Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir uns spezialisieren müssen. Das Schulsystem, die Gesellschaft – sie alle fördern, dass sich ein Mensch für eine Sache entscheidet und dann diesen Weg konsequent verfolgt. Gerade Menschen mit krummen Berufsbiographien bekommen das immer wieder zu spüren: Sobald der Lebenslauf zu stark von der angestrebten Position abweicht, wirft das Fragen auf. Sogenannte Scanner-Persönlichkeiten leiden besonders unter diesen Zwängen. Sie sind vielbegabt, entsprechend beeindruckend ist die Vielfältigkeit ihrer Interessen, Hobbys und Kompetenzen. Für diese Menschen ist es eine Qual, sich entscheiden zu müssen – was soll ich werden? Unglücklicherweise wird spätestens mit Beenden der Schule genau das von uns verlangt. Kommt Ihnen das bekannt vor?

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Scanner-Persönlichkeiten: Flatterhaft, wankelmütig, unbeständig?

Geprägt wurde der Begriff Scanner-Persönlichkeit von der amerikanischen Autorin und Coach Barbara Sher. Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit vor allem mit Menschen, die Schwierigkeiten in der Zielfindung und Motivation haben.

Scanner-Persönlichkeiten werden aufgrund dieser Schwierigkeiten häufig als flatterhaft, wankelmütig und unbeständig wahrgenommen.

Sie selbst empfinden das nicht so, das sind Kategorisierungen, die von außen an diese Menschen herangetragen werden. Weil ihr Umfeld nicht versteht, wie jemand so anders sein kann. Scanner-Persönlichkeiten sind Hochbegabte, die sich in vielen Bereichen wohlfühlen.

Diese Vielbegabten sprühen nur so vor Ideen und interessieren sich für eine Bandbreite, die anderen suspekt erscheint. Sie haben 1.000 Sachen nebenher laufen und verzetteln sich nicht. Ihr Tag scheint 36 oder gar 48 Stunden zu haben. Aber dieses Wissen kanalisieren und auf eine Stelle zuschneiden zu können, ist für sie mitunter die Crux.

Typisches Verhalten für einen Scanner: Er hat eine Sache neu begonnen und ein, zwei Jahre gemacht und nun verstanden. Er war auch absolut gut darin, hat diese Tätigkeit verinnerlicht, aber jetzt reicht es auch. Ein Scanner langweilt sich schnell.

Und nun braucht er eben neue Herausforderungen. Das kann auch eine völlig andere Sache sein. Scanner werden von Experten gerne mit Schmetterlingen oder bunten Zebras verglichen: Alles ist gut, solange es nicht eintönig wird.

Und das gilt nicht nur für Hobbys, sondern auch im Job.

Scanner-Persönlichkeiten: Hochbegabung im Kleid der Vielseitigkeit

Scanner-Persönlichkeiten: Hochbegabung im Kleid der VielseitigkeitScanner-Persönlichkeiten sind eine Variante der Hochbegabung. Sie eignen sich Wissen sehr schnell an, verlieren allerdings dann auch recht schnell das Interesse. Sie...

  • neigen dazu, in ihren Interessen weniger in die Tiefe, als vielmehr in die Breite zu gehen.
  • haben 1.000 Ideen, die sie am liebsten sofort umsetzen möchten – sei es Klavier zu lernen, ein Buch zu schreiben, gleichzeitig ein Nähkurs zu besuchen, wissenschaftliche Abhandlungen über Physik zu verschlingen, neue Rezepte auszuprobieren oder ein Haus zu bauen.
  • vermeiden eine Spezialisierung, weil ihnen das langweilig und einengend erscheint.
  • fühlen sich extrem unter Druck gesetzt und gestresst, wenn sie Entscheidungen für ein bestimmtes Gebiet treffen und sich ausschließlich darauf konzentrieren sollen.
  • probieren immer wieder neue Dinge aus, bringen sie aber nicht immer zu Ende. Wichtiger ist für sie beschäftigt zu sein und dem Wissensdrang nachzugehen.
  • sind in Gedanken oft mit ihren Interessen beschäftigt und wirken daher manchmal abwesend.

Multitalent oder Generaldilettant?

Das Problem: Die Gesellschaft hat eine andere Erwartung. Für Außenstehende wirkt dieses Scanner-Verhalten vermutlich eher chaotisch, als ob sich jemand verzettelt. Die Erwartungshaltung spiegelt sich auch in Sprüchen wie Was man einmal angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen wider. Für Menschen, die ihre Profession gefunden haben, die sich auf eine Sache spezialisiert haben, wirkt das Verhalten von Scanner-Persönlichkeiten wie ein zielloses Umherirren.

