Rosenthal-Effekt: Erklärung, Wirkung, Tipps

Zu hohe Erwartungen gelten als schädlich, weil diese häufig enttäuscht werden. Ganz auf Erwartungen zu verzichten, ist jedoch auch nicht der richtige Weg. Erst recht nicht, wenn Sie sich den Rosenthal-Effekt vor Augen halten. Der nach dem Psychologen Robert Rosenthal benannte Effekt zeigt, dass sich positive Erwartungen auf die Leistung auswirken. Kurz gesagt: Wer gute Leistungen erwartet, wird selten enttäuscht. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein – ist allerdings wissenschaftlich in vielen Experimenten belegt worden. Hier erfahren Sie, wie der Rosenthal-Effekt funktioniert, welche Vorteile er mitbringen kann und wie Sie ihn für sich einsetzen können…

Rosenthal-Effekt: Erklärung, Wirkung, Tipps

Rosenthal-Effekt: Erwartungen beeinflussen Leistungen

Rosenthal-Effekt Definition Erklärung Wirkung GegenteilAus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich beim Rosenthal-Effekt um einen Fehler, der durch eine vorhandene Erwartungshaltung und Einstellung oder durch positive Stereotype und Vorurteile entstehen kann. Was komplex klingen mag, bedeutet zunächst einmal nur: Geht ein Versuchsleiter mit einer gewissen Erwartung oder Einstellung in ein Experiment, kann sich dies auf die Ergebnisse auswirken und diese beeinflussen oder gänzlich verfälschen.

Nachgewiesen haben diesen Zusammenhang Robert Rosenthal und Kermit L. Fode bereits Anfang der 1960er Jahre. Dazu teilten Sie studentische Versuchsleiter in zwei Gruppen: Einer davon gaben Sie Ratten und sagten, dass diese speziell darauf gezüchtet wurden, ein Labyrinth schnell durchqueren zu können, bei der zweiten Gruppe gaben sie hingegen an, dass es sich um eine besonders dumme Züchtung handelt, die entsprechend langsam im Labyrinth unterwegs ist.

Der entscheidende Clou: Es gab absolut keinen Unterschied zwischen den Ratten, es wurden lediglich die Erwartungen der Versuchsleiter positiv beziehungsweise negativ beeinflusst. Obwohl also alle Versuchsteilnehmer dieselben Ratten ins Rennen schickten, gab es bei den Ergebnisse deutliche Unterschiede. In der Gruppe mit den angeblich intelligenteren Ratten, waren die Leistungen durchweg besser und die Tiere durchquerten das Labyrinth in schnelleren Zeiten.

Dass der Rosenthal-Effekt auch bei Menschen funktioniert, wurde in einem nachfolgenden Test bewiesen, der inzwischen berühmt geworden ist. Lehrern wurde gesagt, dass in einer Klasse besonders intelligente Schüler sind, von denen im nächsten Schuljahr gute Leistung und große Entwicklungsschübe erwartet werden. Auch hier waren es in Wahrheit keine hochbegabten, sondern zufällig ausgewählte Kinder, was am Ergebnis nichts änderte: Eben diese Schüler schnitten besonders gut ab, entwickelten sich deutlich schneller als ihre Schulkameraden und es konnte sogar nachgewiesen werden, dass der IQ dieser Schüler deutlich über dem der Vergleichsgruppe lag.

Warum funktioniert der Rosenthal-Effekt?

Rosenthal-Effekt Erklärung Wirkung GegenteilEs scheint schwer nachvollziehbar zu sein, wie nur die Erwartungshaltung einen solch großen Einfluss auf die tatsächliche Leistung haben kann. Die Erklärung von Rosenthal lautet, dass es Projektionen der Versuchsleiter sind, die Einfluss auf die Performance haben. Verständlicher lassen sich die Effekte am Beispiel der Schüler erkennen:

Durch die positive Erwartungshaltung der Lehrer hat sich auch deren Verhalten verändert. Schüler, die als leistungsstark und besonders intelligent hervorgehoben wurden, wurden in dem getesteten Zeitraum stärker gefördert, Fortschritte wurden deutlicher herausgestellt, bei Schwierigkeiten oder Rückfragen wurde geduldiger reagiert.

Aufgrund dieser unbewussten Verhaltensänderungen werden die Erwartungen zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Ohne es zu bemerken, sorgen die Versuchsleiter beziehungsweise Lehrer selbst dafür, dass die vorgefertigte Meinung stimmt und die Erwartungen somit erfüllt werden.

