Versetzung Arbeitsrecht: Was darf der Arbeitgeber?

Eine Versetzung wird manchmal als Ritter-, sehr oft aber auch als Nackenschlag empfunden. Nicht jeder möchte von Berlin nach Gütersloh zwangsbefördert werden. Und nicht immer stecken hehre, fachliche Gründe dahinter, sondern knallhartes Kalkül des Arbeitgebers. Schwierig wird eine Versetzung nicht nur bei einem Ortswechsel – manchmal ändern sich Art und Umfang der Tätigkeit. Aber darf der Arbeitgeber das überhaupt? Kann man eine Versetzung ablehnen? Welche Rechte haben Arbeitnehmer? Und welche Rolle spielt das Direktionsrecht des Arbeitgebers? Alle wichtigen Informationen über die Befugnisse und Grenzen bei der Versetzung im Arbeitsrecht…

Versetzung Arbeitsrecht: Was darf der Arbeitgeber?

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Was ist eine Versetzung im Arbeitsrecht?

Eine Versetzung ist – ebenso wie eine Beförderung oder Kündigung – eine Personalmaßnahme. Das deutsche Arbeitsrecht versteht darunter, wenn einem Arbeitnehmer ein anderer Arbeitsbereich zugewiesen wird. Entscheidend für die Definition nach § 95 des Betriebsverfassungsgesetzes (BetrVG) ist, dass bei einer Versetzung die Dauer von einem Monat überschritten wird oder mit einer „erheblichen Änderung der Umstände“ zu rechnen ist. Diese Bedeutung klammert solche Arbeitnehmer aus, deren Arbeitsverhältnis ohnehin nicht ständig an einem bestimmten Arbeitsplatz stattfindet. Der Ortswechsel allein muss also noch kein Kriterium sein, um von einer Versetzung sprechen zu können. Möglich sind solche Formen:

➠ Ihnen werden neue Aufgaben zugeteilt.
➠ Sie werden in eine andere Abteilung des Betriebs versetzt.
➠ Sie werden an einen anderen Standort/in eine ganz andere Stadt versetzt.

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Kann man eine Versetzung ablehnen?

Grundsätzlich verfügt Ihr Arbeitgeber über ein Weisungs- beziehungsweise Direktionsrecht, an das Sie in der Regel gebunden sind. In Paragraph 106 der Gewerbeordnung ist ausdrücklich festgehalten, dass ein Arbeitgeber „Inhalt, Ort und Zeit der Arbeitsleistung nach billigem Ermessen näher bestimmen“ kann. Ihr Arbeitgeber ist also prinzipiell befugt, Sie zu versetzen, ohne dass er Ihre Zustimmung hat. Übrigens auch dann, wenn Sie beispielsweise schon 20 Jahre lang am gleichen Standort im Unternehmen gearbeitet haben. Auch ist das Weisungsrecht des Arbeitgebers nicht auf einen bestimmten Radius festgelegt. Einer Versetzung einfach nicht Folge zu leisten ist ein Abmahnungsgrund – und kann letztlich eine fristlose Kündigung wegen Arbeitsverweigerung zur Folge haben.

Welche Einschränkungen kann es geben?

Der Verweis auf das billige Ermessen, womit grob also ein gerechter, angemessener Interessenausgleich gemeint ist, hilft dem Arbeitnehmer in den meisten Fällen relativ wenig. Aber es kommt auf den Einzelfall an. Läuft die Versetzung Bestimmungen im Arbeitsvertrag, Betriebsvereinbarungen, Tarifvertrag oder anderen Gesetzen zuwider, wird sie dadurch erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Andererseits existieren in Unternehmen – insbesondere, wenn sie über mehrere Betriebssitze oder Filialen verfügen – oftmals Versetzungsklauseln mit dem Zweck, das Weisungsrecht noch effektiver ausüben zu können. Doch auch hier gilt: Ob eine Versetzung wirksam ist, kommt stets auf den Einzelfall an.

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Wann ist eine Versetzung für den Arbeitnehmer zumutbar?

