Optische Täuschung: Die Wahrheit ist ein Vexierbild

Drei oder vier Linien? Diese optische Täuschung ist ein Klassiker und vermutlich haben Sie das Bild in dieser oder einer ähnlichen Form schon einmal gesehen. Optische Täuschungen machen Spaß und so tauchen immer wieder neue Bilder auf, die für Verwirrung der Sinne Sorgen. Eine optische Täuschung ist jedoch mehr: Es ist eine Metapher für die gesamte Wahrnehmung des Menschen. Was wir meinen zu wissen, ist oft nur das: Eine Meinung, die aufgrund einer (optischen) Täuschung entsteht. Wir lassen uns von der eigenen Wahrnehmung in die Irre führen, ohne die eigentliche Realität zu verstehen. Klingt kompliziert? Ist aber eigentlich ganz leicht und auch Ihnen wahrscheinlich schon einmal passiert…

Optische Täuschung: Die Wahrheit ist ein Vexierbild

Drei optische Täuschungen, die verblüffen

Diese optische Täuschung macht das Internet verrückt. „Ninio’s Extinction Illusion“ heißt das Kunstwerk, das Will Kerslake, ein Spieleentwickler, erst auf Twitter gepostet hat und das seitdem die Runde macht.

Das Bild zeigt insgesamt zwölf Punkte. Allerdings ist es unmöglich, alle zwölf gleichzeitig zu sehen. Konzentriert man sich auf einen oder zwei der Punkte, verschwinden die anderen aus dem Sehfeld. Sie sind dann für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar.

Bei der optischen Täuschung handelt es sich genau genommen um eine Variation der Hermann-Gitter-Täuschung: Durch das Gittermuster wirken die Kreuzungspunkte scheinbar heller, gleichzeitig verschwinden die dunkleren Punkte, wenn man die Kreuzungspunkte fixiert.

Sie können es aber natürlich trotzdem versuchen…

Optische Taeuschung Bild Test Wahrnehmung

Eine weitere optische Täuschung, bei der Sie sich nicht ganz auf Ihre Wahrnehmung verlassen können, zeigt das folgende Bild:

Optische Taeuschung Test Bild Taeuschungen Beispiel

Je länger Sie darauf schauen, desto mehr scheinen sich die Linien zu biegen, gerade an den Rändern wollen diese einfach nicht gerade bleiben. Tatsächlich sind diese jedoch vollkommen parallel und alle Rechtecke gleich groß.

Das nächste Beispiel einer optischen Täuschung ist als Müller-Lyer-Illusion bekannt und wirft eine scheinbar einfache Frage auf: Welche der beiden Linien ist länger?

Optische Taeuschung Beispiel Bild Pfeil Wahrnehmung

Sie wissen nun natürlich bereits, dass es sich um eine optische Täuschung handelt, doch die Wahrnehmung sagt Ihnen ganz eindeutig, dass die obere ein ganzes Stück länger ist. Stimmt aber nicht, denn beide Linien sind exakt gleich lang.

Optische Täuschung: Wahrnehmung ist selektiv

Wir alle verlassen uns an jedem Tag und in jedem Augenblick auf unsere Wahrnehmung. Sie ist es, mit der wir uns in der Welt orientieren und zurechtfinden. Das Problem dabei ist: Was wir um uns herum sehen, hören, erleben, ist immer nur ein sehr kleiner Ausschnitt. Es fehlen Informationen und – ganz wie bei einer optischen Täuschung – zeigt Ihre Wahrnehmung Ihnen etwas, das gar nicht da ist.

Ebenso wichtig ist das Umfeld, in dem eine Information präsentiert wird. Es ist maßgeblich für die Vergleiche und Bezüge verantwortlich, die unser Gehirn automatisch zieht und beeinflusst somit maßgeblich die Wahrnehmung.

