Timing: Die Gunst der Stunde nutzen

Man kann vieles richtig machen – und trotzdem scheitern: Wenn das Timing nicht stimmt, kann plötzlich alles schief laufen. Der Termin mit dem Chef steht seit drei Wochen, die Gehaltsverhandlung ist perfekt vorbereitet, im Gespräch werden vergangene Leistungen sowie der Mehrwert für das Unternehmen betont. Trotzdem würgt der Chef die Debatte ab, er habe gerade selbst eine Budgetkürzung erfahren. Alle müssen sparen. An mehr Geld ist nicht zu denken. Timing ist alles. Zur rechten Zeit am rechten Ort sein, die Zeichen der Zeit erkennen, die Gunst der Stunde nutzen, den rechten Augenblick abpassen, wissen, was die Stunde geschlagen hat, … – wer im Leben, in der Liebe und im Job den Erfolg will, muss das beherrschen und möglichst oft das perfekte Timing finden…

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Timing: Die Gunst der Stunde nutzen

Timing: Definition des richtigen Augenblicks

Von Timing ist die Rede, wenn etwas genau im richtigen Moment geschieht. Synonym wird auch vom optimalen Zeitpunkt, einer perfekten zeitlichen Abstimmung oder guter Zeiteinteilung gesprochen Stimmt das Timing, können erstaunliche Ergebnisse entstehen, weshalb es in vielen Bereichen eine wichtige Fähigkeit und Pluspunkt ist, das Timing zu perfektionieren.

Profis wissen um die Macht des perfekten Zeitpunkts – und auch um die Gefahren, wenn das Timing misslingt.

  • Orchestermusiker ohne rechtes Timing klingen wie der Einsteigerkurs für musikalische Früherziehung.
  • Fotografen mit schlechtem Timing fangen keinen magischen Augenblick ein, sondern halten merkwürdige Grimassen fest.
  • Börsenspekulanten ohne Gespür für den richtigen Moment, verkaufen entweder zu spät oder steigen zu spät ein. Auf jeden Fall machen sie Verlust.

„Nichts auf der Welt ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, sagte einst Victor Hugo. Und man möchte dem hinzufügen: Nichts lässt sie grandioser misslingen als schlechtes Zeitmaß.

Leider lässt sich sehr häufig beobachten, wie das Timing vollkommen falsch gewählt wird. Ein Projekt wurde gerade so richtig in den Sand gesetzt – kein guter Zeitpunkt für Gespräche über die eigene berufliche Zukunft. Nachdem der Chef das Team zu mehr Motivation und Engagement angespornt hat, ist es nicht das beste Timing, um früher Feierabend zu machen.

Zugegeben ist es nicht immer leicht, das perfekte Timing zu finden. Die große Kunst besteht deshalb darin, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Das erfordert Aufmerksamkeit, Analyse und Aufschub – oder eben sofortiges handeln.

Drei Wünsche frei: Ein Witz über perfektes Timing

Zwei Mitarbeiter und ihr Chef finden in der Mittagspause eine alte Lampe mit einem Geist darin. Der offenbart ihnen jeweils einen Wunsch. „Ich zuerst. Ich zuerst“, brüllt Kasupke aus dem Marketing. „Ich möchte an einem Strand auf den Seychellen umringt von den hübschesten Mädchen liegen…“ KLONK – der Wunsch geht in Erfüllung. „Jetzt ich“, fordert Lehmann vom Controlling. „Ich möchte Rockstar sein und ein Penthouse in New York bewohnen…“ KLONK – auch der Wunsch geht in Erfüllung. „Und du?“, fragt der Geist den Chef. „Ich möchte, dass die beiden nach der Mittagspause wieder im Büro sind.“

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Timing: Glück oder Gespür?

Timing ist enorm wichtig und kann zum Erfolg oder dem Gelingen eines Vorhabens beitragen. Dabei muss man aber auch zugeben: Timing kann manchmal viel mit Zufall und Glück zu tun haben. Wie heißt es so schön: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – das ist nicht immer ein gezielter Plan, sondern manchmal eine glückliche Wendung.

Beispiele für solch glückliches Timing kann es in unterschiedlichsten Situationen geben: Sie verpassen Ihren Flieger und kommen in der Wartelounge mit einem Mann ins Gespräch, der gerade auf der Suche nach einem neuen Geschäftsführer ist – jemand, wie Ihnen.

