Fingerspitzengefühl: Andere führen – mit sanfter Hand

Immer mit dem Kopf durch die Wand? In Gesprächen oder Verhandlungen erzeugt das nur Gegenwehr. Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick führen meist schneller zum Ziel. Statt mit der Tür ins Haus zu fallen, beweisen Sie nicht nur emotionale Intelligenz und Verständnis, sondern gewinnen auch noch das Vertrauen Ihres Gegenübers. Ausgeprägtes Fingerspitzengefühl ist eine Schlüsselkompetenz für Beziehungen und beruflichen Erfolg. Was genau zeichnet die Eigenschaft aus – und wie können Sie lernen, in Zukunft feinfühliger zu reagieren? Hier die Antworten…

Fingerspitzengefühl: Andere führen - mit sanfter Hand

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Fingerspitzengefühl Definition: Was ist das?

Der Begriff Fingerspitzengefühl beschreibt in erster Linie ein einfühlsames Verhalten, zweitens einen besonderes feinen Tastsinn. Wer „Fingerspitzengefühl“ besitzt, hat ein feines Gespür dafür, wie er oder sie sich gegenüber anderen ausdrückt oder verhalten sollte, sodass niemand verletzt oder brüskiert wird.

Hinter dem Fingerspitzengefühl steckt eine rücksichtsvolle Haltung, die niemanden vor den Kopf stoßen will. Sie hilft besonders im Umgang mit sensiblen und schwierigen Menschen. Menschen, die diese Tugend besitzen, sind in der Lage, sich auf die jeweiligen Bedürfnisse Ihres Gegenübers und dessen charakterliche Eigenheiten einzustellen und diese zu würdigen.

Fingerspitzengefühl Synonyme

Ähnliche Begriffe für Fingerspitzengefühl sind: Einfühlungsgabe, Einfühlungskraft, Einfühlungsvermögen, Feeling, Feingefühl, Gespür, Taktgefühl, Verständnis, Zartgefühl, Sensibilität, Antenne, Empathie.

Fingerspitzengefühl auf Englisch

Oft: „flair“ oder „sensitively“, seltener: „sure instinct“, „intuition“, „tact“ oder „finesse“. „Großartiges Fingerspitzengefühl“ heißt zum Beispiel „great dexterity“.

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Die 3 Merkmale von Fingerspitzengefühl

Fingerspitzengefühl ist keine auffällige Eigenschaft. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Dafür fällt es umso mehr auf, wenn die Feinfühligkeit fehlt. In solchen Situation sagen oder denken wir: „Damit hätte man wirklich besser umgehen können!“ Es gibt aber drei Merkmale, an denen Sie Fingerspitzengefühl gut erkennen können – bei sich selbst und bei anderen:

  • Aufmerksamkeit
    Um Fingerspitzengefühl entwickeln zu können, brauchen Betroffene eine gute Wahrnehmung. Sie müssen zuhören, beobachten und erkennen, was in Ihrem Gegenüber vorgeht, wie sich andere fühlen oder was sie gerade durchmachen. Dazu gehören Empathie ebenso wie Menschenkenntnis. Erst dadurch können Sie verständnisvoll und angemessen reagieren.
  • Anpassungsfähigkeit
    Feinfühliges Verhalten passt sich immer individuell dem Umfeld und den Umständen an. Es ist keine Methode nach Schema F. Entsprechend erfordert die Fähigkeit maximale Flexibilität im Denken und Handeln. Zumal Stimmungen auch schnell kippen können.
  • Rücksicht
    Die meisten Menschen denken zuerst an sich selbst. Die Gefühle anderer werden übergangen oder ignoriert. Hinter Fingerspitzengefühl steckt jedoch der Wille (!) zur Rücksichtnahme – und die Fähigkeit, die eigenen Impulse und Emotionen zu kontrollieren, um sich angemessen verhalten zu können.
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Fingerspitzengefühl im Job: Ein wichtiger Erfolgsfaktor

Als wesentliche Eigenschaft der sozialen Kompetenzen hat Fingerspitzengefühl natürlich auch im Job einen hohen Stellenwert. Wer darüber verfügt, kommt nicht nur besser mit Kollegen und Vorgesetzten zurecht. Er oder sie kann so auch Konflikte besser entschärfen und viele Sympathien gewinnen. Menschen mit Fingerspitzengefühl zählen nicht selten zu den Sympathieträgern im Büro und auf der Arbeit.