Neben Bildern, die eine optische Täuschung darstellen können, gibt es auch Anekdoten und Geschichten, die anschaulich machen, wie weit Wahrnehmung und Realität auseinander liegen können:

Eine Mutter fährt mit ihrem Sohn in der U-Bahn. Der Sohn läuft völlig verstört durch die Bahn, wirkt hyperaktiv, ist aggressiv, belästigt Mitreisende, pöbelt. Die Menschen reagieren immer gereizter, schütteln den Kopf.

Irgendwann fasst sich ein Mann ein Herz und spricht die Mutter an: „Warum lassen Sie zu, dass sich Ihr Kind so daneben benimmt? Sehen Sie nicht, dass Sie andere stören?“

Da antwortet die Mutter: „Es tut mir Leid. Aber wir kommen aus dem Krankenhaus, in dem gerade mein Mann, der Vater meines Jungen, an den Folgen eines Unfalls gestorben ist. Ich weiß leider überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll, und ich fürchte, mein Sohn weiß es auch nicht.“

Ein Satz – eine völlig andere Welt. Dabei waren Sie sich in Ihrer Wahrnehmung doch so sicher. Ging es gerade noch um fehlende Kinderstube, schlechte Erziehung oder auch Rücksichtslosigkeit, erscheint alles sofort in einem anderen Licht. Ihre Perspektive und Wahrnehmung hat sich komplett verschoben.

Der Gedanke lässt sich auch an einem weiteren Beispiel verdeutlichen…

Ein Vater fährt mit seinem Sohn in die Stadt. Der Sohn bleibt ständig stehen, sieht sich immer wieder Dinge an und hängt dabei seinen Gedanken nach. Der Vater hat noch Besorgungen zu erledigen, ist genervt und treibt seinen Sohn an, zerrt ihn weiter. Irgendwann platzt es aus ihm heraus:

„Was ist denn jetzt schon wieder? Bleib‘ doch nicht alle fünf Schritte stehen. Nun komm endlich, wir müssen weiter!“

Was sagt Ihre Wahrnehmung? Scheinbar eindeutig: Der Junge trödelt herum hat vielleicht keine Lust, seinen Vater in die Stadt zu begleiten und ist vollkommen unmotiviert. Vielleicht auch ein Teenager, der Grenzen austestet und die Nerven des Vaters gezielt auf die Probe stellt.

Einmal angenommen, tags zuvor hätte die Schule bei diesem Vater angerufen. Der Schulleiter wäre am Telefon gewesen und hätte gesagt: „Wir haben heute einige Intelligenztests gemacht. Dabei kam heraus, Ihr Sohn ist hochbegabt, er ist ein Genie und hat mit Abstand den höchsten IQ der gesamten Schule!“

Was, glauben Sie, wäre am Nachmittag passiert? Hätte der Vater wieder gesagt: „Los, du Träumer, wir haben nicht ewig Zeit!“ Oder wäre er auch beim zehnten Mal stehengeblieben und hätte seinen Sohn neugierig gefragt: „Worüber denkst du gerade nach? Was siehst du?“

Wie im ersten Beispiel dreht sich auch hier die Perspektive vollkommen um. Durch eine zusätzliche Information wird Wahrnehmung auf den Kopf gestellt – obwohl sich an dem, was wir sehen, nichts ändert. Das Verhalten ist dasselbe, es wird lediglich anders gedeutet.

Entscheidend ist eben nicht was wir sehen, sondern wie wir etwas sehen.

Perspektive Zahl Unterschied 69 Grafik

Die Welt ist wie ein Vexierbild. Genau wie bei der optischen Täuschung am Anfang des Artikels. Je nachdem, ob wir einen Schmetterling oder zwei Gesichter sehen, gefällt uns das Bild oder nicht.

Ich sehe was, das du nicht siehst

Manchmal, wenn man einige Tage Segeln war und viel Zeit auf dem bewegten Wasser verbracht hat, erlebt man zurück im Hafen eine seltsame optische Täuschung: Das Boot nähert sich dem Steg, man legt den Bootshaken aus, um das Schiff in seine endgültige Position zu bringen. Doch haben die Heimkehrer an Bord eher das Gefühl, sie würden den Steg und das Land an sich heranziehen. Dabei ist es umgekehrt: Das Land ist fix, nur wir selbst nähern uns an.

