Kleider machen Leute – und steigern unsere Leistung

Kleider machen Leute. Nicht nicht nur Bücher beurteilen wir nach ihrem Einband, sondern oft auch Menschen. Zahllose Studien haben schon die suggestive Macht der Kleidung nachgewiesen, nicht zuletzt spiegelt sich die Erkenntnis auch in dem klassischen Bewerbertipp: Kleiden Sie sich nicht für den Job, den Sie haben, sondern für den Job, den Sie wollen.

Was wir tragen, wirkt auf andere kompetent, weckt Sympathien – oder auch nicht. Aber nimmt die Kleiderwahl auch Einfluss auf uns selbst, auf unsere Arbeit und Leistung? Studien kommen zu dem Ergebnis: ja – und zwar mehr als wir denken… Wie Sie die richtige Kleiderwahl treffen und andere von sich überzeugen, ist Thema dieses Artikels.

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Kleider machen Leute - und steigern unsere Leistung

Der erste Eindruck zählt

Es gibt keine Chance für einen ersten Eindruck, heißt es. Innerhalb von Millisekunden machen wir uns ein Bild von unserem Gegenüber. Größe, ungefähres Alter, Geschlecht, vielleicht Herkunft und sozialer Status.

Das Urteil wird anhand von Mimik, Körpersprache, Wortwahl und eben auch Kleidung gefällt. Kleider machen Leute, das war für einen Karl Lagerfeld klar.

Legendär sein Ausspruch: Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Mit dieser Ansicht zementierte er das weitverbreitete Schubladendenken.

So ganz stimmt der erste Eindruck ja nicht immer; es kommt auf den Kontext an. Selbst die Jogginghose kann im Beruf angemessen sein – wenn Sie Sportler sind, als Sport- oder Fitnesscoach arbeiten oder als Modeschöpfer welche entwerfen. Für typische Bürojobs trifft allerdings nichts dergleichen zu.

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Auswirkungen von Kleidung auf uns und andere Personen

Verschiedene Studien zeigen, wie Kleidung unser Denken und Fühlen beeinflusst:



Kleidung prägt Arbeitsverhalten

Als der Verhaltensforscher Michael W. Kraus von der Yale School of Management die psychologische Wirkung unterschiedlicher Kleidung untersuchte, stellte er bald fest, dass Hochstatus-Klamotten wie Anzug oder Kostüm sowohl die Durchsetzungsfähigkeit als auch die Leistung der Träger steigerte – insbesondere in Wettbewerbssituationen, wie etwa einer Verhandlung.

Für eines der Experimente sollten beispielsweise 128 Männer im Alter zwischen 18 und 32 Jahren während einiger Rollenspiele über fiktive Beträge verhandeln. Die Käufer bestanden dabei aus drei unterschiedlichen Gruppen:

  • Die erste Gruppe trug klassische Business-Kleidung, also Anzug und Krawatte.
  • Die zweite Gruppe dagegen trug Sweatshirts, Jeans oder Jogginghosen.
  • Die dritte, neutrale Gruppe trug das, was man als Casual bezeichnen würde, diente also als Kontrollgruppe.

Die Verkäufer wiederum kamen ausschließlich aus der dritten, neutralen Gruppe. Dann wurde verhandelt. Mit dem Ergebnis: Die Sweatshirt-Gruppe machte deutlich größere Zugeständnisse. Sie verhandelte schlechter und erwirtschaftete so deutlich geringere Gewinne. Der Unterschied belief sich auf rund zwei Millionen Dollar.

Die Lehre daraus: Wer im Job hartem Konkurrenzdruck ausgesetzt ist, sollte sich formal kleiden. Sie signalisieren damit: „Ich bin ein Profi und weiß genau, was ich tue.“



Formale Kleidung verändert unser Denken

Laut einer Studie der California State Universität in Northridge sorgt formale Kleidung dafür, dass sich die Träger unmittelbar mächtiger und bedeutsamer fühlen – allerdings auch weniger verbindlich.