Das Gegenstück zur Scanner-Persönlichkeit ist der Taucher, welcher in ein Wissensgebiet regelrecht abtaucht. Er beschäftigt sich hingebungsvoll mit diesem Thema und allem, was irgendwie damit zusammenhängt.

Das bedeutet nicht, dass ein Taucher nicht auch andere Hobbys haben kann, doch die werden ihn niemals mit der gleichen Intensität fesseln wie sein auserwähltes Fachgebiet.

Der gängige Vorwurf lautet bei Scannern dann eben auch, dass ja etwas, was so schnell wieder beendet oder scheinbar abgebrochen wurde, nicht richtig gelernt worden sein kann. Dabei beschäftigen sich Scanner sehr wohl mit einem Thema am Stück und vertiefen sich so lange, bis sie es durchdringen. Nur möchten Scanner sich diesen Gebieten dann nicht für die nächsten 20 Jahre beschäftigen, sondern sich einem neuen, spannendem Thema zuwenden. Scanner sind also keineswegs wankelmütig.

Dennoch stehen Scanner häufig vor der Frage: Wie finde ich meinen Weg? Meinen richtigen Job? Meistens versuchen Berufsberater Ratsuchende mit Praktika auf den richtigen Weg zu bringen. Scanner-Persönlichkeiten haben im Endergebnis oft mehrere Ausbildungen, sind aber nicht glücklich damit. Wozu sich festlegen, wenn noch so viel Neues da draußen auf einen wartet?

Lösungsansätze Jobsuche: Vielfalt akzeptieren

Lösungsansätze Jobsuche: Vielfalt akzeptierenWie findet man nun seinen richtigen Job? Sich mit Gewalt auf etwas zu polen, was einfach nicht dem Naturell entspricht, war noch nie eine gute Idee. Am besten ist etwas, was vielfältig wie die eigenen Interessen ist. Spezialisierungen sind toll für diejenigen, die ihr Wissen in einem Feld vertiefen wollen.

Aber es ist angesichts heutiger Brüche nicht unbedingt zeitgemäß: Menschen haben sehr bunte Berufsbiographien, probieren sich aus oder nehmen beispielsweise ein Sabbatical. Scanner könnten in diesen Bereichen fündig werden:

  • Generalistische Studiengänge

    Ideal für jüngere Generationen. Zum Beispiel Mediengestaltung mit Computer, mit Visualisierung, mit Sprache, mit Kunst, mit Graphik. Im Gegensatz dazu stehen beispielsweise Studiengänge wie Jura.

  • Kreative Bereiche

    Beispielsweise die Schauspielerei. Da kann sich ein Scanner immer wieder in neuen Rollen erfinden. Ebenso auch Journalist oder Filmemacher.

  • Teilzeitjobs

    Leider bietet der Arbeitsmarkt wenige Generalisten-Jobs im Angestelltenbereich. Daher kann eine Möglichkeit sein, dass man halbtags den einen und danach den anderen Job ausübt. Eine andere Option wäre, nach der Arbeit sich entsprechend in Hobbys auszutoben.

  • Beratende Tätigkeit

    Berufe, in denen man andere berät und in verschiedene Situationen kommt, so wie Coach, Lehrer oder auch Pfarrer. Das ist für Scanner spannend, weil sie sich mit anderen Menschen, anderen Biographien und Widerständen beschäftigen müssen.

Scanner-Persönlichkeiten: Selbstwert und Selbstzweifel

Hier zeichnet sich bereits das Dilemma ab. Früher galten Universalgelehrte wie Goethe, Aristoteles und Da Vinci noch etwas. Heutzutage jedoch drängt in einer hochtechnisierten Welt alles auf Spezialisierung. Das heißt, Menschen mit vielseitigen Begabungen und Interessen werden misstrauisch beäugt. Im Umkehrschluss fühlen sich eben auch Scanner-Persönlichkeiten wie Nichtskönner.

Häufig liegt das daran, dass sie sich ihre Wissensbereiche nicht hart erarbeiten mussten. Andere haben sich das Wissen erkämpft, Scannern ist es quasi zugefallen, weil sie einfach nur ihrer Neugierde und ihrem Wissensdrang nachgingen. Aus diesen vergleichenden Beobachtungen entstehen weitere Probleme.

