Choleriker: Ursachen und 10 Tipps für den Umgang

Von null auf hundert binnen Sekunden – das zeichnet einen typischen Choleriker aus. Jene Menschen, die ihrer Wut und Aggression freien Lauf lassen. Im Job wirkt das nur leider recht unprofessionell und unsouverän. Sympathisch erst recht nicht. Das größte Problem daran: Wie umgehen mit einem Choleriker? Oder gar mit dem eigenen Frust und Ärger? Was, wenn der Kollege oder Chef aus der Haut fährt, schimpft und schnaubt und das Fremdschämen schon zur physischen Qual wird? Hier die Tipps für den richtigen Umgang und an welchen Eigenschaften Sie frühzeitig einen Choleriker erkennen können…

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Choleriker: Ursachen und 10 Tipps für den Umgang

Definition: Woran lassen sich Choleriker erkennen?

Choleriker ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen Menschentypus, der allzu schnell aus der Haut fährt und schon bei Kleinigkeiten aufbrausend und laut wird. Sehr laut (siehe Grafik).

Cholerischer Anfall Wutausbruch Grafik Choleriker

Politiker wie Herbert Wehner und Franz-Josef-Strauß galten seinerzeit als Choleriker. Applegründer Steve Jobs war angeblich auch einer. Und der Name Klaus Kinski kann schon fast als Synonym für einen Choleriker gebraucht werden.

Im Fernsehen, aus sicherer Distanz also, können solche Ausraster durchaus spannend, erfrischend, sogar amüsand sein. Wer solchen Leuten aber Tag für Tag im Job oder Büro begegnet, findet sie nur noch unerträglich.

Ein Choleriker kann den Betriebsfrieden massiv stören. Ja, sogar komplett ruinieren. Dabei stellt sich die Frage: Wann ist man überhaupt ein Choleriker?

Tatsächlich gibt es bis heute keine wissenschaftliche Definition des Cholerikers. Wer zum Beispiel den Duden nach einer Begriffsdefinition befragt, erhält als Antwort einen „leidenschaftlichen, reizbaren, jähzornigen Menschen“. Einen cholerisch veranlagten Menschen erkennen können Sie daher am besten über ein paar typische Eigenschaften und Merkmale:

  • Er verfügt über geringe Selbstkontrolle.
  • Er ist leicht erregbar.
  • Er fährt auch wegen vermeintlicher Lappalien aus der Haut.
  • Er rastet häufig aus.
  • Seine Impulsivität ist übersteigert.
  • Der cholerische Anfall ist entsprechend heftig und laut.
  • Der Wutausbruch ist völlig ungehemmt und unkontrolliert.
  • Worte und Verhalten sind vergleichsweise unangemessen.
  • Der Choleriker strebt zudem oft nach Dominanz.

Zugleich sind Choleriker oft auch enorm leidenschaftlich in dem, was sie tun. Viele Betroffene verfügen gleichzeitig über eine ausgeprägte…

Alles Eigenschaften, die man auch mit einer Führungskraft verbindet. Eine mögliche Erklärung also, warum gerade unter Chefs der Typus des Cholerikers überproportional häufig anzutreffen ist.

So oder so: Fakt bleibt, dass Choleriker ihrer Wut durchweg unkontrolliert freien Lauf lassen und darüber jedes Maß verlieren. Entweder, weil sie sich das Recht dazu herausnehmen oder aber tatsächlich nicht in der Lage sind, sich zu bremsen.

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Ursachen: Wie wird man zum Choleriker?

Heute wissen wir, dass bestimmte Krankheiten mit Wutanfällen zusammenhängen. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) zum Beispiel. Ebenso psychische Störungen infolge von Hospitalismus und Vernachlässigung. Auch bei bestimmten Formen des Autismus sind Wutanfälle gehäuft zu beobachten.

Interessanterweise sind Choleriker nicht in jeder Situation oder Umgebung gleichermaßen schnell gereizt:

  • Manche Menschen verhalten sich vor allem in der Beziehung zu ihrem Partner tyrannisch, sind im Büro aber friedliebend.
  • Oder umgekehrt: Auf der Arbeit tobt sich jemand aus, zu Hause ist er ein Lamm.

