Attraktivität: Wer schön ist, kommt weiter

Manche Karrieren sind wie Efeu, kriechend steigen sie empor. Andere bekommen die Reise in den Olymp geschenkt. Mit Leistung hat das manchmal wenig zu tun, sondern vielmehr mit Attraktivität und Schönheit. Ungerechte Welt. Aber so ist es nun mal. Der Volksmund nennt das Phänomen „Chemie“: Wenn sie zwischen zwei Menschen stimmt, klappt’s mit dem Nachbarn genauso wie mit dem Chef oder den Kollegen. Was aber tatsächlich hinter dieser ominösen Chemie steckt, untersuchen zum Beispiel Attraktivitätsforscher seit Ende der sechziger Jahre – mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. Warum Schönheit das Leben oftmals leichter macht…

Attraktivität: Wer schön ist, kommt weiter

Definition: Was bedeutet Attraktivität?

Attraktivität leitet sich vom lateinischen Wort für „an sich ziehen“, „anziehen“ ab und bedeutet Anziehungskraft. Wann ein Mensch als attraktiv empfunden wird, ist unterschiedlich. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es so oft.

Einerseits kann man sich damit hervorragend selbst einlullen und feststellen: Ich bin schön, solange jemand mich schön findet. Aber es gibt tatsächlich messbare Werte, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen, dass eine Person als schön empfunden wird:



Ausgewogene Proportionen

Oft wird die Rubensfigur auf den Bildern des Barockmalers Peter Paul Rubens im 17. Jahrhundert als Beleg für veränderte Schönheitsideale angeführt. Das stimmt aber nur bedingt: Ein leichtes (!) Übergewicht mag in einer von Hungersnöten geprägten Zeit attraktiv empfunden worden sein – die dargestellten Proportionen sind jedoch durch die Jahrhunderte nahezu unverändert. Bei Männern gilt ein Verhältnis von Taillenumfang zu Hüftumfang zwischen 0,9 und 1,0 als optimal, weil das auf einen hohen Testosteronspiegel und damit auf sexuelle Potenz sowie körperliche Stärke hinweist. Bei Frauen liegt der Idealwert bei 0,7. Das signalisiert Fruchtbarkeit.

Körpergröße

Vor allem Männer profitieren von ihrer Körpergröße. Männer, die größer als 1,82 Meter sind, bringen später knapp sechs Prozent mehr Gehalt nach Hause als ihre durchschnittlich hoch geratenen Kollegen, so Forscher von der Londoner Guildhall Universität, die dazu 11.000 Berufstätige befragten.

Lange Beine

Überdurchschnittliche lange Beine lassen Frauen attraktiver wirken. Das fanden polnische Wissenschaftler heraus. Und zwar unabhängig von der Körpergröße. Dazu manipulierten die Forscher Fotos und verlängerten die Beine auf den Bildern um fünf Prozent, um das Ergebnis anschließend auf Attraktivität bewerten zu lassen. Das Optimum lag bei zehn Prozent über Normalmaß. Beine mit bis zu 15 Prozent Abweichung wirkten dagegen schon wieder stelzig und entsprechend unattraktiv. Ähnliches belegt eine Studie der University of Cambridge für die Attraktivität von Männern: Längere Beine bei Männern scheinen den Partnerinnen evolutionär bedingte Informationen zu Ernährung und Gesundheit zu liefern: Überproportional kurze Beine werden medizinisch mit Typ-II-Diabetes, hohem Blutdruck und Herzerkrankungen in Verbindung gebracht.

Hüftschwung

Attraktivitäts-Forscher haben sich sogar mit dem Gang beschäftigt. Dabei stellten Sie fest: Frauen, die kleine Schritte machen und dabei leicht mit den Hüften wackeln, wirken besonders attraktiv (auf Männer). In den Studien um Edward R. Morrison ging es vor allem um die These, dass Schönheitsideale, Bodymaßindex (BMI) und ideale Körperform je nach Kulturkreis variieren können. Also konzentrierten sich die Wissenschaftler mehr auf subtile Bewegungen. Und tatsächlich: Das leichte Wiegen der Hüften wirkte universell anziehend.

