Unfall im Homeoffice: Was ist versichert?

Zuhause zu arbeiten liegt absolut im Trend. Immer mehr Arbeitgeber gestatten inzwischen zumindest teilweise ein Auslagern des Arbeitsplatzes in die eigenen vier Wände. Und Arbeitnehmer machen gerne Gebrauch davon. Was gibt es schöneres, als den Beruf in Ruhe von daheim zu erledigen: Keine nervigen Kollegen, kein Stau… Doch was, wenn ein Unfall im Homeoffice passiert? Unter welchen Bedingungen zahlt die gesetzliche Unfallversicherung? Die Rechtsprechung nimmt es in solchen Fällen ganz genau…

Unfall im Homeoffice: Was ist versichert?

Grundsätzliches zur Gesetzlichen Unfallversicherung

Die gesetzliche Unfallversicherung zählt zu den Sozialversicherungen. Sie wurde unter Otto von Bismarck im Jahre 1884 eingeführt und ist damit der zweitälteste Sozialversicherungszweig in Deutschland nach der gesetzlichen Krankenversicherung. Durch sie sollen die Angestellten gegen Gesundheitsschädigungen aufgrund eines Unfalls abgesichert sein. Also eigentlich auch im Homeoffice, oder?!

Jein. Aber der Reihe nach…

  • Wer ist versichert

    Grundsätzlich zählen alle Arbeitnehmer zum Kreis der Versicherten. Eine Möglichkeit, sich aufgrund eines hohen Verdienstes daraus befreien zu können, besteht nicht. Hierin unterscheiden sich die gesetzliche Unfall- und die Krankenversicherung. Lediglich Beamte und Ärzte sind von der Versicherungspflicht ausgenommen, da sie bereits über andere Träger (zum Beispiel Versorgungswerke) abgesichert sind. Selbstständige können auf freiwilliger Basis Mitglied werden.

  • Was ist versichert

    In der gesetzlichen Unfallversicherung sind zum einen sämtliche Unfälle abgedeckt, die bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin beziehungsweise nach Hause passieren. Voraussetzung ist logischerweise, dass dadurch der Versicherte eine gesundheitliche Beeinträchtigung erleidet.

    Doch was ist überhaupt ein Unfall? Diese Definition kann man sich leicht mit der Eselsbrücke PAUKE einprägen: es handelt sich um ein…

    • Plötzlich
    • von Außen
    • Unfreiwillig
    • auf einen Körper eintreffendes
    • Ereignis

    Somit sind beispielsweise vorsätzlich zugefügte Verletzungen vom Unfallbegriff ebenso ausgeschlossen, wie Herzinfarkte oder ähnliches. Wer zum Zeitpunkt des Unfalls unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol stand, verliert ebenfalls seinen Unfallschutz.

    Über den Unfallbegriff hinaus werden die Kosten von bestimmten Berufskrankheiten von den Trägern übernommen – sie sind klar in der Berufskrankheiten-Verordnung festgelegt und werden insbesondere dann anerkannt, wenn der Versicherte bei seiner Arbeit mit gefährlichen Stoffen (zum Beispiel Asbest) in Kontakt kommen muss.

  • Was wird gezahlt

    Im Falle eines Unfalls zahlen die Berufsgenossenschaften je nach Verletzung die Kosten für die ärztliche Behandlung, die Reha sowie gegeben falls Rentenzahlungen (Verletzten-, Erwerbsminderungs- oder im Todesfall Hinterbliebenenrente). Die Leistungen sind somit erheblich umfangreicher, als die der gesetzlichen Krankenversicherung.

Unfallversicherung im Homeoffice

Da die gesetzliche Unfallversicherung nur für einen Arbeitsunfall aufkommt, besteht im Homeoffice ein Sonderfall, da sich hier der berufliche mit dem privaten Bereich überlagert. Die Berufsgenossenschaften sehen daher das Risiko, dass ein privater Unfall vorschnell als Arbeitsunfall deklariert wird.

In der Praxis ist es oftmals unklar abzugrenzen, ob ein Ausrutschen auf der Treppe im eigenen Haus aufgrund einer privaten oder beruflichen Tätigkeit zustande kam. Für die Gerichte ist es schwer, hier eine klare Grenze zu ziehen. Es lässt sich jedoch eine gewisse Linie aus den Urteilen herauslesen, die deutlich strenger ist, als im Vergleich zu einer Tätigkeit im Büro des Arbeitgebers:

  • Die Aktion muss unverkennbar in Zusammenhang mit der Arbeit stehen. Schon bei geringen Abweichungen besteht kein Versicherungsschutz mehr. Bereits das Holen eines Kaffees ist daher zum Beispiel nicht durch die Unfallversicherung abgedeckt, es sei denn, die Kaffeemaschine steht neben Ihrem Schreibtisch.
  • Das Bundessozialgericht legte in mehreren Urteilen klar fest, dass das Handeln der Versicherten dienstlich motiviert sein muss. Wenn Sie also Ihr Arbeitszimmer verlassen, so ist dieser Gang nur versichert, wenn sich beispielsweise der Drucker in einem anderen Raum befindet und Sie einen Ausdruck holen möchten.

