Rückreise-Effekt: Sind wir bald da?

Dauert’s noch lange? Sind wir bald da? Ich muss Pipi…! Wenn Sie jemals mit Kindern auf dem Rücksitz eine längere Reise unternommen haben, kennen Sie die Fragen und Aussagen. In jedem Fall hören Sie das nicht nur einmal. Denn das Erquickende an solchen Ausflügen ist: Man hört derlei Sätze ungefähr alle zehn Minuten. Es können aber auch alle fünf Minuten sein… Davon abgesehen, dass wohl jeder Autofahrer dabei schon insgeheim mit dem Gedanken gespielt hat, die Karre gleich mit 180 vor den nächsten Brückenpfeiler zu setzen, damit endlich Ruhe ist, taucht bei solchen Touren noch ein zweites Phänomen auf: Die Anreise dauert lange – zurück aber geht es irgendwie im Sauseschritt. Schuld ist der sogenannte Rückreise-Effekt…

Rückreise-Effekt: Sind wir bald da?

Rückreise-Effekt: Zurück geht es immer schneller

Aber stimmt das auch? Oder ist das am Ende nur eine Illusion? Gut, die zweite Frage ist eher rhetorischer Natur. Wenn Sie hin denselben Weg fahren wie zurück, ist die Strecke jedes Mal gleich lang. Und wenn Sie jetzt noch das ziemlich unwahrscheinliche Ereignis ausschließen, dass Sie auf dem Hinweg stets im Stau stehen, auf dem Heimweg aber freie Bahn haben, dürften beide Fahrten ebenfalls relativ gleich lange dauern. Woran also liegt es, dass wir die Heimreise oft als wesentlich kürzer empfinden?

Niels van de Ven, Leon van Rijswijk und Michael M. Roy von der der Universität Tilburg haben das einmal etwas gründlicher untersucht und das Ganze den Rückreise-Effekt getauft.

Rueckreise Illusionseffekt Hinfahrt Grafik

Falsche Annahmen über die Reisezeit

Dabei stellten sie fest: Es gibt einen Schlüssel zu diesem Phänomen, einen ziemlich offensichtlichen sogar. Es tritt nämlich nur beim ersten Mal auf und nicht bei Routen, die wir schon kennen oder regelmäßig fahren. Den Pendelweg zur Arbeit etwa. Bei Zielen, die wir zum ersten Mal ansteuern, dagegen taucht der Wahrnehmungsfehler umso häufiger auf.

Genau da setzten Van de Ven, Rijswijk und Roy mit Ihren Untersuchungen an. Genauer gesagt bei den Annahmen über die Reisedauer. Und tatsächlich: Auf solchen Reisen schätzen wir nicht etwa Entfernungen falsch ein, wohl aber und umso öfter unsere Reisezeit. Und zwar viel zu optimistisch.

Bei einem Experiment mit 350 Touristen zeigte sich: Wer bei der Anreise negativ überrascht wurde, weil diese länger dauerte als erhofft, erlebte die Rückfahrt umso erfrischend kürzer.

Nun könnte man annehmen, dass der Rückreise-Effekt auch durch viele neue Eindrücke auf der Hinfahrt verstärkt wird: Bei der Anreise sieht alles noch unbekannt aus, wir sammeln neue Erfahrungen, Erlebnisse, Emotionen. Auf dem Rückweg dagegen kennen wir das alles schon – und er vergeht schneller.

Auch dem ging das Forscher-Trio nach. Nur: Wenn das so ist, müssten beispielsweise Berufspendler, die zurück einen zwar gleich schnellen, für sie aber neuen Weg nehmen, beide Fahrten als identisch lang empfinden. Genau das ließen die Wissenschaftler ihre Probanden machen – jedoch ohne Effekt. Auch hierbei kam ihnen die Rückfahrt schneller vor. Die Eindrücke waren es also nicht.

Dritte Variante: Was würde passieren, wenn man die Reisenden manipuliert? Also zum Beispiel, indem man ihnen vorher sagt, dass die Fahrt lange, sehr lange dauern wird – auf jeden Fall viel länger als gedacht…

Resultat: Es funktioniert! Dieses Mal kamen den Probanden sowohl Hin- wie auch Rückweg gleich kurz vor. Die Illusion der langen, beziehungsweise die positive Überraschung der kurzen Strecke, verhinderte den Rückreise-Effekt.

Was der Rückreise-Effekt für Sie bedeutet?

Falls Sie gerade keine quengelnden Kinder auf dem Rücksitz haben: Treffen Sie weniger optimistische Annahmen darüber, wie lange es dauert, bis Sie Ihr Ziel erreichen. Erstens braucht es länger als erhofft und zweitens könnten dann andere quengeln – Chefs etwa. Oder Kunden. Oder der Partner…

Und falls Sie doch mal mit der Familie verreisen: Sagen Sie dem Nachwuchs auf den billigen Plätzen einfach, es dauert noch gaaaaaaaaaaanz lange. Deswegen geben die vielleicht nicht sofort Ruhe, sind aber hinterher wenigstens zufriedener.

[Bildnachweis: Dean Drobot by Shutterstock.com]
4. November 2011 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!