Geduld: So profitieren Sie von der Tugend

Geduld hat viele Namen: Ob Selbstkontrolle, Ausdauer, Frustrationstoleranz oder altertümlich auch Langmut. Sie gehört zu den Kerntugenden und bezeichnet – kurz – die Fähigkeit, auf etwas (geduldig) warten zu können. Geduld zu besitzen, bedeutet aber noch mehr: Wissenschaftler sind sich heute einig: Neben Intelligenz und Talenten ist Geduld ein wesentlicher Schlüssel für den beruflichen und Lebenserfolg. Wer sich gedulden und spontanen Impulsen widerstehen kann, verdient meist mehr, lebt gesünder und ist obendrein glücklicher…

Geduld: So profitieren Sie von der Tugend

Definition: Was es heißt, Geduld zu haben

Geduld Definition lernen synonymEine einheitliche Definition für Geduld gibt es nicht. Allgemein aber könnte man sagen:

Geduld ist eine Tugend, die es den Betroffenen erlaubt, unter Stress und Zeitdruck abwarten zu können, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, aber sich weiterhin auf ihr Ziel zu fokussieren.

Das Gegenteil dazu ist Ungeduld: Dabei erleben Betroffene in der Regel eine Art Hilflosigkeit und Überforderung gegenüber der Situation und den Umständen. Sie kommen langsamer voran als erhofft oder geplant, können daran aber nichts ändern und hadern damit. Ihre Geduld wird dabei – sprichwörtlich – auf eine harte Probe gestellt. Und spätestens wenn der Geduldsfaden reißt, wird aus der Ohnmacht Wut.

Soweit die Definition und Theorie. Ökonomen und Verhaltensforscher kennen die Tugend aber auch unter einer anderen, eher technischen Bezeichnung: Konsumverzicht.

Geduldige Menschen verzichten danach auf den Konsum heute, um in der Zukunft mehr zu haben. Sparen zum Beispiel ist also nichts anderes als eine ökonomische Form der Geduld.

Investitionen zählen aber auch dazu. Geduldig ist demnach auch, wer…

  • heute in seine Ausbildung investiert, um später bessere Berufschancen zu haben.
  • in seiner Freizeit ein Blog schreibt, um sich eine Online-Reputation aufzubauen.
  • ein unbezahltes Praktikum macht, um Kontakte zu knüpfen.

Kurz: Wir verzichten auf Belohnungen in der Gegenwart zugunsten künftiger Optionen. Geduld in seiner ursprünglichsten Form.

Und genau diese Weitsicht und Willensstärke akuten Verlockungen zu widerstehen, ist es, die Menschen ein Leben lang erfolgreicher macht.

Das Spektrum der Geduld ist allerdings groß. Das merkt man schon an den Wortalternativen. So gibt es zum Beispiel viele typische Begriffe, die für die Tugend Geduld synonym verwendet werden:

Sie merken: Geduldig sein, ist mehr als bloß warten zu können. Es macht Menschen milde und gnädig gegenüber ihrem Umfeld und der Zeit – ohne jedoch aufzugeben. Geduldigen Menschen ist nicht egal, was passiert, aber sie gehen damit besser um.

Gut Ding will eben Weile haben. Oder wie Thom Renzie es einmal ausgedrückt hat: Geduld heißt, der Zeit den Zahn zu ziehen.

Vorteile: Geduld lohnt sich

Geduld Psychologie Vorteile lernen geduldigNicht immer wird der Wert der Geduld sofort erkannt. Ein immer wieder vorgebrachter Einwand ist etwa die Frage: Was bringt es mir denn geduldig zu sein? Klar, sich sofort auf jede Möglichkeit stürzen ohne einen langfristig vielleicht größeren Nutzen zu sehen, ist der einfachere Weg und erfordert auch weniger Disziplin.

Allerdings bietet Geduld einige Vorteile, warum es sich lohnt, den etwas schwierigeren Weg zu gehen und auch mal abzuwarten:

  • Sie können langfristige Ziele verfolgen.
  • Sie setzen sich selbst weniger unter Druck.
  • Sie können objektiver entscheiden.
  • Sie haben weniger Konflikte mit anderen und damit bessere Beziehungen.
  • Sie haben mehr Ruhe, um bessere Lösungen zu finden.
  • Sie haben einen geringeren Blutdruck und ein stabileres Nervenkostüm.