Kindchenschema

Frauen macht die Kombination aus Reifekennzeichen (hohe, konkave Wangen) sowie infantilen Signalen (großer Kopf, gewölbte Stirn, große runde Augen, Stupsnase, kleines Kinn) attraktiv. Der Prototyp einer solchen Kindfrau ist übrigens Brigitte Bardot. Frauen wie sie lösen unbewusst einen Aufmerksamkeits- und Fürsorge-Reflex aus.

Kantige Gesichtszüge

Interessanterweise werden einige äußerlichen Merkmale beim einen Geschlecht als attraktiv, beim anderen als unattraktiv empfunden. Das vorgenannte Kindchenschema funktioniert nämlich nur bei Frauen – Männern mit denselben Merkmalen werden unattraktiv eingestuft. Die Ausprägung des männlichen Gesichts wird durch das Hormon Testosteron beeinflusst, das für das Knochenwachstum zuständig ist. Das bewirkt einen eher kantigen Kiefer mit markantem Kinn. Ein größerer Überaugenwulst führt dazu, dass die Augen kleiner sind. Buschige Augenbrauen und schmalere Lippen werden ebenfalls als männlich wahrgenommen.

Durchschnittlichkeit

Tatsächlich: Je gewöhnlicher das Gesicht, desto attraktiver finden wir es (Langlois & Roggman, 1990). Das zeigen vor allem Untersuchungen, bei denen Porträts am Computer gemorpht, also übereinander gelegt, wurden. Wobei man einräumen muss, dass durch die Mittelwertsbildung in erster Linie unschöne Asymmetrien und Fältchen und Hautunreinheiten ausgeglichen wurden.

Symmetrie

Insbesondere Gesichtssymmetrie wirkt sich positiv auf entgegengebrachte Sympathien aus. Dies zeigt sich plakativ bei sogenannten Chimärengesichtern, also Porträts die am Computer durch spiegeln der jeweiligen Gesichtshälfte erzeugt werden. Das so symmetrisch erzeugte Gesicht besteht dann entweder aus zwei linken oder zwei rechten Gesichtshälften.

Gelblicher Teint

Eine glatte, intakte Haut ist ein Zeichen für Vitalität. Carmen Lefevre von der britischen Universität von York konnte bei ihren Studien zeigen, dass wir außerdem Gesichter mit leichtem Gelbstich deutlich den eher weißlichen oder gräulichen bevorzugen. Der hängt nicht von der Sonne, sondern vom Anteil der Carotinoide in der Haut ab. Das sind Farbstoffe, die überall in der Natur vorkommen: In Bananen, Möhren und Tomaten ebenso wie in Tierfellen und -federn. Und weil gesunde Menschen schon immer attraktiver waren als kranke, ist es beim gelblichen Teint eben weniger der Hautton, den wir hübsch finden, sondern vielmehr das, was im Subtext mitschwingt: Dieser Mensch ernährt sich und ist gesund.




Und genau darum geht es bei Attraktivität: um Betrachtung.

Innere oder äußere Werte wichtiger?

innere Werte versus äußereBinnen von Sekunden schätzen wir Menschen nach dem Äußeren ein: Geschlecht, Alter, ethnische Merkmale und sozio-ökonomischer Status lassen sich mit hoher Treffsicherheit bestimmen. Wir machen uns einen ersten Eindruck von einer Person und das ist Wissenschaftlern zufolge wichtig, denn wir mussten in grauer Vorzeit anhand der Mimik auch schnell einschätzen können, ob man Freund oder Feind vor sich hatte.

