Niveau beweisen: Darum ist es so wichtig

Anstand, Charakter, Niveau – in diesem Dreiklang spiegelt sich oft die Klasse eines Menschen. Die geht weit über Bildung, gutes Benehmen und Betragen hinaus. So manch eine(r) mag überrascht sein, über das Niveau was ihnen hier und da begegnet. Sei es das Niveau auf dem diskutiert wird. Das der Meinungen und Weltbilder, an denen festgehalten wird. Oder der geistige Horizont (mit Radius 1), der voller Stolz präsentiert wird. Wir sind Kummer gewöhnt. Was aber bedeutet es überhaupt, Niveau zu haben? Und ist es nicht auch so: Wer von seinen Mitmenschen im Umgang ein möglichst hohes Niveau erwartet, muss erst einmal selbst mit niveauvollem Vorbild glänzen? Eine Analyse zwischen Anspruch und Format. Mal sehen, zu welchem Kaliber das gehört…

Niveau beweisen: Darum ist es so wichtig

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Definition und Bedeutung: Was ist Niveau?

Der Begriff „Niveau“ stammt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie „Grundwaage, Wasserwaage“. Im deutschen Sprachgebrauch hat er zweierlei Bedeutungen:

  • Laut Duden ist eine Definition des Wortes eine „waagerechte, ebene Fläche in bestimmter Höhe“.
  • In der zweiten Bedeutung beschreibt Niveau ein geistiges oder gesellschaftliches Level oder einen Rang.

Niveau ist keine Handcreme, und Stil ist nicht das Ende des Besens.



Wer andere auf ihr (und damit indirekt sein) Niveau hinweist, will in der Regel differenzieren, sozial und intellektuell abwerten. Es soll eine andere Stufe, eine andere Höhe oder Ebene angedeutet werden. Kurz: Man begegnet sich nicht mehr auf Augenhöhe. Eine genaue Übersetzung ins Deutsche ist schwierig. Folgende Begriffe werden daher im Zusammenhang mit Niveau häufig synonym verwendet: Anmut, Ansehen, Auftreten, Charakter, Geltung, Höflichkeit, Klasse, Level, Nimbus, Prestige, Profil, Stand, Stellung oder Würde.

Im Alltagsgebrauch wird Niveau häufig als Sammelbegriff für gutes Benehmen und Bildung, für eine vornehme Ausdrucksweise oder den Grad der geistigen Verfassung verwendet. Niveau gilt dabei als persönliche Stufe der bildungsmäßigen, künstlerischen oder sittlichen Ausprägung. Das Wort selbst steht dann im Singular. Diese Bedeutung spiegelt sich auch in einem gern genutzten Jugendwort wieder: „Niveaulimbo“. Der Begriff bschreibt ein dauerhaft sinkendes Niveau, das permanent unterschritten wird (bis eine(r) die Latte reißt).

Die Mehrzahl, „Niveaus“, wird wiederum genutzt, wenn zum Beispiel verschiedene Bildungsgrade angegeben werden – etwa in Form von „Sprachniveaus“ (im Lebenslauf).

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Du hast kein Niveau: Darum ärgert das so

„Du hast kein Niveau!“ – Oder: „Du bist unter meinem Niveau!“ – Eine harte Aussage, die verletzend wirkt und beim Empfänger in der Regel auch genau diese Wirkung haben soll. Natürlich sind auch andere Beleidigungen nie angenehm. Herabwürdigung bleibt Herabwürdigung. Viele fühlen sich aber mit Bezug auf das eigene Niveau besonders stark angegriffen.


Schätzchen, mein Absatz ist höher als dein Niveau. Und ich trage Ballerinas!



Warum ist das so?

In der Aussage „unter meinem Niveau“ stecken gleich zwei Bewertungen:

  • Abwertung: „Du bist nicht gut genug (für meine Ansprüche)!“
  • Aufwertung: „Ich stehe deutlich über dir!“

Frechheit! Da hält sich jemand nicht nur für deutlich besser, sondern hält uns zugleich für unwürdig. Ein großer Dämpfer für manches Ego. Die Betroffenen fühlen sich nicht nur erniedrigt, sondern zweifeln – bei weniger robuster Psyche – auch gleich am eigenen Selbstbild und Selbstwert. Dabei sollten wir uns klarmachen:

  • Erstens spricht eine solche Aussage nicht unbedingt für denjenigen, der sie macht. Ist es wirklich ein Zeichen von Klasse, andere spüren zu lassen, dass sie keine haben? Eben.
  • Zweitens ist es nichts weiter als eine Selbstzuschreibung („Ich habe Niveau – du nicht“). Welches Niveau ist weder geklärt, noch ob es tatsächlich vorhanden ist (siehe erster Punkt).