Geduld lernen: Erkenntnisse über Impulskontrolle

Neben den klassischen Vorteilen haben zahlreiche Studien zahlreiche Effekte und Erkenntnisse identifiziert, die im direkten Zusammenhang mit der Geduld eines Menschen stehen.

Einige spannende, interessante und wissenswerte Erkenntnisse rund um die Geduld haben wir für Sie aufgelistet:

  • Forscher am Walter-Reed-Institut zeigten: Schlafmangel macht ungeduldiger. Dies kann abends auftreten oder nach einer zu kurzen Nacht. Wer hingegen ausgeschlafen ist, zeigt größere Geduld. Mit zunehmender Müdigkeit lassen sich Impulse schlechter kontrollieren.
  • Die Psychologin BJ Casey von der Cornell Universität fand heraus: Sind Kinder besonders ungeduldig, benötigen sie noch bis ins Erwachsenenalter mehr Zeit, um Informationen zu priorisieren oder Irrelevantes zu erkennen und auszublenden.
  • Die Wirtschaftswissenschaftler David Laibson und Christopher Chabris von der Harvard Universität konnten im Rahmen ihrer Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Ungeduld und einem ungesunden Lebensstil nachweisen.
  • Der Verhaltensökonom Matthias Sutter, der darüber auch ein Buch geschrieben hat, konnte wiederum zeigen, dass ungeduldige Menschen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Geld für Zigaretten und Alkohol ausgeben als Geduldige.
  • Walter Mischel und Marc Berman vom Rotman Research Institute in Toronto kamen indes zum Ergebnis, dass unser Geduldpotenzial in Teilen genetisch beeinflusst wird. Interessant daran: Bei den Probanden ihrer Studie handelte es sich erneut um die Teilnehmer des ursprünglichen Marshmallow-Experiments.
  • Eine Studie der Rockefeller Universität in New York kam zu dem Ergebnis, dass Ungeduld die Menschen schneller altern lässt. Probanden, denen häufig der Geduldsfaden riss, wiesen eine beschleunigte Zellalterung auf – Frauen waren von diesem Effekt stärker betroffen als Männer.
  • Geduld wirkt positiv auf die Bildung. Das besagt eine Langzeitstudie der Bildungsökonomen Brian Cadena und Bejamin Keys. Sie testeten die Geduld von Jugendlichen und verglichen über Jahre hinweg deren Bildungsabschlüsse. Resultat: Ungeduldige Jugendliche brachen mit 50 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit die Highschool ab und auch in der College-Ausbildung lag die Abbrechherquote bei fehlender Geduld über der Kontrollgruppe.

Geduld haben: Der Marshmallow-Test

Auch in der Psychologie ist das Phänomen der Geduld schon lange als Fähigkeit zum sogenannten Gratifikationsverzicht bekannt. Es geht zurück auf ein inzwischen legendäres Experiment an der Stanford Universität – den sogenannten Marshmallow-Test oder Marshmallow-Effekt.

Es war in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Damals besuchten die Wissenschaftler eine Vorschule mit Vierjährigen, denen sie ein verlockendes Angebot machten: Sie gaben jedem einen Marshmallow, eine Nascherei aus weißem Zuckerschaum. Den konnten die Kinder sofort essen oder – so das Angebot – warten, bis der Versuchsleiter wiederkommen würde und dann zur Belohnung einen zweiten Marshmallow erhalten.

Einige Kinder konnten der Versuchung nicht widerstehen und griffen sofort zu, andere warteten artig unter Aufbietung aller physischen und psychischen Kräfte, rochen an dem Zuckerschaum, spielten damit, puhlten ein bisschen darin herum, vermieden es aber, herzhaft hineinzubeißen – und bekamen am Ende den doppelten Lohn.

