Kind krank: Welche Rechte haben Arbeitnehmer?

Ist das eigene Kind krank, leiden berufstätige Eltern doppelt. Oberste Priorität hat natürlich das Wohl des Kindes, um das man sich jetzt kümmern möchte. Gleichzeitig steht das Pflichtgefühl Chef, Kollegen und Kunden gegenüber, weil möglicherweise dringende Projekte und Aufgaben liegen bleiben müssen. Gerade Eltern, deren Kinder bereits in die Kita gehen, wissen, wie schnell ein Kind krank werden kann. Natürlich bleibt ein krankes Kind zuhause und hütet das Bett – aber welche Rechte haben Sie als Arbeitnehmer, wenn Ihr Kind krank wird? Mindestens ein Elternteil möchte beim kranken Kind zuhause bleiben, aber ist das erlaubt? Die gute Nachricht in Kurzform lautet: Ja, Sie dürfen zuhause bleiben, wenn Ihr Kind krank wird. Die schlechte Nachricht auf der anderen Seite: Diese Regelung gilt nicht uneingeschränkt. Das müssen Arbeitnehmer wissen, wenn das Kind krank ist…

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Kind krank: Welche Rechte haben Arbeitnehmer?

Kind krank: Dürfen Arbeitnehmer zuhause bleiben?

Die wichtigste Frage, die sich berufstätige Eltern zuerst stellen, wenn ein Kind krank wird, lautet: Darf ich zuhause bleiben, um mein Kind zu pflegen und zu betreuen? Die Antwort darauf lautet zunächst einmal: Ja, die Fürsorge und Betreuung des Kindes steht in diesem Fall zunächst über den arbeitsrechtlichen Verpflichtungen, wenn es keine Möglichkeit gibt, ein krankes Kind anders betreuen und pflegen zu lassen.

In Paragraph 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) wird geregelt, dass es Arbeitnehmern unter bestimmten Umständen gestattet ist, der Arbeit fernzubleiben. Konkret heißt es dazu im Gesetzestext: Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, dass er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird.

Ist das eigene Kind krank, liegt genau solch eine nicht verschuldete und nicht erhebliche Zeit vor, in der ein Arbeitnehmer verhindert ist. Ihr Arbeitgeber muss Sie somit freistellen, wenn Sie zuhause bleiben wollen, um ein krankes Kind zu pflegen.

Dabei ist es möglich, dass Sie schon morgens vor dem Arbeitstag Bescheid geben, dass Sie aufgrund eines kranken Kindes nicht zur Arbeit kommen können. Denkbar ist aber auch, dass sich beispielsweise die Kita bei Ihnen meldet und Ihnen mitteilt, dass Sie Ihr krankes Kind abholen müssen. In diesem Fall dürfen Sie früher von der Arbeit gehen, um Ihren elterlichen Verpflichtungen nachzukommen.

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Wie lange darf ich mit einem kranken Kind zuhause bleiben?

Ist ein Kind krank, ist dies nur selten an einem einzelnen Tag ausgestanden und auskuriert. Vielleicht ist der Termin beim Arzt erst am nächsten Tag oder eine hartnäckige Erkältung macht der Gesundheit länger zu schaffen. Während das Kind krank ist, wollen Eltern verständlicherweise noch nicht wieder arbeiten gehen, wenn keine andere Möglichkeit der Betreuung gegeben ist.

Wie lange berufstätige Eltern für ein krankes Kind zuhause bleiben dürfen, ist dabei gesetzlich genau geregelt. Der oben genannte § 616 BGB geht darauf noch nicht genau ein – dafür jedoch Paragraph 45 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V). Er regelt den Anspruch und die Dauer von Krankengeld bei Erkrankung des Kindes. Dort heißt es:

Versicherte haben Anspruch auf Krankengeld, wenn es nach ärztlichem Zeugnis erforderlich ist, daß sie zur Beaufsichtigung, Betreuung oder Pflege ihres erkrankten und versicherten Kindes der Arbeit fernbleiben […]

Ebenfalls wird in § 45 SGB V klar definiert, wie lang dieser Anspruch besteht – wie lange Eltern also zuhause bleiben dürfen, wenn das Kind krank ist. Abhängig ist dieser von Ihrem Familienstand, ob Sie also verheiratet sind oder das Kind alleine betreuen.

