Scheinbewerbung: Gibt es eine Entschädigung?

Jobsuchende, die mitten in der Bewerbungsphase sind, können sich kaum vorstellen, dass Menschen eine Scheinbewerbung schreiben. Doch tatsächlich gibt es diese Zeitgenossen, die eine Bewerbung nur mit dem Ziel schreiben, abgelehnt zu werden. Dann reichen sie nämlich aufgrund eines vermeintlichen Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz eine Klage gegen den Arbeitgeber ein. In der Hoffnung, eine Entschädigung zu bekommen…

Scheinbewerbung: Gibt es eine Entschädigung?

Scheinbewerbung: Was versteht man darunter?

Scheinbewerbung: Was versteht man darunter?Eine Bewerbung, die nur den Anschein einer wirklichen Bewerbung erwecken soll, nennt man Scheinbewerbung.

Der vermeintliche Kandidat sendet dabei seine Bewerbungsunterlagen nicht deshalb, weil er ein tatsächliches Interesse an der ausgeschriebenen Stelle hat. Im Gegenteil. Er möchte abgelehnt werden.

Davon verspricht er sich nämlich einen Vorteil: Er möchte eine Entschädigung auf der Grundlage des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) erstreiten. Dazu gibt er an, aufgrund bestimmter persönlicher Merkmale diskriminiert worden zu sein. Personen, die Scheinbewerbungen schreiben, werden daher auch als AGG-Hopper bezeichnet.

Die AGG-Hopper behaupten dabei, dass sie nicht aufgrund fehlender Qualifikationen, sondern aufgrund einer Diskriminierung abgelehnt worden sind.

Unter Umständen können sie dabei vor Gericht sogar erfolgreich sein. Die Beweislast liegt in diesen Fällen nämlich bei dem Arbeitgeber. Das bedeutet: Nicht die Person, die die Scheinbewerbung geschrieben hat, muss nachweisen, diskriminiert worden zu sein, sondern der Arbeitgeber muss dem Gericht glaubhaft machen, dass er den vermeintlichen Bewerber nicht diskriminiert hat.

AGG Definition: Gleichbehandlung für alle

Nach dem AGG soll jeder Mensch vor dem Gesetz gleich behandelt werden – das steht übrigens auch in Artikel 3 des Grundgesetzes. Die Rechtsnorm gibt sogar noch mehr her.

So darf niemand wegen

  • seines Geschlechtes
  • seiner Abstammung
  • seiner Rasse
  • seiner Sprache
  • seiner Heimat und Herkunft
  • seines Glaubens
  • seiner religiösen oder politischen Anschauungen

benachteiligt oder bevorzugt werden. Ebenso darf niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Was bereits in unserem Grundgesetz steht, wird durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das am 18. August 2006 in Kraft getreten ist, aufgegriffen.

Mit dem AGG können sich geschützte Personengruppen rechtlich gegen Diskriminierung wehren. Unter Umständen können sie sogar einen Anspruch auf Schadenersatz haben. Dazu muss es sich aber um eine echte Benachteiligung und nicht um eine angebliche Diskriminierung im Zuge einer Scheinbewerbung handeln.

Trotzdem – oder gerade deshalb – findet das AGG häufig im Arbeitsrecht Anwendung.

Es gilt für:

  • Arbeitnehmer
  • Auszubildende
  • Arbeitnehmerähnliche Personen wie Heimarbeiter
  • Bewerber
  • Ehemalige Mitarbeiter
  • Leiharbeitnehmer

Sofern es im Unternehmen einen Betriebsrat gibt, überwacht dieser die Einhaltung des AGG.

Dabei geht es nicht nur darum, den Arbeitnehmer vor einer Ungleichbehandlung durch den Arbeitgeber zu schützen. Auch Mobbing durch die Kollegen kann unter die Vorschriften des AGG fallen.

Scheinbewerbung: Ein berühmt gewordener Fall

Ein Fall, der die Gerichte beschäftigte, stammt aus dem Jahr 2009. Ein Versicherungskonzern schrieb Stellen in einem Trainee-Programm aus. Die Anforderungen an die Bewerber waren unter anderem, ein nur kurz zurückliegender Studienabschluss und erste berufliche Erfahrungen, die auch durch Praktika nachgewiesen werden konnten.

Ein Jurist, der acht Jahre zuvor sein Studium zum Volljuristen abgeschlossen hatte, bewarb sich auf diese Stelle. In seiner Bewerbung hob er hervor, dass er bereits als leitender Angestellter bei einer Versicherung arbeitete und außerdem ein umfangreiches Mandat im Bereich Medizinrecht betreue.