Attraktivität spielt vor allem bei der Partnerwahl eine Rolle. Darin unterscheiden sich übrigens Männer und Frauen herzlich wenig, wie zwei Studien der Psychologin Madeleine Fugère von der Eastern Connecticut State University belegen. Demnach sind Frauen die vielbeschworenen „inneren Werte“ längst nicht so wichtig, wie oft behauptet.

In der einen Studie wurden Probandinnen gemeinsam mit ihren Müttern, in der anderen Studie Probandinnen gemeinsam mit ihren Vätern verschiedene Fotos mit Männern vorgelegt, auf denen drei persönliche Eigenschaften vermerkt waren.

Fazit: Auch wenn es leichte Abweichungen der Eltern im Vergleich zu ihren Töchtern geben konnte, lässt sich unterm Strich beobachten, dass körperliche Attraktivität am wünschenswertesten ist: Mäßige äußere Attraktivität konnte mit attraktiven Persönlichkeitsmerkmalen wie Freundlichkeit und Intelligenz kompensiert werden.

Aber unattraktive Männer hatten auch mit attraktiven Persönlichkeitsprofil keine Chance. Das war insofern interessant, als dass die Beteiligten zuvor angegeben hatten, persönliche Eigenschaften wie Fleiß, Freundlichkeit und Zuneigung viel höher zu bewerten als die äußeren.

Ein Grund kann hier in sozialer Erwünschtheit liegen: Mit welchen Genen jemand geboren wird, kann sich kein Mensch aussuchen. Es wirkt charakterlich oberflächlich, jemanden nur nach seinem Äußeren zu beurteilen.

Viele Faktoren beeinflussen Attraktivität

Zunächst einmal sind Attraktivität und Schönheit nicht zwingend identisch. Schönheit beschreibt eher ein angenehmes Äußeres, während Attraktivität längst nicht nur durch das Äußere bestimmt wird.

Biologisch betrachtet mag der Mensch zwar ein Tier sein, aber einige tausend Jahre Evolution haben ihre Spuren hinterlassen. Wen wir attraktiv finden, hängt neben sexuellen Orientierung unter anderem von diesen Faktoren ab:

  • Hormone

    Ob Frauen als attraktiv wahrgenommen werden, aber auch, ob sie ihrerseits eine Person als gutaussehend einstufen, hängt vom Zyklus ab. In ihrer fruchtbaren Phase wirkt das Gesicht weiblicher und die Haut hat einen gesunden Farbton – attraktive Merkmale für einen Mann. In dieser Phase finden sie männliche Gesichtszüge besonders reizvoll.

  • Gefühle

    Gefallen macht schön, heißt es auch. Wen wir bereits kennen und schätzen, also Freunde, Familie, Kollegen – den bewerten wir automatisch attraktiver.

  • Sozialisation

    Wie wir aufgewachsen sind, prägt unsere Sehgewohnheiten. Bestimmte Peer Groups tragen eben bestimmte Dinge, stylen sich entsprechend. Die Generation und die Gesellschaftsschicht beeinflussen unsere äußere Erscheinung, die sich wiederum in bestimmten Marken ausdrückt.

  • Zeitgeist

    Durch die Jahrhunderte existierten verschiedene Schönheitsideale. In Europa pressten sich Frauen des Hochadels jahrhundertelang in steife Mieder bis hin zur sogenannten Wespentaille. Ständige Atemnot und deformierte innere Organe waren die Folge.

  • Kultur

    Wen und was wir als gutaussehend betrachten, ist auch ein Produkt unseres Kulturkreises. Schön ist demnach häufig, was ähnlich ist. Das zeigt sich in Studien auch bei Paaren: Meist weisen sie ein ähnliches Ergebnis auf einer Attraktivitätsskala auf.

Schönheit: Das Gesicht ist besonders wichtig

Die Kurven mit Push-Ups und Silikoneinlagen in Form bringen, im Gym und per allwöchentlicher Qual sich mühevoll ein einen Sixpack antrainieren, Diäten und zahlreiche Schlankheitskuren – viele Menschen scheuen keine Mühen für einen gestählten Körper. Damit erhoffen Sie sich, attraktiver zu wirken.

