Lookismus: Wie er wirkt und was Sie tun können

Jeder Mensch ist in irgendeiner Form dem Lookismus unterworfen. Wir sehen Menschen, machen uns ein Bild: Schublade auf, Schublade zu. Nur in seltenen Fällen machen wir uns die Mühe, den Menschen hinter der Fassade kennenzulernen, etwas über seine Motive, sein Denken und Fühlen, seine Werte und Normen zu erfahren. Noch bevor eine Person den Mund aufmacht, wird sie kategorisiert. Das birgt Gefahren. Welche das sind, wie Sie damit umgehen können und wie Sie Lookismus vermeiden…

Lookismus: Wie er wirkt und was Sie tun können

Lookismus Definition: Was ist das?

Lookismus Lookism Definition Diskriminierung aufgrund des AussehensDer Begriff Lookismus ist eine Wortschöpfung, die sich aus dem Begriff look (englisch = Aussehen) und dem Partikel -ismus zusammensetzt.

Der deutsche Begriff Lookismus – im Englischen ist von lookism die Rede – wurde analog zu Rassismus und Sexismus gebildet und bezeichnet die Diskriminierung aufgrund des Aussehens.

Das heißt, nur weil einer Person das Aussehen einer anderen Menschen nicht gefällt, wertet sie ihn ab. Die Gruppe der Betroffenen einzuschätzen ist jedoch schwierig. Für andere Formen der Diskriminierung werden vermeintlich klare Kategorien wie Alter, Geschlecht, Behinderung, Religion oder Herkunft herangezogen.

Schönheitsvorstellungen umfassen viele Bereiche

Aussehen jedoch und das, was als schön empfunden wird, kann höchst subjektiv sein. Und es betrifft längst nicht nur den Körper einer Person. Schönheitsvorstellungen weiten sich bis auf die Mimik, die Kleidung und die Körpergestaltung aus.

Beispielsweise, ob jemand viel lacht oder mürrisch dreinblickt, ob jemand hochwertige, neue Kleidung oder zerrissene, schmuddelig wirkende Kleidung trägt. Und die Grenzen dessen, was mit dem eigenen Körper angestellt werden kann, verschwimmen ebenfalls immer mehr.

Waren Tätowierungen vor einigen Jahrzehnten eher verpönt, boomen sie heutzutage. Überall werden Menschen nach Äußerlichkeiten beurteilt und das durchaus mit Konsequenzen für ihre Erwerbsbiographie. Noch vor einigen Jahren war klar: Wer zur Bundeswehr oder zur Polizei will, darf keine Tätowierungen haben.

Mittlerweile sind die Vorgaben gelockert, allerdings mit Einschränkungen. Die meisten Bundesländer legen Wert darauf, dass die Tätowierungen auch im Sommer verdeckt sind – somit scheidet der Unterarm als Fläche für Polizisten aus. Hier gab es 2018 ein Urteil, das anders entschied und den Löwenkopf als Motiv am Unterarm zuließ.

Der Grund für die bisher vergleichsweise strengen Vorgaben bei Tätowierungen liegt darin, dass Polizisten in ihrer Funktion den Staat vertreten. Das wiederum kollidierte mit einer Ansicht, die aus dem Lookismus entstanden ist, nämlich der Meinung, dass nur Kriminelle Tattoos tragen.

Tätowierte wurden in der Vergangenheit automatisch in eine Schublade mit Menschen gesteckt, die am Rande der Gesellschaft lebten. Tatsächlich haben früher vor allem Seeleute, Zuhälter und Bandenmitglieder sich beobachtbar mit Tattoos geschmückt.

Bekannt wurden unter Gefängnisinsassen beispielsweise die drei „Knastpunkte“ auf der Hand zwischen Daumen und Zeigefinger, deren Bedeutung zwischen „Glaube, Liebe und Hoffnung“, „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ und diversen anderen Interpretationen schwankt – und letztlich vor allem dafür steht, dass jemand im Gefängnis saß.

