Honeymoon-Hangover-Effekt: Nach dem Jobwechsel kommt der Jobfrust

Neuer Job, neues Glück – das ist keine billige Wortkombination, das ist eine Formel. Eine Formel, die aufgeht. Arbeitnehmer, die ihren Job wechseln, durchleben die erste Zeit am neuen Arbeitsplatz wie auf Wolke sieben. Dahinter steckt der Honeymoon-Hangover-Effekt. Wie der Name schon sagt, hat er aber auch eine unangenehme Seite…

Honeymoon-Hangover-Effekt: Nach dem Jobwechsel kommt der Jobfrust

Honeymoon-Hangover-Effekt: Was ist das?

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Die Hesse-Lyrik kann jeder aufsagen, der schon einmal den Job gewechselt hat. Denn der neue Job beginnt meist ganz zauberhaft. Verantwortlich dafür ist der Honeymoon-Hangover-Effekt.

Dem Phänomen kamen die US-Wisenschaftler Wendy Boswell und John Boudreau 2005 in einer Studie mit mehreren Hundert hochrangigen US-Managern auf die Spur.

Der Honeymoon-Hangover-Effekt verläuft so: Zunächst verschlechtert sich die Zufriedenheit eines Arbeitnehmers in seinem Job zusehends. Er ist irgendwann so unglücklich, dass er gerne einen Schlussstrich ziehen würde. Also wechselt er den Arbeitgeber und tritt eine neue Stelle an. Am neuen Arbeitsplatz erlebt der Mitarbeiter ein regelrechtes Hoch, ist deutlich zufriedener als zuvor. Das ist der Honeymoon, die beruflichen Flitterwochen.

Nach und nach aber schwindet das schöne Gefühl. Gewöhnung und Alltag setzen ein, die anfängliche Euphorie weicht Ernüchterung. Katerstimmung! Das ist der Hangover.

Wann ist der Effekt am stärksten?

Ganz klar dann, wenn der Jobwechsel auf freiwilliger Basis erfolgt.

Faustregel: Wer den Arbeitsplatz aus eigenen Stücken switcht, erlebt im neuen Job einen herrlichen Honeymoon. Erfolgt der Wechsel dagegen nicht ganz freiwillig, ist der Effekt sehr viel schwächer beziehungsweise gar nicht vorhanden. Zum Beispiel ist er weniger stark, wenn Sie sich mit dem Arbeitgeber darauf einigen, Ihren Vertrag nicht zu verlängern, weil beide Seiten nicht vollständig zufrieden sind.

Adrian Chadi von der Uni Trier und Clemens Hetschko von der FU Berlin haben den HoHa-Effekt 2014 ebenfalls untersucht. Auch sie sagen in ihrer Studie: Je unfreiwilliger der Arbeitsplatzwechsel, desto geringer die erste Arbeitszufriedenheit am neuen Schreibtisch.

Wenn jemand beispielsweise nach einer Kündigung einen neuen Job antritt, erlebt auch derjenige zwar einen Honeymoon-Effekt. Das Gefühl aber ist nicht so stark, als wenn er zuvor selbst hingeschmissen hätte.

Der Effekt verschwindet sogar völlig, wenn jemand aufgrund einer Werksschließung den Job wechselt. Mit einem Honeymoon beim neuen Arbeitgeber ist dann nicht zu rechnen – auch dann nicht, wenn die alte Stelle in Wahrheit eine Qual war.

Wie lange dauert er?

Zunächst geht dem Flitterwochen-Phänomen eine starke Unzufriedenheit voraus. Das ist die Voraussetzung für den Honeymoon-Hangover-Effekt. Der Arbeitnehmer ist unmittelbar vor dem Jobwechsel deutlich unglücklicher als noch ein Jahr zuvor.

Tritt er dann die neue Stelle an, beginnen die Flitterwochen. Beziehungsweise das Flitterjahr, denn im ersten Jahr fühlt man sich laut Studie von Chadi und Hetschko am besten.

Auch im zweiten Jahr ist der Effekt noch „deutlich positiv“. Danach geht er abrupt zurück und kehrt sich teilweise sogar ins Gegenteil um.

Andere Studien gehen allerdings von einem deutlich kürzeren Honeymoon aus. Nach sechs Monaten ist alles vorbei! In Einzelfällen dauere er bis zu zwölf Monate, aber spätestens danach kehre der traurige Alltag ein, so Forscher der WU Wien um Markus Latzke und der Uni Hamburg.

Wen trifft er?

Die erste gemeinsame Zeit ist schön – und für manche noch schöner als für andere. So ist der Honeymoon stärker ausgeprägt bei…

  • Frauen als bei Männern
  • Geringqualifizierten als Hochqualifizierten
  • Jüngeren Arbeitnehmern als älteren

Bei Frauen ist der Honeymoon-Hangover-Effekt laut Studie am stärksten. Speziell der Kater aber trifft ältere Arbeitnehmer, die aufgrund einer Werksschließung ihren Job gewechselt haben (wechseln mussten), am härtesten.