Insofern könnten Sie schlagfertig auf derlei dumme Sprüche kontern:


Übrigens: Schöne Grüße von diesem Niveau! Ihr seht euch in letzter Zeit ja nicht so häufig…


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Die Beurteilung von Niveau ist relativ

Wonach lässt sich Niveau überhaupt beurteilen? Unabhängig von der meist subjektiven und Beurteilung und Beleidigung durch andere, gibt es durchaus ein paar objektive Faktoren und Maßstäbe. Ob jemand Niveau besitzt ist demnach eine Frage von…

  • Bildung und Bildungsabschlüssen
  • Intelligenz und Lebensweisheit
  • Sprache und Ausdrucksvermögen
  • Verhalten und Umgangsformen

Wer dummes Zeug sagt, dabei über Fäkalsprache nicht hinauskommt und sich wie die sprichwörtliche Axt im Walde aufführt, sich also unangemessen verhält, wird von vielen Menschen als „niveaulos“ empfunden.

Doch genau das ist der springende Punkt bei der Beurteilung von Niveau: Das Umfeld ist entscheidend. Niveau zu besitzen, heißt zu wissen, wann man sich wie auszudrücken und zu verhalten hat.

Bei einem offiziellen Staatsbankett werden ein anderes Verhalten, andere Kleidung, andere Gesprächsthemen erwartet als beim Smalltalk und gemütlichen Abend in der Eckkneipe.

Was Niveau ausmacht, richtet sich nach den Regeln der Gruppe, in der man sich befindet. Ob jemand Niveau besitzt oder als „niveaulos“ betrachtet wird, hängt entscheidend mit den Abweichungen von Normen und Erwartungen des sozialen Umfelds zusammen – in beide Richtungen.

Ausgerechnet der für seine Ausraster berühmte Schauspieler Klaus Kinkski soll gesagt haben: „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.“ Tatsächlich hat wahres Niveau nichts mit Arroganz zu tun. Im Gegenteil: Wer wirklich Niveau besitzt, muss sich nicht aufwerten, indem er andere abwertet. Je nach Umfeld kann ein ansonsten niveauvolles Verhalten falsch ankommen oder als Arroganz ausgelegt werden.

Jeder hat sein eigenes Niveau – es passt vielleicht nur nicht zum Umfeld.

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Konformität: Niveau stützt sich auf allgemeine Regeln

Eine funktionierende Gesellschaft braucht feste Regeln. Die spiegeln sich zuerst in den Gesetzen eines Landes. Darüber hinaus gibt es aber meist noch allgemein akzeptierte Verhaltensweisen und Umgangsformen, die das Miteinander erleichtern und vor Missverständnissen schützen sollen. Niveaulos ist demnach zum Beispiel:

  • Gesetzwidriges Verhalten
    Gesetzwidrige Handlungen unterschreiten schon per Definition das gesellschaftliche Niveau. Das gilt auch am Arbeitsplatz: Diebstahl, Mobbing oder Gewalt im Job haben entsprechende Konsequenzen und münden meist in einer Kündigung.
  • Unerwünschtes Verhalten
    Zu den unerwünschten Verhaltensweisen gehört ebenso alles, was gegen die klassischen Knigge-Regeln und guten Manieren verstößt. Dazu zählen auch sämtliche Körpergeräusche, die normalerweise unterdrückt werden und unkommentiert bleiben. Wer niesen muss, bittet dafür heute zum Beispiel um Entschuldigung. Wer seinen wiederholt auftretenden Körpergeräuschen indes freien Lauf lässt, bei dem wird das Niveau mit Sicherheit hinterfragt.
  • Vulgäre Ausdrucksweise
    Fäkalsprache und eine insgesamt vulgäre Ausdrucksweise sowie die häufige Verwendung von Kraftausdrücken und Schimpfwörtern werden generell als Indiz für ein geringes Niveau gesehen. Auch geistig. Schließlich ist die betreffende Person nicht in der Lage, aus seinem (eingeschränkten) Sprachschatz adäquatere Worte auszuwählen. Zudem besteht die Gefahr, sich im Ton zu vergreifen. Richtig böse wird es bei übler Nachrede. Die hat auch juristische Konsequenzen.
  • Unangemessene Kleidung
    Auch Äußerlichkeiten wie Kleidung verraten Niveau. Wer den jeweiligen Dresscode missachtet, ist entweder rebellisch oder niveaulos. Falsche Farben, unvorteilhafte Schnitte, augenscheinlich schlechte Verarbeitung – all das spricht für fehlenden Stil oder Sinn für Etikette. Bestimmte Positionen erfordern angemessene Kleidung und Accessoires. Niemand wird von einem Mechaniker erwarten, dass er im Anzug zur Arbeit kommt. Wer hingegen als Manager zu salopp gekleidet seine Kunden empfängt, macht sich angreifbar und zeigt wenig Wertschätzung.
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Niveau im Job: Überqualifiziert im Berufsleben?

