Nachdem Sie schon eine ganze Reihe von Psychoeffekten mit teils unbekannten Namen kennengelernt haben, sind heute die Psychologie-Phänomene dran. Also klassische Alltagsphänomene oder überraschende Regelmäßigkeiten aus der Psychologie und Soziologie, die Sie kennen sollten - um sie gegebenenfalls sogar für sich zu nutzen...

Alltägliche Psychologie-Phänomene

  • Die 72-Stunden-Regel besagt: Alles, was Sie sich vornehmen, müssen Sie innerhalb von 72 Stunden beginnen, sonst sinkt die Chance, dass Sie das Projekt jemals umsetzen, auf ein Prozent.
  • Das Abilene-Paradoxon meint, dass manche Entscheidungen nur so aussehen, als würden sie auf einem Konsens basieren. Entdeckt hat das Phänomen Jerry Harvey, Professor an der George Washington Universität, im Jahre 1974 nach einer Reise mit seiner Frau und den Eltern in seine Heimatstadt Abilene. Angetreten hatte er die Fahrt, weil ein Familienmitglied den Trip in der Annahme vorschlug, die anderen bräuchten etwas Abwechslung. Jeder willigte ein, weil alle glaubten, die anderen seien auch dafür. Bei der Rückkehr aber stellte sich heraus: Eigentlich wären alle lieber zu Hause geblieben.
  • Das Andorra-Phänomen spielt auf das gleichnamige Drama von Max Frisch an. Dort wird das uneheliche Kind eines Lehrers vermeintlich als "Jude" bezeichnet, dem die Einwohner Eigenschaften, wie Geiz, Faulheit oder Feigheit andichten. Anfangs sträubt sich der Junge gegen diese Erwartungen bis er resigniert und ihnen schließlich entspricht. Genau darum geht es auch beim Andorra-Phänomen: Dabei verfolgen Menschen Ziele, die andere ihnen gesteckt haben.
  • Das Blue-Seven-Phänomen beschreibt den Umstand, dass die meisten Menschen die Farbe Blau lieben und Sieben eine globale Lieblingszahl ist.
  • Das Catch-22-Phänomen (oder Catch-22–Problem) ist nach Joseph Hellers gleichnamigem Roman benannt und beschreibt ein Problem, das seine eigene Lösung unmöglich macht. Benutzer des Betriebsystems Windows kennen vielleicht die Aufforderung: „Falls Ihre Tastatur nicht mehr reagiert, drücken Sie die Escape-Taste.“
  • Die Cocktail-Party-Studie (auch Wandfarben-Effekt) ergab, dass Menschen zwar Bars mit roten Räumen bevorzugen, in blauen aber länger bleiben. Die beiden Psychologen Ravi Mehta und Rui Zhu von der Universität von British Columbia glauben deshalb, dass Wandfarben oder Bildschirmhintergründe entscheidend zu der Art der Ergebnisse beitragen.
  • Confirmation Bias wird die kognitive Falle genannt, in der wir dazu neigen, einmal gefasste Meinungen beizubehalten bis sie sich verfestigen – kurz: Schubladendenken. Der Weg dorthin ist selektive Wahrnehmung: Wir nehmen nur noch solche Informationen auf, die in unser Weltbild passen. Der Rest wird ausgeblendet. Auch Erfolg wird so zur Falle: Weil wir uns in unserem Denken bestätigt sehen, reduzieren wir unsere geistige Flexibilität, eliminieren jeden Querdenker-Impuls und werden unfähig Strategien zu wechseln – auch dann wenn die Umstände längst andere sind.
  • Edwards Gesetz besagt, dass der Aufwand, den man in eine Sache investiert, umgekehrt proportional zur verbleibenden Zeit steigt. Einfacher: Je näher die Deadline rückt, desto mehr klotzt man ran. Auch eine Art, Dinge geregelt zu kriegen.
  • Entscheidungsparalyse nennt man das, wenn wir uns am liebsten gar nicht entscheiden wollen oder stur bei der ersten Entscheidung bleiben. Bei dem entsprechenden Experiment (sogenannter Becher-Versuch) gibt man Leuten einen Kaffeebecher und fragt sie, ob sie bereit wären, den Becher mit einem Schokoriegel zu tauschen. 90 Prozent behalten lieber den Becher. Die Nummer funktioniert genauso anders herum.
