Fischteicheffekt: Lieber der einäugige König unter Blinden

Lieber ein großer Fisch im kleinen Teich, als ein großer Fisch im weiten Meer! – So denken viele Menschen. Dahinter steckt der sogenannte Fischteicheffekt. Ein Psychoeffekt, der seine Wurzeln in der Pädagogik hat, aber auch in unserem Alltag eine große Bedeutung spielt. Im Fischteicheffekt verbirgt sich unsere Sehnsucht, jemand zu sein. Wir wollen Größe ausstrahlen, Anerkennung finden, Respekt. Dabei wählen viele – intuitiv oder bewusst – gemäß ihrer Fähigkeiten und Talente das passende Umfeld. Oder, um im Bild zu bleiben: Sie wählen lieber einen kleinen Teich, in dem sie der große Hecht sind, statt ein Thunfisch in einem Ozean voller Weißhaie, Zackenbarsche und Killerwale zu sein. Tatsächlich ist das (strategisch) gar nicht mal so verkehrt…

Fischteicheffekt: Lieber der einäugige König unter Blinden

Fischteicheffekt einfach erklärt

Hinter dem Fischteicheffekt (im Englischen auch: big fish little pond effect) steckt letztlich das Gesetz der relativen Größe. Wir beurteilen uns selbst, unsere Stärken, aber auch die Schwächen, relativ zu unserem Umfeld.

Intelligenz, Erfolg, gutes Aussehen – all das ist nicht absolut, sondern wie schon Albert Einstein formulierte: „alles relativ.“ Ein intelligenter Mensch wirkt unter lauter Hochbegabten oder Genies nur noch mittelmäßig. Eine erfolgreiche Führungskraft ist, wenn Sie zum Top-Marktführer wechselt, vielleicht nur noch eines von vielen Talenten im Laden. Also eher: Little fish big pond.

Das Ganze funktioniert aber eben auch umgekehrt: Eine durchschnittlich gut aussehende Person sieht – umgeben von lauter Models – sofort attraktiver aus (siehe auch: Cheerleader-Effekt). Oder wie das Sprichwort sagt: „Unter den Blinden ist der einäugige König.“

Ursprünglich stammt der Begriff „Fischteicheffekt“ aus der Pädagogik. Dort beschrieb ihn im Jahr 1984 erstmals der Psychologe Herbert Marsh. Er und seine Kollegen beoachteten, dass Schüler durch leistungsschwächere Mitschüler in ihrer Klasse besonders motiviert wurden und auch bessere Leistungen zeigten.

Der Effekt: Weil sie in der (mittelmäßigen) Gruppe öfter – und vor allem positiv – auffielen und durch gute Noten belohnt wurden, strengten sie sich noch mehr an, diesen Vorsprung zu halten. Am Ende zählten sie erst recht zu den Besten. Daher wurde der Fischteich-Effekt früher auch Bezugsgruppeneffekt genannt.

Dem Fischteicheffekt widerspricht allerdings ein anderes Phänomen: der sogenannte Reflected-Glory-Effect beziehungsweise Assimilationseffekt. Demnach kann ein besonders leistungsstarkes Umfeld Schüler genauso motivieren, mehr aus sich und ihren Talenten zu machen. Und sei es nur der Ansporn eine solche (Elite-)Schule oder Hochschule besuchen zu können, die im Ruf steht, besonders kluge Köpfe hervor zu bringen.

Little fish big pond: Ansporn oder Belastung?

Zu dem Psychophänomen gibt es inzwischen zahlreiche Fischteicheffekt-Studien (zum Beispiel hier als PDF von der Uni Konstanz). Ganz eindeutig ist seine Wirkung allerdings bis heute nicht.

Welche (negative) Wucht das Umfeld entfalten kann, lässt sich beispielsweise an vielen Hauptschulen beobachten: Egal, wie sehr die Schüler dort gefordert und gefördert werden – am Ende wissen sie doch, dass sie eine oft stigmatisierte Schulform besuchen, der anhaftet, spätere Arbeitsmarktversager auszubilden. Dies vor Augen geben sich nicht wenige gleich mit dem ersten Schuljahr dort auf.

Zudem kritisieren manche Forscher, wie etwa der Berliner Psychologieprofessor Ralf Schwarzer, dass überdurchschnittlich gute (Einser-)Schüler in einem deutlich schwächeren Umfeld häufig auch gehänselt würden. Worunter deren Leistung dann wieder leiden kann. Das Image des Strebers kann eben auch zum Handicap mutieren.