Tätowierungen können also neben reinem Schmuckcharakter eine Botschaft nach außen vermitteln, weshalb es nach wie vor für bestimmte Berufsgruppen Vorgaben gibt. Wer als Bewerber gewaltverherrlichende, sexistische oder rassistische Tattoos trägt, wird als Polizeianwärter abgelehnt werden.

Lookismus geht quer durch die Gesellschaft

Lookismus fördert das Entstehen von Stereotypen. Wir sehen eine Person und beurteilen sie einzig nach ihrem Aussehen. Dick gleich dumm gleich faul – so lautet etwa die Formel bei Übergewichtigen. Blonde sind sowieso dumm.

Interessanterweise macht Lookismus auch nicht innerhalb diskriminierter Gruppen Halt. Beispielsweise werden bestimmte Subkulturen von Angehörigen der Hauptkultur häufig abgelehnt. Innerhalb der Subkultur müssen jedoch ebenfalls bestimmte Merkmale wie ein eigener Dresscode beachtet werden, anderenfalls führt dies zur internen Diskriminierung.

Das Fatale am Lookismus: Diese Einordnungen machen ja nicht Halt im Berufsleben. Schon lange ist bekannt, dass Attraktivität ein klarer Wettbewerbsvorteil ist.

Attraktive Bewerber werden eher eingestellt als unattraktive, selbst die Aktienkurse steigen, wenn eine attraktive Person in den Vorstand eines Konzerns gewählt wird. Blöd ist daran, dass ein attraktiver Mitarbeiter nicht unbedingt ein qualifizierter ist.

Der Lookismus schadet also nicht nur den abgelehnten, unattraktiven Mitbewerbern, sondern auch dem Unternehmen selbst, indem es aufgrund wirksamer Mechanismen sich selbst beschneidet.

Deshalb gibt es bereits Bereiche, in denen dem Lookismus der Kampf angesagt wird. Beispielsweise führen Orchester sogenannte blind auditions durch, bei denen die Fähigkeiten eines Bewerbers getestet werden, indem das Vorspielen hinter einer Leinwand oder Abschirmung stattfindet.

Nun lassen sich die Fähigkeiten von Bewerbern nicht immer so überprüfen. Häufig wollen Personaler die Mimik und die Körpersprache eines Bewerbers beobachten, um dessen Selbsteinschätzung und Sozialkompetenz beurteilen zu können. Dass aber das Aussehen teilweise eine überproportional große Rolle spielt, wurde schon häufiger moniert.

Schönheitsvorstellungen beruhen auf universellem Empfinden

Analog zu Rassismus müsste also Lookismus genauso verboten sein – es leuchtet jedem ein, dass natürlich nicht das hübsche Gesicht, die tolle Statur oder die glatte Haut über einen Arbeitsplatz entscheiden sollten. Nur: Wie will man nachweisen, dass jemand einzig aufgrund seines Aussehens eingestellt wurde?

Es tun sich diverse Probleme bei genauerer Betrachtung auf. Was ist Schönheit oder Attraktivität? Wer definiert das? Und was bedeutet das umgekehrt – dass abgelehnte Bewerber automatisch hässlich sind? Nicht nur, dass Hässlichkeit ein Attribut ist, das niemand freiwillig trägt.

Es ist völlig abwegig, dass beispielsweise bei 100 Bewerbungen um eine Stelle 99 Bewerber aufgrund von Unattraktivität ausgeschieden sind. Der olle Spruch „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ stimmt in weiten Teilen, wenngleich es universelle Kriterien dafür gibt, was als schön empfunden wird.

Da wäre beispielsweise die Durchschnittshypothese. Demnach gelten Gesichter als schön, wenn sie keinerlei extreme Merkmale (etwa eine übergroße Nase) aufweisen. Als Beleg dafür gelten Versuche, bei denen mehrere Gesichtsportaits von Menschen digital übereinander gelegt, also gemorpht wurden.