Oder Ihr Chef hört zufällig, wie Sie von einer Idee für die Umsatzsteigerung sprechen und ist davon so begeistert, dass er diese sofort aufgreift und Ihnen die Verantwortung für die Umsetzung überträgt. Das ist ein super Timing, aber eben auch pures Glück. Und wer auf so ein glückliches Timing wartet, braucht in der Regel sehr viel Geduld.

Viel öfter ist erfolgreiches Timing eine Frage des Gespürs.

Was viele erfolgreiche Menschen eint: Sie entwickeln schon frühzeitig sensible Antennen dafür, wann es besser ist, die Klappe zu halten oder selbige aufzumachen. Kurz gesagt: Sie erkennen das perfekte Timing zielsicher und handeln entsprechend.

  • Sie machen zum Beispiel im Meeting öfter Pausen und schonen so ihre Kräfte bis sich alle müde gestritten haben und offenbaren dann erst einen Vorschlag, der von allen am wenigsten Veränderung erfordert. Breiter Applaus ist ihnen sicher.
  • Ebenso wissen sie, dass es nicht klug ist, eigene Konzepte zu präsentieren, wenn der Chef einen gerade auf dem Kieker hat.
  • Und dass man mit dem Boss nicht über mehr Gehalt spricht, wenn der gerade schlechte Laune hat, gehört für sie ebenfalls zum kleinen Einmaleins.

Zum richtigen Timing zählt aber nicht nur Pünktlichkeit im Sinne von: auf den Punkt genau platziert. Auch auf das rechte Tempo kommt es an.

Rechtzeitig fertig werden, können einige. Es schadet aber, wenn jemand anderes parallel ein noch schillernderes Projekt abschließt. Das mindert immer Aufmerksamkeit, denn man muss sie sich nun teilen. Schlauer wäre deshalb, schneller zu sein und die Abschlussrede zuerst zu halten. Oder etwas später, um dem anderen die Schau zu stehlen (falls das geht).

Um ein Gespür für das perfekte Timing zu entwickeln, sollten Sie sich deshalb einige Fragen stellen:

  • Wäre ein anderer Zeitpunkt vielleicht besser?

    Nicht jedes Timing ist so gut, wie es auf den ersten Blick scheint. Es lohnt sich deshalb, noch einen Moment abzuwarten und zu reflektieren. Vielleicht sind Sie so sehr von Ihrer Idee oder Ihrem Vorhaben begeistert, dass Sie diese sofort mit anderen teilen wollen – ohne zu merken, dass Sie einen Denkfehler gemacht haben oder dass es diese Idee schon einmal gab. Richtiges Timing kann auch heißen, lieber noch einmal zu warten und zu hinterfragen.

  • Bekomme ich jetzt die volle Aufmerksamkeit?

    Selbst der beste Lösungsvorschlag verfehlt seine Wirkung, wenn keiner davon mitbekommt oder auf Sie achtet. Wenn das gesamte Team gerade abgelenkt oder mit einer anderen Aufgabe beschäftigt ist, ist es nicht das richtige Timing. Sind hingegen alle Augen und Ohren auf Sie gerichtet, können Sie punkten – dann muss der Vorschlag aber natürlich auch entsprechend gut sein.

  • Ist es die passende Situation?

    In einem Meeting, bei dem es um neue Ideen und Innovationen geht, mag es passend sein – doch wenn Sie dem Chef auf dem Flur begegnen, ist es möglicherweise nicht die richtige Situation, um ein Gespräch über den großen Umbruch, den Sie in der Abteilung planen, vom Zaun zu brechen. Beziehen Sie für das perfekte Timing immer die Umstände mit ein.

Die Gunst der nächsten Stunde: Timing ist keine Einmal-Chance

Wahr ist aber auch: Optimale Zeitfenster öffnen sich im Leben immer wieder. Die wenigsten sind einmalig. Das ist die gute Nachricht.

Deshalb gehört Geduld und Abwarten können zur Strategie des richtigen Timings ebenso dazu, wie auch die Gunst der nächsten Stunde nutzen zu können. Zumindest, wenn man dafür aufmerksam genug ist und flexibel. Dann aber auch wieder beharrlich, um dranzubleiben.