Klauseln im Arbeitsvertrag hin oder her – willkürlich darf Ihr Chef nicht handeln. Und er muss darauf achten, dass die Versetzung für den Arbeitnehmer zumutbar ist. Nun ist Zumutbarkeit ein sehr unkonkreter Begriff, der von Menschen unterschiedlich interpretiert wird. Aus arbeitsrechtlicher Sicht wird als zumutbar gewertet, wenn der neue Arbeitsplatz beispielsweise innerhalb von ein bis zwei Stunden erreichbar ist. Aber auch hier muss abgewägt werden: Arbeitet der Mitarbeiter ohnehin nur wenige Stunden am Tag in Teilzeit, kann eine Versetzung als unzumutbar ausgelegt werden. Ohnehin greifen diese Erwägungen wie angesprochen nur, wenn kein fester Arbeitsort im Arbeitsvertrag vereinbart wurde.

Wann ist eine Versetzung nicht zumutbar?

Eine Versetzung kann vom Weisungsrecht gedeckt sein (weil kein konkreter Arbeitsort im Arbeitsvertrag festgehalten wurde) und dennoch als nicht zumutbar eingestuft werden. So beispielsweise in dem Fall, bei dem ein Isolierer und Vater dreier schulpflichtiger Kinder vom vorherigen Arbeitsort Brunsbüttel auf eine Baustelle im 650 Kilometer entfernten Ludwigshafen eingesetzt werden sollte. Das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein sah das in einem Urteil aus dem Jahr 2015 anders. Demnach müssen Arbeitgeber familiäre Belange des Arbeitnehmers berücksichtigen, sofern dem nicht betriebliche Gründe oder die Interessen anderer Kollegen entgegenstünden. Arbeitnehmer dürften nicht ohne Rücksicht auf ihre sozialen Lebensverhältnisse an einen Ort versetzt werden, den sie von ihrem Wohnort aus nicht täglich erreichen können.


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Ist eine Versetzung mitbestimmungspflichtig?

Das Weisungsrecht des Arbeitgebers kann der Betriebsrat zwar nicht aushebeln. Allerdings muss der Arbeitgeber den Betriebsrat über die Versetzung informierten und dessen Zustimmung einholen. Die darf er allerdings nicht einfach verweigern, vielmehr ist er an die Vorgaben im BetrVG gebunden. In der Praxis kann ein engagierter Betriebsrat, der sich aktiv für Sie einsetzt, seine Zustimmung verweigern und eine unerwünschte Versetzung so in vielen Fällen verhindern. Zum Beispiel dann, wenn die Versetzung gegen Betriebsvereinbarungen verstößt, wenn Sie dadurch eindeutig benachteiligt würden oder wenn die berechtigte Gefahr besteht, dass andere Mitarbeiter aufgrund dieser Maßnahme gekündigt werden.

Ist die Versetzung auf eine weniger verantwortungsvolle Arbeitsstelle erlaubt?

Nein. Ihr Arbeitgeber darf Sie weder auf eine Arbeitsstelle versetzen, auf der Sie weniger verdienen, noch auf eine, bei der Sie weniger Verantwortung als zuvor tragen. Das gilt übrigens unabhängig von Ihrem Gehalt: Selbst bei gleicher Bezahlung darf nicht einfach Ihr Verantwortungsbereich eingeschränkt werden. Eine solche Versetzung wäre rechtswidrig, da Sie benachteiligt würden.

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Wie kann ich mich gegen eine Versetzung wehren?

Will Ihr Arbeitgeber Sie gegen Ihren Willen versetzen, sollten Sie das Gespräch suchen und ruhig und sachlich Ihre Situation schildern. Wer beispielsweise Angehörige vor Ort pflegt oder alleinerziehend ist, dürfte auf mehr Verständnis hoffen. In solchen Fällen kann eine Versetzung sich als „unbillig“, also nicht zumutbar erweisen. So sollten Sie vorgehen:

Arbeitsvertrag prüfen

Sind Sie von einer Versetzung bedroht, sollten Sie genau in Ihren Arbeitsvertrag schauen und ihn gegebenenfalls von einem Experten prüfen lassen. Grundsätzlich gilt: Je unspezifischer Ihre Tätigkeitsbeschreibung im Arbeitsvertrag, desto größer der Handlungsspielraum des Arbeitgebers. Wenn aber im Vertrag ausdrücklich der Standort Köln eingetragen wurde, kann dieser Eintrag Ihre Versetzung nach Chemnitz erschweren bis unmöglich machen. Und: Ist eine Versetzungsklausel enthalten, muss sie deshalb noch nicht gültig sein. Hier kommt es auch auf die Formulierung an.