Eine andere Vermutung ist, dass Symmetrie besonders attraktiv sei. Demnach zeichnen sich hübsche Menschen durch besonders ebenmäßige Gesichtszüge aus. Andere halten viel von der sexhormone-markers theory.

Bei Frauen wäre demnach ein Gesicht attraktiv, bei dem eine Mischung aus Reifekennzeichen und Kindchenschema (große Augen, Stupsnase) erkennbar ist. Bei Männern gilt ein markantes Kind und eine Körpergröße ab 1,82 Meter als attraktiv.

Das Problem ist nur, dass es für alle diese Theorien wiederum Gegenbeispiele gibt. Es scheint also so, dass vielmehr eine Mischung aus allem das kreiert, was gesellschaftsübergreifend als schön empfunden wird.

Auswirkungen im Berufsleben umstritten

Für und wider Auswirkungen von Lookismus gibt es verschiedene Belege. Einerseits gibt es Untersuchungen die zweifelsfrei die Bevorzugung von schöneren Menschen belegen. Beispielsweise ermittelte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Daniel S. Hamermesh, dass sich die wirtschaftlichen Nachteile Erwachsener im Laufe ihres Berufslebens durch mangelnde Attraktivität auf durchschnittlich 300.000 Dollar belaufen.

Nicht zuletzt deshalb wurde die anonyme Bewerbung in den USA eingeführt. So betrachtet ist es kein Wunder, dass Menschen sich immer häufiger unter das Messer legen, um irgendwelchen Schönheitsidealen zu folgen. Selbstoptimierung betrifft längst nicht mehr nur innere Werte oder gar erlernbare Eigenschaften.

Körper werden modelliert wie Knetmasse: Brustimplantate, aufgespritzte Lippen, geglättete Falten und Fettabsaugungen hier, Tätowierungen, Piercings und Muckibude dort. Aber so wie Schönheitsideale einem Wandel unterworfen sind, kann sich der Lookismus ändern.

Bestes Beispiel auch hier die Tätowierungen. Sie sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Akademiker tragen sie ebenso wie Angehöriger diverser Subkulturen. Wenig verwunderlich daher, dass eine 2018 veröffentlichte Studie des amerikanischen Soziologen Michael French zu dem Ergebnis kommt, dass zumindest Tattoos kein berufliches Risiko mehr darstellen.

Ausgewertet wurden die Daten von 685 Männern und 1323 Frauen, die aus ganz Amerika stammten. Gefragt wurde nach Tätowierungen, Beschäftigungsverhältnis und Jahresgehalt. French konnte keinerlei Auffälligkeiten entdecken. Festanstellungen und entsprechendes Jahresgehalt waren bei Tätowierten ebenso vorhanden wie bei Nicht-Tätowierten.

Es erscheint plausibel, dass beispielsweise bei Fachkräftemangel ein Arbeitgeber sich nicht den Luxus leisten kann, nur aufgrund von Tätowierungen einen ansonsten absolut qualifizierten Bewerber abzulehnen. Aber wie so häufig kommt es vermutlich auf die Ausprägung an.

Akzeptanz von Tätowierungen unterschiedlich

Lookismus ist nicht weg, er ändert sich höchstens. Denn so wie Dresscodes bestimmte Vorgaben für Kleidung machen, gibt es gewisse Regeln für Tattoos. Nicht nur, was wie oben beschrieben die Motive anbelangt. Untersuchungen zeigen nämlich auch, dass die Akzeptanz von Körperschmuck je nach Berufsgruppe unterschiedlich hoch in der Gesellschaft ist.

Dementsprechend gering ist immer noch die Akzeptanz von Tätowierungen bei hochrangigen Staatsbeamten wie etwa Richtern oder Politikern. Künstlern und Fußballern werden sie deutlich eher zugestanden. Das deckt sich mit einer anderen Studie des australischen Wissenschaftlers Andrew R. Timming.

