Schlechtes Arbeitszeugnis: Bloß nicht akzeptieren!

Der Erfolg einer Bewerbung hängt heute an weit mehr Faktoren, als allein an den Qualifikationen Bewerbers. Personaler wollen ein rundum gutes Gefühl haben, bevor sie einen Kandidaten einstellen und einen Arbeitsvertrag aufsetzen. Dazu gehört auch ein möglichst „sehr gutes“ Arbeitszeugnis.

Was aber tun, wenn Sie vom aktuellen Arbeitgeber allenfalls ein schlechtes Arbeitszeugnis zu erwarten haben oder gar bekommen? Ein schlechtes Zeugnis kann Ihre Bewerbungschancen drastisch senken. Auch bei späteren Bewerbungen. Daher: Akzeptieren Sie das schlechte Arbeitszeugnis bloß nicht! Tatsächlich gibt es einige Möglichkeiten, wie Sie darauf reagieren und sogar ein besseres Zeugnis verlangen können. Wir zeigen Ihnen hier wie Sie Zeugnisse anfechten und dagegen (juristisch) vorgehen…

Schlechtes Arbeitszeugnis: Bloß nicht akzeptieren!

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Schlechtes Arbeitszeugnis? Versteckte Botschaften!

Schlechte Arbeitszeugnisse sind oft gut getarnt. Formulierungen im Stile von „Der Mitarbeiter brachte unterdurchschnittliche Leistungen und war bei den Kollegen durchweg unbeliebt“ werden Sie in einem qualifizierten Arbeitszeugnis nie finden. Der Grund dafür ist § 109 der Gewerbeordnung. Danach haben Arbeitnehmer nicht nur einen gesetzlichen Anspruch auf ein Arbeitszeugnis. Der Paragraf untersagt zudem offene Kritik im Zeugnis. Vielmehr muss das Arbeitszeugnis zwei gesetzliche Vorschriften zwingend erfüllen: Es muss „wahr“ sein, und es muss „wohlwollend“ formuliert werden. Seinem Unmut über die Arbeit des Ex-Mitarbeiters freien Lauf lassen, ist damit verboten. So soll sichergestellt werden, dass die berufliche Zukunft der ehemaligen Mitarbeiters nicht beeinträchtigt wird und die kommende Jobsuche nicht am schlechten Arbeitszeugnis scheitert. Theoretisch.

Tatsächlich haben sich in Arbeitszeugnissen längst eine Art Geheimsprache und Zeugniscodes etabliert, die zwar allesamt positiv klingen, aber das genaue Gegenteil bedeuten. Der Teufel – er steckt bei schlechten Arbeitszeugnissen nicht nur im Detail, sondern vor allem zwischen den Zeilen. In fiesen Formulierungen und hübsch verpackten, aber miesen Noten. Um also gegen ein schlechtes Zeugnis vorgehen zu können, müssen Sie dieses überhaupt erstmal als solches erkennen. Wie das geht? Kommt jetzt…

Ein schlechtes Arbeitszeugnis erkennen

An den folgenden Merkmalen und Faktoren lässt sich ein schlechtes Arbeitszeugnis erkennen:

  • Zweideutige Formulierungen

    Schon scheinbar unverfängliche Sätze wie „Er erfüllte seine Aufgaben zur Zufriedenheit“ entsprechen nur der Schulnote 4. Andere Formulierungen können ein noch viel deutlicheres Bild eines schlechten Arbeitszeugnisses ausmachen: „Sie erledigte alle Aufgaben pflichtbewusst und ordnungsgemäß“ heißt zum Beispiel im Klartext: „Sie machte nur, was man ihr sagt und zeigte keinerlei Initiative.“ Autsch! Lesen Sie Ihr Zeugnis daher stets aufmerksam und dechiffrieren Sie die gängigen Zeugniscodes mithilfe unserer Tabellen.

  • Umgedrehte Formulierungen

    Hellhörig sollten Sie werden, wenn Sie im Zeugnis eine negative Formulierung finden, die durch ein „nicht“ oder „kein“ oder „nie“ scheinbar positiv klingt. Zum Beispiel: „Seine Pünktlichkeit gab keinen Anlass zu Beanstandungen.“ Klingt lobend – ist es aber nicht. Falls es wirklich nie einen Anlass zu Beanstandungen gab, wäre es schlicht nicht erwähnenswert. So aber steht es da – und weckt bewusst schlafende Hunde.

