willenskraft
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Wie so oft reichen unsere guten Vorsätze nicht aus, um den Arbeitstag durchzuziehen, um uns mit großer Willenskraft selbst zu beherrschen und zu disziplinieren. Das kennen Heimarbeiter, Studenten, Schüler, Freiberufler, eigentlich alle. Mehr Willenskraft - aber wo hole ich sie her? Karrierebibel sagt Ihnen, was wirklich hinter Willenskraft steckt...

Willenskraft: Harte Arbeit

Mahatma Gandhi hatte sie und gilt als historisches Musterexemplar. Buddhistische Mönche haben sie offenbar auch, wenn man ihnen so beim Meditieren zusieht. Außerordentliche Selbstbeherrschung, gespeist durch die pure Willenskraft. Beneidenswert.

Und doch so weit entfernt. Oder?

Eine gängige Hypothese von US-Psychologe Roy Baumeister geht so: Willenskraft ist eine begrenzte Ressource, wie die Tankfüllung im Auto: Haben wir sie vollständig aufgezehrt, sind wir nicht mehr in der Lage, uns zusammenzureißen.

Und es stimmt ja auch: Nach dem zehnten Apfel greifen wir fast zwangsläufig zum Snickers. Und wer an fünf aufeinanderfolgenden Tagen frühmorgens um den See gejoggt ist, bleibt am Samstag lieber auf der Couch liegen und knabbert Schokolinsen.

Unsere Willenskraft mag groß sein, aber sie ist endlich.

In der Sozialpsychologie ist das auch als Ego-Depletion bekannt. Ihre Entdeckung geht auf ein Experiment von Baumeister aus den Neunzigerjahren zurück.

Ego-Depletion: Cookie oder Radieschen?

Der Forscher steckte seinerzeit zwei Probandengruppen zusammen in einen Raum, in dem sie warten sollten. In dem Raum ein Tisch, auf dem Tisch zwei Teller. Der eine Teller war randvoll mit leckeren Cookies, deren unwiderstehliches Aroma durch den Raum waberte. Auf dem anderen Teller schnöde Radieschen.

Nun durften beide Gruppen jeweils nur von einem Teller essen, nicht aber vom anderen.

Baumeisters Vermutung: Die Radieschen-Esser mussten sich gehörig am Riemen reißen, um nicht von den Keksen zu naschen. Umgekehrt galt das wohl eher nicht.

Nun folgte Teil zwei, bei dem man den Probanden ein Puzzle vorlegte mit dem Auftrag, es doch bitte korrekt zusammenzulegen. Die Forscher wollten sehen, welche Gruppe länger durchhielt. Denn, Überraschung: Das Puzzle war in Wirklichkeit unlösbar.

Hier war die Vermutung folgende: Die Radieschen-Gruppe würde bestimmt früher aufgeben, hatte sie sich doch vorhin bei den Keksen schon so dermaßen disziplinieren müssen.

Genau das passierte: Die Gemüse-Fraktion hielt nur acht Minuten durch, während die Krümelmonster 19 Minuten lang (vergeblich) puzzelten.

Schlussfolgerung: Die Willenskraft der Radieschen-Gruppe war erschöpft, aufgebraucht, am Ende. Klarer Fall von Ego-Depletion.

Willenskraft: Zucker als Katalysator?

Baumeister ging danach sogar noch einen Schritt weiter. 2011 veröffentlichte er das Buch
"Willpower: Rediscovering the Greatest Human Strength" und zauberte eine neue Erfolgsformel aus dem Hütchen: Willenskraft lasse sich durch Zuckerkonsum aufrecht erhalten.

So hätten in einer Studie die Probanden, die an einer zuckerhaltigen Limonade genippt hatten, hinterher einen deutlich größeren Willen und mehr Ausdauer bei schwierigen Aufgaben gezeigt.

