Gehaltsverhandlung: Jahresanfang guter Zeitpunkt?

Man kann vieles richtig machen – und trotzdem scheitern: Zu Jahresbeginn stehen mal wieder die Gehaltsverhandlungen mit dem Chef an. Alles ist perfekt vorbereitet, im Gespräch werden vergangene Leistungen sowie der Mehrwert für das Unternehmen gelobt. Trotzdem würgt der Chef die Frage nach einer Gehaltserhöhung ab, er habe selbst gerade eine Budgetkürzung erfahren. Alle müssen sparen. Und wo man gerade zusammensitzt: Wie sieht es eigentlich bei Ihnen aus – Sparpotenziale??? Dumm gelaufen. Oder besser gesagt: Timing ist alles…

Gehaltsverhandlung: Jahresanfang guter Zeitpunkt?

Ist der Jahresbeginn ein guter Zeitpunkt für Gehaltsverhandlungen?

Zur rechten Zeit am rechten Ort sein, die Zeichen der Zeit erkennen, die Gunst der Stunde nutzen, den rechten Augenblick abpassen, wissen, was die Stunde geschlagen hat – die Tugenden muss beherrschen, wer im Leben, in der Liebe und im Beruf bestehen will. Oder eben bei Gehaltsfragen. Nicht wenige stellen deshalb gerade jetzt die Frage:

Ist der Jahresanfang ein perfekter Zeitpunkt für mehr Gehalt?

Der Chef kommt frisch aus dem Skiurlaub, das Jahresbudget ist noch unverbraucht und Ihre Vorjahresleistung exakt bilanzierbar. Ein perfekter Zeitpunkt, oder? Die ehrliche, aber unbefriedigende Antwort:

Es kommt darauf an.

Jedenfalls ist er nicht zwingend besser oder schlechter als der 4. Februar, der 13. Juli oder 29. September. Um das richtige Timing zu finden, müssen Sie – leider – ein paar Variablen ins Lot bringen:

  • Die Unternehmenslage

    War 2014 ein erfolgreiches Geschäftsjahr für das Unternehmen und sind die Aussichten für 2015 ähnlich, gibt es auch beim Gehalt mehr Spielraum – und umgekehrt.

  • Die Leistungen

    Wissen Sie genau, was Ihr Chef über Ihre bisherigen Leistungen denkt. Ein guter Zeitpunkt für eine Gehaltsverhandlung ist immer, wenn Sie ein Projekt erfolgreich abgeschlossen haben. Es könnte aber auch die positive Bilanz Ihres bisherigen Schaffens sein, die Sie etwa im Mitarbeitergespräch klären.

  • Die Laune

    Kein Scherz. Wenn Ihr Vorgesetzter im Stress ist oder gerade selbst einen Dämpfer von seinem Boss bekommen hat, wird er für Ihre Forderungen sicher kein besonders offenes Ohr haben. Er ist schließlich auch nur ein Mensch. Ist er zum Beispiel ein Morgenmuffel? Dann sollten Sie besser einen Termin am Nachmittag machen. Der Freitag ist auch ein günstiger Termin – die meisten Menschen sind dann besser gelaunt, weil das Wochenende naht. Falls es Ihren Boss aber schon ab 15 Uhr heim zur Familie zieht, sollten Sie ihm ein solches Gespräch nicht vorher aufbürden – er hat dann weniger Zeit und Lust.

  • Das Wetter

    So irrsinnig das auch klingt: Selbst das Wetter kann Ihnen in die Karten spielen. Bei Sonnenschein sind viele Menschen großzügiger, wie etwa die US-Wissenschaftler Bruce Rind und David Strohmetz im Jahr 2006 feststellten.

Argumente für mehr Gehalt

Zudem brauchen Sie ein paar handfeste Argumente für die angestrebte Gehaltserhöhung. „Weil gerade Silvester war…“ ist sicher kein Argument. Nur weil der Kalender umgestellt, die Oma zum Pflegefall und Ihr Auto vom TÜV als nicht mehr verkehrssicher eingestuft wurde, bezahlt Ihnen Ihr Arbeitgeber nicht mehr Gehalt.

Das Unternehmen ist nicht die Wohlfahrt, sondern darauf aus Gewinn zu machen.

Wenn Sie also mehr Geld möchten, müssen Sie letztlich den Blick nach vorne richten. Nicht weil auf einmal 2015 angebrochen ist, wollen Sie mehr Gehalt, sondern weil Sie beispielsweise dieses Jahr ein großes Projekt verantworten, dass dem Unternehmen 10 Prozent mehr Umsatz beschert.

Der beste Tipp für mehr Gehalt ist zugleich der banalste: Argumentieren Sie stets mit Leistung und Mehrwert, den Sie schaffen werden. Idealerweise können Sie das mit erst kürzlich realisierten Erfolgen unterfüttern. Wer im vergangenen Jahr, nun ja, eher eine ruhige Kugel geschoben hat, wird sich in der Verhandlung entsprechend schwer tun.

Und ebenfalls wichtig: Formulieren Sie immer ein klares Ziel. Wer herum eiert à la „500 Euro wären ganz nett“, erntet sicher nichts Nettes, sondern nichts. Formulieren Sie also stets ein konkrete Hausnnummer: 3015 Euro sind besser als 3000 Euro. Ernsthaft!

