Kind krank – was tun? 8 Fragen + 16 Tipps für Arbeitnehmer

Ist das eigene Kind krank, haben dessen Wohl und Genesung oberste Priorität für berufstätige Eltern. Aber welche Rechte haben Arbeitnehmer, wenn ein krankes Kind betreut werden muss? Die gute Nachricht: Es ist erlaubt, zuhause zu bleiben, um die Betreuung des Nachwuchses sicherzustellen. Allerdings gilt diese Regelung nicht uneingeschränkt. Hier erfahren Sie, wie viele Tage Sie für ein krankes Kind freigestellt werden können und wie die Lohnfortzahlung geregelt ist. Alle Antworten auf die wichtigsten Fragen, wenn ein Kind krank ist und was Arbeitgeber und Arbeitnehmer wissen müssen…

Kind krank - was tun? 8 Fragen + 16 Tipps für Arbeitnehmer

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Kind krank: Dürfen Arbeitnehmer zuhause bleiben?

Die erste Frage für berufstätige Eltern mit einem kranken Kind lautet: Darf ich zuhause bleiben, um mein Kind zu pflegen? Die Antwort darauf lautet zunächst einmal: Ja, die Fürsorge und Betreuung des Kindes steht in diesem Fall über den arbeitsrechtlichen Verpflichtungen, wenn es keine Möglichkeit gibt, ein krankes Kind anders betreuen und pflegen zu lassen. Grundlage dafür ist § 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB).

Eine Krankheit des Kindes ist demnach vorübergehende Verhinderung, die der Arbeitnehmer nicht verschuldet hat. Der Arbeitgeber muss Angestellte für diese Zeit freistellen, damit diese zuhause bleiben können, wenn ein Kind krank ist. Als Mitarbeiter haben Sie dabei eine Informationspflicht. Kommen Sie nicht zur Arbeit, weil Ihr Kind krank geworden ist, müssen Sie dies dem Chef schon morgens so früh wie möglich mitteilen. Zudem kann Ihr Arbeitgeber ein Attest vom Kinderarzt verlangen.

Darf man für ein krankes Kind sofort den Arbeitsplatz verlassen?

Wenn die Kita anruft, weil das Kind krank ist, müssen Eltern schnell handeln. Arbeitnehmer dürfen in einem solchen Fall sofort den Chef informieren und den Arbeitsplatz verlassen. Sie müssen nicht bis nach Feierabend warten oder noch länger im Job bleiben. Bei einem solch kurzfristigen Notfall gehen die elterlichen Verpflichtungen vor. Ihre Informations- und Nachweispflicht bleibt aber bestehen. Bevor Sie gehen, müssen Sie Ihren Chef in Kenntnis setzen.

Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, riskiert arbeitsrechtliche Konsequenzen durch eine Abmahnung.

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Wie viele Tage darf ich mein krankes Kind betreuen?

Ist ein Kind krank, ist dies nur selten an einem einzelnen Tag ausgestanden und auskuriert. Eltern müssen deshalb wissen, wie viele Tage Sie mit der Arbeit fern bleiben können, um sich zuhause dem Kind zu widmen. Dabei muss differenziert werden, auf welches Recht Sie sich als Mitarbeiter berufen. Neben dem oben bereits genannten § 616 BGB gibt es auch nach § 45 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) ein Recht auf Freistellung durch sogenannte Kinderkrankentage. Im Folgenden erklären wir genauer, was Ihnen jeweils zusteht:

Tage zur Betreuung nach § 45 SGB V

Gesetzlich krankenversicherte Arbeitnehmer haben nach § 45 SGB V Anspruch auf freie Tage zur Betreuung und Pflege eines kranken Kindes. Konkret heißt es dazu:

Versicherte haben Anspruch auf Krankengeld, wenn es nach ärztlichem Zeugnis erforderlich ist, dass sie zur Beaufsichtigung, Betreuung oder Pflege ihres erkrankten und versicherten Kindes der Arbeit fernbleiben […]

Ebenfalls klar definiert wird die Dauer, die berufstätige Eltern sich der Betreuung widmen können. Abhängig ist diese vom Familienstand:

  • Verheiratete Arbeitnehmer
    Verheirateten Arbeitnehmern stehen pro Elternteil pro Kind jeweils zehn Kinderkrankentage im Kalenderjahr zu. Haben Sie und Ihr Partner zwei Kinder, können Sie also jeweils 20 Tage zuhause ein krankes Kind versorgen. Bei weiteren Kindern ist der Anspruch auf maximal 25 Tage im Jahr begrenzt.
  • Alleinerziehende Arbeitnehmer
    Als alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater haben Sie ein Anrecht auf bis zu 20 Tage Freistellung pro Kind, bei mehr als zwei Kindern wird die Dauer auf 50 Tage begrenzt.

Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie wurde der Anspruch für das laufende Jahr erhöht. Verheiratete Arbeitnehmer bekommen jeweils fünf zusätzliche Krankentage, alleinerziehende können zehn weitere Kinderkrankentage nutzen.