  • Die Exzellenz-Formel ist eine eherne Regel und wiederkehrende Beobachtung im beruflichen Umfeld, dass erstklassige Chefs ebenfalls erstklassige Leute um sich scharen; zweitklassige Chefs aber nur drittklassige Mitarbeiter. Oder kurz: A-Leute ziehen A-Leute, B-Leute ziehen C-Leute. Die Erklärung dafür: Wer exzellent ist, braucht Konkurrenz nicht fürchten, sucht aber gleichwertige Inspiration, um noch besser zu werden. Für mittelmäßige Manager dagegen bedeutet jeder erstklassige Mitarbeiter eine latente Bedrohung, der entweder an ihnen vorbei zieht (und sie so relativ deklassiert) oder sie gar beerbt. Der Volksmund kennt die Formel übrigens in abgewandelter Form: Zeig mir deine Freunde, und ich sag dir, wer du bist.
  • Das Feel-good-do-good-Phänomen besagt, dass motivierte Mitarbeiter hilfsbereiter sind als normal oder gar schlecht gelaunte Kollegen. Hintergrund: Je mehr jemand mit seinem Leben zufrieden ist, desto empathischer ist er, und desto mehr färbt das auf sein Umfeld ab.
  • Am Helfersyndrom leiden womöglich Menschen, die ständig nach dem Gefühl streben, gebraucht zu werden und deshalb anderen unentwegt ihre Hilfe anbieten. Zuweilen sind auch Menschen betroffen, die schlecht "Nein" sagen können. Gefährlich: Viele Dienstbarkeiten mindern die Qualität der eigenen Arbeit, das wiederum beschädigt den Ruf und damit die Anerkennung im Job. Häufig versuchen Betroffene das durch noch mehr Gefälligkeiten zu kompensieren. So führt das Helfer-Syndrom zu noch mehr Stress und mündet nicht selten in der totalen Erschöpfung und einem Burnout-Syndrom.
  • Hindsight Bias nennen Wissenschaftler das Phänomen, dass wir oft viel weniger aus unseren Fehlern lernen als wir meinen. Vielmehr glauben wir hinterher, das eingetroffene Ereignis ohnehin schon lange geahnt zu haben. Besonders an der Börse lässt sich das beobachten: Stürzt die Aktie überraschend ab, sagen viele, dass sie damit längst rechneten – trotzdem haben sie zuvor nicht verkauft oder gar eifrig zugekauft.
  • Der Holiday Blues (auch Entlastungsdepression genannt) tritt im Urlaub oder an Wochenenden auf. Weil die meisten Menschen versuchen, nach einer anstrengenden und stressigen Woche rapide zu entspannen und auf einen Blitzerholungseffekt hoffen, bricht das Immunsystem zusammen und sie werden erst recht krank. Studien zeigen: Wer zu schnell herunterfährt, riskiert Kopfschmerzen, Erschöpfungsattacken und Übelkeit.
  • Das Kleine-Welt-Phänomen (auch bekannt als Six degrees of seperation) wurde vom Harvard-Professor Stanley Milgram entdeckt und besagt: Jeder Mensch kennt jeden anderen über sechs Ecken. Nach einer neueren O2-Studie haben sich diese sechs Ecken angeblich durch Social Media inzwischen auf drei reduziert.
  • Das Kontrastprinzip ist eine Form der Manipulation. Unsere Wahrnehmung reagiert alles andere als objektiv, wenn uns zwei Reize unmittelbar nacheinander dargeboten werden. Wer seine Hand zuerst in kaltes Wasser taucht und danach in heißes, wird es nur als lauwarm empfinden - und sich womöglich verbrühen. Wer dem Chef eine schlechte Nachricht zusammen mit einer guten präsentiert, ist schlau. Denn die schlechte wirkt jetzt nur noch halb so schlimm. Die gute allerdings auch nicht mehr ganz so gut. Das nennt man dann Kollateralschaden.
  • Das Lächelmasken-Syndrom muss man sich wie ein krampfhaftes Perma-Grinsen vorstellen. Lächeln per se macht gute Laune – selbst wenn es grundlos und erzwungen ist. Das Lächelmasken-Syndrom dagegen kann zu Depressionen führen, weiß etwa die Psychologin Makoto Natsume von der Universität Osaka. Als Angehörige des Landes des Lächelns ist sie Expertin auf diesem Gebiet.