  • Verheirateten

    Verheirateten Arbeitnehmern stehen pro Kind jeweils zehn Kinderkrankentage pro Kalenderjahr zu. Haben Sie und Ihr Partner zwei Kinder, können Sie also jeweils 20 Tage insgesamt zuhause ein krankes Kind versorgen. Bei weiteren Kindern ist der Anspruch auf maximal 25 Tage im Jahr begrenzt.

  • Alleinerziehende

    Als alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater haben Sie ein Anrecht auf bis zu 20 Tage Freistellung pro Kind, bei mehreren Kindern wird die Dauer auf 50 Tage begrenzt.

Verheiratete berufstätige Eltern können die Tage, die sie ein krankes Kind betreuen, theoretisch untereinander aufteilen und den eigenen Anspruch an den Ehepartner weitergeben. Soll heißen: Haben beide Partner bei einem Kind jeweils zehn Kinderkrankentage, kann auch einer der beiden 20 Tage im Jahr nutzen, um zuhause zu bleiben, wenn das Kind krank ist. Allerdings ist dies nur möglich, wenn die Arbeitgeber dem zustimmen. Sie können dies nicht im Alleingang bestimmen und festlegen.

Teilweise wird auch im Arbeitsvertrag genauer geregelt, in welchem Umfang Mitarbeitern Sonderurlaub für die Betreuung gewährt wird, sollte ein Kind krank sein.

Voraussetzungen für die Betreuung eines kranken Kindes

Durch die gesetzliche Grundlage soll es berufstätigen Eltern ermöglicht werden, die Fürsorge und Pflege für ein krankes Kind zu übernehmen, ohne sich in diesem Zeitraum Sorgen um die Arbeit machen zu müssen. Allerdings sind diese Rechte an bestimmte Voraussetzungen gebunden. So gilt zunächst: Die Regelungen gelten für die Betreuung leiblicher Kinder ebenso wie für Stief- oder Adoptivkinder.

Für das kranke Kind eines guten Freundes oder Ihr Patenkind haben Sie hingegen keinen Anspruch, der Arbeit fernzubleiben. Darüberhinaus müssen einige weitere Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Sie und Ihr Kind sind in der gesetzlichen Krankenkasse versichert.
  • Ihr Kind ist 12 Jahre alt (oder jünger) oder behindert und auf Hilfe angewiesen.
  • Es gibt niemanden im Haushalt – etwa Großeltern – der sich um das Kind kümmern kann.
  • Sie können durch ein ärztliches Attest nachweisen, dass Ihr Kind krank ist und Betreuung benötigt.

Sollten also Großeltern im selben Haus oder gleich nebenan wohnen, könnten diese sich grundsätzlich um das kranke Kind kümmern, im schlimmsten Fall muss der Chef den Pflegetag dann nicht akzeptieren. Dies gilt jedoch nur für Verwandte. Der Arbeitgeber darf nicht verlangen, dass Sie das kranke Kind beispielsweise bei einem netten Nachbarn unterbringen und dort versorgen lassen.

Auch gelten diese Regelungen nicht, wenn Sie als Selbständiger in einer privaten Krankenkasse versichert sind. Meist sorgen in solchen Fällen Privatversicherte mit einer Zusatzversicherung vor.

Kind krank: Gibt es eine Lohnfortzahlung?

Dass Sie einen Anspruch auf Freistellung haben, um ein krankes Kind zu versorgen, ist schon einmal die wichtigste Voraussetzung. Doch wie sieht es in dieser Zeit mit einer Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber aus? oder anders gefragt: Bekommen Sie weiterhin Ihr Gehalt, wenn Sie zuhause bleiben, weil Ihr Kind krank ist?

Zunächst einmal gilt dabei: Lohnfortzahlung wird gewährleistet und ist vom Arbeitgeber zu zahlen, wenn Sie als Arbeitnehmer selbst erkrankt sind und deshalb ausfallen. Ist ein Kind krank, ergibt sich daraus somit noch kein Anspruch auf Lohnfortzahlung, sondern lediglich das Recht, zuhause zu bleiben.

An diesem Punkt wird die Rechtslage für berufstätige Eltern mit kranken Kindern ein wenig kompliziert. Denn ob die Freistellung vergütet wird und eine Lohnfortzahlung erfolgt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Zunächst einmal greift der oben bereits angesprochene Paragraph 616 BGB, der festlegt, dass Arbeitnehmer den Anspruch für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit ihren Anspruch auf Vergütung nicht verlieren. Heißt zunächst: Unter diesem Aspekt dürfen Sie mit einer Lohnfortzahlung rechnen.