Damit war das Experiment aber nicht vorbei: Rund 14 Jahre später wurden dieselben Schüler erneut unter die Lupe genommen. Und siehe da, es hatte sich einiges entwickelt:

  • Die Geduldigen waren zu selbstbewussten, empathischen Persönlichkeiten gereift, konnten mit Rückschlägen gut umgehen und waren in der Lage, eine Belohnung aufzuschieben, wenn es sie dafür ihren Zielen näher brachte.
  • Die Sofortesser hingegen waren emotional instabiler, wechselhaft weniger entschlossenen und wiesen in der Schule sogar schlechtere Noten auf – und das völlig unabhängig von ihrer Intelligenz.

Die Fähigkeit zum Gratifikationsaufschub war als veritable Erfolgseigenschaft entlarvt – die womöglich noch wesentlicher wirkt als Intelligenz.

Allerdings ist es immer leicht, die eigene Geduld in höchsten Tönen zu loben – wirklich sichtbar wird Ihre Geduld aber immer erst dann, wenn sie auf die Probe gestellt wird.

Mit ein wenig Selbstreflexion und Ehrlichkeit können Sie jedoch einen ziemlich guten Eindruck davon gewinnen, ob Sie in der Lage sind geduldig zu warten oder ob Ihr Geduldsfaden bei der kleinsten Anspannung reißt.

Je häufiger Sie sich in der folgenden Checkliste wiedererkennen oder bei einem zustimmenden Nicken ertappen, desto dringender sollten Sie an Ihrer Geduld arbeiten:

  • Wenn ich etwas haben will, muss das immer sofort sein.
  • Ich kaufe oft Dinge ein, die ich eigentlich gar nicht brauche.
  • Ich entscheide manchmal vorschnell.
  • An der Kasse im Supermarkt ärgert es mich, wenn die andere Schlange schneller vorankommt.
  • Im Stau fange ich an herumzuschreien und andere Fahrer zu beschimpfen.
  • Ich hasse es, wenn andere unpünktlich sind.
  • Wenn etwas nicht sofort klappen will, lasse ich es ganz bleiben.
  • Mich nervt es, lange auf etwas hinarbeiten zu müssen.
  • Mich regt es auf, wenn andere sich zu viel Zeit lassen.
  • Hat die Bahn mal wieder Verspätung werde ich wütend.

Selbst wenn Sie in dieser Checkliste zur Geduld eine genaue Beschreibung Ihrer Person sehen, muss dies nicht so bleiben. Denn selbst der ungeduldigste Mensch kann etwas unternehmen, um die Tugend der Geduld zu erlernen oder wenigstens zu verbessern.

Zitate, Sprüche und Aphorismen über Geduld

Geduld Englisch Arabisch SprücheDie Geduld beschäftigt die Menschen seit jeher – und zwar überall auf der Welt. Auf Englisch und Französisch patience oder auf Arabisch sabr, gemeint ist immer das Gleiche und so haben sich bereits viele bekannte Persönlichkeiten ihre Gedanken zur Geduld gemacht und diese mit der Welt geteilt:

  • Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern. Konfuzius
  • Glaube nur, du hast viel getan, Wenn dir Geduld gewöhnest an. Johann Wolfgang von Goethe
  • Was lange währt, wird endlich gut. Ovid
  • Bist du geduldig im Augenblick des Zorns, so wirst du dir hundert Tage Kummer ersparen. Chinesisches Sprichwort
  • Wer langsam geht, kommt auch zum Ziel. Deutsches Sprichwort
  • Was nicht zu ändern ist, trägt man am besten mit Geduld. Titus Maccius Plautus
  • Geduld ist ein Baum mit bitteren Wurzeln, der süße Früchte trägt. Persisches Sprichwort
  • An der Grenze der Geduld beginnen die Konflikte. Oscar Wilde

Geduld Lernen Geduldig Spruch

Tipps: So können Sie Geduld üben

Sicher fragen Sie sich jetzt: Lässt sich Geduld erlernen? Wie übt man sich in Geduld (wenn man keine besitzt)? Und was sagt die Psychologie dazu?

Kurz gesagt: Ja, Geduld lässt sich üben und erlernen – aber nur bis zu einem bestimmten Grad.