Doch mittlerweile bröckelt das Baumeister-Konstrukt.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Kritiker auf den Plan getreten, die seine Theorie der Ego-Depletion lautstark in Frage stellen. Ihr Credo: Willenskraft ist keine endliche Ressource; sie ist nicht mit einer Tankfüllung oder Batterie vergleichbar.

Kurz: Sie ist unerschöpflich.

"Selbstbeherrschung ist per definitionem harte Arbeit. Sie erfordert Überlegung, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit", schrieben Michael Inzlicht von der Uni Toronto und Brandon Schmeichel von der Texas A&M University im Jahr 2012 in einem Artikel im Fachmagazin Perspectives on Psychological Science.

Willenskraft und Selbstbeherrschung seien eine Frage der Motivation, der Aufmerksamkeit, der Einstellung. Auch werde sie davon beeinflusst, wie schwierig die zu bewältigende Aufgabe ist, welches Feedback man erhalte und wie die eigene Stimmungslage ist.

Willenskraft: Immergrüner Rohstoff

Erfolgsphasen

Das moderne Fazit: Willenskraft ist ein Rohstoff, der niemals zur Neige geht.

Beispiel: Wer zweimal das Stück Kuchen dankend abgelehnt hat und beim dritten Angebot zugreift, tut das nicht, weil seine Willenskraft erschöpft wäre, sondern vielmehr aus freier Entscheidung - sei es, weil demjenigen inzwischen genug Appetit gekommen ist oder weil man den Gastgeber nicht beleidigen will, so die These der Forscher.

Eine im Juli 2016 erschienene Untersuchung bestätigt diese Einschätzung.

Die Forscher wollten Baumeisters Ergebnisse replizieren, trommelten dafür 2100 Probanden in 24 Laboren weltweit zusammen - von Australien über Belgien bis nach Indonesien und in die USA. Ergebnis: nichts. Die Resultate ließen sich nicht wiederholen.

Große Zweifel an der Theorie der Ego-Depletion sind also angebracht.

Zwar ist die wissenschaftliche Debatte damit längst nicht beendet. Alle Seiten rüsten auf, auch Baumeister will sein Lebenswerk noch nicht abschreiben.

Doch sollte Willenskraft tatsächlich grenzenlos sein, hätte das durchaus Vorteile: Man könnte sie bis zu einem gewissen Grad selbst steuern, beherrschen, einsetzen.

Allerdings - und das ist der Nachteil: Man hätte auch keine Ausrede mehr, wenn man mal wieder unbeherrscht Versuchungen nachgibt...

Willenskraft: Wann sie hilft

Klar ist: Allein mit Willenskraft lässt sich nicht jedes Ziel erreichen. Sie ersetzt weder Intelligenz noch Glück, auch Vitamin B oder ein reiches Elternhaus sind auf der Karriereleiter oft mehr wert. Dennoch kann Willenskraft auf dem Weg zum persönlichen Erfolg manchmal die entscheidenden Prozente bringen. Zum Beispiel können wir sie gut gebrauchen, wenn wir...

wollen.

Willenskraft trainieren: So geht's

Wie steigere ich meine Willenskraft, wenn ich scheinbar zu wenig davon habe? Wir hätten diese drei Vorschläge für Sie ...

  1. Muskeln anspannen

    Die perfekte Strategie fürs Dschungelcamp: Muskeln anspannen, um die eigene Willenskraft zu stärken. Laut einer Studie, die vor einigen Jahren im Journal of Consumer Research erschienen ist, funktioniert das wirklich.

    Die Studienautoren Iris W. Hung von der Universität Singapur und Aparna A. Labroo von der University of Chicago stellten ihre Probanden vor mehrere Dilemmata. Sie sollten kurzfristig Schmerz ertragen, um langfristig einen Nutzen daraus zu ziehen: Einen gesunden, aber ekeligen Essig-Drink runterspülen zum Beispiel. Oder die Hand in einen Eimer eiskaltes Wasser halten, um Schmerzunempfindlichkeit zu demonstrieren.