Niveau im Arbeitsleben spielt nochmal eine andere Rolle. Hierbei geht es zwar auch um angemessenes Verhalten, mehr aber noch um das sogenannte „Qualifikationsniveau“. Für viele Berufe wird ein festgelegtes Bildungs- und Kompetenzniveau vorausgesetzt.

  • Für eine berufliche Ausbildung wird ein entsprechender Schulabschluss erwartet.
  • Für ein Studium braucht es in der Regel Abitur oder eine Fachhochschulreife.
  • Wer sich für hochqualifizierte Jobs bewirbt, benötigt mindestens ein abgeschlossenes Studium.
  • Für einige Jobs ist sogar eine entsprechend langjährige Berufserfahrung Voraussetzung.

Wer solche Qualifikationsniveaus nicht erfüllt, muss sich nach einem anderen Job umsehen: „unqualifiziert!“ Das gibt es aber auch andersherum: Millionen von Arbeitnehmern arbeiten unter ihrem Niveau. Sie sind überqualifiziert für den Job, den sie machen. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kam zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Akademiker in Deutschland ein höheres Bildungs- und Ausbildungsniveau mitbringt, als es sein Job erfordert.

Die Gründe dafür können vielseitig sein.

Eine Ursache aber gilt als sicher: Es studieren immer mehr Menschen. Die Zahl der Akademiker steigt seit Jahren an. Nicht aber das Angebot für Jobs, die diesem Bildungsniveau entsprechen. Weitere Gründe, warum Arbeitnehmer unter ihrem Niveau arbeiten:

  • Zu lange Auszeiten bremsen die Karriere. Zum Beispiel bei Frauen, die lange in Elternzeit gehen.
  • Freiwilliges Downshifting aufgrund von Stress.
  • Persönliches Pech aufgrund wirtschaftlich schlechter Zeiten.
  • Fehlgriff bei der Berufswahl.

In manchen Fällen kann die Arbeit unter dem Ausbildungsniveau auch eine strategisch kluge Entscheidung sein. Zum Beispiel, um überhaupt eine Fuß in die Tür und in die (stark umworbene) Branche zu bekommen.

Ebenso muss es grundsätzlich nicht schlecht sein, unter dem eigenen Niveau zu arbeiten. Solange diese Wahl bewusst getroffen wurde und dauerhaft glücklich macht.

Wer sich hingegen unfreiwillig in einem Job wiederfindet, der nicht dem eigenen Niveau entspricht, sollte bald etwas daran ändern. Je länger die Arbeit in diesem Umfeld dauert, desto schwieriger wird der Sprung zurück auf den eigenen Level.

Generationenkonflikt: Der Niveauverlust der Jugend

Apropos Level: Schon immer haben ältere Menschen den generellen Niveauverlust der Jugend beklagt. Dahinter steckt jedoch eine hilflose Geste, die aus historischer Perspektive uralt ist. Es gibt Tontafeln der Sumerer, auf denen bereits rund 3000 Jahre vor Christus die verlotterte Jugend beklagt wird: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“ Nicht viel besser sah es 1000 Jahre später bei den Chaldäern in einer Keilschrift aus: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“

Das kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder! Seit über 5.000 Jahren klagen Generationen von Menschen über mangelndes Niveau. Trotzdem ändert sich nichts daran. Jede Generation ist offenbar ab einem gewissen Alter davon überzeugt, dass das allgemeine Niveauverlust und Verfall der Sitten das Ende der Welt einläutet. Mindestens. Dabei steckt dahinter eher die sinkende Toleranz für den stetigen Wandel. Und die Ignoranz einer ewigen Regel des Lebens: In der Jugend machen wir bewusst Vieles anders als unsere Eltern, um im Alter erschreckt festzustellen, dass wir ihnen immer ähnlicher werden.