Allerdings müssen dabei zwei wichtige Faktoren – oder besser gesagt Haken – beachtet werden:

  • Für welche Dauer die Lohnfortzahlung gilt, ist unklar

    Teilweise wird es wie im Paragraph 45 SGB V interpretiert, das hieße: Bis zu 10 Tage Abwesenheit würden finanziert. Allerdings hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) die Formulierung als fünf Tage Abwesenheit ausgelegt (BAG 5.8.2014 – 9 AZR 878/12).

  • Der Arbeitgeber ist nicht an die Regelung gebunden

    Viele Arbeits- und Tarifverträge begrenzen diesen Anspruch nach § 616 BGB oder schließen ihn sogar ganz aus. Auch die ersten fünf Tage bei vollem Lohn sind kein Muss.

Sollte Ihr Arbeitsvertrag eine Ausschlussklausel hinsichtlich einer bezahlten Freistellung enthalten, verzichten Sie mit Ihrer Unterschrift auf eine Lohnfortzahlung bei Krankheit Ihres Kindes. Sie können zwar dann unter den genannten Bedingungen der Arbeit fernbleiben, um Ihr krankes Kind zu betreuen – Gehalt gibt es dann aber nicht.

Damit Sie in diesem Fall finanziell weiterhin abgesichert sind, können Sie das sogenannte Kinderkrankengeld (auch Kinderpflege-Krankengeld genannt) bei Ihrer Krankenkasse beantragen.

Es beträgt 70 Prozent des Bruttoverdienstes, maximal aber 90 Prozent des Nettoverdienstes. Durchschnittlich bekommen Versicherte etwa 75 Prozent des Nettoverdienstes.

Wichtig zu beachten ist, dass Sie nicht gleichzeitig Anspruch auf beide Varianten haben können. Soll heißen: Kinderkrankengeld können Sie nur erhalten, wenn es keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung für die Betreuung eines kranken Kindes gibt. Beispielsweise weil eine Lohnfortzahlung nach § 616 BGB im Arbeitsvertrag ausgeschlossen wurde.

Informieren Sie Ihren Arbeitgeber sofort, wenn das Kind krank ist

Ein häufiger Fehler, denn Arbeitnehmer aus eigener Gewohnheit machen, kann arbeitsrechtliche Konsequenzen haben! Während Arbeitnehmer selbst gesetzlich erst nach mehr als drei Tagen Krankheit, also am vierten Tag, ein ärztliches Attest vorlegen müssen, ist dies bei erkrankten Kindern anders:

Vom ersten Tag an besteht Anzeige- und Nachweispflicht, das heißt, Sie müssen Ihren Arbeitgeber darüber informieren, dass Sie wegen eines erkrankten Kindes zuhause bleiben und für wie lange dies voraussichtlich dauern wird. Außerdem benötigen Sie für das Kind eine Krankschreibung vom Kinderarzt, wenn Ihr Arbeitgeber diese sehen möchte.

Verstößt ein Elternteil gegen diese Pflichten, kann ein Arbeitgeber eine Abmahnung aussprechen und bei wiederholtem Vorkommen sogar die verhaltensbedingte Kündigung.

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FAQ: Die wichtigsten Fragen und Antworten, wenn ein Kind krank ist

Ist ein Kind krank, haben berufstätige Eltern oft noch weitere Fragen. Um diese zu beantworten, haben wir ein kurzes FAQ mit häufig gestellten Fragen erstellt.

  • Was tun, wenn die Krankheitstage ausgeschöpft sind?

    Die schlechte Nachricht: Ist Ihr Kind über einen längeren Zeitraum oder häufiger erkrankt, sind die zehn Krankheitstage, die Ihnen zustehen, schnell ausgeschöpft. Und Ihr Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, Sie darüberhinaus freizustellen.

    Manch einer kommt in dieser Situation auf die Idee, eine eigene Erkrankung vorzutäuschen, um mit dem kranken Kind zuhause bleiben zu können. Dies sollten Sie aber in keinem Fall tun, denn solch ein Fehlverhalten ist kein Kavaliersdelikt. Kommt das heraus, ist das im Zweifel ein Grund zur fristlosen Kündigung.

