Was ist divergentes Denken?
Divergentes Denken ist ein offener Denkprozess, bei dem Sie zu einer Frage verschiedene Ideen, Antworten oder Lösungswege entwickeln. Ungewöhnliche Vorschläge sind ausdrücklich erwünscht und werden zunächst nicht danach beurteilt, ob sie realistisch oder umsetzbar sind. Synonyme für divergentes Denken sind Begriffe wie „kreatives Denken“, „Ideenfindung“ oder „unkonventionelles Denken“.
Ein einfaches Beispiel: Wofür lässt sich eine Büroklammer verwenden? Die naheliegende Antwort lautet: Papier zusammenhalten. Divergent gedacht entstehen weitere Möglichkeiten – etwa Lesezeichen, SIM-Karten-Öffner, Mini-Haken, Schmuckstück oder Pflanzenhalter.
Divergentes Denken ist eng mit kreativem Denken verwandt, aber nicht dasselbe: Es beschreibt vor allem die Fähigkeit, vielfältige und originelle Einfälle hervorzubringen. Kreative Problemlösung verlangt zusätzlich, geeignete Vorschläge auszuwählen und weiterzuentwickeln.
Divergentes Denken nach Guilford
Geprägt wurde der Begriff maßgeblich durch den US-Psychologen Joy Paul Guilford. Er unterschied in seiner Kreativitätsforschung zwischen divergentem und konvergentem Denken. Kreative Fähigkeiten ließen sich damit differenzierter untersuchen und nicht allein auf Intelligenz oder die Fähigkeit reduzieren, vorgegebene Probleme richtig zu lösen.
Divergentes vs. konvergentes Denken – Unterschied
Das Gegenteil von divergentem Denken ist konvergentes Denken. Beide Denkweisen sind aber keine echten Gegensätze, sondern gehören bei der Problemlösung unmittelbar zusammen. Divergentes und konvergentes Denken erfüllen hierbei jedoch unterschiedliche Aufgaben. Die eine Denkweise erweitert die Auswahl, die andere grenzt sie anschließend wieder ein:
Divergentes Denken |
Konvergentes Denken |
| Erweitert den Lösungsraum | Verengt den Lösungsraum |
| Erzeugt verschiedene Optionen | Wählt geeignete Optionen aus |
| Offen und experimentell | Analytisch und bewertend |
| Verschiebt die Beurteilung | Prüft und vergleicht Vorschläge |
| Typisch für Ideenfindung | Typisch für Auswahl und Umsetzung |

Merksatz: Divergent denken heißt, Möglichkeiten öffnen; konvergent denken heißt, Möglichkeiten auswählen.
Was zeichnet divergentes Denken aus?
In der Kreativitätsforschung werden vor allem Ideenflüssigkeit, Flexibilität und Originalität zur Beschreibung divergenter Leistungen herangezogen. Traditionell kommt die Elaboration als vierter Aspekt hinzu – also die Fähigkeit, einen Einfall detaillierter auszuarbeiten.
Merkmal |
Bedeutung |
| Ideenflüssigkeit | Viele passende Antworten oder Einfälle hervorbringen |
| Flexibilität | Zwischen unterschiedlichen Kategorien und Perspektiven wechseln |
| Originalität | Ungewöhnliche und seltene Antworten entwickeln |
| Elaboration | Einen Einfall durch zusätzliche Details weiter ausarbeiten |
Diese Unterschiede sind wichtig: Zehn ähnliche Vorschläge zeigen zwar Ideenflüssigkeit, aber wenig Flexibilität. Ein einzelner ungewöhnlicher Einfall kann wiederum originell sein, obwohl nur wenige Antworten entstanden sind. Divergentes Denken ist deshalb mehr als bloße Ideenmenge.
Test: Wie divergent denken Sie?
Eine bekannte Aufgabe zur Untersuchung divergenten Denkens ist der „Alternative Uses Test“. Dabei suchen Sie für einen gewöhnlichen Gegenstand möglichst viele ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten. Probieren Sie das Prinzip selbst aus:
Mini-Test: Was kann eine Büroklammer noch?