So können Sie den Rosenthal-Effekt für sich nutzen

Ob in der Schule, im Studium, während der Ausbildung, bei einem Praktikum oder im späteren Berufsleben – der Rosenthal-Effekt lässt sich überall beobachten. Mit diesem Wissen sind Sie bereits im Vorteil, noch wichtiger kann es jedoch sein, den Rosenthal-Effekt möglichst gewinnbringend einzusetzen.

Möglich ist das auf verschiedenen Wegen. Wir haben drei Tipps zusammengestellt, die Ihnen helfen können, den Rosenthal-Effekt zu nutzen:

  • Glauben Sie an sich selbst

    Eine positive Erwartungshaltung können Sie nicht nur anderen Menschen gegenüber haben. Ebenso funktioniert der Rosenthal-Effekt mit einem positiven Selbstbild und dem nötigen Selbstvertrauen. Wenn Sie erwarten, eine Aufgabe zu meistern und gut in einer Fähigkeit zu sein, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dies zutrifft, deutlich an. Nutzen Sie diesen Vorteil und erwarten Sie mehr von sich selbst. So können Sie mehr schaffen, als Sie anfangs vielleicht glauben.

  • Begegnen Sie Mitarbeitern und Kollegen mit positiven Erwartungen

    Der Kollege ist inkompetent und schafft überhaupt nichts… oder auch Von diesem Mitarbeiter sind wahrlich keine Glanzleistungen zu erwarten… Mit solch einer Einstellung ist es kein Wunder, wenn besagte Arbeitnehmer wirklich häufiger Fehler machen und negativ auffallen. Setzen Sie hingegen auf den Rosenthal-Effekt und bewahren sich eine positive Erwartungshaltung, könnten Sie überrascht sein, zu was die Kollegen in der Lage sind. Gerade für Führungskräfte kann dies eine wichtige Grundeinstellung sein, um mit dem eigenen Verhalten nicht unbewusst dem Team zu schaden.

  • Schüren Sie keine negativen Erwartungen

    Einige Menschen neigen dazu, sich selbst klein zu reden und die Erwartungshaltung anderer sofort zu senken. Ich bin nicht wirklich gut darin, versuche es aber trotzdem… oder Erwartet jetzt nicht zu viel von mir… Dahinter steht eine Schutzfunktion, um zu hohe Erwartungen nicht zu enttäuschen – allerdings stehen Sie damit Ihren eigenen Leistungen im Weg.

    Indem Sie die Erwartungshaltung senken, sorgen Sie selbst bereits dafür, dass Ihnen weniger gelingt. Sie selbst als auch die anderen tragen dann dazu bei, dass die niedrigen Erwartungen erfüllt werden. Würden Sie hingegen positive Erwartungen schüren, könnten Sie viel bessere Leistungen erbringen.

    Natürlich müssen diese weiterhin realistisch bleiben, aber gerade dem Chef gegenüber sollten Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern sich positiv verkaufen und dem Vorgesetzten allen Grund dazu geben, Ihnen mit einer guten Erwartungshaltung gegenüber zu stehen.

Grenzen des Rosenthal-Effekts

Selbst ein wirkungsvoller Psychoeffekt funktioniert nicht unter allen Umständen und kann sogar gezielt umgangen oder ausgekontert werden. Bereits das Wissen um den Rosenthal-Effekt kann dazu führen, dass dieser nicht mehr eintritt. Kennen die Versuchsleiter die Auswirkungen ihrer eigenen Erwartungshaltung, fallen unbewusste Effekte und Veränderungen weg oder treten zumindest schwächer auf.

Gerade im wissenschaftlichen Bereich ist dies wichtig, um durch Vorurteile keine fehlerhaften Ergebnisse und Auswertungen zu erhalten. Der Rosenthal-Effekt wird aus gutem Grund auch Versuchsleitereffekt oder Versuchsleiterartefakt bezeichnet, da mit den Erwartungen auch ein anderes Resultat einhergehen kann.

Zudem gilt: Wenn bereits eigene (negative) Vorurteile und Erwartungen bestehen, wird die Wirkung reduziert oder gänzlich aufgehoben. Ein simples Beispiel: Hat ein Lehrer sich durch eigene Erfahrungen bereits selbst ein negatives Bild von einem Schüler gemacht, lässt sich seine Erwartungshaltung nur noch schwer beeinflussen. Wird dieser Schüler dann als besonders schlau und lernfähig bezeichnet, lässt sich der Rosenthal-Effekt kaum beobachten, weil eher auf das eigene (in diesem Fall negative) Urteil vertraut wird.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
23. Januar 2019 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.



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