Bei ihnen zeigt die Glückskurve steiler nach unten als bei jeder anderen Gruppe. Weniger heftig ist der Kater hingegen bei denen, die sich nach einer Kündigung durch den Arbeitgeber beruflich verändert haben.

Job wechseln: Ja oder nein?

Job wechseln: Ja oder nein?Ist der Honeymoon-Hangover-Effekt nun ein Argument pro oder kontra Jobwechsel? Schwer zu sagen. Zunächst ist er nicht losgelöst von anderen Parametern wie dem Alter des Betroffenen, seinen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt oder der allgemeinen Konjunktur.

Aber gerade in schnelllebigen Branchen und bei jüngeren Beschäftigten lässt sich wohl durchaus sagen: Ja, wechseln Sie im Zweifel Ihren Job! Das bringt mehr Gehalt, bessere Aufstiegschancen – und einen schönen Honeymoon-Effekt. Und sobald der verpufft ist, wechseln sie einfach erneut. Nur bitte nicht zu häufig, sonst enden Sie noch als Job-Hopper…

Hier sind alle Tipps zum Thema Jobwechsel:

Warum gibt es den Honeymoon-Hangover-Effekt?

Eine Antwort in vier Worten: Der Reiz des Neuen. Neues elektrisiert uns, ob es sich dabei um ein neues Handy oder einen neuen Partner handelt. Oder eben um einen neuen Job.

Und: In der Regel verbessern sich Arbeitnehmer bei einem Jobwechsel. Sie verdienen mehr Geld, erwerben ein höheres Ansehen, handeln vielleicht noch flexible Arbeitszeiten aus oder haben fortan eine kürzere Anreise zur Arbeitsstätte. Vorzüge, die einen Honeymoon begünstigen.

Vor allem die Psychologie aber spielt eine große Rolle. Konkret: die so genannte Nachentscheidungsdissonanz. Ein Jobwechsler hält sich die schönen Aspekte der neuen Stelle bewusst vor Augen. Die Alternativen wertet er ab. Dazu zählen der alte Job oder auch andere Job-Offerten. Umso größer dann die Enttäuschung, wenn sich all die Verheißungen am Ende als heiße Luft entpuppen – oder nach einiger Zeit zur Selbstverständlichkeit werden.

Bei unfreiwilligen Arbeitsplatzwechseln wiederum sind einerseits die Erwartungen weniger hoch, andererseits ist auch das böse Erwachen weniger schmerzhaft. Kein Honeymoon, kein Hangover.

Wie kann man ihn entschärfen?

Auch für Unternehmen birgt der Honeymoon-Hangover-Effekt Risiken. Sagen wir, Sie nehmen einen neuen Mitarbeiter äußerst herzlich im Unternehmen auf. Sie stellen ein Einführungsprogramm auf die Beine, dem Neuen einen Mentor an die Seite und erarbeiten gemeinsam sogar einen hübschen Karriereplan. Sie nehmen Onboarding ernst! Das müsste einem Kater doch wirksam vorbeugen, oder?

Nein! All die Beglückungsmaßnahmen könnten das glatte Gegenteil auslösen und den Honeymoon-Hangover-Effekt sogar noch verstärken. Das wäre für beide Seiten, Mitarbeiter wie Unternehmen, unschön.

Denn eine tolle Startwoche könnte die Anfangseuphorie laut US-Forschern noch einmal erhöhen – und den Kater verstärken, sobald die Normalisierung einsetzt. Das Prinzip Viagra: Erst Superman, dann Bettvorleger.

Oder nehmen Sie einen Mann, der seiner Angebeteten wochenlang zu jedem Treffen rote Rosen mitbringt. Wenn er irgendwann nicht mal mehr Primeln in der Hand hält, ist der Katzenjammer groß. Ein untrügliches Zeichen: Der Honeymoon ist vorbei.

Das Zauberwort heißt Normalität. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht dauerhaft auf einem hohen Niveau stabilisieren, fällt der Mitarbeiter ins Bodenlose. Darum könnte der Rat für Unternehmen lauten: Begrüßen Sie die Neuen nicht mit einem Feuerwerk, sondern nur mit ein bisschen Konfetti. Aber bewerfen Sie sie damit regelmäßig!

Auch könnten Unternehmen ihre Neuzugänge proaktiv über den Honeymoon-Hangover-Effekt aufklären – um so die Erwartungen der Realität anzupassen (und um Fluktuation zu verringern).

Zum Beispiel so: Ja, es kann zu Überstunden kommen. Ja, manche Kunden sind aggressiv. Ja, manchmal gibt es auch Spannungen am Arbeitsplatz. So wird der Kater von vornherein abgeschwächt. Der Honeymoon wird es aber leider auch…

[Bildnachweis: Photographee.eu by Shutterstock.com]
26. Mai 2018 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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