  • Mona-Lisa-Syndrom heißt das Phänomen, das vor allem Frauen im Job betrifft: Die nette Kollegin wird zwar geschätzt, aber gerne auch übergangen. Einziger Ausweg: mehr auffallen. Seine Stärken stetig ins rechte Licht zu rücken und die PR in eigener Sache zu perfektionieren ist eine wichtige Erfolgsregel – egal, wie unangenehm das einem ist.
  • Der Montags-Blues ist ein regelrechtes Massenphänomen. Drei Viertel von 885 befragten Arbeitnehmern bezeichnen sich in einer Umfrage des Hamburger Marktforschungsinstituts Ears and Eyes als Montagsmuffel. Jeder Achte gab zu, Montag morgens Gespräche mit Kollegen oder Kunden kategorisch zu vermeiden, weil es sie einfach nur nervt. Auch andere Studien bescheinigen Montagen den Ausnahmezustand: Zu Wochenbeginn wird weniger geleistet als dienstags oder mittwochs, fanden Forscher der London School of Economics heraus. An keinem anderen Wochentag ist die Verletzungsgefahr im Job größer. Selbst bei der Zahl der Krankmeldungen ist der Montag einsame Spitze. Der Manic Monday, wie er auch genannt wird, soll sogar zu mehr Rechtschreibfehlern in E-Mails führen.
  • Das Monty-Hall-Dilemma (oder Ziegenproblem) entstammt einer klassischen Quizshow-Situation: Der Moderator zeigt drei Türen: A, B und C. Hinter einer wartet ein nigelnagelneues Sportcabriolet. Hinter den anderen beiden Nieten. Sie sollen nun eine Tür wählen – und wählen A. "Sehr gut", sagt der Moderator und öffnet Tor B, "denn diese Tür wäre falsch gewesen." Soeben haben sich Ihre Gewinnchancen erhöht. Der nigelnagelneue Flitzer lauert also hinter Luke A oder C. Nun fragt Sie der Moderator erneut: "Wollen Sie Ihre Wahl wechseln oder bleiben Sie bei A?" Blöde Frage, denken Sie. Schließlich stehen die Chancen Fifty-Fifty. Falsch! Mathematiker haben nachgewiesen: Sie sollten zu C wechseln, damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Flitzer gewinnen auf rund 67 Prozent.
  • Murphy's Gesetz ist wohl eines der bekanntesten und braucht deshalb keine langen Erklärungen. Es sagt: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Entwicklung von Murphys Gesetz wurde 2003 mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet.
  • Das Parkinson’sche Gesetz geht auf den britischen Historiker und Publizist Cyril Northcote Parkinson zurück. Danach dehnt sich Arbeit in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht – und nicht etwa wie viel Zeit man tatsächlich dafür bräuchte. Deshalb sollte man sich immer eine Deadline setzen.
  • Pendler-Amnesie nennt der britische Stressforscher David Lewis das Phänomen, dass besonders gestresste Autofahrer sich hinterher nicht mehr an gefahrene Streckenabschnitte erinnern können. Lewis hat dazu über fünf Jahre hinweg 800 Autofahrer, beziehungsweise deren Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. Die Werte verglich er anschließend mit denen von Jetpiloten und Polizisten in Ernstfallübungen. Ergebnis: Der Stresspegel der Pendler war vergleichbar mit dem der Kampfpiloten.
  • Das Peter-Prinzip besagt: In jeder Hierarchie werden Beschäftigte solange befördert, bis sie auf einen Posten gelangen, auf dem sie inkompetent sind. Formuliert haben es 1969 die US-Autoren Laurence J. Peter und Raymond Hull. Entsprechend folgerten sie, dass in jedem Unternehmen nach einer gewissen Zeit jede Stelle mit einem Mitarbeiter besetzt ist, der mit seinen Aufgaben überfordert ist.
  • Das Phi-Phänomen (auch Stroboskopeffekt) ist eigentlich ein Wahrnehmungsfehler: Man sieht eine Bewegung, die nicht existiert. Das Phänomen wurde 1912 von Max Wertheimer beschrieben. Das Phi-Phänomen kann man gut an Laufschriftanzeigen beobachten. Obwohl nur einzelne Lampen aus- und angehen, wirkt es, als ob die Schrift wandert.