In den Experimenten mussten Probanden an unterschiedlichen Tagen mal Freizeitkleidung, mal formale Kleidung wie einen Anzug tragen und anschließend diverse Tests absolvieren. Mit dem überraschendem Ergebnis:

Wer einen formalen Anzug (oder Hosenanzug, Kostüm) trug…

  • fühlte sich prompt mächtiger, aber weniger verbunden mit anderen.
  • dachte holistischer, dafür aber weniger in Details.
  • favorisierte abstrakte Analysen statt konkreter Fakten.

Was auf den ersten Blick einen durchaus gefragten Managertypus charakterisiert, könnte man aber auch anders auslegen: Anzugträger werden demnach zu Menschen, die…

  • sich ihrer Macht und Bedeutung stets bewusst sind.
  • eher abgehobene Buzzwords wie „holistisch“ benutzen.
  • einen Blick aus 10.000 Metern Flughöhe auf die Dinge haben, aber wenig Bodenhaftung.

„Egal, wie oft sie formelle Kleidung tragen: Wenn Sie diese tragen, dann bewegen Sie sich eher in einem Kontext, der weniger intim, komfortabel und sozial verbunden ist“, sagt Rutchick. „Das beeinflusst ihr Denken und Handeln zwangsläufig. Selbst wenn Sie den Anzug in einem eher privaten Umfeld wie einer Hochzeit tragen.“

Die Lehre daraus: Wer Führungskraft ist oder werden will, sollte sich schon seiner Rolle entsprechend kleiden. Der Gefahr, völlig abzuheben, können Sie aber vorbeugen. Führen Sie einen Casual Friday ein, bei dem alle sich salopper als sonst anziehen.



Teurer Kleidung wird Kompetenz zugeschrieben

Kleider machen Leute, indem ihnen sozialer Status und bestimmte Fähigkeiten zugeschrieben werden. Darauf weisen zahlreiche Untersuchungen hin. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass gut gekleidete Schüler und Lehrer intelligenter wirken.

Eine Studie der Universität Princeton untersuchte mithilfe von Porträtfotos, wie Menschen bei anderen Personen Kompetenz ermitteln. Dazu wurden auf den Bildern in Frontalaufnahme die Menschen mit sichtbarer Oberbekleidung gezeigt.

Heraus kam: Wurde die Kleidung als teuer und hochwertig wahrgenommen, erschien der Träger auf dem Bild kompetent. Auffällig war, dass dasselbe Gesicht bei „reicherer“ Kleidung als deutlich kompetenter beurteilt wurde als bei „ärmerer“ Kleidung. Auch ein vorheriger Hinweis an die Probanden, dass die Kleidung für die vorliegende Befragung keine Rolle spiele, änderte nichts an der Einschätzung.

Die Einstufung von Frauen richtet sich übrigens nicht nur nach der Qualität der Kleidung. Eine Studie der Lawrence University kommt zu dem Ergebnis: Wer sich zu aufreizend kleidet, wird eher als weniger kompetent eingestuft. Ein klarer Karrierekiller also.

Die Lehre daraus: Kleider unterstützen leider Vorurteile und stellen Personen, die ohnehin einen niedrigeren Status (aufgrund von Herkunft, Bildung, Einkommen) haben, vor zusätzliche Schwierigkeiten.

Kleidung als Mittel zur Kommunikation

Kleider machen Leute, und zwar in jeder Hinsicht. Aus beruflicher Perspektive weisen wir darauf hin, weil wir als Karrieremagazin die Zusammenhänge zwischen Kleidung und Erfolg darlegen wollen. Kleider als Statussymbol, um die eigene Bedeutung hervorzuheben, sind so alt wie die Menschheit.

Lange bevor es irgendwelche Marken gab, gab es die Möglichkeit, über Rarität, Material und Farbe die eigene Position darzustellen. Denken Sie an alte Herrschergemälde etwa; der oder die Porträtierte trug oft einen Samtmantel, der mit dem Rot der teuren Purpurschnecke gefärbt wurde. Gefüttert war er mit feinen Hermelinfell.

Wer sich so darstellen ließ, zeigte damit seine Zugehörigkeit zum Königshaus. Diese Insignien der Macht und des Status sind seit dem Mittelalter sowohl bei adeligen als auch kirchlichen Würdenträgern belegt.