Zudem gilt: Verheiratete berufstätige Eltern können die Tage, die sie ein krankes Kind betreuen, theoretisch untereinander aufteilen und den eigenen Anspruch an den Ehepartner weitergeben. Ein Beispiel: Beide Partner haben je zehn Kinderkrankentage. Diese können auf einen übertragen werden, der dann insgesamt 20 Tage nutzen kann. Allerdings ist dies nur möglich, wenn beide Arbeitgeber dem zustimmen.

Tage zur Betreuung nach §616 BGB

Wollen Sie sich gemäß & § 616 BGB von der Arbeit freistellen lassen, weil Ihr Kind krank ist, berufen Sie sich auf ein anderes Recht. Der große Unterschied: Hier wird keine klare Aussage über die Anzahl der Tage getroffen, die ein Arbeitnehmer für die Betreuung zuhause bleiben darf. Stattdessen heißt es:

Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, dass er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird.

Was eine „verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ ist, wird nicht genauer definiert. Teilweise wird versucht, die Bestimmungen aus dem obigen § 45 SGB V anzuwenden, das Bundesarbeitsgericht hat in einem Urteil jedoch die ungenaue Formulierung für eine Abwesenheit von nur fünf Tagen ausgelegt. Auf dieser Grundlage stehen Ihnen deshalb möglicherweise weniger freie Tage zur Pflege eines kranken Kindes zur Verfügung.

Teilweise wird auch im Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag genauer geregelt, in welchem Umfang Mitarbeitern Sonderurlaub für die Betreuung gewährt wird, sollte ein Kind krank sein.

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Gibt es Voraussetzungen für die Freistellung zur Betreuung?

Die gesetzliche Grundlage ermöglicht es berufstätigen Eltern, die Fürsorge und Pflege für ein krankes Kind zu übernehmen, ohne sich in diesem Zeitraum Sorgen um die Arbeit machen zu müssen. Allerdings kann dieses Recht an bestimmte Voraussetzungen gebunden sein.

  • Leibliche, Stief- oder Adoptivkinder
    Sie können sich nur von der Arbeit freistellen lassen, wenn es es sich um Ihr leibliches, Stief- oder Adoptivkind handelt. Für Patenkinder oder den Nachwuchs des besten Freundes besteht kein Anspruch.
  • Gesetzliche Krankenversicherung
    § 45 SGB V gilt nur, wenn der Arbeitnehmer und das kranke Kind gesetzlich krankenversichert sind. Sind Sie beispielsweise selbstständig in einer privaten Krankenversicherung, können Sie sich nicht darauf berufen. Es können entsprechende Zusatzversicherungen helfen.
  • Keine andere Betreuung im Haushalt
    Mit der Freistellung soll die Pflege gesichert werden, wenn ein Kind krank ist. Im Haushalt darf es dabei niemanden geben, der sich statt des Arbeitnehmers um das Kind kümmert könnte. Leben beispielsweise die Großeltern mit im Haus, die bereits in Rente sind, können diese das Kind betreuen. Das gilt jedoch nur für Verwandtschaft – Sie müssen Ihr krankes Kind nicht von einem Nachbarn oder Freund versorgen lassen.
  • Attest
    Sie müssen durch ein ärztliches Attest nachweisen, dass Ihr Kind krank ist und Betreuung benötigt. Die Anzeige- und Nachweispflicht für ein krankes Kind besteht dabei immer ab dem ersten Tag – egal, ob Sie bei eigener Erkrankung erst nach mehr als drei Tagen einen Nachweis vorlegen müssen. Informieren Sie den Chef sofort, dass Sie zuhause bleiben (oder nach Hause gehen) und für wie lange dies voraussichtlich dauern wird.

Krankes Kind: Gibt es eine Altersgrenze?

Bei kleinen Kindern gibt es keinen Zweifel daran, dass diese bei einer Krankheit von den Eltern betreut werden. Gibt es aber eine Altersgrenze für Kinder, bis zu der Arbeitnehmer sich für ein krankes Kind freistellen lassen können? Dazu findet sich in § 45 SGB V folgende Grundlage:

[…]und das Kind das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder behindert und auf Hilfe angewiesen ist.

Ihr Kind ist zwölf Jahre alt oder jünger, steht Ihnen somit in jedem Fall eine Freistellung und die Zahlung von Krankengeld zu. Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie keinen Anspruch haben, wenn Ihr Kind krank und über 12 ist? Nein! Die Regelungen aus § 616 BGB sind nicht an eine Altersgrenze gebunden. Bei notwendiger Betreuung Ihres kranken Kindes können Sie deshalb auch zuhause bleiben, wenn Ihr Nachwuchs älter als zwölf ist.

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Bekomme ich Lohnfortzahlung bei einem kranken Kind?