Marianne Peters von der Universität Crawley in Australien fand in ihrer Studie jedoch heraus, dass vor allem das Gesicht darüber entscheidet, ob man jemanden attraktiv findet oder nicht.

Bei dem wissenschaftlichen Experiment sollten jeweils zwölf Männer und Frauen die Attraktivität anderer Menschen anhand von Fotografien auf einer Skala von 1 bis 7 einstufen. Manche der Probanden sahen dabei die Gesamterscheinung, andere nur die Gesichter, wieder andere nur den Körper.

Anschließend verglich die Studienleiterin Marianne Peters die Gesichts- beziehungsweise Körper-Werte mit der Gesamtbewertung, um herauszufinden, wie sehr diese übereinstimmten. Und siehe da: Die Gesichter erzeugten die größere Urteilsbreite – oder kurz: Sie sind für die Attraktivität ausschlaggebender. Das traf besonders auf Frauen zu, die Männer beurteilen sollten. Sie musterten mit 52 Prozent vor allem deren Gesicht, der Körperbau interessierte nur ein Viertel (24 Prozent) der Probandinnen. Etwas darunter lag der Anteil der Männer: 47 Prozent beurteilten die Schönheit nach dem Gesicht, der Körperbau der Frau war mit 32 Prozent ebenfalls zweitrangig.

Der Frozen-Face-Effekt

Frozen-Face-EffektForscher um den Psychologen Robert Post von der Universität von Kalifornien in Davis sowie Kollegen von der Harvard-Universität haben herausgefunden, dass statische Gesichter bei weitem nicht so attraktiv wirken, als solche in Bewegung.

Für ihre Studie absolvierten die Forscher mehrere Experimente: Bei einem sollten die Probanden 20-Sekunden-Videos von Gesichtern beziehungsweise rund 1200 Schnappschüsse aus diesen Clips bewerten – insbesondere mit der Frage, wie attraktiv, anziehend und sympathisch sie den gezeigten Menschen fanden.

Durch die Bank schnitten dieselben Gesichter in den Videos besser ab. Das galt auch bei einem zweiten Experiment, bei dem die Videos und Gesichter allesamt um 180 Grad gedreht, also auf dem Kopf stehend gezeigt wurden. Selbst in dieser unnatürlichen Pose (die dazu gedacht war, die typische Gesichtserkennung und Attraktivitätsmuster der Probanden zu stören) schnitten die Bewegtbilder besser ab.

Als möglichen Grund vermuten die Wissenschaftler die Ausdrucksarmut in einem Foto. Je lebendiger die Mimik, desto anziehender finden wir den Menschen. Das könnte auch erklären, warum durch Botox erstarrte (aber faltenfreie) Gesichter gar nicht so schön wirken, wie die Kosmetikindustrie Glauben machen will.

Schön macht erfolgreich: Wer schön ist, hat von Geburt an Vorteile

„Schönheit ist ein gar willkommener Gast“, sinnierte schon Goethe. Sie verschafft den Menschen frühe Vorteile: Schöne Babys bekommen mehr Aufmerksamkeit, schöne Kinder die besseren Schulnoten. Das steigert das Selbstbewusstsein, macht Mut und schafft Überzeugungskraft. Effekt: Schöne Menschen finden später schneller einen Job.

Davon sind zum Beispiel mehr als 93 Prozent von insgesamt 1300 Personalchefs der größten Unternehmen in den USA und Großbritannien überzeugt, die die New Yorker Universität Syracuse dazu befragte. Der Vorteil einer hübschen Fassade lässt sich sogar in Euro und Cent zählen: Wer gut aussieht, verdient bei gleicher Qualifikation bis zu fünf Prozent mehr als seine durchschnittlich attraktiven Kollegen. Das fand Daniel Hamermesh von der Universität Texas heraus.