  • Passive Formulierungen

    Von Talenten und Leistungsträgern erwartet man eine gewisse Eigeninitiative. Passivformulierungen deuten das Gegenteil an: Hier handelte jemand nur auf Anweisung und war ansonsten genauso wie die Formulierungen: passiv und faul. Beispiele: „Herrn/Frau … wurden die Aufgaben … übertragen.“ / „Er/Sie war für uns als … tätig.“ / „Er/Sie wurde für folgende Tätigkeiten eingesetzt: …“ Sie merken schon: Auch wenn das alles sachlich richtig ist, drängt sich beim Leser kein allzu engagierter Eindruck auf.

  • Verdrehte Reihenfolge

    Auch das Umkehren der hierarchischen Reihenfolge bei Aufzählungen und Aufgabenbeschreibungen gehört zur Masche, ein schlechtes Arbeitszeugnis zu tarnen. Heißt es zum Beispiel: „Er/Sie pflegte ein tadelloses Verhalten gegenüber Kollegen, Kunden und Vorgesetzten“, dann klingt das zwar gut. Weil aber der Chef hierarchisch an die erste Stelle gehört, ist das de facto ein Geheimcode für: „Er hatte Probleme mit Autoritäten.“ Gleiches gilt wenn eigentlich untergeordnete Aufgaben zuerst aufgelistet werden, die entscheidenden, höherwertigen Tätigkeiten aber erst am Schluss erscheinen.

  • Unvollständiger Inhalt

    Ein gutes Arbeitszeugnis umfasst nicht nur alle wichtigen Tätigkeiten Ihrer Arbeitszeit, sondern auch die Leistungen, die Sie während Ihrer Betriebszugehörigkeit erbracht haben. Die Leitung eines großen Projekts, eine Umsatzsteigerung, die Einführung besserer Arbeitsprozesse… Fehlen relevante Leistungen, spricht das für ein schlechtes Arbeitszeugnis. Achten Sie also auf eine entsprechende Tiefe der sogenannten „Leistungsbeschreibung“. Ein oberflächliches Zeugnis erweckt bei Personalern immer Misstrauen.

  • Kurzer Text

    Kann Ihr Chef sich nach langjähriger Zusammenarbeit gerade einmal zu ein paar Sätzen im Arbeitszeugnis hinreißen, sagt das indirekt auch eine Menge über die Zusammenarbeit und das Verhältnis aus. Im Zeugnis sind dann zwar die formalen Grundlagen enthalten, aber ein derart kurzes Arbeitszeugnis spricht trotzdem Bände. Oder anders formuliert: Weil das Zeugnis bewusst keine Aussagekraft besitzt, bescheinigt es dem Arbeitnehmer seine Entbehrlichkeit.

  • Widersprüchliche Aussagen

    Ein weiteres Anzeichen für ein schlechtes Arbeitszeugnis liegt in der Widersprüchlichkeit mancher Aussagen. Bescheinigt der Arbeitgeber beispielsweise ein sehr gutes Verhältnis zu den Kollegen, aber ein insgesamt mittelmäßiges Ergebnis, kann das darauf hindeuten, dass der Arbeitnehmer lieber geplaudert statt gearbeitet hat.

  • Grundsätzliche Fehler

    Falsche Angaben, Informationen, die im Arbeitszeugnis nicht enthalten sein sollten (z.B. Kündigungsgründe, Gewerkschaftstätigkeit, Krankheiten, Schwangerschaft oder Elternzeit) sowie Rechtschreibfehler können ebenfalls für einen schlechten Gesamteindruck sorgen, der anderen Personalentscheidern negativ aufstoßen kann.

