Arbeitsunfall: Was tun?

Ein Arbeitsunfall kann glimpflich ausgehen oder fatal enden. In jedem Fall gilt es, ihn nach Möglichkeit zu vermeiden. Aber was, wenn es mich doch erwischt und ich mir auf der Baustelle das Bein verletze? Oder wenn ich auf dem Weg ins Büro einen Unfall habe? Wenn Sie – nach der erfolgten Notversorgung – die wichtigsten Schritte einleiten, bleiben Ihnen weitere Unannehmlichkeiten erspart. Das müssen Sie bei einem Arbeitsunfall beachten…

Arbeitsunfall: Was tun?

Definition: Was ist ein Arbeitsunfall?

Definition: Was ist ein Arbeitsunfall?Die gute Nachricht zuerst: Das Risiko, bei der Arbeit einen Arbeitsunfall zu erleiden, sinkt. Von 2015 auf 2016 ist es nach Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) um 0,4 Prozent zurückgegangen. Die Zahl schwerer Arbeitsunfälle, zu denen auch tödliche gehören, sank sogar um 3,9 Prozent.

Die schlechte Nachricht: Noch immer ereignen sich jedes Jahr zwischen Kaffeeküche und Baustelle Hunderttausende Unfälle. Allein im Jahr 2016 gab es in Deutschland 877.071 meldepflichtige Arbeitsunfälle, die eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen nach sich zogen. 14.132 schwere Arbeitsunfälle zählte man in diesem Zeitraum.

Noch nicht beantwortet ist damit die Frage, was ein Arbeitsunfall überhaupt ist. Die DGUV definiert ihn schlicht so:

Arbeitsunfälle sind die Unfälle, die versicherte Personen infolge der versicherten Tätigkeit erleiden.

Und weiter:

Ein Unfallereignis ist ein zeitlich begrenztes, von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis, das zu einem Gesundheitsschaden führt.

Damit sind keineswegs nur Unfälle gemeint, die unmittelbar während der Ausübung des Berufs entstehen…

Arbeitsunfall: Wer kann einen haben?

Entscheidend ist: Wird ein Unfall als Arbeitsunfall anerkannt, hat der Geschädigte Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung.

Aber es sind nicht allein Arbeitnehmer, auf die das zutreffen könnte. Auch Schüler in der Schule, Kinder in der Kita oder Ersthelfer am Unfallort sind unter Umständen gesetzlich geschützt. Wie so oft gilt auch hier: Auf den Einzelfall kommt es an (dazu gleich mehr).

Der Schutz der Unfallversicherung greift zum Beispiel dann, wenn…

  • ein Ehrenamtler bei der Ausübung seines Ehrenamtes stolpert und sich verletzt
  • ein Schüler auf einer Klassenfahrt stürzt und sich am Bein verletzt
  • ein Arbeitnehmer Arbeitsgeräte verwahrt, instandsetzt oder erneuert und dabei von einem Splitter verletzt wird
  • ein Arbeitnehmer während eines Betriebsausflugs ausrutscht und sich am Rücken verletzt
  • ein Arbeitnehmer sich beim Betriebssport verletzt

Auch sogenannte Wegeunfälle fallen darunter. Die Unfallversicherung greift, wenn Sie als Pendler auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall haben – unter Umständen sogar dann, wenn Sie einen Umweg gefahren sind.

Beispiel: Sie nehmen einen Umweg, um Ihre Tochter vorher in den Kindergarten zu bringen. Das Gleiche gilt, wenn Sie wegen einer Baustelle eine Umleitung fahren müssen, eine Fahrgemeinschaft bilden oder eine längere Route wählen, die Sie aber deutlich schneller ans Ziel bringt.

Arbeitsunfall: Beispiele

Typische Arbeitsunfälle werden verursacht durch:

  • Stolpern, Umknicken, Hinfallen, Ausgleiten
  • Unkoordinierte Bewegungen
  • Stürze und Abstürze
  • Bewegungen mit körperlichen Belastungen (Hochheben, Tragen, Ziehen, Schieben)
  • Kontrollverlust beim Umgang mit Maschinen, Werkstücken, Gegenständen
  • Reißen, Brechen, Bersten, Zusammenstürzen von Materialien
  • Auf das Opfer fallende Gegenstände

Das klassische Gegenbeispiel: ein Mitarbeiter, der am Schreibtisch einen Herzinfarkt erleidet. In diesem Fall handelt es sich nicht um ein „von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis“. Die gesetzliche Unfallversicherung übernimmt keine Kosten.

Und sie übernimmt grundsätzlich auch keine Sachwerte – mit zwei Ausnahmen:

  • Sachschäden, die ein Ersthelfer davonträgt, zum Beispiel zerrissene Kleidung
  • Hilfsmittel wie eine Brille, die durch den Arbeitsunfall beschädigt werden

Arbeitsunfall: Bei wem bin ich versichert?

Vom Einzelfall hängt es ab, ob ein Unfall als Arbeitsunfall anerkannt wird. Ist das der Fall, übernimmt die gesetzliche Unfallversicherung Kosten für die ärztliche Behandlung, Verletztengeld während der Arbeitsunfähigkeit, Umschulung, behindertengerechte Umgestaltung des Arbeitsplatzes, Unfallrente bei dauerhaften Gesundheitsschäden oder sogar eine Hinterbliebenenrente im Todesfall.

Wird der Unfall hingegen nicht als Arbeitsunfall anerkannt, informiert der Unfallversicherungsträger die Krankenkasse über die Ablehnung. Die Krankenversicherung übernimmt dann die notwendigen medizinischen Leistungen.