Der potentielle Arbeitgeber war jedoch nicht überzeugt und schickte dem Bewerber eine Abmahnung. Dieser klagte daraufhin auf Entschädigung in Höhe von 14.000 Euro, weil er Nachteile aufgrund einer Altersdiskriminierung sah.

Der Versicherungskonzern reagierte prompt und schickte dem Scheinbewerber eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Diese lehnte der Bewerber jedoch ab, da er zunächst die Entschädigungszahlung haben wollte.

Als der Bewerber erfuhr, dass die Trainee-Positionen mit vier weiblichen Bewerbern besetzt wurden, klagte er wiederum. Dieses Mal glaubt er, aufgrund seines Geschlechtes diskriminiert worden zu sein.

Das Urteil im Fall um die Fake-Bewerbung

Der Jurist klage sich durch alle Instanzen und landete schließlich vor dem Bundesarbeitsgericht (BAG). Das BAG kam in dem Fall des Juristen (BAG 14.11.2013 – 8 AZR 997/12) und zu dem Urteil, dass es sich um eine Scheinbewerbung handelt. Der Scheinbewerber damit keinen Anspruch auf Entschädigung habe.

Das BAG ging davon aus, dass sich der Jurist nur auf die Stelle beworben habe, um nach der Absage auf den Job eine Entschädigung fordern zu können. Das sehe man schon daran, dass er die spätere Einladung zum Vorstellungsgespräch nicht angenommen habe.

Auch der Europäische Gerichtshof äußerte sich in der Rechtssache C-423/15 – allerdings nicht zu diesem Fall, sondern allgemein – zu Scheinbewerbungen. Schutz im Sinne des AGG können danach nur Bewerber erhalten, die sich ernsthaft bewerben.

Der Jurist ist übrigens bekannt dafür, Scheinbewerbungen zu verschicken und nach einer Absage auf Entschädigungszahlungen zu klagen. Das führte schon dazu, dass ihm die Münchener Staatsanwaltschaft schweren Betrug vorgeworfen hat.

Das Gericht wies die Klage jedoch ab. Die Begründung: Personen dürfen sich auf diskriminierende Stellenanzeigen bewerben. Auch dann, wenn sie sich lediglich eine Entschädigungszahlung davon versprechen.

Ungleichbehandlung von Arbeitnehmern: Ihre Rechte

Ungleichbehandlung von Arbeitnehmern: Ihre RechteNatürlich gibt es auch diejenigen Arbeitnehmer, die tatsächlich am Arbeitsplatz diskriminiert werden – und die sollten sich dagegen wehren. Das AGG gilt nämlich nicht nur für (Schein-)Bewerbungen, sondern auch nach der Einstellung.

Arbeitnehmer, die im Joballtag ungleich behandelt werden, können unter anderem folgende Schritte unternehmen:

  • Beschweren Sie sich

    Informieren Sie Ihren Vorgesetzten oder den Gleichstellungsbeauftragten über die unfaire Behandlung am Arbeitsplatz. Gibt es im Unternehmen einen Betriebsrat, holen Sie auch diesen mit ins Boot.

  • Verweigern Sie die Arbeit

    Sollte es sich um einen schweren Fall von Diskriminierung handeln, etwa Mobbing oder sexuelle Belästigung, können Sie noch einen Schritt weiter gehen. Wenn Ihr Arbeitgeber nicht sofort etwas dagegen unternimmt, haben Sie ein Recht auf Arbeitsverweigerung.

  • Sammeln Sie Beweise

    Um am Ende nicht noch eine Abmahnung oder gar Kündigung (beispielsweise wegen Arbeitsverweigerung) zu bekommen, sollten Sie sich absichern. Sammeln Sie so viele Belege wie möglich für die Diskrimierung. Ideal ist es, wenn Sie Kollegen finden, die die Vorfälle bestätigen können.

  • Verlangen Sie Schadensersatz

    Wurde Ihnen zu unrecht eine Beförderung verwehrt oder haben Sie zum Beispiel wegen Ihres Geschlechts eine bestimmte Stelle nicht bekommen, können Sie Schadensersatz verlangen. Dabei gilt es jedoch auf die Frist zu achten: Wenn Sie von der Ungleichbehandlung Kenntnis erlangen, haben Sie zwei Monate Zeit, Ihre Forderungen zu stellen.

    Denken Sie daran:Schadenersatz bekommen Sie natürlich nicht für eine Scheinbewerbung.

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16. September 2019 Karrierebibel Autoren Logo Autor: Julia Sima

Julia-Eva Sima arbeitet als freie Journalistin und war mehrere Semester Dozentin an der Universität des Saarlandes. Danach wechselte sie in die Personalbranche und arbeitete unter anderem als Headhunter.



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