    Bei verheirateten Eltern kann der Partner seine Krankheitstage nutzen oder diese möglicherweise auf den anderen Teil übertragen. Ein Beispiel: Wenn die Mutter ihre zehn jährlichen Fehltage ausgeschöpft hat, kann sie versuchen, sich die Tage vom Vater übertragen zu lassen, wenn dieser zur Übernahme der Kinderbetreuung nicht in der Lage ist.

    Das geht allerdings nur unter folgenden Voraussetzungen:

    • Beide Elternteile sind in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert und einer – in unserem Beispiel der Vater – kann die Betreuung des erkrankten Kindes aus beruflichen Gründen nicht übernehmen.
    • Beide Arbeitgeber müssen dieser Regelung zustimmen.
  • Was gilt, wenn das kranke Kind älter als zwölf Jahre ist?

    In dem Fall haben die Eltern keinen Anspruch mehr auf Kinderkrankengeld. Allerdings steht Ihnen auch nach § 616 BGB zu, aus unverschuldeten, persönlichen Gründen der Arbeit für kurze Zeit fernzubleiben und die Pflege eines Kindes gehört dazu.

    Für § 616 BGB ist das Alter des Kindes unerheblich und der Arbeitgeber zur Vergütung verpflichtet – sofern dies nicht arbeitsvertraglich ausgeschlossen wurde. Sollte dies der Fall sein, müssen Sie Urlaub einzureichen oder mit dem Arbeitgeber unbezahlten Urlaub vereinbaren.

  • Wann kann eine Haushaltshilfe bei einem kranken Kind einspringen?

    Die Antwort darauf lautet zunächst: Überhaupt nicht. Nur wenn die Eltern selbst erkranken und sich nicht um ihre Kinder kümmern können, zum Beispiel, wenn sie im Krankenhaus liegen oder eine Kur machen, bezahlt die Krankenkasse eine Haushaltshilfe. Eine Haushaltshilfe ersetzt nicht eine gesunde Mutter, sondern nur eine kranke.

  • Was, wenn der Partner auch erkrankt ist?

    Grassiert gerade ein grippaler Infekt, erwischt es nicht selten sukzessive die ganze Familie. Wenn also Mutter und Kind krank sind, darf der Vater zuhause bleiben? Oder ist die Mutter dann eine im Haushalt lebende Person, die sich um die Betreuung kümmern kann? Ganz einig sind sich die Arbeitsgerichte diesbezüglich nicht. Ist das Kind unter 12 Jahre alt oder behindert, können Sie bei der Krankenkasse die Haushaltshilfe beantragen – in dem Fall muss der gesunde Elternteil arbeiten gehen.

Krankes Kind: Tipps für die Kommunikation mit dem Chef

Der wichtigste Tipp lautet hier: Kommunizieren Sie möglichst frühzeitig und ehrlich mit Ihrem Arbeitgeber. Die meisten Chefs haben großes Verständnis, wenn ein Kind krank ist und Sie sich um die Betreuung kümmern müssen. Wenn Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen, den Arbeitgeber sofort informieren und falls erwünscht einen Krankenschein für das Kind einreichen, müssen Sie nur selten mit Problemen vom Chef rechnen.

Wenn Sie einen besonders guten Eindruck machen wollen, können Sie zudem anbieten, einen Teil der Arbeit im Home-Office zu erledigen. Dies gilt natürlich nur, wenn die Betreuung des kranken Kindes diesen Spielraum zulässt. So zeigen Sie weiterhin Engagement und den Willen, Deadlines einzuhalten und Ihren Aufgaben nachzukommen.

Auch können Sie erklären, dass Sie bei Fragen telefonisch erreichbar sind und gerne weiterhelfen, soweit dies in der Zeit möglich ist. Demonstrieren Sie, dass Sie weiterhin ans Team denken und bereit sind, den Arbeitgeber zu unterstützen.

Wenn wirklich alle Stricke reißen, haben Sie außerdem in vielen Städten die Möglichkeit, sich über einen Verein oder den Kindernotbetreuungsdienst Hilfe zu organisieren:

In allen Fällen wünschen wir: Gute Besserung!

[Bildnachweis: Lorelyn Medina by Shutterstock.com]
18. Mai 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt mehr als 20 Jahre als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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