Wobei cholerisches Verhalten zunächst einmal ein Persönlichkeitsmerkmal ist und nichts mit dem Geschlecht zu tun hat: Sowohl Männer als auch Frauen können Choleriker sein. Auslöser für den Jähzorn sind häufig akute Überforderung oder Minderwertigkeitsgefühle, die mit dem cholerischen Anfall überkompensiert werden. Nicht selten verbirgt sich dahinter aber auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung (siehe Kasten).

Die Ursachen, warum ein Mensch zum Choleriker wird, sind also recht vielfältig. Das Schwierige: In normalen Situationen können diese Menschen absolut entzückend, witzig und charmant sein.

Wer als Partner mit so einem Hitzkopf zusammen ist, zweifelt allerdings in Momenten des Wutanfalls an der Beziehung. Die Betroffenen fühlen sich erniedrigt und beleidigt. Nicht wenige haben dabei sogar regelrecht Angst um Leib und Leben.

Das Problem: Sie können einen Choleriker nicht wirklich heilen. Wenn überhaupt, kann nur eine Therapie helfen (mehr dazu weiter unten). Letztlich muss der Choleriker selbst einen Leidensdruck verspüren und den Wunsch haben, sich therapeutische Hilfe zu holen.

Daher sollten Betroffene sich keinesfalls in eine Opferrolle begeben, sondern etwas tun. Langfristig sind erlebte Wutanfälle extrem kräftezehrend, zumal Ihr Selbstwertgefühl auf Dauer darunter leidet, wenn Sie immer wieder angeschrien und aufs Übelste beschimpft werden.

Dabei ist es egal, ob Sie im Job einen cholerischen Chef oder Kollegen haben oder in einer Beziehung mit einem Choleriker leben: In jedem Fall muss sich etwas ändern.

Der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Wut

Die Wut eines Cholerikers richtet sich nie gegen sich selbst, immer gegen andere: Ihm oder ihr platzt der Kragen, weil andere offenbar „nicht bis drei“ zählen können. Die (vermeintlich) einfachsten Dinge machen sie falsch…

Das äußert sich dann gerne in Übertreibungen, pauschalen Unterstellungen und rhetorischen Fragen. Besonders unangenehm wird es beim Hierarchiegefälle. Mit Ausrastern à la…

  • Muss ich denn alles selbst machen?
  • Du kannst ja nicht mal von hier bis da denken!
  • Wie kann man nur so bescheuert sein?!
  • Ein Mal, ein einziges Mal möchte ich erleben, dass etwas funktioniert, wenn ich nicht da bin!

…suggeriert der Choleriker gerne, dass er der Einzige sei, der den Überblick hat und das Offensichtliche sieht. Während alle anderen natürlich zu doof sind.

Nun ist klar, dass manche Menschen auf Stress unterschiedlich reagieren. Auch Angst kann zu heftigen Reaktionen führen.

Die Psychologen Gilles Gignac von der University of Western Australia in Perth und Marcin Zajenkowski von der Universität Warschau wollten es aber genauer wissen. In ihren Studie zeigte sich mehrheitlich ein enger Zusammenhang zwischen Wutausbrüchen und einer verzerrten Selbstwahrnehmung der Betroffenen.

Demnach scheinen Choleriker häufig am Dunning-Kruger-Effekt zu leiden: Sie schätzen sich mehrheitlich als überdurchschnittlich intelligent ein – sind es aber nicht.

Die Forscher vermuten daher, dass das cholerische Verhalten auch ein Resultat der Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und den realen Erfolgen sei. Choleriker sind offenbar der Meinung, dass ihnen etwas anderes zustünde – und die entsprechende Anerkennung ihnen verwehrt bliebe.

Erste Hilfe und Tipps im Umgang mit Cholerikern

Wie aber mit einem Choleriker umgehen? – Das Team um Deanna Geddes von der Temple Universität und Lisa Stickney von der Universität in Baltimore hat sich der Frage etwas genauer angenommen und dazu eine Studie mit knapp 200 Probanden durchgeführt.