Stellen Sie einen Timer auf 2 Minuten. Notieren Sie alle Möglichkeiten, wofür Sie eine Büroklammer außer zum Zusammenhalten von Papier verwenden könnten. Schreiben Sie jeden Einfall auf, ohne ihn zwischendurch zu beurteilen. Anschließend betrachten Sie Ihre Antworten nach drei Kriterien:
- Ideenflüssigkeit: Wie viele passende Antworten haben Sie gefunden?
- Flexibilität: Aus wie vielen unterschiedlichen Kategorien stammen Ihre Vorschläge?
- Originalität: Wie ungewöhnlich sind Ihre Ideen?
Fünf verschiedene Arten, Papier zu befestigen, ergeben beispielsweise mehrere Antworten, aber wenig Flexibilität. „Lesezeichen, SIM-Karten-Öffner, Kettenanhänger, Mini-Werkzeug und Pflanzenhalter“ verteilen sich dagegen auf unterschiedliche Verwendungsbereiche. Der Mini-Test ist kein standardisierter psychologischer Test und liefert keinen wissenschaftlichen Kreativitätswert. Er veranschaulicht jedoch gut, wie divergente Leistungen erfasst werden.
Wie kann ich divergentes Denken fördern?
Divergentes Denken können Sie trainieren. Entscheidend ist, eingefahrene Lösungswege zu verlassen, neue Assoziationen zuzulassen und die kritische Prüfung auf später zu verschieben. Diese sieben Übungen werden auch von Experten empfohlen:
1. Finden Sie alternative Verwendungen
Nehmen Sie einen beliebigen Alltagsgegenstand – etwa eine Tasse, einen Karton oder einen Stift – und suchen Sie mindestens 15 neue Verwendungsmöglichkeiten. Beschränken Sie sich dabei nicht auf Varianten derselben Funktion, sondern wechseln Sie bewusst die Kategorie.
2. Erzwingen Sie Quantität
Hören Sie nicht nach den ersten drei guten Einfällen auf. Setzen Sie sich etwa das Ziel, 20 Lösungen für eine Aufgabe zu finden. Die naheliegenden Antworten kommen meist zuerst – ungewöhnlichere Ansätze entstehen häufig erst, wenn diese ausgeschöpft sind.
3. Wechseln Sie die Perspektive
Betrachten Sie dieselbe Aufgabe aus verschiedenen Rollen: Wie würde ein Kind das Problem lösen? Was würde ein Kunde vorschlagen? Wie sähe die Lösung eines Konkurrenten aus? Der Perspektivwechsel zwingt Sie, vertraute Sichtweisen zu verlassen.
4. Stellen Sie „Was wäre, wenn?“-Fragen
Verändern Sie eine zentrale Rahmenbedingung: „Was wäre, wenn Geld keine Rolle spielte?“, „Was wäre, wenn wir nur einen Tag Zeit hätten?“ oder „Was wäre, wenn wir das Gegenteil tun müssten?“ Solche Gedankenexperimente öffnen alternative Denkwege.
5. Kombinieren Sie Bekanntes neu
Viele Innovationen entstehen nicht aus vollkommen neuen Elementen, sondern aus ungewöhnlichen Kombinationen. Wählen Sie zwei vorhandene Ideen und verbinden Sie deren Eigenschaften. Fragen Sie anschließend: „Welche neue Lösung entsteht daraus?“
6. Nutzen Sie Kreativitätstechniken
Methoden wie Brainstorming, Brainwriting oder die 6-3-5-Methode helfen, systematisch unterschiedliche Vorschläge zu sammeln. Im Team kommen zusätzlich verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel zusammen. Entscheidend ist auch hier, die Ideenproduktion zunächst offen zu halten.
7. Bewerten Sie erst danach
Trennen Sie Ideenfindung und Auswahl bewusst voneinander. Wer jeden Gedanken sofort mit „zu teuer“, „unrealistisch“ oder „haben wir schon versucht“ beantwortet, schränkt die Suche frühzeitig ein. Sammeln Sie zunächst – prüfen Sie danach. Genau an diesem Punkt wechselt der Denkmodus: Aus der offenen Suche wird eine gezielte Auswahl. Jetzt dürfen Sie Machbarkeit, Aufwand, Nutzen und Risiken vergleichen und die aussichtsreichsten Vorschläge weiterverfolgen.
