Typisch Verschlimmbesserung: Das Ergebnis von gut gemeint führt manchmal in eine regelrechte Katastrophe. In der Wissenschaft ist das Phänomen auch bekannt als Kobra-Effekt. Kurz gesagt, beschreibt dieser Effekt das Verschlimmern einer Ausgangssituation durch den Versuch, es eigentlich besser zu machen. Klingt kryptisch, kommt aber im Alltag häufiger vor, als vielen lieb ist...

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Kobra-Effekt: Schlechter als gedacht

Bekannt wurde der Begriff "Kobra-Effekt" insbesondere durch das gleichnamige Buch von Horst Siebert. Darin nennt er unter anderem zahlreiche Beispiele aus der Wirtschaft, in denen es durch falsche Anreize zu eben solchen Verschlimmbesserungen kam.

Beispiel Hartz IV: Damals sollte es die größte Sozialreform der Bundesrepublik werden. Als Peter Hartz im Jahr 2002 dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Pläne vorlegte, wie man die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland effizienter gestalten und die Arbeitslosenzahlen halbieren könnte, entstand daraus ein Maßnahmenbündel, das heute im Volksmund nur noch Hartz IV genannt wird.

Im Grunde war die Idee richtig: Mit pauschaleren Regeln sollte Bürokratie abgebaut werden; die Verfahren, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen, sie dazu aber auch besser zu motivieren, sollten einfacher und schneller werden. In der Theorie. In der Praxis klappte es weitaus schlechter.

Anfang Februar 2010 urteilte das Bundesverfassungsgericht schließlich: Die Leistungssätze für Hartz IV wurden völlig falsch berechnet, bis 2011 muss eine Neuregelung her. Und in der Zwischenzeit können die knapp sieben Millionen Hilfebedürftigen ergänzende Leistungen beanspruchen – falls dies "zur Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums" erforderlich ist.

Im Klartext hieß das: Die Pauschalierung wurde aufgehoben, es folgten zahlreiche Fälle von Einzelprüfungen, Einzelklagen und ein enormer bürokratischer Aufwand – für die Zwischenphase sowieso und die parallele Neuregelung erst recht.

Auch wenn die Richter es sicher gut meinten: Ihr Urteil bedeutete de facto eine weitere Verschlimmbesserung von Hartz IV.

Eine solche Entwicklung ist typisch für den sogenannten Kobra-Effekt - oder wie es der Volkmund umgangssprachlich ausdrückt: Knapp-vorbei-ist-auch-daneben.

Beispiele für den Kobra-Effekt

Dazu gibt es gleich eine ganze Reihe von Beispielen: Streugranulat etwa.

Zuerst wurde kräftig gesalzt, um Gehwege im Winter eisfrei zu machen. Auf manchen Hauptverkehrsstraßen wurden dabei bis zu eineinhalb Kilogramm Salz pro Quadratmeter verklappt. Doch das Tauwerk entpuppte sich als Pyrrhus-Sieg: Mit dem Frühling starben die Pflanzen, Gebäude und Brücken verschlissen im Solebad schneller und selbst Seen, wie der oberbayrische Schliersee wiesen auf einmal einen Salzwassergehalt aus, der dem des Atlantik verdächtig nahe kam.

Es lässt sich nicht genau datieren, wann die Städte deshalb von Streusalz auf Splitt, Garnulat oder Sand umstiegen, um die winterliche Rutschpartie zu stoppen. Doch nach dem Abtauen kam alles noch viel schlimmer.

Die Gehwege waren verschlammt, Splitt und Sand verstopften die Kanalisation und die Kosten für die Straßenreinigung und Kanalreparaturen wirkten wie Streusalz in die Wunden der ohnehin klammen Kommunalkassen. In einigen Städten herrscht deshalb heute striktes Granulatverbot, es darf nur noch gesalzt werden. Mit den bekannten Folgen.

Weitere Beispiele für derlei Verschlimmbesserungen:

  • Beförderungen nach dem Peter-Prinzip
  • Windows Updates
  • iPhone X
  • Tomaten-Mozzarella-Eis
  • Heckspoiler
  • Arschgeweihe
  • ...

Sicher fallen Ihnen noch mehr Beispiele ein. Der Kobra-Effekt lauert überall.

Herkunft und Historie des Kobra-Effekts

Dabei ist der Kobra-Effekt eigentlich ein historisches Phänomen. Seinen Namen bezieht der Effekt einer Eskalation aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft in Indien.

Damals herrschte im Land eine fürchterliche Schlangenplage, woraufhin der britische Gouverneur ein Kopfgeld auf jede erlegte Kobra aussetzte.

Zunächst ging das gut: Die Inder gingen auf Schlangenjagd, vor allem Kobras, deren Zahl dezimierte sich rapide.

Bis einige pfiffige Geschäftemacher erkannten...

  1. Es ist wesentlich lukrativer, die Kobras erst zu züchten, um sie anschließend zu enthaupten und für die Kadaver abzukassieren (Effekt Nummer eins). Natürlich sprach sich die clevere Abzocke rasch rum, schließlich kamen einige Inder so recht zügig zu einer ansehnlichen Stange Geld.
  2. Als der Trick aufflog, wurde die Prämie natürlich sofort abgeschafft. Also ließen die Leute alle Kobras, die sie noch besaßen, wieder frei. Was soll man auch mit so vielen Giftschlangen im Hof anfangen? Es kam, wie es kommen musste: Es gab eine erneute Schlangenplage – nur war die noch viel schlimmer als jene zuvor (Effekt Nummer zwei).

Auch in Vietnam, genauer: in Hanoi soll es unter französischer Kolonialherrschaft zu einem ähnlichen Problem gekommen sein. Nur waren es dort keine Schlangen, sondern Ratten.

Auch hier startete die Regierung ein Kopfgeldprogramm, um der hiesigen Rattenplage Herr zu werden. Für das "Kopfgeld" mussten die Menschen seinerzeit abgetrennte Rattenschwänze abgeben (also eigentlich eher ein "Schwanzgeld").

Allerdings wurden in den Gassen und Gossen irgendwann zahlreiche Ratten ohne Schwänze gesichtet.

Sie ahnen es natürlich längst: Die cleveren vietnamesischen Rattenfänger fingen die Ratten lediglich, um ihnen die Schwänze abzuschneiden und sie anschließend wieder freizulassen. Die Nager konnten sich also munter weiter vermehren - ebenso wie der Wohlstand der Rattenfänger.

So oder so: Achten Sie einmal darauf, wo Ihnen der Kobra-Effekt (oder Ratten-Effekt) im Alltag immer wieder begegnet. Denn wie heißt es auch so schön (wenn auch nicht allzu elegant): "Gut gemeint" ist oft nur der kleine Bruder von "Scheiße".

[Bildnachweis: reptiles4all by Shutterstock.com]

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