Das Forscherduo bat die Versuchsteilnehmer, sich an diverse Momente zu erinnern, wenn Kollegen so richtig ausrasteten – schreien, schimpfen, physische Gewalt (gegen Gegenstände) inklusive. Ebenso baten sie diese, ihre eigenen Gefühle dabei zu reflektieren. Vor allem aber im Zusammenhang mit der eigenen Reaktion darauf.

Drei Optionen standen zur Wahl:

  • Gar nichts tun und den Wüterich austoben lassen.
  • Den Kollegen auf sein unangebrachtes Verhalten ansprechen, maßregeln und im Extrem mit Sanktionen drohen.
  • Verständnis zeigen.

Während die meisten zu Reaktion 1 neigen, aber innerlich an Reaktion 2 denken, fanden die Forscherinnen bald heraus, dass die letzte Reaktion am effektivsten wirkte:

Wenn einer die Contenance verliert, hilft man sich selbst und dem Choleriker am besten, indem man auf denjenigen eingeht, Motto: Du bist nicht alleine.

Was tatsächlich oft hinter dem Ausraster steckt, ist das oben schon angesprochene kurzfristige Gefühl von Ohnmacht:

  • Zuerst spürt der Choleriker, dass er die Dinge selbst nicht mehr kontrollieren kann.
  • Dann verliert derjenige auch noch die Selbstbeherrschung.

So jemandem hilft es enorm, wieder in die Spur zurückzufinden, wenn er spürt, doch nicht so allein zu sein.

Eine Binsenweisheit vielleicht. Aber eine, die viel zu selten umgesetzt wird. Und natürlich gibt es bei solchen Wutanfällen auch Grenzen. Wer dabei seinen Computer zu Klump schlägt oder gar physisch auf Kollegen losgeht, der wird auf verbale Streicheleinheiten kaum noch reagieren.

Je nach Situation mögen die folgenden Tipps hilfreich sein:



Bloß nicht sagen: Entspann dich!

Jemandem zu sagen, er solle sich beruhigen oder „entspannen“, verbessert übrigens nichts – im Gegenteil: Es ist eine weitere Provokation. Denn tatsächlich sagen Sie so im Subtext: Du bist unentspannt, also falsch drauf. Eine persönliche Abwertung – die nie deeskalierend wirken kann.

Bloß nicht inhaltlich einsteigen!

Sie mögen in der Sache zwar recht haben, aber gegen einen Choleriker kommen Sie argumentativ nicht an. Es zeichnet den typischen cholerischen Anfall aus, dass Ihr Gegenüber Ihnen immer einen Schritt voraus ist. Vermeiden Sie daher, in dieselbe Lautstärke oder Gestik zu verfallen – Sie können nur verlieren.

Die Situation beschreiben

Dagmar Gerigk, Coach, rät langsam, ruhig und besonnen zu reagieren. Nehmen Sie die Metaebene ein und beschreiben Sie stattdessen, was Sie wahrnehmen: „Ich höre, wie Sie lauter werden – was ist der Grund dafür?“ Oder: „Diese Situation scheint Sie sehr aufzuwühlen – woran liegt das?“ Setzen Sie dazu rhetorische Pausen ein, die verleihen dem Gesagten mehr Gewicht.

Mit Fragen arbeiten

Choleriker in Rage sind gnadenlos. Da werden Killerphrasen herausgehauen, was das Zeug hält. Macht nichts. Sie können sich darauf vorbereiten. Eine Methode sind Fragen – eine ganz simple ist die Erwiderung: „Ach ist das so? Können Sie das noch einmal konkretisieren, ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe?“




Tipps kostenlos als PDF herunterladen

Für besonders hartnäckige Fälle haben wir weitere Tipps, die Sie hier als kostenloses PDF herunterladen können:

Gesundheit: Was können Choleriker selber tun?