Sie dürfen also der Arbeit fernbleiben, wenn Ihr Kind krank ist – doch wie sieht es in dieser Zeit mit einer Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber aus? oder anders gefragt: Bekommen Sie weiterhin Ihr Gehalt? An diesem Punkt ist die Rechtslage ein wenig kompliziert. Ob die Freistellung vergütet wird und eine Lohnfortzahlung erfolgt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Zunächst einmal greift die Regelung aus § 616 BGB, die festlegt, dass Arbeitnehmer den Anspruch auf Vergütung für eine „verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ nicht verlieren. Unter diesem Aspekt dürfen Sie mit einer Lohnfortzahlung rechnen. Die zwei Haken dabei:

  • Dauer der Lohnfortzahlung
    Die Lohnfortzahlung endet bereits nach einigen Tagen. Ist Ihr Kind länger krank, geht der Anspruch auf Fortzahlung des Gehalts verloren.
  • Ausschluss von § 616 BGB
    Arbeitgeber sind nicht zwangsläufig an die Regelungen gebunden. Im Arbeitsvertrag kann der Anspruch nach § 616 BGB begrenzt oder sogar komplett ausgeschlossen werden. Solche Ausschlussklauseln sind rechtens. Mit der Unterschrift verzichten Sie dann auf die Lohnfortzahlung.

Kind krank: Kinderkrankengeld statt Lohnfortzahlung

Neben der Lohnfortzahlung können Sie durch das sogenannte Kinderkrankengeld finanziell abgesichert sein. Wenn Sie nach § 45 SGB V freigestellt werden und Ihre Kinderkrankentage in Anspruch nehmen, bekommen Sie diesen Zeitraum von Ihrer Krankenkasse bezahlt. Das Kinderkrankengeld beträgt 70 Prozent des Bruttoverdienstes, maximal aber 90 Prozent des Nettoverdienstes. Durchschnittlich bekommen Versicherte etwa 75 Prozent des Nettoverdienstes.

Wichtig zu beachten ist, dass Sie nicht gleichzeitig Anspruch auf beide Varianten haben können. Soll heißen: Kinderkrankengeld können Sie nur erhalten, wenn es keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung für die Betreuung eines kranken Kindes gibt. Beispielsweise weil eine Lohnfortzahlung nach § 616 BGB im Arbeitsvertrag ausgeschlossen wurde.

Was tun, wenn das Kind länger krank ist?

Die schlechte Nachricht: Ist Ihr Kind über einen längeren Zeitraum oder häufiger erkrankt, sind die zehn Krankheitstage, die Ihnen zustehen, schnell ausgeschöpft. Und Ihr Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, Sie darüberhinaus freizustellen. Bei verheirateten Paaren zunächst der Partner einspringen und seine Tage nutzen oder – wenn beide Arbeitgeber zustimmen – dem anderen zur Verfügung stellen.

Ist auch dieses Mittel erschöpft, braucht es das Entgegenkommen des Unternehmens. Es können beispielsweise Vereinbarungen zur Arbeit im Homeoffice getroffen werden. Wenn es gar nicht anders geht, müssen Mitarbeiter Ihren Urlaub nutzen, wenn das Kind krank ist.

Was Sie auf keinen Fall tun sollten: Eine eigene Erkrankung vortäuschen, um zuhause bleiben zu können. Bei einem Verdacht kann der Arbeitgeber sofort einen Nachweis vom Arzt verlangen – und im schlimmsten Fall droht für das Fehlverhalten sogar eine Kündigung.

Was, wenn der Partner auch erkrankt ist?

Nicht selten steckt das Kind auch einen Elternteil an. Wenn also beispielsweise Mutter und Kind krank zuhause sind – muss der Vater dann arbeiten oder wird er für die Betreuung freigestellt?

Sind Eltern so krank, dass Sie nicht arbeiten können, wird davon ausgegangen, dass sie auch der Versorgung des Kindes nicht komplett nachkommen können. In einem solchen Fall hat der andere Elternteil deshalb das Recht, zuhause bleiben zu dürfen.

Sollten es keine Möglichkeit geben, das Kind zu versorgen, haben Sie außerdem in vielen Städten die Möglichkeit, sich über einen Verein oder den Kindernotbetreuungsdienst Hilfe zu organisieren:

Kind krank: Kommunizieren Sie mit Ihrem Chef

Der wichtigste Tipp lautet hier: Ehrlichkeit und frühzeitiger Austausch machen sich bezahlt. Die meisten Vorgesetzten haben großes Verständnis, wenn ein Kind krank ist und Sie sich um die Betreuung kümmern müssen. Wenn Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen, den Arbeitgeber sofort informieren und falls erwünscht einen Krankenschein für das Kind einreichen, müssen Sie nur selten mit Problemen vom Chef rechnen.

Wenn Sie einen besonders guten Eindruck machen wollen, können Sie zudem anbieten, einen Teil der Arbeit von zuhause aus zu erledigen. Dies gilt natürlich nur, wenn die Betreuung des kranken Kindes diesen Spielraum zulässt. Da Sie dazu nicht verpflichtet sind, zeigen Sie Ihr Engagement und den Willen, Deadlines einzuhalten, Ihren Aufgaben nachzukommen und dem Arbeitgeber nicht im Stich zu lassen. Zudem können Sie bei Fragen weiterhin telefonisch erreichbar sein.

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[Bildnachweis: Lorelyn Medina by Shutterstock.com]
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14. Oktober 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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