Für diese Studie wurden Manager in 14 Organisationen befragt, deren Größe zwischen einem und 24.000 Mitarbeiter lag. Fazit: Jeder beurteilt Menschen nach dem ersten Eindruck. Das Erste, was häufig nach Bewerbungsgesprächen Thema bei Personalern ist, sind wahrgenommene Tätowierungen.

Selbst wenn die Manager persönlich kein Problem mit Tattoos hatten, fürchteten nicht wenige die Meinung ihrer Kunden. Aber: Es kommt auf das Motiv an. Tiere und florale Motive sind eine Sache, gewaltverherrlichende Tattoos oder solche, die mit dem Drogenmilieu in Verbindung gebracht werden, stellen ein Problem dar.

Diskriminierung aufgrund des Aussehens abschaffen

Gerade bei Tätowierungen wird immer wieder auf die Bedeutung des Motivs für den Träger verwiesen. Ungerne stechen Tätowierer einfach nur „irgendein“ Motiv. Eine Identifizierung damit sollte schon allein deshalb gegeben sein, da der Gestochene im Regelfall sein Leben lang damit herumläuft.

Es ist also schwierig, hier einfach von Lookismus zu sprechen, wenn sich ausgerechnet angehende Staatsbeamte mit Motiven ausstatten wollen, die die Vertrauenswürdigkeit und Autorität infrage stellen. Denn gemäß der erwartbaren Identifikation mit dem Motiv müsste eine Person, die einen derart tätowierten Polizisten sieht, davon ausgehen können, dass dieser nicht die Werte des Staates vertritt, wenn beispielsweise Gewaltszenen dargestellt werden.

Auch macht es einen Unterschied, ob jemand von Geburt an mit einem von der Gesellschaft als Makel wahrgenommenen „Schönheitsfehler“ klarkommen muss oder ob sich jemand bewusst mit Merkmalen, die bekanntermaßen unterschiedlich gedeutet werden können, ausstattet.

Tätowierungen und Piercings sind schließlich kein Schicksal, das jemand erleidet. Wie so häufig, kommt es auf das richtige Maß an, und das gilt für alle Parteien:

  • Schauen Sie genau hin.

    Menschen haben Augen im Kopf. Der erste Eindruck wird sich nie völlig vermeiden lassen – es ist von der Natur so angelegt, dass wir innerhalb kürzester Zeit entscheiden müssen: Freund oder Feind? Naturgemäß wird die Akzeptanz bei Menschen von allem, was neu ist, auf die Probe gestellt. Das muss aber nichts heißen. Wir verfügen über ein Gehirn, das genutzt werden sollte. Genau hinzuschauen und sich einen zweiten Eindruck zu verschaffen, schadet nicht. Lächelt eine Person Sie an? Geht sie freundlich mit anderen Menschen um? Persönlicher Geschmack ist die eine Sache – klare Insignien politisch-extremistischer Gruppierungen eine andere.

  • Behalten Sie das Maß im Auge.

    Wenngleich Körperschmuck und Tätowierungen eine größere Akzeptanz als noch vor einigen Jahren erfahren: Es kommt auf das richtige Maß an. Bis unter die Haarspitzen Tätowierte und Gepiercte mögen das schön finden, aber es ist nicht das übliche Maß. So wie keiner drei Businessoutfits übereinanderträgt oder sieben Handtaschen am Handgelenk hält. Es ist absurd, in solchen Fällen Lookismus zu unterstellen, denn der Verdacht, dass solche Personen um jeden Preis auffallen wollen, liegt nahe. Wer derart offensive Selbstdarstellung betreibt, will wahrgenommen werden. Das ist einerseits in Ordnung. Aber ein Unternehmen, bei dem so eine Person nicht der Eigentümer ist, ist der falsche Ort dafür.

[Bildnachweis: LightField Studios by Shutterstock.com]
27. August 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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