Bestätigt wird das durch weitere Untersuchungen. Die Ökonomen Joseph Halford und Hung-Chia Hsu von der Universität von Wisconsin wiederum fanden heraus, dass der Aktienkurs steigt, wenn ein attraktiver Vorstandschef in die Firma einzieht. Die Forscher haben für ihre Studie die Attraktivität von 677 CEOs großer Unternehmen im amerikanischen Aktienindex S&P 500 und die Entwicklung der Unternehmenskurse in den Jahren von 2000 bis 2012 analysiert. Ergebnis: Ein neuer gut aussehender CEO lässt die Aktienkurse im Schnitt um 0,43 Prozentpunkte steigen – allein an dessen ersten Arbeitstag.

Um ein möglichst objektiviertes Bild der Top-Manager zu bekommen, schalteten die Wissenschaftler den Dienstleister Anaface.com dazwischen. Hier wird die Attraktivität von Gesichtern mittels Algorithmen errechnet, die sich wiederum an so Faktoren wie Gesichtssymmetrie, Augenabstand oder Länge der Ohren orientieren. Auf einer Skala von 1 bis 10 (10 = besonders attraktiv) erzielten die so bewerteten Manager immerhin einen Durchschnittswert von 7,3. Also eher hübsch als hässlich. Insgesamt kamen die CEOs auf eine Bandbreite zwischen 4 und 8,8 Zählern. Die ehemalige Yahoo-Chefin Marissa Mayer soll übrigens mit einem Indexwert von knapp 8,45 zu den attraktivsten Spitzenmanagern gehören.

Der Cheerleader Effekt

Cheerleader-AttraktivitätWer die Serie How I met your mother gesehen hat, kennt diesen Effekt schon. Er besagt, dass Menschen in einer Gruppe selber attraktiver wirken. Das fanden die Forscher Drew Walker und Edward Vul von der Universität von Kalifornien in San Diego in fünf Experimente heraus.

Wie man aus der Attraktivitätsforschung weiß, ist gerade ein Durchschnittsaussehen besonders attraktiv. Und so wirkt prompt die ganze Gruppe viel hübscher, obwohl jeder einzelne für sich womöglich ein paar markante Züge hat, die wir weniger anziehend finden.

Erstmals tauchte der Name Cheerleader-Effekt (der auch Brautjungfer Paradoxon genannt wird) 2008 auf. Dort heißt es in einem Wörterbuch: „Alle zusammen sehen die Cheerleader attraktiv aus, obwohl bei genauerem Hinsehen die eine oder andere gar nicht mal hübsch ist.“

Tatsächlich wirkt eine Gruppe uniformer Menschen (die deswegen aber keine Uniform tragen müssen, nur viele äußere Gemeinsamkeiten haben) enorm anziehend auf uns. Wir nehmen dann nicht mehr das Individuum wahr, sondern der Durchschnitt aus allen zusammen. Von dem Effekt profitieren aber nicht nur Cheerleader, sondern auch Boy Groups oder Girl Groups wie die Spice Girls, die für sich genommen sehr individuelle Typen waren. Solche Bands werden zwar meist so gecastet, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Aber erst zusammen wirken sie noch mal deutlich anziehender.

Wie sich Schönheit und Stereotype vererben

Nur: Warum halten wir attraktive Menschen automatisch für leistungsfähiger oder intelligenter?

Hinter Letzterem steckt nach Meinung von Soziologen ein archaischer Reflex, simpel, aber wirkungsvoll: Attraktivität ist ein Signal körperlicher Gesundheit; Intelligenz und Leistung wiederum können sich voll entfalten, wenn der Körper gesund ist.