Unfallschutz: Beispiele aus der Rechtsprechung

Unfallschutz: Beispiele aus der RechtsprechungGerichte differenzieren und prüfen genau, ob die Tätigkeit in Zusammenhang mit der Arbeit steht oder nicht. Die Rechtsprechung ist in diesem Punkt erheblich strenger, als bei einem normalen Büroalltag. Zwei Beispiele verdeutlichen dies:

  • Das Sozialgericht München urteilte, dass ein Gang zur Toilette im Homeoffice nicht durch die gesetzliche Unfallversicherung abgedeckt ist. Ein Arbeitnehmer machte nach einem Sturz auf dem Rückweg von seiner im Erdgeschoss gelegenen Toilette zu seinem Büro-Arbeitsplatz im Keller einen Arbeitsausfall geltend. Das Gericht urteilte allerdings gegen den Kläger: Im Gegensatz zum Betrieb, wo der Toilettengang versichert gewesen wäre, hätte der Arbeitgeber im Homeoffice keine Einflussmöglichkeit auf die Sicherheit der Räumlichkeiten (AZ: S40 U 227/18).
  • In einem ähnlichen Fall urteilte das Bundessozialgericht, dass der Sturz einer Key Account Managerin auf der Kellertreppe nicht als Arbeitsunfall gewertet werden könne. Beim Fallen hatte sie sich erheblich an der Wirbelsäule verletzt, was beträchtliche Folgekosten nach sich zog. Zwar befänden sich die arbeitsvertraglich vereinbarten Büroräume der Frau im Keller und der Gang dorthin erfolgte auf Anweisung und im Interesse ihres Vorgesetzten, jedoch befand sie sich zuvor in der Küche, die zum privaten Lebensbereich der Angestellten gehörte. Diesen Weg und die damit verbundenen Risiken liege somit in ihrer persönlichen Verantwortung. Dabei spiele es keine Rolle, dass sich die Arbeitnehmerin nur ein Glas Wasser an ihren Schreibtisch geholt habe – sämtliche Wege zur Nahrungsaufnahme seien im Homeoffice nicht als Arbeitsunfall von der Versicherung abgedeckt (AZ: B2 U 28/17 R).

Unfall im Homeoffice: Was ist zu tun?

Für den im Homeoffice verunfallten Arbeitnehmer ergibt sich somit eine schwierige Situation. Anders als im Betrieb, wo meist Kollegen den Unfall bezeugen können, fehlt es im heimischen Umfeld oft an unabhängigen Augenzeugen.

Der im Homeoffice Tätige muss daher nachweisen, dass es sich um einen Arbeitsunfall gehandelt hat. Die Gerichte wenden diesbezüglich häufig eine Umkehr der Beweislast an. In der Praxis stellt sich dies für den Geschädigten schwierig dar. Daher einige Tipps, was Sie in einem solchen Falls beachten müssen:

  • Dokumentieren Sie schnellstmöglich

    Je unmittelbarer Sie den Unfall schriftlich detailliert festhalten und bekanntmachen, umso eher wird Ihnen die Berufsgenossenschaft Glauben schenken. Wenn Sie diesen erst drei Tage später melden, könnte dies im Falle einer gerichtlichen Auseinandersetzung als zu inszeniert abgewiesen werden.

  • Dokumentieren Sie den Zeitpunkt

    Selbstverständlich sind nur Unfälle in der Arbeitszeit, die Sie mit Ihrem Chef vereinbart haben, abgesichert. Notieren Sie daher minutengenau, wann sich der Unfall ereignet hat. Hierbei können über das Telefonprotokoll nachgewiesene Anrufe helfen, die Sie mit Arzt oder Rettungsdienst geführt haben.

  • Dokumentieren Sie den Unfallort

    Es ist essenziell, dass der Unfallort in Bezug zur Ausübung Ihrer beruflichen Tätigkeit steht. Wenn der Unfall an Ihrem heimischen Schreibtisch passiert, ist dies kein Problem – aber wann geschieht das schon. In den häufigsten Fällen handelt es sich um herabfallende Gegenstände oder Stürze außerhalb des Arbeitszimmers. Folglich müssen Sie deutlich aufzeigen, warum Sie sich aus beruflichen Gründen zum entsprechenden Zeitpunkt gerade dort aufhalten mussten (zum Beispiel, weil Sie auf dem Weg zum Briefkasten waren, um einen wichtigen Geschäftsbrief zu holen).

  • Dokumentieren Sie unabhängige Umstände

    Hatten Sie zum Zeitpunkt des Unfalls beispielsweise den dienstlichen Laptop unterm Arm, der dadurch sogar eine Schramme davon getragen hat? Oder hatten Sie einen Besprechungstermin, der unmittelbar bevorstand? Solche Punkte können stichhaltige Beweise darstellen, dass es sich auch außerhalb des Homeoffice um einen dienstlichen Weg gehandelt hat. Die Zusammenhänge sollten möglichst stichhaltig sein, um den Träger und im Zweifelsfall die Gerichte zu überzeugen.

Falls es sich definitiv um keinen Unfall im Homeoffice, sondern im privaten Bereich handelt, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als dies über Ihre Krankenversicherung zu regeln. Es ist davon auszugehen, dass die Berufsgenossenschaften Unfällen im Homeoffice weiterhin skeptisch gegenüber stehen werden.

Dies bedeutet für alle, die zuhause arbeiten, eine große Herausforderung: Sie müssen zum einen ihren Arbeitsplatz entsprechend so gestalten, dass Unfälle möglichst im Vornherein vermieden werden können. Zum anderen müssen Sie sich genau überlegen, welche Dinge Sie in den eigenen vier Wänden zu welchem Zweck erledigen.

Zusätzlich empfiehlt es sich, darüber nachzudenken, ob der Abschluss einer privaten Unfallversicherung für Sie Sinn haben könnte. Durch diese sind sämtliche Unfälle abgedeckt, die von den Berufsgenossenschaften nicht übernommen werden.

[Bildnachweis: Elnur by Shutterstock.com]
12. November 2019 Tilman Schulze Redakteur Autor: Tilman Schulze

Tilman Schulze, Jahrgang 1973, arbeitet zudem freiberuflich als Kommunikationstrainer, Coach und Mediator in Freiburg und Umgebung. Als Autor einiger Bücher ist er es gewohnt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und mit der Sprache zu spielen.


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