Dasselbe passiert oft im Job: Wer über die Grasnarbe des Mittelmaßes hinauswächst, wird von den Kollegen gerne mal „rasiert“ und zurechtgestutzt. Wer will schon einen Kollegen haben, der einem regelmäßig die eigene Durchschnittlichkeit vor Augen führt – und sei es durch seine bloße Anwesenheit?!

Große Fische müssen im kleinen Teich also nicht zwangsläufig ein gutes Leben haben.

Umgekehrt kann ein hochbegabtes Umfeld ebenso zur Belastung werden. Wenn zum Beispiel Leistungsfähigkeit und Talente besonders ungleich verteilt sind, muss man sich deutlich mehr anstrengen, um mit dem Strom der großen Fische überhaupt mithalten zu können. Am Ende kann sich der Hang zu einem solchen Exzellenz-Umfeld gar ins Gegenteil verkehren: Frustriert geben manche auf oder werden regelmäßig unterschätzt, weil sie unter all den High-Achievern nur noch nach Underperformer aussehen.

Dann lieber im Mittelmaß erfolgreich als ein Durchschnitts-Typ zwischen lauter Überfliegern?!

Es kommt also auch ein bisschen darauf an, wie der eigene Charakter gestrickt ist, wie groß die relativen Unterschiede sind und welche Persönlichkeit man besitzt: Die einen brauchen den Wettbewerb, orientieren sich an Vorbildern und streben danach, ihnen nachzueifern und immer mehr aus sich zu machen. Die anderen suchen sich den passenden Tümpel zur relativen Größe. Herausfordernd genug, aber auch kein Meer an Mitbewerbern.

Selbstkonzept-Effekt: Glauben Sie an sich?

Der Fischteicheffekt führt uns letztlich vor Augen, wie anspornend, aber auch wie gefährlich Vergleiche sein können. Suche ich mir den falschen Bezug, sind Frust, Neid und Dauerstress programmiert.

Bei aller Relativität: Entscheidend ist das eigene Selbstkonzept. Oder weniger kryptisch ausgedrückt: wie sehr wir an uns glauben.

Auch das konnten schon viele (Bildungs-)Studien zeigen: Wenn zum Beispiel Mädchen daran glauben, gut in Mathe zu sein, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie es auch sind. Es ist wie bei der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer an seine eigenen Fähigkeiten glaubt, kann diese enorm positiv beeinflussen und Potenziale heben.

Jemand, der von sich überzeugt ist, einen Marathon laufen zu können, hält länger durch und schafft die Strecke eher. Das wiederum stärkt Motivation und Selbstvertrauen – und eine Aufwärtsspirale entsteht.

Fischteicheffekt Selbstkonzept Selbstglaube

Klar, das Ganze steht und fällt mit dem Vergleichsniveau. Es nutzt einem wenig, zu den Guten zu gehören, wenn man unter lauter Besten relativ schlechter aussieht und deswegen bald kaum noch an sich glaubt. Selbst wenn man dabei immer noch weit über dem Durchschnitt liegt. In diesem Fall ist es sinnvoller sich ein Umfeld zu suchen, in dem man mehr bewirken kann. In dem einem aber auch mehr zugetraut wird.

Machen Sie es sich aber auch nicht zu bequem. Kleine Teiche können einlullen. So mancher wählt bewusst ein Umfeld, in dem er oder sie sich nicht mehr anstrengen muss, weil allein schon das eigene Mittelmaß weit über das Vermögen der Vergleichsgruppe hinausragt. Wachsen und seine Potenziale ausschöpfen, wird man so aber kaum noch.

Solche Menschen entwickeln sich schnell zu Besitztumsverwaltern und Bewahrern des Status quo, die alles und jeden wegbeißen, der ihre Position hinterfragt oder gefährdet.

Paracelsus hätte gesagt: Die Dosis macht das Gift. Verändern Sie Ihre relative Größe, indem Sie den Teich öfter wechseln – Schritt für Schritt, mit dem Ozean als potenziellem Ziel. So überwinden Sie das Mittelmaß und erschaffen sich zugleich ein Meer voller Möglichkeiten.

[Bildnachweis: Tomacco by Shutterstock.com]
2. September 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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