    Wer nun bei den unangenehmen Aufgaben die Muskeln anspannte - egal, ob es Hände, Finger, Bizeps oder Wade waren - der bewältigte sie erfolgreicher. Das klappt aber offenbar nur, wenn man die Muckis währenddessen anspannt, nicht schon vorher.

    Fazit: Muskeln anspannen - vielleicht auch einfach mal die Faust ballen - kann einem dabei helfen, physische Herausforderungen zu überstehen.


  2. Gehirn austricksen

    Nach Ansicht von Forschern aus Cambridge und Düsseldorf kann man vollständig darauf verzichten, die eigene Willenskraft zu trainieren. Viel cleverer wäre es doch, man würde sie einfach überflüssig machen.

    Ihre Empfehlung: Lassen Sie Versuchungen gar nicht erst an sich heran! Dafür spielten die Forscher mit ihren Probanden zwei erotische Szenarien durch. Es ging zwar nicht darum, einer sexuellen Versuchung gänzlich zu widerstehen, aber sich in Geduld zu üben. Im ersten Szenario hatten die Teilnehmer Zugriff auf mäßig attraktive Bilder. Wenn sie sich nun den Blick auf die semi-scharfen Pics verkniffen, durften sie quasi zur Belohnung richtig heißes Material begutachten. Ohne jede Willenskraft eine schwierige Übung.

    Im zweiten Szenario konnten sich die Teilnehmer von vornherein dazu entschließen, auf das mäßige Material zu verzichten. Dafür mussten sie aber länger warten, bis sie auf das 1A-Bilder zugreifen durften. Willenskraft während der Wartezeit war so gar nicht mehr notwendig. Man ahnt schon, dass Variante 2 die erfolgreichere war.

    Das zeigten sogar die Gehirnscans der Probanden. Psychologe Tobias Kalenscher von der Uni Düsseldorf dazu: "Die Gehirnscans zeigen klar, wie die Selbstbeschränkung abläuft. Der Gedanke an eine zukünftige große Belohnung aktiviert Netzwerke von Hirnregionen, die uns über eine freiwillige Einschränkung unser Wahlmöglichkeiten dazu bringen, die Entscheidungen zu treffen, die langfristig gut für uns sind."


  3. Glauben aktivieren

    Ist Willenskraft vielleicht doch eine limitierte Ressource? Unser Rat: Glauben Sie einfach daran, dass sie es nicht ist! Komme da, was wolle ...

    Denn Menschen, die an das Konzept der Ego-Depletion glauben, tun sich tatsächlich schwerer, wenn sie kontinuierlich gefordert werden. Das behauptet Veronika Job, Psychologin der Universität Zürich, die mit Kollegen aus Stanford 2010 mehrere Experimente durchgeführt hat. Personen, die hingegen davon überzeugt sind, dass Willenskraft grenzenlos verfügbar ist, können sich auch bei fortwährender Beanspruchung gut selbst disziplinieren.

    "Die Ergebnisse dieser Studie", resümierte Veronika Job, "sind besonders wichtig für Menschen, die mit vielen Ansprüchen an Selbstkontrolle konfrontiert sind. Menschen etwa, die ihren Lebenswandel durch Sport oder Diät nachhaltig verändern möchten oder Menschen, die während bestimmter Phasen an ihrem Arbeitsplatz viel Konzentration und Ausdauer benötigen. In diesen Situationen kann es wichtig sein, zu wissen, dass Selbstkontrolle viel weniger limitiert ist, als dies bisher angenommen wurde."

Willenskraft Buch: Das sagt die Expertin

Stanford-Psychologin Kelly McGonigal schrieb 2011 ein vielbeachtetes Buch zum Thema. Titel: "The Willpower Instinct". Hier ihr Google-Talk:

[Bildnachweis: Ana D by Shutterstock.com]

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