Die Vorteile von Fingerspitzengefühl

Kurz gesagt: Einfühlungsvermögen und Taktgefühl haben für deren Besitzer gleich mehrere Vorteile im Job:

  • Sie sind in der Lage, stets die Fassung und Haltung zu bewahren.
  • Sie können kommunikative Fettnäpfchen umschiffen.
  • Sie können mit negativen Emotionen gelassen umgehen.
  • Sie finden immer die richtigen Worte.
  • Sie zeigen Verständnis statt voreiliger Reaktionen.
  • Sie übernehmen die diplomatische Gesprächsführung.
  • Sie können hart in der Sache, aber freundlich im Stil bleiben.
  • Sie können Streit deeskalieren.
  • Sie verbessern die Zusammenarbeit und das Betriebsklima.
  • Sie ernten dafür Respekt und Wertschätzung.
  • Sie stärken Ihr Netzwerk und Ihre Beziehungen.
  • Sie können sich in jeder Situation souverän behaupten.
  • Sie balancieren sicher zwischen Selbstbehauptung und Entgegenkommen.
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Fingerspitzengefühl in Führungspositionen

Noch wichtiger ist Fingerspitzengefühl auf der Chefetage. Autoritäre Führungsstile. In Zeiten von New Work, Homeoffice und Digitalisierung müssen Vorgesetzte in der Lage sein, Team situativ zu führen.

Damit tun sich aber viele Führungskräfte schwer. Schließlich strengt es an, in jeder Lage die richtigen Worte zu finden und passend zu reagieren. Wo ist eine Ermahnung angebracht? Wo braucht es ein aufmunterndes Schulterklopfen? Steht der Mitarbeiter gerade unter Stress? Oder ist er nur schlecht organisiert? Jeder Mitarbeiter hat das Recht, individuell geführt zu werden. Das Gießkannenprinzip versagt beim Management. Fairness bedeutet eben nicht, alle Mitarbeiter gleich zu behandeln, sondern entsprechend der Fähigkeiten und Situation.

Wie kann ich Fingerspitzengefühl lernen und trainieren?

Fingerspitzengefühl ist nichts, was sich in der Theorie lernen lässt. Regelmäßige Praxis ist dafür elementar. Wer sein Fingerspitzengefühl trainieren will, der muss üben, üben, üben. Und selbstkritisch reflektieren, in welcher Situation und warum Sie vielleicht gepatzt haben: Was ist da genau passiert? Warum habe ich mich im Wort vergriffen? Was hat den anderen verärgert oder gar verletzt?

Das ist ein permanenter Prozess, bei dem Sie Ihre Sinne und noch mehr die emotionale Wahrnehmungsfähigkeit erweitern. Tipps, was Sie darüber hinaus tun können, sind:

  • Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse.
    Trainieren Sie ein wachsames Auge und Gespür für die Gefühle und Motive zwischen den Zeilen. Manchmal sagen Menschen das Eine und meinen das Andere. Lernen Sie, hinter die Kulisse zu blicken und fragen Sie geschickt nach, um die Situation vollständig zu erfassen.
  • Gewinnen Sie Abstand zu den eigenen Gefühlen.
    Voraussetzung für Fingerspitzengefühl ist die eigene Souveränität. Dazu ist es wichtig, sich die eigenen (aufsteigenden) Emotionen bewusst zu machen und diese von der Sachebene zu trennen. Die bessere Selbstwahrnehmung hilft, den Gemütszustand anderer – objektiv – wahrnehmen und sensibel damit umgehen zu können.
  • Verändern Sie die Perspektive.
    Um die Gefühle und Beweggründe bei anderen besser zu verstehen, müssen Sie deren Blickwickel einnehmen und die eigene Perspektive wechseln („Fremdwahrnehmung“). Erst so kann sich so etwas wie Verständnis entwickeln. Überdies reduzieren Sie so Wahrnehmungsverzerrungen.
  • Entwickeln Sie verschiedene Handlungsoptionen.
    Jede Situation ist anders. Entscheidend ist, dass Sie ein ständig wachsendes Repertoire entwickeln, mit unterschiedlichen Situationen individuell umzugehen. Dazu gehört auch, empfundene Emotionen oder Schwingungen im Raum sprachlich sensibel benennen zu können. Schulen Sie also auch Ihre kommunikativen Fähigkeiten und diplomatisches Geschick.
  • Arbeiten Sie an Ihrem Auftritt.
    Zeigen Sie Wärme und Präsenz. Wer argumentiert, verliert. Egal, wie kritisch die Situation ist: Halten Sie die Balance im Gespräch, bleiben Sie stets sachlich und lassen Sie sich nie auf Machtkämpfe ein. Begegnen Sie Ihrem Gesprächspartner auf Augenhöhe – und nur als Ratgeber, wenn Sie gefragt werden.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
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4. November 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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