Zusatzklauseln verweigern

Der Arbeitsvertrag ist nicht immer statisch, sondern kann angepasst und erweitert werden. Für Arbeitgeber eine günstige Gelegenheit, um ihn durch Zusatzklauseln zu ergänzen. Prüfen Sie diese ganz genau, bevor Sie Ihren Vertrag neu signieren. Das gilt auch für die beliebte Änderungskündigung, bei der ein Unternehmen jemandem die Kündigung ausspricht, um gleichzeitig einen neuen Vertrag vorzulegen – der die Versetzungsklausel dann selbstredend beinhaltet.

Zwischenzeugnis verlangen

Mit einer Versetzung ändern sich zugleich Ihre Arbeitsaufgaben. Das gibt Ihnen die Möglichkeit und das Recht, ein aktuelles Zwischenzeugnis zu verlangen. Davon sollten Sie Gebrauch machen. Allein schon aus präventiven Gründen: Im Fall der Fälle haben Sie für Ihre kommende Bewerbung ein wichtiges Dokument in der Hand.

Arbeit fortführen

Die Arbeit niederlegen – das sollten Sie selbst dann nicht tun, wenn Sie von der Unrechtmäßigkeit Ihrer Versetzung vollkommen überzeugt sind. Irren Sie sich, kann Ihr Arbeitgeber mit einer Abmahnung oder gar einer fristlosen Kündigung reagieren. Aber auch wenn Ihre Versetzung offensichtlich unwirksam ist und Sie somit ein Recht auf Zurückbehaltung der Arbeitsleistung haben, können Gehaltsansprüche verlorengehen. Grundlegender Rat also: Bleiben Sie diszipliniert.

Betriebsrat hinzuziehen

Sofern es in Ihrer Firma einen Betriebsrat gibt, holen Sie ihn sich unbedingt als schlagkräftigen Verbündeten hinzu. Aber möglichst schnell, denn der Betriebsrat muss seine Zustimmung zu einer Versetzung innerhalb einer Woche nach der Unterrichtung durch den Arbeitgeber verweigern – unter schriftlicher Angabe von Gründen. Andernfalls gilt sie als akzeptiert. Und noch etwas: Hat der Arbeitgeber den Betriebsrat erst gar nicht über die Versetzung informiert, kann sie rückgängig gemacht werden – das ist nämlich unzulässig. Eine Einschränkung gibt es hier für leitende Angestellte, für die kann der Betriebsrat in dieser Hinsicht leider kaum etwas machen.

Anwalt einschalten

Eine Versetzung kann gegen Verträge, Gesetze und Verordnungen verstoßen – und ist in vielen Fällen unzumutbar. Zum Beispiel entschied das hessische Landesarbeitsgericht 2011, dass eine teilzeitbeschäftigte Mutter von ihrem Arbeitgeber nicht nach London versetzt werden dürfe, da dies das vereinbarte Modell zur Vereinbarung von Kinderbetreuung und Beruf nicht zulasse. Das Interesse des Arbeitgebers musste in diesem Fall zurückstehen. Vor den Arbeitsgerichten wird in der Regel abgewogen – zwischen Interesse des Arbeitgebers und dem des Arbeitnehmers. Haben Sie familiäre Verpflichtungen oder zahlen gerade ein Haus ab, steigen Ihre Chancen auf Nicht-Versetzung. Für den Laien ist das häufig schwer nachvollziehbar. Lassen Sie sich im Ernstfall daher vom Anwalt beraten.

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Welche Gründe kann eine Versetzung haben?