Die Wissenschaftler um Malia Mason und Daniel Ames ließen bei ihren Experimenten dazu 1254 Laien-Verhandler immer wieder simuliert Schmuck kaufen und zuvor um den Preis feilschen. Der Trick war allerdings, dass die eine Hälfte der Gruppe nur auf- beziehungsweise abgerundete Zahlen nannte (4000 Dollar, 5000 Dollar, …), während die zweite Hälfte der Probanden stets ganz exakte und durchaus um krumme Preise verhandelte (4317 Dollar, 5015 Dollar, …).

Der Ergebnis war verblüffend: Wer einen präzisen Preisvorschlag macht, schien sofort besser über den wahren Wert des Schmucks informiert zu sein – und gewann in der Verhandlung damit prompt die Oberhand.

Kurzum: Es ist ein Psychotrick, der dem Gegenüber signalisiert: Ich hab meine Hausaufgaben gemacht. Ich weiß genau, was ich wert bin! Und das lässt umgekehrt weniger Verhandlungsspielraum. Und über den Erfolg auch von Gehaltsverhandlungen entscheidet nicht zuletzt Ihr Selbstvertrauen und selbstbewusstes Auftreten.

Ist der Jahresbeginn also ein guter Zeitpunkt für mehr Geld?

Ja, er kann es sein. Er ist aber nicht unbedingt besser oder schlechter als jeder andere Termin, wenn Ihre Argumente stimmen und der Rest des Timings auch.

Was bleibt Netto vom Brutto?

Was bleibt Netto vom BruttoApropos Gehalt: Vielleicht wollen Sie herausfinden, was von Ihrem nächsten Bruttogehalt netto übrig bleibt. Für den Fall haben wir für Sie einen kostenlosen Brutto-Netto-Gehaltsrechner. So können Sie zum Beispiel feststellen, wie viel von der angepeilten Bruttoerhöhung nach dem Abzug von Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen auf dem Bankkonto netto ankommt. Einfach Ihren aktuellen Bruttolohn eingeben, Lohnsteuerklasse, Kirchensteuer und weitere Angaben. Schon berechnet das kostenlose Tool Ihr Nettogehalt.

Darum sind unsere frühen (Einstiegs)Gehälter so wichtig

Es ist ein simples Rechenbeispiel: Je weniger Sie in jungen Jahren verdienen, desto langsamer entwickelt sich Ihr Lebenseinkommen prozentual.

Ein Beispiel:

Gehaltssteigerungen werden (bei Angestellten) in der Regel prozentual verhandelt – und genau das macht das Einstiegsgehalt so entscheidend. Ob eine(r) in jungen Jahren mit einem 30.000 Euro Jahresbruttogehalt einsteigt oder mit 50.000 Euro und alle drei Jahre einen 5-prozentigen Aufschlag erhält, macht bereits einen enormen Unterschied:

Beispielrechnung: Einstiegsgehalt 30.000 Euro

(Annahme: alle drei Jahre eine Gehaltserhöhung um 5 Prozent)

  • 1. Jahr: 30.000 Euro
  • ab 3. Jahr: 31.500 Euro
  • ab 6. Jahr: 33.075 Euro
  • ab 9. Jahr: 34.728,75 Euro

Beispielrechnung: Einstiegsgehalt 50.000 Euro

  • 1. Jahr: 50.000 Euro
  • ab 3. Jahr: 52.500 Euro
  • ab 6. Jahr: 55.125 Euro
  • ab 9. Jahr: 57.881,25 Euro

Der Berufseinsteiger mit 30.000 Euro verdient in den ersten zehn Jahren also insgesamt: 323.182,50 Euro. Der Berufseinsteiger mit 50.000 und derselben Laufbahn aber schon 538.637,50 Euro – ein Unterschied von stolzen 215.455 Euro in nur zehn Jahren!

Davon können sich manche schon ein Reihenhaus kaufen. Und hochgerechnet auf eine Lebensarbeitszeit von rund 40 Jahren beläuft sich der Unterschied dank des Zinseszinseffekts schon auf über eine Million Euro.

Da sich die Studie ebenfalls auf Lebenseinkommen bezieht, macht es über den Zinseszinshebel einen enormen Unterschied wie viel jemand in den ersten zehn Jahren verdienen und sein Einkommen steigern kann. Wer hoch einsteigt und schnell erhöhen kann, erreicht also – bei gleichem Karriere-/Einkommensverlauf – deutlich mehr (materiellen) Reichtum.

Mehr noch: Die Gehaltsbiografie 2016 der COP CompensationPartner GmbH (PDF), für die mehr als 200.000 Gehaltsdaten analysiert wurden, zeigt eindrucksvoll, wie sich die Fachkräfte-Gehälter von Männern und Frauen im Verlauf einer Karriere entwickeln:

Gehaltsunterschied-Maenner-Frauen-Lebenseinkommen

Ergebnis: Was Frauen in ihren 30er Jahren verdienen ist meist schon das mögliche Maximum. Danach stagniert die Gehaltskurve im Gegensatz zu der der Männer (die allerdings auch flacher wird). Aber auch hieran wird deutlich, wie wichtig eine anfangs zügige Gehaltsentwicklung ist und wie langfristig sie sich letztlich auswirkt.

Sie können es auch anders herum betrachten: Wer nicht regelmäßig und gut über sein Gehalt verhandelt, verschenkt de facto Geld, das ihr oder ihm später im Alter und im Ruhestand fehlt. Eine US-Studie hat diesbezüglich mal ermittelt, dass einem dabei – rein rechnerisch – die Summe von mehr als einer halben Million Euro durch die Lappen geht – nur weil wir nicht verhandeln.

[Bildnachweis: cartoonresource by Shutterstock.com]
20. Februar 2017 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px

Andere Besucher lesen gerade diese Artikel:



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.


Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!