Divergentes Denken im Arbeitsalltag: Was sind die Vorteile?
Divergentes Denken ist im Beruf besonders wertvoll, wenn bekannte Lösungen nicht mehr funktionieren oder neue Ideen gefragt sind. Statt sich vorschnell auf den ersten Ansatz festzulegen, erweitern Sie zunächst die Auswahl. Das verbessert kreative Prozesse, fördert Innovationen und die eigene Problemlösungskompetenz.
Vorteil |
Nutzen im Arbeitsalltag |
| Mehr Lösungswege | Bei Problemen stehen mehrere Handlungsalternativen zur Verfügung. |
| Neue Ideen | Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsabläufe lassen sich weiterentwickeln. |
| Weniger Betriebsblindheit | Gewohnte Annahmen und vermeintlich feste Regeln werden häufiger hinterfragt. |
| Mehr Flexibilität | Bei Veränderungen entstehen schneller alternative Vorgehensweisen. |
| Bessere Teamideen | Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven vergrößern den Ideenpool. |
Besonders gefragt ist die Denkweise deshalb in der Produktentwicklung, im Marketing, bei neuen Strategien oder bei der Lösung komplexer Probleme. Sie hilft aber ebenso bei alltäglichen Fragen: Wie lässt sich ein Prozess vereinfachen? Wie gewinnen wir neue Kunden? Wie können wir Kosten senken, ohne Qualität einzubüßen? Divergent zu denken verhindert, dass Teams vorschnell bei der erstbesten Antwort stehen bleiben.
Hat divergentes Denken auch Nachteile?
Divergentes Denken kann zum Problem werden, wenn immer neue Ideen entstehen, aber keine Entscheidungen getroffen werden. Zu viele Optionen erhöhen den Abstimmungsaufwand und können dann zu Entscheidungsblockaden führen. Im Arbeitsalltag benötigt die offene Ideenphase deshalb einen klaren Endpunkt: Anschließend werden die Vorschläge bewertet, priorisiert und umgesetzt. Genau dafür ist dann konvergentes Denken zuständig.
Wichtige Fragen zu divergentem Denken
Hochbegabung und divergentes Denken sind nicht dasselbe. Hochbegabung wird üblicherweise über eine besonders hohe allgemeine Intelligenz definiert, während divergentes Denken die Fähigkeit beschreibt, bei offenen Aufgaben vielfältige und originelle Ideen zu entwickeln. Eine hohe Intelligenz macht einen Menschen deshalb nicht automatisch zu einem besonders divergenten Denker. Für kreative Leistungen spielen neben kognitiven Fähigkeiten auch Wissen, Motivation, Offenheit und die jeweilige Situation eine Rolle.
ADHS wird teilweise mit erhöhter Ideenvielfalt und divergentem Denken in Verbindung gebracht. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich kreativer sind oder automatisch besser divergent denken. Kreative Leistung hängt von zahlreichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Rahmenbedingungen ab. Auch die für divergentes Denken hilfreiche Ideenfülle kann Vor- und Nachteile haben: Viele Assoziationen erweitern den Lösungsraum, erschweren möglicherweise aber zugleich die Auswahl und Weiterverfolgung einzelner Einfälle. ADHS und divergentes Denken sollten deshalb nicht gleichgesetzt werden.
Divergente Denker blicken über den Tellerrand und entwickeln kreativere Ansätze. Sie nutzen Chancen, die streng-analytische Denker übersehen. Allerdings dauert der Prozess oft lange und ist nicht für jede Aufgabe geeignet.
Sie müssen offen für jede Idee sein – egal, wie ungewöhnlich und verrückt diese zu Beginn klingt. Betrachten Sie ein Problem von allen Seiten und sammeln Sie vielseitige Vorschläge. Aus diesen entwickeln Sie dann kreative Lösungswege.
Was andere dazu gelesen haben