Nehmen wir folgende Situation an: Ein Kollege arbeitet seit Wochen hart an einem Projekt und macht und tut, kommt aber nicht voran. Und dann kommt die Scanner-Persönlichkeit, wirft mal eben den Blick drauf und schlägt die Lösung vor – so etwas passiert Scannern häufiger. Das führt bei Scannern zu dem weitverbreiteten Denken: Das kann ja nichts wert sein, weil ich mich nicht angestrengt habe, ich musste nicht hart dafür arbeiten.

Oftmals sind Scanner sogar überrascht, wenn ihr Vorschlag funktioniert. Diese Menschen fühlen sich wie Hochstapler, die nichts von dem, was sie in ihrem Leben erreicht haben, anerkennen können, sondern es als selbstverständlich nehmen.

Das Fatale ist der Gedanke: Erst wenn Blut, Schweiß und Tränen investiert wurden, erst die Mühe macht die Arbeit zu etwas Wertvollem. Im Umkehrschluss werden Scanner häufig von Selbstzweifel und mangelndem Selbstwertgefühl geplagt. Solche Situationen wie die eben beschriebene haben aber noch eine andere Facette: Derjenige, der mal eben die Lösung hatte, macht sich nicht besonders beliebt bei seinem Kollegen.

Wer so etwas häufiger in seinem Leben erlebt hat, wird versuchen, seine Begabung zu verschleiern, um zu verhindern, dass er gemobbt, ausgegrenzt, bestenfalls schräg angeguckt wird. Denn Menschen streben nach Anerkennung und dass man zur Gruppe dazu gehört, ist einer der wichtigsten Faktoren von Anerkennung.

Sind Sie vielleicht auch eine Scanner-Persönlichkeit?

Sind Sie vielleicht auch eine Scanner-PersönlichkeitWenn Sie sich im Laufe des Artikels wiedererkannt haben, dann könnten Sie auch zu diesem Typus Mensch gehören. Natürlich kann dieser Überblick keinen Intelligenztest oder ein ausführliches Coaching oder gar eine psychologische Beratung ersetzen.

Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass Sie eine Scanner-Persönlichkeit sind, wenn Sie...

  • bereits als Kind einen unstillbaren Wissensdurst hatten.
  • sich Wissen meist recht schnell und autodidaktisch aneignen können.
  • sehr reflektierend und selbstkritisch denken, gleichzeitig sehr einfühlsam sind.
  • absolut begeisterungsfähig für neue Themen sind und diese dann intensiv verfolgen.
  • aber genauso gut solche neuen Projekte wieder fallen lassen, wenn Sie sich dabei langweilen.
  • Langeweile bei Menschen empfinden, die nicht so vielseitig interessiert sind.
  • andere Menschen sehr gut motivieren und begeistern können.
  • Projekte aus sehr unterschiedlichen Bereichen wie Backen, Technik, Psychologie, Tanz und Ähnliche verfolgen und das schon immer so war.
  • vermeiden, klare Entscheidung zu treffen und diese durchzuhalten.
  • sich als sehr individuell, vielleicht sogar eigenartig, vor allem als unkonventionell empfinden.
  • Hierarchien und Autoritäten nicht besonders schätzen, sondern sie häufig hinterfragen.
  • lieber für sich allein als im Team arbeiten.

Was Sie als Scanner-Persönlichkeit tun können

Es gibt drei nützliche Punkte, die Ihnen weiterhelfen, wenn Sie auch immer voller Ideen sind und gar nicht wissen, wo Sie zuerst anfangen sollen.

  1. Beschränken Sie sich nicht.

    Akzeptieren Sie Ihre Vielfalt, akzeptieren Sie Ihre Leistungen. Und lernen Sie sie zu schätzen, denn es ist nicht nur Glück – Ihr Wissensdurst hat dazu beigetragen. Sagen Sie sich: Das Glück ist mit den Tüchtigen.

  2. Notieren Sie Ihre Projekte.

    Dafür schaffen Sie sich ein Projektbuch an, in das sie jede noch so wilde Idee eintragen. So kann keine Idee verloren gehen. Und: Selbst wenn sie sich in ihrer Ursprungsfassung als Rohrkrepierer erweist, taugt sie vielleicht noch für ein anderes, neues Projekt.

  3. Planen Sie Ihre Zeit.

    Zeitmanagement gehört nicht unbedingt zu den Stärken, aber das kann man in den Griff kriegen, indem Sie sich einen Kalender anschaffen und Ihre Projekte eintragen. Und wer weiß – wenn Sie leidenschaftlich gerne zeichnen, dann wäre vielleicht ein Bullet Journal genau das Richtige für Sie? Dort können Sie sich kreativ so richtig austoben.

[Bildnachweis: Melpomene by Shutterstock.com]

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