Bowery-El-Effekt: Dinge hören, die gar nicht da sind

Wer ganz unten angelangt ist, kann sich zumindest mit einer Tatsache trösten: Von hier aus kann es nur noch besser werden. Die „Bowery“ im Süden New Yorks war Mitte des vergangenen Jahrhunderts so ein Ort. Die Straße galt als Boulevard der Obdachlosen, eine Anlaufstätte für Alkoholiker und allerlei kleiner und großer Krimineller. In den Straßenecken staute sich der Müll und die vertrocknete Kotze aus vergangenen Tagen, die auch keine besseren waren. Wer es irgendwie konnte, mied die Gegend tunlichst. Es sei denn, er verspürte Todessehnsucht oder war ein ausgemachtes Schlitzohr…

Bowery-El-Effekt: Dinge hören, die gar nicht da sind

Bowery-El-Effekt: Definition und Geschichte

Tempi passati – Zeiten ändern sich. Heute zählt die Bowery zu den angesagten In-Vierteln im Big Apple. Die Straße beginnt nördlich im schicken East Village; im Süden trifft sie auf die Canal Street, Chinatown und das angrenzende Little Italy im Westen.

Wo lange Zeit allein die Kriminalitätsrate wuchs und das Elend groß war, blühen heute wunderschöne Gärten und Wiesen mit Holzliegen laden ein, in der sonst turbulenten Metropole ein wenig zu verweilen. Der Clou daran ist: Die grünen Gärten gedeihen nicht irgendwo auf der Fahrbahn – sondern darüber: auf den einstigen Stahltrassen der legendären S-Bahn-Linie „Bowery El“.

Bis Anfang der Sechzigerjahre verkehrte die Tram auf bizarren Stelzenkonstrukten direkt über dem Bürgersteig und den Köpfen der Fußgänger hinweg. Für den Verkehr war das eine gute Sache, für die Anwohner weniger: Bis in die Nacht donnerten die schweren Züge quietschend und kreischend dicht an ihren Fenstern im ersten und zweiten Stock vorbei. Wer hier wohnte, hätte auch seelenruhig auf dem Startdeck eines Flugzeugträgers einschlafen können.

Zudem erleichterten die Hochschienen allerlei Einbrechern den Einstieg in die höher gelegenen und deshalb weniger gut geschützten Apartments. Kurz: An der Tramlinie zu wohnen, bedeutete höchste Gefahr für Hab und Gut und Gehör.

Bowery-El-Effekt: Der Fehlalarm im Kopf

In den Sechzigerjahren legte die Stadt die Bowery El endlich still. Doch dann passierte etwas Seltsames: Schon nach kurzer Zeit mehrten sich bei der New Yorker Polizei die Anrufe von besorgten Anwohnern. Sie hörten angeblich seltsame Geräusche in der Nachbarschaft, womöglich seien Einbrecher am Werk.

Für die Bowery war das damals gewiss nichts Ungewöhnliches – nur handelte es sich dabei durchweg um Fehlalarme. Es gab nicht die geringsten Anzeichen eines Einbruchs: kein zerbrochenes Glas, keine ausgehebelten Fenster, nichts. Nur Ruhe und vielleicht ein paar Schnarcher.

Also ging die Polizei der Sache auf den Grund und stellte bald fest: Die Anrufe häuften sich nachts, und zwar immer zu jener Zeit, in der die Bowery El bisher an den Fenstern der Leute vorbeigescheppert war. Tatsächlich hatten die Anwohner Phantomgeräusche gehört. In den Jahren davor hatten sie sich so sehr an das Rumpeln der Stahltrassen und das Schreien der Bahnbremsen gewöhnt, dass sie es gar nicht mehr wahrnahmen.

Jetzt aber, wo der Lärm ausblieb, bemerkten sie das Fehlen der Zuggeräusche sehr wohl, mehr noch: Sie hörten Laute, die gar nicht existierten.

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler und ehemalige Stanford-Professor Karl Pribram nannte dieses Phänomen später den Bowery-El-Effekt.

Der beschreibt einen klassischen Wahrnehmungsdefekt, der durch einen Automatisierungsprozess ausgelöst wird.

Klingt kompliziert, aber auch Sie kennen das vielleicht durch Ihre tägliche Pendelei ins Büro: Jeden Morgen fahren Sie dieselbe Strecke. Sie kennen jede Kurve, wissen um jede Stelle, an der man gut beschleunigen kann und mit den Schlaglöchern in der Piste sind Sie ohnehin längst per Du. Das Terrain beherrschen Sie im Schlaf.

Und genau so ist es auch: Sobald Sie im Büro angekommen sind, wissen Sie nicht einmal mehr, ob die Ampel, die Sie erst vor zehn Minuten passiert haben, nun grün oder rot war. Sie haben es irgendwie verpennt.

Der Bowery-El-Effekt hat daher so seine Vorteile, aber auch seine Nachteile: Gerade bei einer Autofahrt kann dies
gefährlich sein, wenn in so einer Situation beispielsweise ein Absperrschild übersehen wird.

Bowery-El-Effekt: Warum das normal ist

Zumindest aus evolutionärer Sicht besitzt diese Störung eine sinnvolle Funktion: Sie stabilisiert unser Bewusstsein und sorgt dafür, dass wir uns mit kontinuierlichen Reizen nicht weiter beschäftigen, blendet sie aus und schafft so mehr Aufmerksamkeit für neue, womöglich lebensbedrohliche Reize: Weil Sie Ihre tägliche Bürostrecke so gut kennen, nehmen Sie gefährliche Abweichungen, wie etwa einen Geisterfahrer, schneller wahr.

„Die Zellen der Sehrinde und der Netzhaut sind darauf spezialisiert, Veränderungen im Input zu entdecken und ständig gleichbleibende zu ignorieren“, weiß zum Beispiel die Berliner Psychologin Birgit Permantier, die das einmal untersucht hat.

Falls Sie Lust dazu haben, können Sie das auch bei sich zu Hause testen:

Ich nehme an, dass Sie die Titel der Bücher in Ihrem Regal längst nicht mehr bewusst wahrnehmen, ebenso die Bilder an der Wand oder das Muster im Boden. Aber sobald jemand ein Buch umstellt, das Bild schief hängt oder einen Kratzer in den Boden macht, registrieren Sie sofort: Hier stimmt was nicht!

Im Extrem kann der Bowery-El-Effekt dazu führen, dass Sie vor lauter Ruhe und Idyll im Urlaub gar nicht recht entspannen können, weil Ihnen das laute Tatütata und Gehupe in Ihrer Straße daheim fehlt.

Immerhin wissen Sie für diesen Fall jetzt: Von hier aus kann es nur noch besser werden…

[Bildnachweis: Albachiaraa by Shutterstock.com]
20. Mai 2012 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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