Haben Sie tatsächlich mehrere Indizien für ein schlechtes Zeugnis ausmachen können, sollten Sie aktiv werden und gezielte Nachbesserungen verlangen. Da solche versteckten Negativ-Urteile für das ungeübte Auge oft nur schwer zu erkennen sind, sollten Sie sich im Zweifel an einen Experten oder Fachanwalt für Arbeitsrecht wenden. Spezialisten können professionell prüfen, ob es sich bei Ihrem Exemplar wirklich um ein schlechtes Arbeitszeugnis handelt. Zur Unterstützung bei der Kontrolle können Sie auch diese Checkliste zum Arbeitszeugnis nutzen:

Checkliste Arbeitszeugnis schlecht oder gut


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Das können Sie gegen ein schlechtes Arbeitszeugnis tun

Ein schlechtes Arbeitszeugnis ist nicht nur ärgerlich, weil Sie es vielleicht für ungerechtfertigt halten, es hat Auswirkungen auf Ihre gesamte weitere Karriere. Es erschwert nicht nur Ihre nächste Jobsuche, sondern jeden weiteren beruflichen Schritt. Erhalten Sie mit Mitte 20 ein schlechtes Arbeitszeugnis, werden Sie es in vielen weiteren Bewerbungen immer wieder angeben und jedes Mal aufs Neue dagegen ankämpfen müssen. Die gute Nachricht: Sie müssen ein schlechtes Arbeitszeugnis nicht einfach auf sich sitzen lassen. Sie müssen es nicht akzeptieren und können Schritte und Korrekturen einleiten, um ein schlechtes Arbeitszeugnis anzufechten. So sollten Sie dabei vorgehen:

  • Direkte Ansprache
    Der erste Weg sollte Sie zu Ihrem Chef oder in die Personalabteilung führen. In vielen Fällen ist es keine böswillige Absicht, sondern schlichtweg Unwissenheit auf Seiten des Unternehmens oder ein unbeabsichtigter Fehler, der zu einem schlechten Arbeitszeugnis geführt hat. Ein offenes und klärendes Gespräch (samt Korrekturwünschen) ist dann oft der unbürokratischste Weg zum Ziel. Um möglichst schnell eine gemeinsame Lösung zu finden, sollten Sie sich im Vorfeld genau mit den Formulierungen im schlechten Arbeitszeugnis befassen und heraussuchen, wo Fehler stecken oder welche Sätze Sie gerne korrigiert haben wollen.
  • Schriftlicher Widerspruch
    Lässt die Korrektur auf sich warten oder reagiert der ehemalige Arbeitgeber auf das direkte Gespräch nicht oder weigert er sich gar, das schlechte Arbeitszeugnis nachzubessern, können Sie schriftlich die Korrektur verlangen und dabei eine Frist setzen, bis zu dieser die geänderte Version auszustellen ist. Führen Sie in Ihrem schriftlichen Widerspruch exakt die Passagen auf, die Sie beanstanden und schlagen Alternativformulierungen vor. So können Sie im Nachhinein auch vergleichen, ob wirklich alle Punkte erfüllt wurden.
  • Gerichtliche Klage
    In letzter Instanz bleibt nur noch der Gang zum Anwalt. Dieser kann noch einmal versuchen, eine Einigung mit dem Arbeitgeber zu erzielen Ansonsten gilt: Erfolgt trotz der schriftlichen Aufforderung keine Korrektur, haben Sie das Recht, drei Wochen nach Erhalt des Arbeitszeugnisses eine sogenannte „Zeugnisberichtigungsklage“ einzureichen. Wer vor Gericht in der Beweispflicht steht, hängt von der genauen Situation ab. Nach aktueller Rechtsprechung muss ein Arbeitszeugnis mindestens der Note „befriedigend“ entsprechen. Tut es das, und Sie wünschen eine bessere Bewertung, liegt die Beweislast bei Ihnen und Sie müssen Sie nachweisen, warum Ihre Leistungen mindestens „gut“ oder gar „sehr gut“ waren. Im umgekehrten Fall, falls das Zeugnis unterdurchschnittlich und wirklich schlecht ausgefallen ist, liegt es am Arbeitgeber zu beweisen, was ein so schlechtes Arbeitszeugnis rechtfertigt.

Korrektur-Fristen beachten!

Sollten sie das Gefühl haben, ein schlechtes Arbeitszeugnis erhalten zu haben, sollten Sie sich möglichst zeitnah um eine Änderung beziehungsweise Korrektur kümmern. Der Anspruch auf Korrekturen am Arbeitszeugnis verfällt nach fünf bis 15 Monaten.