1962 stellte sich zum Beispiel eine kleine Band mehreren Plattenfirmen vor. Sie erhielt lauter Absagen. Das Unternehmen Decca Records bescheinigte ihnen gar, Gitarrengruppen seien aus der Mode.

Schlechtes Timing. Für den Moment jedenfalls. Die Truppe gab dennoch nicht auf und fand schließlich doch noch eine Plattenfirma. Der Name der Band: The Beatles.

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Das beste Timing für alle Vorhaben

Sam Carpenter ist zwischen 10 Uhr vormittags und mittags am produktivsten, danach wieder zwischen 17 und 20 Uhr. Das fand der Buchautor nach einem experimentellen Jahr heraus, in dem er sich ausgiebig mit Techniken zur Steigerung seiner Produktivität beschäftigt hatte. Herausgekommen war das Werk: „The Productivity Project“. Übertragbar auf den Rest der Menschheit sei das aber nicht, sagt der Autor. Jeder müsse selbst herausfinden, wann sein Körper auf Hochtouren läuft und wann die beste Zeit zum Schaffen ist.

Immerhin, es gibt (man kann das glauben oder nicht) dennoch ein paar wissenschaftlich fundierte Bestzeiten für diverse Lebenslagen. Wissen Sie beispielsweise, wann Sie Ihren Chef idealerweise nach einer Gehaltserhöhung fragen sollten oder welches Timing für ein Vorstellungsgespräch – aus wissenschaftlicher Sicht – optimal ist? Falls nicht, dann haben wir ein paar Anregungen für das perfekte Timing…



Perfektes Timing für die erste Tasse Kaffee

Wissenschaftler erklären es so: Zwischen 8 und 9 Uhr schüttet unser Körper noch verstärkt das Stresshormon Hydrocortison aus, was unseren Stoffwechsel aktiviert. Das Koffein kann dann aber seine Wirkung nicht entfalten: Kaffee trinken – wirkungslos. Erst, wenn der Wert des Hydrocortison wieder sinkt, macht das braune Getränk munter. Daher ist die bessere Zeit für die erste Tasse Kaffee: 9.30 Uhr. Wer wiederum sehr früh aufsteht, sollte mindestens eine Stunde bis zur ersten Tasse Kaffee warten. Auch zwischen 12 und 13 Uhr soll der Wert von Hydrocortison hoch sein, genauso zwischen 17.30 und 18.30 Uhr. Zu diesen Zeiten also lieber keinen Kaffee trinken.

Der beste Tag für die Bewerbung

Hat der Wochentag wirklich eine Auswirkung darauf, wie erfolgreich eine Bewerbung ist? Hat er, jedenfalls wenn man einer US-Studie Glauben schenkt. Danach ist Montag der ideale Bewerbungstag – und zwar mit deutlichem Abstand gegenüber den anderen Wochentagen. Ganze 30 Prozent der Kandidaten, die ihre Bewerbung montags einreichten, schafften es in die nächste Runde. Danach sinken die Chancen dramatisch: Am Dienstag liegt die Wahrscheinlichkeit nur noch bei 20 Prozent und sinkt immer weiter auf 14 Prozent (Samstag) zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Der ideale Tag für ein Vorstellungsgespräch

Wenn man Sie zum Bewerbungsgespräch einlädt, wird man Ihnen mindestens einen Termin (und ein bis zwei Alternativen) vorschlagen. Nutzen Sie die Gelegenheit, den Vorstellungstermin zu Ihren Gunsten zu verschieben (wie das geht, erfahren Sie HIER). Der beste Tag für Sie: Donnerstag.

Vor einiger Zeit schon haben Psychologen herausgefunden, dass Juroren bessere Noten vergeben, je weiter der Wettbewerb voranschreitet. Das ist auf das Bewerbungsgespräch übertragbar: Beim ersten Kandidaten hat der Interviewer noch keine Vergleichsmöglichkeiten, beim zweiten ist er aufmerksam und kritisch, wird aber zunehmend milder (und müder), je näher er dem Auswahlende kommt. Versuchen Sie also möglichst einen Termin am Mittwoch oder Donnerstag zu vereinbaren. Ideal: der Donnerstagvormittag so gegen 10 Uhr. Die Woche ist dann fast vorbei, um 10 sind aber alle (auch Sie) noch frisch.