Deshalb waren auch lange Zeit bestimmte (teure) Farben wie Rot nur Herrschern vorbehalten. Exklusivität, also Dinge, die nur schwer zu beschaffen sind – aufgrund künstlicher Knappheit und/oder eines hohen Preises – trägt nach wie vor dazu bei, dass der Besitzer solcher Dinge schnell bewundert wird.

Zum Zitat von „Kleider machen Leute“

Das Zitat Kleider machen Leute ist ein altes und weitverbreitetes. Im Slowenischen sagt man beispielsweise übersetzt: Das Kleid macht den Menschen. Und auch die Tschechen wissen: Kleider machen den Menschen.

So richtig bekannt wurde es durch den Schweizer Dichter Gottfried Keller. In seiner 1874 erschienenen Novelle Kleider machen Leute erzählt er vom Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der seine Mittellosigkeit mit guter Kleidung kaschiert.

Aufgrund einer Verwechslung und ob seiner eleganten Kleider wird er im Ort Goldach für einen polnischen Grafen gehalten. Zu schüchtern, um diesen Irrtum aufzuklären, spielt er die Rolle des Grafen eine Weile mit. So lernt er den Amtsrat und seine Tochter Nettchen kennen. Wenzel und Nettchen verlieben sich ineinander.

Und obwohl die Täuschung auffliegt, hält Nettchen zu Wenzel, der seine wahren Gefühle bezeugen kann. Die beiden heiraten und im Laufe der Jahre mausert sich Wenzel zum erfolgreichen Geschäftsmann.

Die Bedeutung von Kleider machen Leute lässt sich in zwei Lehren zusammenfassen:

  • Mehr Schein als Sein
    Menschen lassen sich schnell von Äußerlichkeiten blenden. Kleider („Markenklamotten“), aber auch der Konsum prestigeträchtiger Objekte wie schnelle/teure Autos und Schmuck, oder der Verzehr teurer Speisen (Trüffel, Champagner, Kaviar), erwecken den Anschein von Reichtum.

    Dabei muss der erzeugte Eindruck gar nicht den Tatsachen entsprechen – wer nur überzeugend genug auftritt, wird mühelos in gesellschaftliche Kreise und Schichten aufgenommen, die ihm anderenfalls versagt geblieben wären. So auch in Kellers Erählung die Bekanntschaft mit Nettchen, die im 19. Jahrhundert einen deutlichen Standesunterschied markiert.

  • Inneres vor Äußeres
    Es gibt aber eine weitere Moral von der Geschicht‘: Das Happy End von Nettchen und Wenzel zeigt, dass es eben doch auf den Charakter ankommt. Äußerlichkeiten mögen manche Menschen täuschen. Häufig gelingt das aber auch nur über einen gewissen Zeitraum. Echte Werte und Gefühle setzen sich am Ende durch und überwinden sogar Hürden wie einen Standesunterschied.

    Und die Wandlung Wenzels im Laufe der Geschichte zeigt, dass es auch möglich ist, mit ehrlichen Methoden zu Erfolg zu gelangen. Man könnte auch sagen: Qualität setzt sich durch. Die schönen Kleider allein helfen nicht.

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Kleidung hat verschiedene Funktionen

Kleider machen Leute heißt auch, dass wir Kleidung nicht nur tragen, um uns zu wärmen oder schlichtweg angezogen zu sein. Wir kommunizieren darüber. So kann Kleidung Teil der Gegenkultur sein: Mit Parka, langen wallenden Röcken oder Kleidern sowie selbst gebatikten T-Shirts werden Sie typischerweise als Hippie wahrgenommen.

Springerstiefel, zerrissene Kleidung und auffällig toupierte Haare lassen Sie als Punk erkennen. Beide Kleidungsstile stehen weniger für einen hohen Status, als vielmehr für eine Solidarisierung – ähnlich wie bei Rastafaris. Was Sie mit Ihrem Kleidungsstil aussagen wollen, ist eine höchstpersönliche Sache und kann situationsbedingt sein:

  • Kleidung als Statement.
    Deutlich erlebbar ist das in der Jugendkultur. Jugendliche orientieren sich an ihren Peergroups. Was angesagte Leute tragen, das wollen sie auch tragen. Egal ob es sich dabei um Sportmarken wie Nike und Adidas, Nobelmarken wie Gucci oder das neuste Iphone von Apple handelt. Man orientiert sich an der Kleidung der Vorbilder und hebt sich so von anderen ab.
  • Kleidung nach Anlass.
    Im Berufsleben werden die meisten gruppenspezifischen Kleidungsstile abgelegt. Wer in der Kreativbranche arbeitet oder als Freelancer von zuhause, mag davon weniger betroffen sein. Aber für Vorstellungsgespräche gilt häufig ein bestimmter Dresscode. Ebenso werden die meisten Leute auf festlichen Anlässen wie Hochzeit, Taufe oder Kommunion andere Kleider tragen als im Alltag.

