Überforderung: Auslöser, Symptome, Hilfe

Überforderung ist inzwischen ein in fast allen Branchen und Berufen verbreitetes Phänomen. Ein großer Teil der Arbeitnehmer hat kurzzeitig oder sogar dauerhaft das Gefühl, den Anforderungen und der Arbeitslast nicht mehr gewachsen zu sein. Die Folge ist meist eine noch größere Belastung, da falsch auf die Situation reagiert wird. Wir zeigen, woran Sie erkennen, dass Sie überfordert sind und mit welchen Maßnahmen Sie etwas dagegen unternehmen können…

Überforderung: Auslöser, Symptome, Hilfe

Definition Überforderung: Was ist darunter zu verstehen?

psychische Überforderung DefinitionVon Überforderung wird gesprochen, wenn dem subjektiven Empfinden nach die eigenen Ressourcen und Kapazitäten nicht mehr ausreichen, um eine der Situation entsprechende Leistung zu erbringen. Es gibt unterschiedliche Formen – beispielsweise die kognitive oder die psychische Überforderung -, die sich auf verschiedene Lebensbereiche beziehen können.

Wer sich überfordert fühlt, empfindet ein hohes Maß an Stress – wobei dies heutzutage meist negativ interpretiert wird. Die Psychologie unterscheidet da etwas genauer zwischen Distress (negativem Stress) und Eustress (positivem Stress).

  • Eustress

    Bei positivem Stress sind wir sehr beschäftigt, empfinden das aber nicht zwangsläufig als unangenehm, da wir wissen, was zu tun ist. Wer Eustress hat, ist motiviert und arbeitet die Aufgaben der Reihe nach ab, beispielsweise, wenn er im Flow ist. Als positiven Effekt steigert Eustress die Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit der jeweiligen Person. Negativ wirkt sich diese Form des Stresses erst aus, wenn sie zum Dauerzustand wird und die Kompensationsmöglichkeiten fehlen.

  • Distress

    Die psychische Überforderung ist vor allem eine Frage des gefühlten Stresses, heißt: Der oder die Betroffene hat selbst das Empfinden, keinerlei Handlungsspielraum zu haben und fühlt sich den Aufgaben nicht gewachsen. Dabei spielt es keine Rolle, ob andere Personen in derselben Situation zu einem anderen Ergebnis kämen. Wer beispielsweise keine Zeit oder nicht die notwendigen Kenntnisse hatte, seine Powerpoint-Präsentation fürs Meeting vorzubereiten, wird sich gestresst fühlen – mit mehr Zeit und den entsprechenden Kenntnissen würde die gleiche Situation anders bewertet.

Stress ist zu einem Massenphänomen geworden. Fast sechs von zehn Deutschen empfinden ihr Leben als stressig. Besonders Angestellte stehen unter Dauerdruck. Häufige Stressfaktoren:

Berufstätige zwischen 30 und 40 Jahren leiden unter einer Doppelbelastung, weil sie sich in einer Lebensphase befinden, in der die Familiengründung mit wichtigen Karriereschritten zusammenfällt.

Viele Arbeitnehmer sehen sich unter Druck

Schnell entsteht aus Stress Unzufriedenheit im Job: Sie fühlen sich in dem aktuellen Arbeitsumfeld nicht mehr wohl, die Arbeit macht keinen Spaß mehr, sondern wird zunehmend zur Belastung.

Ein Zustand dauerhafter Unzufriedenheit hinterlässt seine Spuren in der Psyche. Depressionen können die Folge sein.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung, die sich mit den Folgen von zu hohen Anforderungen an Arbeitnehmer beschäftigt, kommt gar zu dem erschreckenden Ergebnis: Die steigende Überforderung im Beruf führt neben Stress auch zu selbstgefährdendem Verhalten unter den Mitarbeitern.

Von den 1000 Erwerbstätigen gaben viele an, überfordert zu sein. Gleichzeitig stehen sie so sehr unter Druck, dass sie ihre eigene Gesundheit gefährden, um den Leistungsvorgaben gerecht zu werden. Genauer:

  • Knapp 25 Prozent glauben nicht, dass sie das derzeitige Arbeitstempo langfristig durchhalten können.
  • 18 Prozent stoßen regelmäßig an ihre Leistungsgrenze.
  • Um das Pensum zu schaffen, verzichten 23 Prozent gänzlich auf Pausen.

Jeder Achte erscheint sogar krank zur Arbeit, um die Erwartungen zu erfüllen. Dass ein solches Verhalten dauerhafte Schäden für die eigene Gesundheit nach sich ziehen kann, wird dabei in Kauf genommen. 42 Prozent der Befragten sagten, dass ihr Arbeitsumfeld durch steigende Leistungsziele geprägt ist. Gleichzeitig weiß aber jeder Dritte nicht mehr, wie er die wachsenden Ansprüche bewältigen soll.