Die Basis dazu, geduldig zu sein, wird schon im Kindesalter gelegt, das Vorbild der Eltern und deren Geduldigkeit spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Als der Psychologe David DeSteno von der Northeastern Universität zusammen mit Kollegen von der Universität von Kalifornien in Riverside und der Harvard Kennedy School dazu forschte, fanden sie aber noch ein weiteres Gegenmittel zu Ad-Hoc-Versuchungen und Kurzfristbefriedigung: Dankbarkeit. Sie ist ebenfalls ein ebenso wirkungsvoller wie edler Weg zu mehr Glück und Zufriedenheit.

Der zweite Weg ist, Willensstärke und Gelassenheit zu trainieren.

Willenskraft – oder Volition wie Sie im Fachjargon genannt wird – lässt sich vor allem dadurch lernen, dass Sie sich bewusst machen, immer eine Wahl zu haben und sich im Zweifel auch die Zeit nehmen, diese bewusst zu treffen.

Gelassenheit wiederum trainieren Sie, indem Sie Ihre Wahrnehmung und mögliche Konsequenzen reflektieren, häufiger Nein sagen und üben, Prioritäten zu setzen.

Gelassenheit-im-Job-Gelassenheitsformel

Damit es mit der Geduld wirklich klappt und Sie lernen, geduldiger zu sein, haben wir darüberhinaus noch einige Tipps für Sie:

  • Konzentrieren Sie sich auf etwas anderes

    Ihnen dauert etwas zu lange und es soll schneller gehen? Wenn Sie keinen Einfluss darauf haben, kann es helfen, wenn Sie sich gezielt ablenken. Richten Sie Ihre Konzentration auf etwas anderes und versuchen Sie, nicht an den Auslöser Ihrer Ungeduld zu denken. So reduzieren Sie den selbst auferlegten Druck und warten ab.

  • Passen Sie Ihre Einstellung an

    Um es mit Salomo zu sagen: Alles hat seine Zeit. Manche Dinge dauern nun mal länger oder werden erst später Realität – ob es Ihnen gefällt oder nicht. Wenn Sie diese Mentalität verinnerlichen, wird Ihre Geduld wachsen. Dabei helfen kann ein einfaches Mantra, dass Sie sich immer wieder vorsagen, wenn der Geduldsfaden fast reißt: Gut Ding will Weile haben…

  • Legen Sie einen realistischen Maßstab an

    Wer alles sofort, jetzt und augenblicklich will, hat unrealistische Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Wollen Sie ein Ziel in kürzester Zeit erreichen, können Sie nur ungeduldig werden, wenn es deutlich länger dauert. Setzen Sie hingegen von Anfang an einen realistischen zeitlichen Rahmen, entwickeln Sie ganz automatisch mehr Geduld und sind bereit, länger zu warten.

  • Machen Sie sich Fortschritte bewusst

    Ein häufiges Problem bei Geduld ist Schwarz-Weiß-Denken. Zur Verdeutlichung ein simples Beispiel: Im Wartezimmer beim Arzt sitzen Sie solange, bis Sie endlich aufgerufen werden. Schon nach kurzer Zeit geht die Geduld aus und Sie haben das Gefühl, es würde ewig dauern. Sehen Sie hingegen den Fortschritt, dass Sie mit jedem anderen Patienten Ihrem Termin näher rücken, fällt Geduld viel leichter. Sie sehen, dass Sie Ihrem Ziel Schritt für Schritt näher kommen und nicht auf der Stelle treten.

  • Erinnern Sie sich an die Belohnung

    Am Ende der Geduld steht meist eine Belohnung. Ein Erfolg, ein Ziel, eine Errungenschaft. Halten Sie sich diese immer wieder vor Augen. Je genauer Sie sich Ihre Belohnung vorstellen, auf die es sich zu warten lohnt, desto leichter fällt die Geduld. Noch größer ist der Effekt, wenn Sie sich die Emotionen ausmalen. Stellen Sie sich vor, wie sehr Sie sich freuen und wie glücklich Sie sind, wenn die Geduld sich bezahlt macht.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
29. Mai 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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