  • Prokrastination (oder Aufschieberitis) wird das Verhalten genannt, wenn jemand chronisch Aufgaben vertagt, die eigentlich erledigt werden müssen. Bei Untersuchungen von Psychologen aus Deutschland und den USA kam heraus, dass weltweit fast jeder Fünfte von diesem Phänomen betroffen ist. Der US-Psychologe Joe Ferrari von der DePaul Universität in Chicago ist einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet und der Meinung, dass chronische Aufschieber nur durch eine Verhaltenstherapie geheilt werden können.
  • Das Resonanzphänomen beschreibt in der Psychologie die Wirkung, dass starke Emotionen sofort einen unbewussten Widerhall finden. Konkret: Wenn Sie jemanden spontan anlächeln, lächelt der in der Regel zurück. Das kann man auch nutzen: Wer lernt, die Bedürfnisse und Gefühle seiner Mitmenschen zu erkennen, ernst zu nehmen und darauf einzugehen, erzeugt so mehr und intensivere Resonanz.
  • Das Reziprozitäts-Prinzip (oder Gefälligkeitsfalle) erklärt das ungutes Bauchgefühl oder schlechte Gewissen, das man hat, nachdem man beschenkt wurde. Viele fühlen sich danach seltsam verpflichtet. Und genau das ist zuweilen auch beabsichtigt: Gratisproben in Supermärkten funktionieren nach diesem Prinzip. Verkäufer, die anbieten, doch „noch einen Happen“ zu nehmen, zwingen die arglose Kundschaft so in eine Gefälligkeitsfalle, damit sie danach die ganze Wurst kauft. Die Organisation amerikanischer Kriegsversehrter berichtete einmal, dass die Rücklaufquote auf Standard-Spendenaufrufe bei 18 Prozent läge. Würde den Briefen aber ein kleines Präsent – wie handbemalte Postkarten – beigefügt, stiege die Erfolgsquote auf über 35 Prozent.
  • Schnitzelkoma (oder Fressnarkose oder Post-Lunch-Dip) heißt das Phänomen, dass die meisten Menschen nach dem Mittagessen schlagartig müde werden lässt. Blutdruck und Körpertemperatur sacken dann einfach weg, sogar das Gehirn braucht eine Pause. Ist aber völlig normal.
  • Das Sieben Phänomen wurde schon vor rund 300 Jahren von John Locke entdeckt: Testpersonen, die eine größere Anzahl von Gegenständen einen kurzen Augenblick ansehen und sich merken sollten, erreichten bei bis zu sieben Objekten eine Trefferquote von nahezu 100 Prozent. Danach sank die Merkfähigkeit rapide. Die TV-Kultsendung "Am Laufenden Band" mit Rudi Carrell baute exakt darauf ihr Finale auf.
  • Stockholm-Syndrom nennen Wissenschaftler das psychologische Phänomen, bei dem Opfer von Entführungen ihre Peiniger immer sympathischer finden oder sich gar in sie verlieben. Dies kann sogar dazu führen, dass das Opfer mit dem oder den Tätern kooperiert.
  • Warnock’s Dilemma wird die Fehleinschätzung vieler (Online-)Autoren genannt, die glauben: Weil keiner auf ihren Text reagiert, interessiert es auch keinen. Ein Trugschluss. Womöglich interessiert es die Leser durchaus – sie konsumieren jedoch ausschließlich die Information.
  • Die 10.000-Stunden-Regel stammt ursprünglich von dem US-Neurologen Daniel Levitin von der McGill Universität in Montreal. Der stellte fest, dass sich jeder mit einer Sache mindestens 10.000 Stunden beschäftigen müsse, bevor er über die nötigen Kenntnisse verfüge, um in seinem Bereich zur Weltspitze gehören zu können. Stimmt aber nicht. Neuere Studien zeigen: Übung hat maximal zu 12 Prozent Einfluss auf die Erfolg.

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Darin sind wiederum viele weitere ausführliche Artikel von zu den einzelnen Denkfallen und Wahrnehmungsfehlern verlinkt. Letztlich ist aus diesen Listen der Bestseller hervorgegangen: "Ich denke, also spinn ich" (DTV, Juli 2011). Das Buch wurde mehr als 50.000 Mal verkauft und in mehrere Sprachen (darunter Russisch und Türkisch) übersetzt.

[Bildnachweis: PathDoc by Shutterstock.com]

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