Das große Problem: Mitarbeiter überfordern sich und ihre Gesundheit, um Vorgaben umzusetzen. Werden die Ziele dann allerdings erreicht, gelten diese als neuer Maßstab. Für Mitarbeiter ist es besonders schwer, aus diesem Kreis zu entkommen. Denn 51 Prozent der Befragten gaben in der Studie an, keinen oder nur geringen Einfluss auf das Arbeitsvolumen zu haben.

Symptome bei Überforderung

Viele Arbeitnehmer schieben den Gedanken an eine mögliche Überforderung weg, da sie es als Zeichen von Schwäche deuten. Gleichzeitig reden sie sich ein, dass die Schuld bei ihnen läge und setzen darauf, dass es nach kurzer Zeit besser wird.

Richtig ist, dass nicht jede stressige berufliche Phase gleichzeitig mit einer Belastung einhergeht, die sofortiges Handeln erfordert. Andererseits ist es unerlässlich, dass Sie die Anzeichen einer drohenden oder bereits akuten Überforderung erkennen, um darauf reagieren zu können.

Klassische Symptome der Überforderung:

  • Sie fühlen sich schlaff, erschöpft, müde, frustriert und haben keine Lust, etwas zu unternehmen.
  • Sie sind häufig krank und fühlen sich nicht in der Lage, zur Arbeit zu gehen.
  • Sie wissen nicht, wie Sie sich selbst helfen können, wollen aber auch nur ungern darüber sprechen.
  • Sie müssen sich aufraffen und überwinden, um zur Arbeit zu gehen.
  • Sie müssen immer mehr Überstunden machen, da die vorgesehene Arbeitszeit nicht ausreicht, um Ihre Aufgaben zu erfüllen.
  • Die Fehler am Arbeitsplatz häufen sich, obwohl Sie sich weiterhin bemühen.
  • Sie leiden auch im Privatleben zunehmend unter der beruflichen Situation.
  • Sie haben Angst vor neuen Aufgaben.

Überfordertsein und Stress als Machtstrategie

Überforderung als MachtstrategieKaum jemand würde es zugeben, aber tatsächlich ist Überforderung nicht nur eine Zivilisationskrankheit, sondern auch eine Strategie. Anders ausgedrückt: Nicht jeder, der vorgibt Stress zu haben, hat ihn tatsächlich. Ganz häufig wird damit manipuliert.

Stress ist nicht nur Ausdruck von Überforderung, Ohnmachtgefühlen oder narzisstischen Verletzungen. Oft ist er nichts weiter als eine Unterwerfungsgeste – und damit eine subtile Machtstrategie:

  • Durch Stress signalisiert der Rangniedrigere, dass er den höheren Status des Chefs anerkennt (Du darfst mir Stress machen!). Ergo wird er weiterhin geduldet, vielleicht sogar befördert.
  • Oder der Stress moralisiert Fehlverhalten (Das war zu viel!). Dabei werden Erwartungen hin und her geschoben, Schuld zugewiesen und ein schlechtes Gewissen gemacht.

Soziologen sagen: Ohne ein solches Verhaltensrepertoire würden Gruppen nicht funktionieren.

So ist es auch kein Wunder, dass der Stresspegel weltweit in den Unternehmen steigt: Der Arbeitsalltag ist mehr und mehr geprägt von Unsicherheit, von prekären Verhältnissen, von Projektarbeit. Ständig setzen sich neue Teams zusammen, darin müssen die Mitglieder ständig neue Rollen und Rangordnungen finden. Sie erinnern sich: Gruppenstress.

Dabei ein bisschen Stress zu zeigen, macht unverdächtig, weckt bei anderen Sympathien und lullt dominante Alpha-Typen ein.

Umgekehrt gilt allerdings auch: Je höher Sie in der Hierarchie steigen, desto weniger Stress dürfen Sie zeigen. Denn wer führt, der fürchtet (offiziell) nicht – nicht einmal Druck.

Hilfe bei Überforderung: Was Sie tun können

Ein erster Schritt zur Besserung ist Akzeptanz. Es wird Sie nicht weiterbringen, so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Machen Sie sich keine Vorwürfe, denn diese sind unbegründet und führen nur zu mehr Problemen. Stattdessen sollten Sie Ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und entsprechend handeln.

