbild wird immer mehr zum Zerrbild. Um es irgendwie noch zusammen zu halten, müssen immer verworrenere Kausalitäten er- und gefunden werden. Die wildesten Verschwörungstheorien entstehen so – und lassen deren Eleven nicht gerade besser und klüger aussehen.

  2. Sie ignorieren gute Ratschläge.

    Fehler zu machen ist nicht schön. Und Schwächen zuzugeben, kostet Stolz. Aber wer mit dem Kopf durch die Wand will und sich von jeder Anmerkung angegriffen fühlt, bleibt geistig und emotional stehen. Schwächen sind Entwicklungspotenziale. Wir können daran lernen und wachsen. Statt zuzuhören und gute Ratschläge anzunehmen, die uns weiterbringen können, entwickeln viele Wandköpper jedoch eine Rechtfertigungshaltung, in der Sie jeden kritischen Input grundsätzlich ablehnen und als falsch abtun.

  3. Sie verspielen Ihren Ruf.

    Gewiss, jeder darf mal stur sein. Und niemand hat etwas dagegen, wenn Sie Ihre Meinung vehement verteidigen – erst recht, wenn Sie davon zutiefst überzeugt sind. Nur darf Vehemenz niemals Substanz ersetzen. Entsteht der Eindruck, dass da eine(r) nur Recht haben will, die Argumente aber fehlen, sieht die Person bald aus wie ein eitler Trotzkopf und Rechthaber. Solche Sturköpfe werden irgendwann nicht mehr ernst genommen. Und sympathischer macht Besserwisserei auch nicht. Am Ende wird mit so jemandem kaum noch jemand reden oder arbeiten wollen.

  4. Sie ignorieren das Ergebnis.

    Wie oben schon angedeutet, sollte man sich bewusst machen, was hinter der Wand liegt, durch die man gerade mit dem Kopf will. So mancher hat nach dem bildlichen Durchbruch festgestellt, dass dahinter nur ein großer Hohlraum wartet. Oder um es mit Sunzi (Chinesischer Militärstratege und Philosoph, „Die Kunst des Krieges“) zu sagen: Die Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren. In den wenigsten Fällen lohnt sich ein solcher Gewaltakt. Weder persönlich, noch beruflich. Der Klügere gibt nach – das stimmt nach wie vor und auch sehr oft.

Wahre Größe zeigt sich nicht immer nur darin, bei Gegenwind und Widerworten um jeden Preis weiterzumachen und auf Biegen und Brechen die eigene Meinung durchzudrücken. Charakterstärke zeigt der, der sich selbst und anderen gegenüber einen eigenen Fehler eingestehen kann und eben nicht mit dem Kopf durch die Wand will – sondern die Augen aufmacht und die Tür nimmt.

[Bildnachweis: Peshkova by Shutterstock.com]
23. September 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!