Genährt wird das Stereotyp zudem am Beziehungsmarkt: Intelligente Menschen mit prestigeträchtigen Berufen finden überwiegend schöne Partner. Beide Anteile vererben sich bis zu einem gewissen Grad weiter, sodass die Kinder dieser Beziehungen meist ebenfalls attraktiv und intelligent sind und dank ihres Elternhauses obendrein bessere Startbedingungen mitbringen. Der Vorteil vererbt sich damit praktisch weiter. Und weil jeder solche Beispiele aus seinem Umfeld kennt, verfestigt sich das Klischee, und der Effekt potenziert sich.

Wie tief dieser Glaube verwurzelt ist, zeigt sich an folgender Mentalität: Rund 90 Prozent der Männer glauben, dass attraktives Aussehen wichtig ist, um beruflich erfolgreich zu sein. Bei den Männern zwischen 30 und 39 Jahren finden das sogar 97 Prozent, so das Ergebnis einer deutschlandweiten TNS Infratest-Umfrage unter 1000 Männern. Die ältere Generation zwischen 40 und 59 Jahren sieht das nahezu genauso: 85 Prozent stimmen der These zu. Nur das reale soziale Netzwerk (nicht das im Internet) wird im Schnitt mit 93 Prozent höher bewertet als attraktives Aussehen.

Warum achten Männer bei Frauen eher auf Schönheit als auf Intelligenz?

Weil Männer besser sehen als denken können? Mag sein. Soziologen fanden aber noch eine andere Erklärung: Eine wunderschöne Frau an der Seite eines unterdurchschnittlich attraktiven Mannes lässt diesen sofort attraktiver erscheinen. Das Model an seiner Seite erhöht also seinen Status: Er gilt prompt als intelligenter, selbstbewusster, liebenswerter.

Umgekehrt funktioniert das nicht: Ein überdurchschnittlich gut aussehender Mann an der Seite einer durchschnittlich attraktiven Frau ändert nicht das Geringste daran, wie andere sie einschätzen. Schade.

Wann Schönheit zum Fluch wird

Wie alles hat auch die Attraktivität eine Kehrseite: Zwar haben es schöne Menschen leichter beim ersten Eindruck, doch sie kämpfen – so paradox es klingt – häufig auch mit der Ablehnung ihrer Mitmenschen. Nicht wenige reagieren mit Neid und Eifersucht auf gutes Aussehen und die damit verbundenen Vorteile. Regelmäßig berichten schöne Frauen davon, im Arbeitsumfeld Probleme zu haben und kaum Freundinnen finden. Von den Kolleginnen würden sie häufig misstrauisch beäugt und links liegen gelassen, weil diese sie als Bedrohung sehen.

Eine Gruppe von Forschern aus Spanien, den Niederlanden und Argentinien um den Psychologen Abraham Buunk untersuchte in einer Studie wie sich sexuelle Konkurrenz im Job auswirkt und ob diese bei Männern oder Frauen ausgeprägter sei. Zunächst untersuchten sie wie sich Neid und Missgunst auf soziale Rivalitäten im Job auswirken. Und tatsächlich reagierten zunächst einmal beide Geschlechter – Männer wie Frauen – eifersüchtig auf Kollegen hohen Sympathiewerten. Oder weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Wer bei den Kollegen gut ankommt, kommt bei anderen im Team plötzlich gar nicht mehr gut an.

Gleichzeitig registrierte das Forscherteam, dass Frauen besonders heftig darauf reagieren, wenn ihre Geschlechtsgenossinnen bei Männern gut ankamen – insbesondere, wenn sie in dem Unternehmen (unterschwellig) miteinander sexuell konkurrieren. Heißt: Wenn es so etwas wie einen heimlichen Attraktivitätswettbewerb gibt, dann wird das Büro zum Kriegsschauplatz: Welche hat die bessere Figur? Die hipperen Klamotten? Welche wirkt auf die (beliebten) Kollegen sexier? Gerade wenn Frauen darauf besonders achten (was sie so nie zugeben würden), reagieren sie verstärkt missgünstig auf Kolleginnen, die attraktiver, einflussreicher, dominanter sind.