Um die Überforderung zu bekämpfen, gibt es verschiedene Wege:

  • Reduzieren Sie Ihre Aufgaben

    Ein wichtiger Schritt, um die Überforderung zu beenden, ist eine geringere Last auf Ihren Schultern. Allein ist dies für Angestellte kaum umzusetzen, sprechen Sie daher mit Ihrem Chef. Erklären Sie ihm die Situation und Ihre Probleme mit den hohen Anforderungen. Gemeinsam lassen sich Lösungen erarbeiten, um Aufgaben anders zu verteilen oder Ihre Verantwortung zu reduzieren.

  • Reflektieren Sie Ihre Tätigkeit

    Nicht immer ist es das reine Arbeitspensum, manchmal ist es schlichtweg die falsche Arbeit: Macht Ihnen Ihr Job grundsätzlich Spaß? Ist das die Tätigkeit, für die Sie ausgebildet wurden und die Sie machen möchten? Manchmal haben sich im Laufe der Zeit die Interessen oder das Aufgabengebiet verändert. In solchen Fällen sollten Sie die Stellschraube nicht am Pensum ansetzen, sondern eine eine berufliche Neuorientierung oder einen Jobwechsel in Erwägung ziehen.

  • Konzentrieren Sie sich auf die wichtigsten Dinge

    Manchmal nimmt man sich einfach zu viel gleichzeitig vor – sowohl beruflich als auch privat. Streichen Sie einige Dinge von Ihrer To-do-Liste und fragen Sie sich, was momentan Ihr wichtigstes Anliegen ist. Mit klaren Prioritäten wissen Sie, in welchen Bereichen Sie Ihre Energie investieren sollten.

  • Machen Sie regelmäßige Pausen

    Pausen sind unerlässlich, um die eigenen Akkus wieder aufzuladen, Stress abzubauen und neue Motivation zu schöpfen. Machen Sie nicht den Fehler, Ihre Pausen zu opfern, um mehr zu arbeiten. Bereits nach kurzer Zeit geht dieser Versuch nach hinten los. Machen Sie Ihre Pausen stattdessen zu einem Ritual, das Sie pflegen.

  • Sorgen Sie für Ausgleich

    Hier geht es nicht um Verdrängung oder Vogel-Strauß-Politik. Aber damit Sie den Spaß an Ihrer Arbeit behalten, brauchen Sie Auszeiten und Abwechslung. Sich Tag für Tag mit denselben Inhalten (und Problemen) zu beschäftigen, ist irgendwann ermüdend und öde. Wer in der Zwischenzeit für körperliche und soziale Aktivitäten sorgt, ist zum Wochenbeginn wieder ganz anders mental anwesend und bringt sich entsprechend ein.

  • Suchen Sie das Gespräch

    Für eine erfolgreiche Bewältigung der anstehenden Aufgaben ist es wichtig, dass realistische Arbeitsziele gesetzt werden. In einigen Fällen hat der Vorgesetzte keine konkreten Vorstellungen davon, was seine Mitarbeiter im Einzelnen leisten. Ein Gespräch kann diesbezüglich Klarheit auf beiden Seiten schaffen: Was wird erwartet, was ist umsetzbar, welche Ideen und Vorstellungen sind für die Zukunft geplant. Solche verbindlichen und vor allem realistischen Zielvereinbarungsgespräche tragen dazu bei, selbstgefährdendes Verhalten zu minimieren.

Überforderung: 7 Dinge, die alles nur schlimmer machen

Einige Reaktionen, die ebenfalls weit verbreitet sind, tragen überhaupt nicht zur Besserung bei, sondern führen eher dazu, dass die Situation noch schlimmer wird. Wir zeigen sieben typische Verhaltensweisen, auf die Sie verzichten und was Sie stattdessen tun sollten:

  • Das Herunterspielen

    Ist doch alles nicht so schlimm – versuchen Sie sich selbst Ihre Situation schön zu reden. Dabei denken Sie an Freunde und Bekannte, die in unterbezahlten Jobs festhängen oder gar keinen Job haben. Obwohl Ihnen die Arbeit keinen Spaß mehr macht und sich an der Situation nichts ändert, halten Sie an Ihrem Job fest. Dass Sie dauernd Überstunden machen und heillos überfordert sind, wollen Sie nicht wahrhaben.

    Was Sie stattdessen tun sollten

    Versuchen Sie ehrlich zu sich selbst zu sein und sich einzugestehen, was schief läuft. Mit der Einstellung Ist doch nicht so schlimm verschließen Sie die Augen und verharren in einer unglücklichen Lage. Auch wenn es unangenehm ist festzustellen, dass der Job einen unglücklich macht, nur so können Sie etwas daran ändern.