Jammern auf hohem Niveau

Überhaupt das Jammern und Klagen. Wir Deutsche sind Weltmeister darin. Obwohl unser Lebensstandard verglichen mit dem Rest der Welt weit über dem Durchschnitt liegt, ebenso Wohlstand, Bildung und Sicherheit, wird hierzulande gerne gestöhnt, geschimpft, gemäkelt.

Wir jammern auf hohem Niveau.

Natürlich kann man sich immer nach oben orientieren. Verglichen mit einem fiktiven Optimum (was freilich jeder anders definiert), gibt es immer einen Grund zur Klage und Verbesserung. Zu kurz kommt dabei die Dankbarkeit für das bereits vorhandene Niveau. Für all die guten Gründe zufrieden zu sein.

Deswegen muss man nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen und selbstgefällig oder faul werden. Der Blick nach vorn ist weiterhin lobens- und erstrebenswert. Das geht aber auch ohne jammern.

Während beispielsweise in den USA das Scheitern mit sogenannten Fuckup Nights zelebriert und als Chance begriffen wird, treibt hierzulande die Menschen die German Angst vor Jobverlust um.

Warum? Erstens ist der Verlust noch gar nicht eingetreten. Zweitens ist es auch so: Wer auf hohem Niveau jammert, verhöhnt all jene, die längst einen besseren Grund dazu hätten.

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Tipps: So steigern Sie Ihr Niveau

Niveau ist ein komplexes Gebilde. Es umfasst Bildung, Umgangsformen, verbale und nonverbale Ausdruckskraft sowie Werte und Normen. Noch dazu ist es abhängig vom sozialen Umfeld und den Umständen. Wer als niveauvoll gelten und sein Niveau steigern will, muss daher zunächst lernen, sein Verhalten dem vorherrschenden Milieu anzupassen. Einen allgemeinen Standard gibt allenfalls auf gesellschaftlicher Ebene. Werden die Zirkel jedoch kleiner, gelten meist eigene Regeln, Sprach- und Kleidercodes.

Daher – soweit überhaupt möglich – hier ein paar generelle Tipps und Tricks, mit denen Sie die Wahrnehmung anderer Menschen positiv beeinflussen und Ihr Niveau steigern können:

  • Beweisen Sie Taktgefühl
    Wählen Sie Sprache und Inhalte stets mit Bedacht. Frei Schnauze zu plaudern, mag authentisch sein, führt aber oft in Fettnäpfe. Meiden sollten Sie Themen, die stark polarisieren oder Emotionen wecken sowie politische oder religiöse Überzeugungen. Ebenso riskant sind Unterhaltungen über Geld oder den Tod. Das bedeutet nicht, dass niemals über so etwas gesprochen werden darf. Sie sollten aber ein Gespür dafür entwickeln, wem gegenüber Sie was sagen und zu welchem Zeitpunkt.
  • Achten Sie auf Ihr Äußeres
    Karl Lagerfeld sagte einmal: Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Das war pure Polemik. Aber es stimmt: Kleider machen Leute. Eine gepflegte Erscheinung und angemessene Kleidung haben immer ihre Wirkung. Auch hier: Sie müssen sich deswegen nicht verkleiden oder zum Dandy mutieren. Aber hier und da ein bisschen mehr Noblesse und Stil schaden niemandem, der Klasse zeigen und signalisieren will.
  • Adaptieren Sie Ihre Ausdrucksweise
    Sprache verrät Bewusstsein. Sie kann ebenso Sympathien wecken, wie Zugehörigkeit ausdrücken, wenn wir beispielsweise einen Dialekt sprechen oder typische Worte verwenden. Eine niveauvolle Ausdrucksweise bedeutet nicht, in hochgestochenen, komplizierten Worten und verschachtelten Sätzen zu sprechen. Das wirkt eher bemüht bis verzweifelt. Blender und Schnösel verraten sich so. Niveau beweist vielmehr, wer es in einer Konversationen versteht, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, Menschen zu motivieren, zu inspirieren oder zu überzeugen. All das lässt sich gut lernen.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
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20. Oktober 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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