Weil cholerische Ausbrüche letztlich ein unerwünschtes Sozialverhalten darstellen, sind auch Choleriker selbst gut beraten, ihre Wutanfälle wieder in den Griff zu bekommen. Auch für sie gibt es Tipps, wie sie wieder zu einem normalen, konstruktiven Umgang zurückfinden:

  • Sprechen Sie das Problem an

    Der wichtigste Schritt, nämlich die Selbsterkenntnis und der Wunsch, etwas gegen die unkontrollierte Wut zu tun, ist bereits gemacht. Ziehen Sie andere Menschen ins Vertrauen und erklären Sie, dass Sie etwas ändern wollen. Diese werden in der Regel verständnisvoll darauf reagieren und im eigenen Interesse Sie bei Ihrem Vorhaben unterstützen. So können Sie beispielsweise ein Zeichen oder ein Codewort vereinbaren, dass Sie verwenden, wenn die Wut wieder hochkriecht. Das ermöglicht eine kurze Pause, um sich wieder zu sammeln und anschließend ruhig fortzufahren.

  • Machen Sie sich Notizen

    Schreiben Sie auf, wann Sie in welchen Situationen Gefahr laufen, Ihre Wut nicht kontrollieren zu können. Welche Anlässe sind das, welche Personen und Themen tauchen dabei auf, welche Reaktionen (beide Parteien) folgten daraus? Wenn Sie über einen längeren Zeitraum Buch über Ihre Wutausbrüche führen, werden Sie Situationen und Muster wiedererkennen, die Ihnen später dabei helfen, in ähnlichen Situationen vorbeugend beziehungsweise adäquat zu reagieren.

  • Bauen Sie aktiv Stress ab

    Für den Stressabbau gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine sehr beliebte ist Laufen. Die Bewegung schüttet Glückshormone aus und hilft, den Kopf frei zu bekommen. Je nach Situation ist Joggen nicht immer möglich. Dann kann eine Meditation helfen, sich wieder zu erden und aufs Hier und Jetzt zu konzentrieren.

  • Machen Sie eine Therapie

    Eine andere Möglichkeit ist die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). In dieser Therapie kommen verhaltenstherapeutische Ansätze mit Strategien zur Achtsamkeit und Akzeptanz zum Einsatz: „Commitment“ steht für „Verpflichtung“ oder „Mitarbeit“ und bedeutet, dass man als Choleriker sich seiner (jähzornigen) Gefühle bewusst werden sollte. Es geht darum, sich als Mensch zu akzeptieren, aber die unschönen Verhaltensweisen zu sehen und sie zu verändern.

Arbeitsrecht: Kann man einem Choleriker kündigen?

Der Ärger am Arbeitsplatz schadet gleich in zweifacher Weise:

  • Den Betroffenen selbst, weil die sich dann nicht mehr auf ihren Job konzentrieren können und eine Weile brauchen, um wieder runterzukommen.
  • Der Organisation, weil der Tobsuchtsanfall und Frust früher oder später ansteckend wirken. Und dann arbeiten auch die anderen nicht mehr, sondern regen sich nur noch auf.

Auch wenn eine Kündigung sicher den Extremfall darstellt: Es ist nicht zulässig, dass eine einzelne Person derart den Betriebsablauf gefährdet. Erst recht, wenn der oder die Choleriker damit die Gesundheit der Mitarbeiter belastet.

Als Vorgesetzter hat der Chef im Rahmen seiner Fürsorgepflicht die Verantwortung, seinen Mitarbeitern ein angstfreies und störungsfreies Arbeitsumfeld zu ermöglichen.

Ob nun eine Kündigung aufgrund cholerischen Verhaltens infrage kommt, hängt vom „Härtefall“ ab. Wird jemand gegenüber seinen Kollegen ausfallend, kommt es zu Beleidigungen und Bedrohung, kann ein Ausmaß erreicht sein, bei dem eine verhaltensbedingte beziehungsweise fristlose Kündigung möglich ist.

Allerdings kommt es immer wieder auf den Einzelfall an: Jemandem Gewalt anzudrohen ist ein anderes Kaliber, als wenn ein Kollege den anderen als Vollidioten bezeichnet.

Auch sehen es Arbeitsgerichte gern, wenn dem Mitarbeiter zuvor die Chance eingeräumt wird, sein Verhalten zu ändern. Dazu muss der Arbeitgeber innerhalb zweier Wochen mit Kenntnis eines Vorfalls darauf reagieren und eine Abmahnung aussprechen.

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[Bildnachweis: mivod by Shutterstock.com]
15. April 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt mehr als 20 Jahre als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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