Hoher oder niedriger Status?

Während wir im privaten Umfeld unserer Individualität freien Lauf lassen können, ist das im beruflichen Kontext weitaus schwieriger.

Manche Berufe verbinden wir automatisch mit bestimmter Kleidung. Ein Schornsteinfeger erscheint üblicherweise in schwarzer Montur, auch Zimmerleute (vor allem auf der Walz) tragen typische Kleidungsstücke.

Berufliche Gründe liegen vor, wenn ein Banker einen Anzug trägt. Gerade die Banken- und Versicherungsbranche drückt somit Seriosität aus. Einem Berater in einer ballonseidenen Freizeithose würde man tendenziell die geistige Jogginghose unterstellen.

Viele Jobs lassen sich anhand ihrer Berufsbekleidung einordnen. Oft gilt: Je feiner die Kleidung, desto höher der soziale Rang. Wer demnach in einem Blaumann oder orangefarbener Arbeitshose mit Warnschutz arbeitet, wird auf den ersten Blick nicht als jemand wahrgenommen, der oben auf der Karriereleiter steht.

Status und Karriere gehen nicht immer Hand in Hand, nicht immer lässt sich die Position ablesen. Auch ein Inhaber einer Kfz-Werkstatt kann im Blaumann seiner Arbeit nachgehen. In einigen Jobs wird Dienstbekleidung getragen, oft als Uniform. So etwa bei Polizisten oder Soldaten. Hier lassen sich Dienstgrade (und der damit verbundene Status) teilweise nur mit geübten Auge anhand von Abzeichen erkennen.

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Tipps für Kleidung im Beruf

Kleidung ist ein hochkomplexes Thema und übermittelt mehrere Botschaften als auf den ersten Blick für möglich gehalten wird. Besonders für Berufsanfänger sind Guidelines in Unternehmen hilfreich. Vor dem Hintergrund diverser Studien ist klar, dass
Sie selbst sich in eine bestimmte Geisteshaltung bringen können durch das, was Sie tragen.

Pauschale Aussagen sind immer etwas schwierig. Denn wie Sie wahrgenommen werden, hängt von der Bewertung des Beobachters ab. Welche Eigenschaften schreibt er bestimmten Kleidungsstücken zu? Welche Theorien verbindet er mit Kleidung?

Wer ein bisschen psychologisch geschult ist und eine gewisse Menschenkenntnis hat, dem fällt auf, ob sich jemand in formaler Kleidung wohl fühlt (weil er sie gewohnt ist) oder sich eher ungelenk bewegt (weil sie neu und ungewohnt ist). Das allein muss aber nichts Schlimmes bedeuten.

Gerade Berufsanfänger haben oft nicht die finanziellen Möglichkeiten, besonders viel Geld für Anzüge und Kostüme auszugeben. Personaler geben hier allerdings Entwarnung: Wichtiger als die Marke ist die Pflege. Kommt jemand mit ungebügelter Jacke? Sind die Schuhe dreckig, die Bluse knittrig?

Wer in bestimmten Branchen beruflich vorankommen möchte, sollte für sich klären, ob er bestimmte Kleidungsstücke (die zerrissene Lieblingsjeans) um keinen Preis in der Welt hergeben kann, weil sie identitätsstiftend ist. Oder aber ob eine kleine äußere Anpassung (Kostüm oder Anzug) um des lieben Frieden willens nicht doch der einfachere Weg ist.

Entscheidend ist ja letztlich, was beziehungsweise wer in der Kleidung steckt.

[Bildnachweis: PanicAttack by Shutterstock.com]
18. Juni 2020 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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