Der israelische Ökonom Bradley Ruffle von der Ben-Gurion Universität in Be’er Scheva fand wiederum in seinen Untersuchungen heraus, dass attraktive Frauen seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden.

Der Wissenschaftler und sein Team verschickten 5312 fiktive Bewerbungen für 2656 Stellenanzeigen. Die Bewerbungen versendeten sie entweder ohne Foto, mit Bildern von durchschnittlich attraktiven Männern und Frauen sowie mit Fotos von überdurchschnittlich attraktiven Männern und Frauen. Während die Bewerbungen der attraktiven Männer sehr erfolgreich waren, schnitten die Bewerbungen von attraktiven Frauen unterdurchschnittlich ab.

Die Forscher vermuten als Ursache, dass die Personaler befürchten, eine attraktive Kollegin könnte zu viel Unruhe ins Team bringen – durch Balzverhalten der Kollegen und Eifersucht der Kolleginnen.

In bestimmten Berufsfeldern kann Attraktivität sogar zum Nachteil werden: Stefanie Johnson, Junior Professorin für Management an der UC Denver Business School zeigte in einem Experiment, dass attraktive Frauen in Männerberufen, in denen Aussehen keine Rolle spielt, benachteiligt werden. Sie ließ Bewerbungsfotos nach ihrer Attraktivität bewerten. Anschließend sollten die Probanden auch beurteilen, für wie geeignet sie die abgebildeten Personen für bestimmte Berufe hielten. Heraus kam, dass attraktive Frauen für Berufe wie Finanzdirektor(in), Leiter(in) der Forschung und Entwicklung oder Posten in der Bauaufsicht als ungeeignet gehalten wurden.


Wie Sie mit Neidern umgehen

Sie haben das Gefühl, von anderen ausgegrenzt zu werden, weil Sie attraktiver sind? Hier haben wir nachfolgend einige Tipps für Sie, wie Sie besser mit Neidern umgehen können.


Nehmen Sie es gelassen.

Bereits Wilhelm Busch war der Meinung, dass Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung sei. Sie werden von Ihren Mitmenschen für Ihre privaten und beruflichen Erfolge bewundert. Es zeigt Ihnen, dass Sie durchaus etwas richtig gemacht haben. Freuen Sie sich darüber, statt sich zu ärgern.

Bleiben Sie auf dem Boden.

Was Ihren Kollegen übel aufstößt, ist vor allem Angeberei. Brüsten Sie sich nicht mit Ihren Erfolgen. Besonders eine überhebliche Art wird Sie Sympathiepunkte kosten. Lassen Sie Ihre Arbeit und Ihre Leistungen für sich sprechen.

Zeigen Sie Verständnis.

Jeder ist irgendwann mal neidisch auf einen anderen. Lassen Sie sich von solchen Sticheleien aber nicht provozieren. Wenn man sich auf derlei Streitigkeiten einlässt, kann die Situation leicht eskalieren. Schweigen ist hier definitiv Gold.

Rechtfertigen Sie sich nicht.

Mit vehementen Beteuerungen, dass Ihnen Ihre Erfolge nicht in den Schoß fallen, werden Sie Neider nicht überzeugen. In der Regel ist das vertane Liebesmüh. Neid hat ihren Ursprung im geringen Selbstwertgefühl des Neiders. Das können Sie nicht ändern, daran muss er selbst arbeiten.

Ermutigen Sie Ihr Gegenüber.

Vermitteln Sie dem Neider eher das Gefühl, dass er auch das erreichen kann, was Sie erreicht haben. Bieten Sie Hilfe und Unterstützung an, jedoch ohne sich über den anderen zu erheben. Durch ein solches Verhalten zeigen Sie Größe und beweisen, dass Sie den Erfolg wirklich verdient haben.




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[Bildnachweis: Irina Bg by Shutterstock.com]
14. November 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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