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Ein schlechtes Arbeitszeugnis weglassen? Keine Option

Mancher Bewerber könnte jetzt auf die Idee kommen, das schlechte Arbeitszeugnis bei der Bewerbung einfach wegzulassen. Schließlich verringert es sonst womöglich noch die Bewerbungschancen und bringt Kandidaten in Erklärungsnöte… Eine naheliegende Idee, aber keine gute! Sie ist nicht mal besonders clever. Denn der gesetzliche Anspruch auf ein Arbeitszeugnis ist ein zweischneidiges Schwert: Er bedeutet schließlich auch, dass Sie im Zweifel bisherige berufliche Stationen mit einem Zeugnis belegen können (müssen). Viele Arbeitgeber erwarten das bei der Bewerbung. Fehlt das Zeugnis, wirft das (zurecht) Zweifel an Ihrer Eignung und Ehrlichkeit auf. Der Trick ist so durchschaubar wie ein lupenreiner Diamant: Spätestens im Vorstellungsgespräch wird der Personaler darauf zu sprechen kommen oder Sie bitten, das fehlende Zeugnis nachzureichen. Dann fliegt der Bluff auf.

Schlechtes Arbeitszeugnis: Umgang im Vorstellungsgespräch

Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen: Personaler überblättern Arbeitszeugnisse nicht einfach, schlechte schon gar nicht. Nicht wenige lesen sie so aufmerksam wie Ihren Lebenslauf. Schließlich geht es hier um das (objektive) Urteil eines anderen Arbeitgebers. Wer sonst könnte Ihre bisherigen Leistungen, Arbeitsweisen, Sozialkompetenzen und Erfolge besser bewerten? Diese Aussage aus „erster Hand“ bekommt dadurch hohe Glaubwürdigkeit. Lassen sie schlechte Zeugnisse daher nicht einfach weg (das fällt auf), sondern überlegen Sie sich vielmehr im Vorfeld eine gute Begründung und Erklärung dafür. Insbesondere für das Bewerbungsgespräch.

Zugegen, keine leichte Aufgabe. Aber eine, die sich meistern lässt. Folgende Strategien und Tipps stehen Ihnen dafür zur Verfügung, um ein schlechtes Arbeitszeugnis im Vorstellungsgespräch zu erklären:

Verweisen Sie auf andere Zeugnisse.
Ein schlechtes Arbeitszeugnis lässt sich schwer wegdiskutieren. Aber vielleicht sind nicht alle Ihre Zeugnisse so. Verweisen Sie also lieber auf andere Arbeitgeber und deren Bewertung – ohne dass das wie eine Rechtfertigung klingt. Noch besser wirkt, wenn Sie zusätzlich aktuelle Referenzen oder Empfehlungsschreiben mitbringen. Die können viel relativieren. Erst recht, wenn sie von anderen, wohlgesonneneren Führungskräften oder Kunden desselben Unternehmens stammen. So zeigen Sie, dass das negative Bild aus dem schlechten Arbeitszeugnis eigentlich nicht stimmen kann.

Gehen Sie konstruktiv mit Ihren Fehlern um.
Was genau wird im schlechten Zeugnis bemängelt? Statt in die Defensive zu flüchten, sprechen Sie das lieber offensiv und ehrlich an. Erklären Sie Ihre Schwächen im Vorstellungsgespräch – aber konstruktiv: Was haben Sie daraus gelernt? Was machen Sie heute anders? Sie beweisen so Lernwillen und Lernfähigkeit – eine gute Voraussetzung für persönliches Wachstum.

Erklären Sie die Differenzen.
Im Vorstellungsgespräch über den ehemaligen Arbeitgeber lästern, ist tabu. Das fällt wie ein Bumerang auf Sie zurück und sieht wie eine Schutzbehauptung aus. Sie dürfen aber durchaus sachlich erläutern, dass es inhaltliche Differenzen gab. Sie hatten zum Beispiel unterschiedliche Vorstellungen von der Umsetzung eines Projekts. Diese haben schließlich auch zur Kündigung geführt. Das kommt vor. Leider fand der ehemalige Chef das so schwerwiegend, dass er es unbedingt im Zeugnis erfassen musste. Schade.

Ein schlechtes Arbeitszeugnis vor dem Personaler zu erklären, bleibt dennoch eine schwierige Aufgabe. Besser ist es, wenn es erst gar nicht dazu kommt und Sie eine gute Bewertung erhalten. Oder wenn nicht freiwillig, dann zumindest durch eine gezielte Anfechtung und Nachbesserung, wenn Sie mit dem schlechten Arbeitszeugnis nicht zufrieden sind.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
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19. August 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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