Der produktivste Tag der Woche

Es ist schon eine Weile her, dass ein US-Forschungsinstitut ermittelte, welcher Werktag der produktivste in der Woche sei. Damals antworteten 57 Prozent: Dienstag. Dahinter folgte der Montag – und das, obwohl viele da noch den Blues haben. Das Schlusslicht des Rankings bildete – wenig überraschend – der Freitag: Spätestens ab Nachmittag denken da alle nur noch an den Feierabend.

Die richtige Uhrzeit für eine Präsentation

Kate Parkham kennt die perfekte Zeit für eine Präsentation: 10.30 Uhr. Dafür hat die Autorin mehrere Umfragen und Chronotypen studiert. Resultat: Um diese Zeit herum sind die sogenannten Lerchen noch hellwach, die Eulen kommen ebenfalls gerade auf Touren. Der Effekt: Jeder im Publikum ist maximal aufnahmebereit.

Gutes Timing für Telefonate

Um jemanden telefonisch zu erwischen – und ihn zum Beispiel als Neukunden zu gewinnen – rufen Sie ihn am Freitagvormittag an. Das empfiehlt Kaltakquise-Profi Dirk Ellerbrok. Die Laune der Angerufenen sei dann in der Regel bestens, schreibt er in seinem Blog. Weniger empfehlenswert seien der Montagvormittag (mit Meetings belegt) und der Freitagnachmittag (keiner mehr da). Um 16.30 Uhr sei man am jedem Wochentag meist zu spät dran. Und: Kurz vor einer vollen Stunde sind die Erfolgsaussichten ebenfalls gering, da oftmals Meetings anstehen. Mittags zwischen 11.30 und 13.30 ist ohnehin Sendepause. Wer sich nun die Zeiten dazwischen herauspickt, kommt eher durch.

Die beste Zeit für Sport (und Abnehmen)

Frühausteher, die direkt aus dem Bett ohne Frühstück auf die Joggingstrecke gehen, verbrennen 20 Prozent mehr Fett. Das haben Wissenschaftler der Universität von Northumbria in Newcastle herausgefunden. Demnach würden die Frühjogger ihre morgendliche Aktivität im Laufe des Tages auch nicht überkompensieren. Heißt: Wer schon vor dem Frühstückt Sport treibt, isst deshalb nicht mehr. Und noch ein Vorteil: Frühsport kurbelt den Kreislauf an.

Die perfekte Essenszeit

Um es auf den Punkt zu bringen: Nehmen Sie Ihr Frühstück um 7.11 Uhr zu sich, das Mittagessen um 12.38 Uhr und Ihr Abendbrot um 18.14 Uhr. Das sind die besten Zeiten für die Nahrungsaufnahme, sofern man einer Umfrage von Forza Supplements folgt. Die Diät-Dienstleister haben 1000 Abnehmwillige danach gefragt, welche Essenszeiten bei ihnen den größten Erfolg gebracht haben.

Der beste Zeitpunkt für mehr Geld

Ist Ihr Chef ein Morgenmuffel? Dann sollten Sie ihn vielleicht besser am Nachmittag nach einer Gehaltserhöhung fragen. Der Freitag ist zum Beispiel auch ein günstiger Termin – die meisten Menschen sind dann besser gelaunt, weil das Wochenende naht. Selbst der Jahreswechsel und das Wetter können Ihnen in die Karten spielen. Bei Sonnenschein sind viele Chefs großzügiger.

Benjamin Converse und Ayelet Fishbach von der Universität von Chicago sind die Frage jedoch wissenschaftlicher angegangen und untersuchten zunächst, wie sich die Anerkennung für einen Mitarbeiter entwickelt, während der versucht, ein wichtiges Ziel zu erreichen. Und siehe da: Ihren Höhepunkt erreicht sie überraschenderweise nicht beim erfolgreichen Abschluss eines Projekts, sondern kurz davor (PDF). Dann, wenn man die betreffende Person eben noch braucht, um das Ziel zu erreichen, der Erfolg aber zum Greifen nah ist. Dieser Wertschätzungs-Klimax signalisiert zugleich den perfekten Zeitpunkt für eine Gehaltserhöhung.



[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
6. Mai 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt mehr als 20 Jahre als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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