Paradoxien Beispiele: Der Widerspruch in sich

Unsere Welt ist voller verblüffender Widersprüche. Manche sind sogar unauflösbar. Dann heißen sie nicht mehr nur Widerspruch, sondern Paradoxon (Singular) beziehungsweise Paradoxien (Plural). Klassische Beispiele dafür sind Das Henne-Ei-Problem (Was war zuerst da?), die Allmacht Gottes (Wenn Gott allmächtig ist, kann er einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht mehr heben kann) und natürlich unmögliche Sätze, wie: „Ich lüge gerade.“ Oder „Dieser Satz ist falsch.“ Paradoxien sind Denkfallen, die uns zugleich die Grenzen unseres Verstandes und der Logik vor Augen führen. Zugleich regen Sie aber auch zum Nachdenken oder Schmunzeln an, weil wir mit der akuten kognitiven Dissonanz, die sie verursachen, nicht zurecht kommen…

Paradoxien Beispiele: Der Widerspruch in sich

Paradoxien: Eine gar nicht so widersprüchliche Definition

Paradoxien sind allerdings nicht nur unlösbare Probleme und logische Widersprüche ihrer selbst. Es können genauso gut Handlungsaufforderung sein, die ihre eigene Befolgung unmöglich machen.

Dazu zählen beispielsweise regelmäßig sogenannte Catch22-Probleme. Sie sind nach Joseph Hellers gleichnamigem Roman benannt und beschreiben ein Problem, das seine eigene Lösung unmöglich macht.

Zu den bekanntesten Beispielen zählen:

  • Das Schild auf der Wiese: „Betreten der Wiese verboten“ – Wie kommt es dorthin?
  • Die Windows-Aufforderung: „Wenn Ihre Tastatur nicht mehr reagiert, drücken Sie die Escape-Taste.“
  • Der Russelsche Club: In diesem Club kann nur Mitglied sein, wer keinem Club angehört.

Man kann über solche Alltagsparadoxien schmunzeln, sie haben aber durchaus ihre Schattenseiten.

Tatsächlich führen solche Denkfallen nicht selten zu Irrtümern und Täuschungen, die wiederum Fehldiagnosen, Fehlentscheidungen sowie riskante Manöver oder Programmier- und Bedienfehler hervorrufen.

Immerhin: Wer ein Paradoxon früh genug erkennt, fällt weniger leicht darauf hinein – so wie beispielsweise auch Vexierbilder nicht mehr überraschend sind, wenn man sie kennt. Wir können nämlich auch nicht nicht mehr wahrnehmen

Paradoxien Beispiele: Hätten Sie es gewusst?

Mit Paradoxien haben sich schon zahlreiche Wissenschaftler beschäftigt – und manche haben sich auch die Zähne daran ausgebissen.

Wir sparen uns an der Stelle allerdings die zahlreichen mathematischen und physikalischen Paradoxien (siehe weitereführende Links unten) und konzentrieren uns auf die eher alltäglichen. Um ihnen nicht auf den Leim zu gehen oder aber statt einer Joggingrunde mit Dr. Kawashima durch Ihr Gehirn – hier ein paar besonders bemerkenswerte Paradoxie Beispiele, die Sie vielleicht noch nicht kennen…

  • Abilene-Paradoxon

    Das sogenannte Abilene-Paradoxon beschreibt, dass manche Entscheidungen nur so aussehen, als würden sie auf einem Konsens basieren.

    Entdeckt hat das Phänomen Jerry Harvey, Professor an der George Washington Universität, im Jahre 1974 nach einer Reise mit seiner Frau und den Eltern in seine Heimatstadt Abilene. Angetreten hatte er die Fahrt, weil ein Familienmitglied den Trip in der Annahme vorschlug, die anderen bräuchten etwas Abwechslung. Jeder willigte ein, weil alle glaubten, die anderen seien auch dafür.

    Bei der Rückkehr aber stellte sich aber heraus: Eigentlich wären alle lieber zu Hause geblieben.

  • Barbier-Paradoxon

    Der Philosoph, Mathematiker und Logiker Bertrand Russell formulierte das sogenannte Barbier-Paradoxon:

    Man kann einen Barbier als jemanden definieren, der all jene und nur jene rasiert, die sich nicht selbst rasieren.