So etwas Ähnliches erleben manche auch im Bahnhof: Wenn man zum Fenster aus seinem stehenden Zug herausblickt und ein anderer Zug auf dem Nachbargleis einfährt, sieht es für einen Moment so aus, als würde man selbst losfahren. Dabei ist das nur eine optische Illusion.

Ein Beispiel: Was sehen Sie?

Optische Taeuschung Test Bild Torso

Im Internet kursiert das Motiv schon eine Weile – als eine Art Selbsttest: Wie schmutzig sind deine Gedanken?

Damit hat das wohl weniger zu tun. Allerdings sehen manche Menschen hier tatsächlich zwei Motive – ein typisches Vexierbild eben.

Falls Sie nur ein Motiv erkennen – hier geht es zur Auflösung!

Solche optischen Täuschungen erteilen uns eine denkwürdige Lektion, die uns zugleich viel über uns selbst und unser Denken verrät. Oder weniger kryptisch ausgedrückt: Wir nehmen uns gerne selbst zum Maßstab.

Es ist unmöglich, die Welt zu sehen wie sie wirklich ist. Aber wir können entscheiden, ob wir die Dinge hinterfragen.

Weniger pathetisch ausgedrückt: Wenn Sie ein Problem haben, ist Ihr Problem vielleicht, dass Sie es als Problem betrachten. Es könnte auch eine Chance sein.

Wie heißt es so schön: Wenn das Leben dir Zitronen schenkt – mach Limonade draus!

So können Sie Ihre eigene Wahrnehmung hinterfragen

Optische Täuschung Wahrnehmung hinterfragen RealitätSie müssen nicht gleich Ihrer gesamten Wahrnehmung misstrauen und davon ausgehen, dass nichts, von dem was Sie sehen, hören, denken und glauben stimmt. Alles unreflektiert hinnehmen und blind der eigenen Wahrnehmung vertrauen, sollten Sie hingegen auch nicht.

Nur wie funktioniert es überhaupt, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen? Schließlich haben Sie es doch mit eigenen Augen gesehen. Das ist einfacher, als Sie vielleicht glauben. Mit diesen drei Fragen:

  • Gibt es andere Erklärungen?

    Ein einfacher Weg, um die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, ist die Suche nach weiteren Erklärungen. Längst nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint – wie die obigen Beispiele zeigen. Wer sich immer nur auf die aller erste und offensichtliche Erklärung verlässt, denkt oftmals zu kurz und fällt auf eine falsche Wahrnehmung und optische Täuschung herein. Bringen Sie sich selbst bei, nach alternativen Erklärungen zu suchen.

  • Kennen Sie alle Informationen?

    Oft sehen wir nur einen sehr kleinen Teil des Ganzen, versuchen allerdings, uns daraus ein vollständiges Bild zu machen. Das kann nur schief gehen. Fragen Sie sich deshalb: Kenne ich überhaupt alle Informationen, um etwas beurteilen zu können? Lautet die Antwort Nein, ist es der natürliche nächste Schritt, die Wahrnehmung zu hinterfragen und sich nicht auf die erste Einschätzung zu verlassen.

  • Betrachten Sie andere Standpunkte?

    Wahrnehmung wird extrem vom eigenen Standpunkt geprägt. Ihre Meinungen, Ansichten, Vorurteile oder Denkweisen machen aus, was Sie in einer Situation sehen. Wenn es gelingt, andere Standpunkte einzunehmen und die eigenen, vorgefertigten Denkschubladen zu durchbrechen, gelingt es Ihnen auch, Ihre Wahrnehmung kritisch zu betrachten.

Optische Illusion Beispiel

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[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
5. April 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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