Über Anerkennung oder Ablehnung entscheiden die neun Berufsgenossenschaften. Sie sind nach Branchen gegliedert. Beispiel: Die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe vertritt die Mitarbeiter in der Gastronomiebranche. Im Zweifel fragen Sie Ihren Arbeitgeber (bzw. die Personalabteilung), wer für Sie zuständig ist.

Für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst sind die regional aufgteilten Unfallkassen verantwortlich. Die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft nimmt sich der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft an, darunter auch mitarbeitende Familienangehörige.

Arbeitsunfall: Was tun?

Der erste Schritt natürlich: Zum Arzt gehen. Sie suchen möglichst einen sogenannten Durchgangsarzt auf. Dieser entscheidet darüber, ob eine besondere Behandlung beim Facharzt oder Unfallarzt erforderlich ist. Ihr Arbeitgeber verfügt über eine Liste mit Durchgangsärzten.

Prinzipiell muss ein Arbeitsunfall, der zu mehr als drei Tagen Berufsunfähigkeit führt, dem Unfallträger gemeldet werden. Das können Arbeitgeber in vielen Fällen schon über ein Online-Formular tun. Die Unfallversicherung prüft, ob es sich um einen Arbeitsunfall handelt und Leistungen übernommen werden.

Tipp: Melden Sie jeden noch so kleinen Unfall dem Unfallträger. So sichern sie sich für den Fall ab, dass Folgeschäden auftreten.

Möglicherweise zieht der Unfallträger dafür auch ärtzliche Gutachter heran, also etwa Chirurgen, Orthopäden oder Neurologen. Tipp: Sie können auch selbst Gutachter vorschlagen (sofern diese fachlich geeignet sind).

Und: Wird der Arbeitsunfall nicht als solcher anerkannt, steht Ihnen die Möglichkeit offen, beim Unfallversicherungsträger Widerspruch einzulegen. Theoretisch können Sie sogar den ganzen Klageweg bis vors Sozialgericht gehen.

Kuriose Arbeitsunfälle: Von Bierbank gestürzt

Arbeitsunfall: Von Bierbank stürzenArbeitsunfall oder kein Arbeitsunfall? Die Beantwortung dieser Frage ist manchmal schwerer als gedacht.

So auch im Mai 2012. Eine Lehrerin hatte an einer Klassenfahrt nach München teilgenommen, begab sich dort mit ihren Pennälern auf das Frühlingsfest. Die Bierbank, auf der Lehrer und Schüler wild tanzten, kippte um, die Lehrerin verletzte sich am Rücken und war einen Monat lang dienstunfähig.

Das Verwaltungsgericht Stuttgart machte daraus einen Dienstunfall. Es habe sich keineswegs um Privatvergnügen, sondern um einen offiziellen Programmpunkt der Klassenfahrt gehandelt, an dem die Lehrerin als verantwortliche Begleit- und Aufsichtsperson dienstlich teilgenommen habe. Die Unfallversicherung musste einspringen.

Sogar ein gemächlicher Sonntagsspaziergang kann als Dienstunfall enden. Ein 60-Jähriger hatte den Zebrastreifen überqueren wollen, als er von einem Auto erfasst und verletzt wurde. Der Mann befand sich in einer Reha-Maßnahme, zur Gewichtsabnahme war ihm Bewegung empfohlen worden. Das Sozialgericht Düsseldorf urteilte im Juni 2017: Dienstunfall.

Und noch ein Fall, der für Stirnrunzeln sorgt: Eine 44 Jahre alte Bahn-Mitarbeiterin war von der Polizei durchsucht worden, weil sie im Verdacht stand, Wertgegenstände aus einem Gepäckstück gestohlen zu haben. Auf der Polizeistation musste sie sich vollständig entkleiden und einer Leibesvisitation unterziehen. Die psychische Erkrankung, die sie dadurch offenbar erlitt – konkret: Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht – wertete das Hessische Landessozialgericht im Oktober 2017 als Arbeitsunfall.

So großzügig sind die Gerichte aber nicht immer. So hatte eine Lohnbuchhalterin vor Kurzem an einer Bierwanderung teilgenommen. Dabei stürzte sie und verletzte sich am linken Unterarm. Kein Arbeitsunfall, sagte das Hessische Landessozialgericht.

Begründung: Wenn nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter an einer Sportveranstaltung teilnimmt, die auch noch von Dritten organisiert wurde, dann steht die Teilnahme nicht mehr unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung.

Arbeitsunfall: Diese Berufe sind gefährdet

Bitte aufpassen! Dieser Rat gilt im Arbeitsalltag vor allem Handwerkern. Sie sind die – statistisch gesehen – am stärksten gefährdete Berufsgruppe. Rund 35 Prozent aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle gehen nach DGUV-Angaben auf das Konto von Handwerkern – also mehr als jeder Dritte.

Diese Berufe sind außerdem gefährdet (in Klammern der Anteil an allen meldepflichtigen Arbeitsunfällen):

  1. Handwerker und verwandte Berufe: 35,3 Prozent
  2. Dienstleistungsberufe, Verkäufer in Geschäften und auf Märkten: 15,5 Prozent
  3. Hilfsarbeitskräfte: 15,0 Prozent
  4. Anlagen- und Maschinenbediener sowie Montierer: 13,9 Prozent
  5. Techniker und gleichrangige nichttechnische Berufe: 9,1 Prozent
  6. Bürokräfte, kaufmännische Angestellte: 8,3 Prozent
  7. Akademische Berufe: 1,4 Prozent
  8. Fachkräfte in der Land-/Forstwirtschaft und Fischerei: 0,9 Prozent
  9. Führungskräfte (Betriebsleiter u.a.): 0,5 Prozent
[Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung]
[Bildnachweis: Gino Santa Maria by Shutterstock.com ]
9. Dezember 2017 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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