  • Die Ablenkung

    Sie versuchen so wenig wie möglich über Ihre Situation im Job nachzudenken. Nach Feierabend packen Sie Ihre Sachen zusammen, widmen sich Ihren Hobbys oder treiben Sport. Ihre ganze Energie stecken Sie beispielsweise in die Umgestaltung Ihres Zuhauses. Montag bis Freitag schleppen Sie sich zur Arbeit und können es kaum erwarten, dass die Woche um ist.

    Was Sie stattdessen tun sollten

    Gehen Sie den Problemen im Job nicht aus dem Weg. Fragen Sie sich: Wieso bin ich unzufrieden? Was überfordert mich? Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern? Kurz: Nehmen Sie es nicht einfach hin, sondern werden Sie aktiv, um etwas zu ändern.

  • Das Selbstmitleid

    Ihr Arbeitsumfeld macht Ihnen zu schaffen. In der Arbeit stehen Sie unter enormen Leistungsdruck. Nervlich sind Sie dadurch stark angespannt. Ihnen ist bewusst, dass Sie in Ihrem aktuellen Job nicht glücklich sind. Sie fühlen sich von Ihrem Chef und Ihren Kollegen ungerecht behandelt. Doch Selbstmitleid bringt Sie da auch nicht weiter.

    Was Sie stattdessen tun sollten

    Momentan leiden Sie still für sich selbst, aber Sie tun nichts, was zu einer Veränderung führen könnte. Sprechen Sie Ihre Probleme an und erklären Sie dem Chef, welche Anforderungen und Erwartungen zu Ihrer Überforderung führen.

  • Die Isolierung

    Ihnen wird das alles zu viel, doch Sie sagen nichts. Sie wollen vor Ihren Kollegen nicht zugeben, dass Sie überfordert sind. Sie wollen keine Schwäche zeigen und arbeiten stattdessen alleine. Sie sind zum Einzelgänger geworden und versuchen sich möglichst von den anderen abzuschotten.

    Was Sie stattdessen tun sollten

    Wer alles alleine macht, verliert auf Dauer die Fähigkeit, im Team zu arbeiten. Das wird auch Ihrem Chef auffallen und dieser wird an Ihrer Sozialkompetenz zweifeln. Jeder kommt mal an einen Punkt, an dem er Unterstützung braucht. Das ist keine Schwäche. Im Gegenteil: Durch den Input von außen können Sie Ihre Arbeit noch verbessern und können Aufgaben und Verantwortung teilen.

  • Die Lähmung

    Sie sehen den Berg von Arbeit vor sich, doch können nicht loslegen. Sie wissen nicht, wo Sie anfangen sollen. Das führt zu einer Schockstarre, in der Sie nur beobachten, wie der Berg größer und größer wird, ohne etwas dagegen zu unternehmen.

    Was Sie stattdessen tun sollten:

    Gehen Sie systematisch an die Sache heran. Verschaffen Sie sich einen Überblick über die zu erledigenden Aufgaben. Beginnen Sie dann Schritt für Schritt die Aufgaben abzuarbeiten.

  • Die Selbstgeißelung

    In der Arbeit läuft es nicht so, wie Sie sich das gewünscht haben. Dafür geben Sie sich die Schuld. Wenn ich doch nur… – mit diesem Gedanken halten Sie sich all Ihre Fehler vor und setzen sich unter Druck. Sie vergleichen sich mit Ihren Kollegen und haben das Gefühl, dass es diesen leichter fällt, mit dem Stress und dem Arbeitspensum fertig zu werden.

    Was Sie stattdessen tun sollten

    Der Vergleich mit Ihren Kollegen schadet Ihnen nur. Jeder Mensch hat ein anderes Stressempfinden und ist zu einem anderen Zeitpunkt überfordert. Konzentrieren Sie sich darauf, Ihr eigenes Arbeitstempo zu finden.

  • Der Übereifer

    Sie begegnen Ihrer Überforderung, indem Sie versuchen, alles auf einmal zu machen. Die Arbeit wächst Ihnen zwar langsam über den Kopf, doch Sie versuchen krampfhaft Schritt zu halten. Anliegen des Chefs und der Kollegen übernehmen Sie, obwohl Sie dafür keine freien Kapazitäten haben. Ihnen fällt es schwer Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Dabei überfordern Sie sich selbst immer weiter.

    Was Sie stattdessen tun sollten

    Sagen Sie Ihren Kollegen und Ihrem Chef offen, dass es Ihnen zu viel wird. Bitten Sie Ihre Kollegen um Hilfe und kehren Sie wieder zu einem Arbeitspensum zurück, bei dem Sie sich wohlfühlen.

[Bildnachweis: 9nong by Shutterstock.com]
15. Juli 2019 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.



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