Oft stecken sehr naheliegende Gründe hinter einer Versetzung. Sie werden in einer anderen Filiale benötigt oder müssen die Aufgaben einer Kollegin übernehmen, die langfristig erkrankt ist. Es können aber auch weniger redliche Gründe dahinterstecken. Was Ihr Arbeitgeber zum Beispiel nicht darf: Sie auf eine niedrigere oder schlechter bezahlte Position degradieren. Derartige Manöver sind aber dennoch beliebte Tricks – wenn der Mitarbeiter zum Beispiel nach der Versetzung im Organigramm auf der gleichen Ebene bleibt, aber fortan nur noch mit weniger vertrauenswürdigen Aufgaben betraut wird. Wenn jemand auf diese Weise aus dem Job geekelt werden soll, spricht man auch von einer „kalten Kündigung“. Weitere Manöver Ihres Arbeitgebers könnten sein:

Abstellgleis

Vorsicht auch bei Sonderprojekten, die scheinbar einer Beförderung gleichkommen. Dabei handelt es sich nicht selten um ein Täuschungsmanöver, mit dem Sie aufs Abstellgleis geschoben werden sollen – wenn Aufgaben und Personalverantwortung nicht mitwachsen. Oder wenn Ihr Arbeitgeber Ihre neuen Aufgaben im Arbeitsvertrag festschreiben möchte, genauso wie erweiterte Weisungsbefugnisse.

Gehaltssenkung

Eine Versetzung kann für Sie auch zu einer indirekten Gehaltssenkung führen. Beispiel: Sie sind Vertriebler und werden vom Rhein-Main-Gebiet ins weniger lukrative Münsterland versetzt. Könnte es daran liegen, dass der Arbeitgeber Ihrem Kollegen womöglich mehr Abschlüsse in Frankfurt zutraut? Sofern Sie variable Gehaltsbestandteile erhalten, könnte sich eine Versetzung also sehr negativ auf Ihr Konto auswirken.

Affront

Möglicherweise legt es Ihr Arbeitgeber darauf an, will Sie durch eine Versetzung provozieren. Wenn er Sie versetzt, obwohl er ganz genau weiß, dass Sie damit niemals einverstanden sein werden, wäre das Arbeitsverhältnis stark belastet bis unwiderruflich zerstört. Gut für Ihren Arbeitgeber, wenn Sie von sich aus nun einen Aufhebungsvertrag ins Spiel bringen würden – denn damit würden Ihre Chancen auf eine gute Abfindung sinken. Ein subtiles Manöver, um Sie aus dem Unternehmen zu drängen.

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3 häufige Irrtümer über die Versetzung

  • In meinem Arbeitsvertrag ist Berlin als Arbeitsort angegeben. Deshalb kann ich nicht in eine andere Stadt versetzt werden. – Falsch. Der Arbeitgeber hat, auch wenn kein konkreter Arbeitsort im Arbeitsvertrag festgeschrieben wurde, noch immer das Weisungs- und Versetzungsrecht. Zwar können betriebliche Abmachungen geschlossen werden, aber die Beschränkung auf einen Arbeitsort ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme.
  • Meine Aufgaben bleiben unverändert bestehen, deswegen ist meine Versetzung überflüssig. – Bei einer Versetzung spielt die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit keine Rolle. Ein Unternehmer kann Sie wider jede ökonomische Vernunft in eine andere Filiale oder Stadt versetzen. Darüber hinaus ist es für Gerichte ohnehin kaum bis völlig unmöglich, die Zweckmäßigkeit einer Versetzung festzustellen.
  • Mein Arbeitgeber muss zuerst meine Kollegen versetzen, weil ich sozial schutzwürdiger bin als sie. – Grundsätzlich lautet die Antwort: Nein. Anders als bei der betriebsbedingten Kündigung findet bei einer Versetzung keine Sozialauswahl statt. Eigentlich! Denn Zumutbarkeitsregeln gibt es durchaus. Ein dreifacher Familienvater hatte aus sozialen Erwägungen gegen seine Versetzung geklagt – mit Erfolg.

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[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
27. August 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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