    Nehmen Sie sich ruhig die Zeit, um ein wenig darüber nachzudenken und stellen Sie sich dann die Frage: Rasiert sich der Barbier selbst? Beim Versuch, die Frage zu beantworten, ergibt sich ein veritabler Widerspruch: Rasiert sich der Mann selbst, ist er kein Barbier mehr, weil ein Barbier jemand ist, der nur andere rasiert, nicht aber sich selbst. Rasiert er sich aber nicht selbst, gehört er zu jenen Männern, die sich nicht selbst rasieren und müsste damit sein eigener Kunde, also kein Barbier mehr sein.

  • Brautjungfer Paradoxon

    Unter seinem zweiten Namen ist diese Paradoxie besser bekannt: Cheerleader-Effekt.

    Letzterer beschreibt das Phänomen, dass wir in Gruppen automatisch attraktiver aussehen. Wie Cheerleader eben auch, obwohl die Einzelne bei genauerem Hinsehen vielleicht gar nicht mehr so hübsch ist.

    Tatsächlich wirkt eine Gruppe uniformer Menschen (die deswegen aber keine Uniform tragen müssen, nur viele äußere Gemeinsamkeiten haben) enorm anziehend auf uns. Wir nehmen dann nicht mehr das Individuum wahr, sondern den Durchschnitt aus allen zusammen. Von dem Effekt profitieren nicht nur Cheerleader, sondern auch Boy Groups oder eben Brautjungfern.

  • Macht Paradoxon

    Gib einem Menschen Macht, und du erkennst seinen wahren Charakter, lautet ein bekanntes Bonmot. Darin steckt viel Wahrheit.

    Wahr ist aber auch, dass Macht selbst den Charakter eines Menschen verändern, ja sogar verderben kann. Das ist das Paradoxon der Macht: Sympathie macht mächtig – Macht aber macht unsympathisch.

  • Paradoxon der Prokrastination

    Auch bekannt als Depletion-Effekt. Beim Prokrastinieren, also dem Aufschieben von wichtigen Dingen, versuchen wir es uns leichter zu machen, indem wir dem eigentlichen Problem aus dem Weg gehen, es verschieben. Bei dem Versuch, es uns leichter zu machen, machen wir es aber tatsächlich oft schwerer.

    Wir sparen vielleicht jetzt etwas Energie, drücken uns vor Verantwortung – aber das hat Konsequenzen: Es zehrt trotzdem an unseren Ressourcen, weil wir hinterher umso härter nachholen müssen, was wir vorher aufgeschoben haben.

  • Sei-Spontan-Paradoxon

    Es gehört zu den sogenannten psychologischen Paradoxien und ist zugleich eine Art Catch22-Problem.

    Die Aufforderung „Sei doch mal spontan“ macht deren Erfüllung unmittelbar danach unmöglich, denn das wäre ja nicht mehr spontan, sondern nur gehorsam. Ebenso ist der Wunsch „Sag mir doch öfter mal spontan, dass du mich liebst.“ nach dessen Aussprache nicht mehr erfüllbar. Wer jetzt sagt „Ich liebe dich“ bekommt üblicherweise als Antwort: „Das sagst du jetzt nur, weil ich dich darum gebeten habe!“

  • Transparenz-Paradoxon

    In modernen Bürolandschaften gilt es als schick, Barrikaden einzureißen. Wände werden abgebaut – sprichwörtlich – und durch viel Glas und offene Strukturen ersetzt. Die große Transparenz soll nicht nur dem modernen Design von Arbeitsplätzen entsprechen, sondern wird auch eingesetzt, um die Leistung der Mitarbeiter zu verbessern. So zumindest die Annahme.

    Studien, unter anderem der Harvard Business School, malen jedoch ein anderes Bild – das des Transparenz Paradoxons:

    Transparenz steigert die Produktivität eines Teams nicht – sie sorgt sogar für schlechtere Leistungen. Was Manager in den Büros sehen, ist zumeist ein pures Schauspiel. Die Mitarbeiter simulieren Geschäftigkeit, Fleiß und Engagement – solange, wie sie sich beobachtet fühlen. Wirklich produktiv sind sie dabei aber nicht.

[Bildnachweis: AlenD by Shutterstock.com]
1. November 2015 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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