Spezialisierung: So finden Sie Ihre Nische

Mit zunehmender Berufserfahrung stehen viele Arbeitnehmer vor der Frage: Führungs- oder Fachkarriere? In beiden Fällen läuft es auf eine Spezialisierung hinaus: Sie entwickeln sich weiter zur Führungskraft – spezialisiert auf Strategie, Organisation, Motivation. Oder sie bilden sich weiter zum Experten und renommierten Spezialisten Ihres Berufs. Beide Wege lohnen sich gleich mehrfach: Sie schärfen Ihr Profil, geben Ihrer Laufbahn ein klares Ziel und steigern Ihren Marktwert für die Zukunft.

Die Spezialisierung kann allerdings auch schon wesentlich früher einsetzen. Zum Beispiel schon bei der Berufswahl und Ausbildung. Wir zeigen Ihnen hier, wie Sie Ihre Nische finden, sich optimal spezialisieren und Ihrer Karriere dabei einen Kick geben beziehungsweise was es dabei zu beachten gilt. Spezialisierung einfach erklärt…

Spezialisierung: So finden Sie Ihre Nische

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Was bedeutet Spezialisierung?

Letztlich bedeutet eine Spezialisierung immer eine Art Beschränkung bei gleichzeitiger Fokussierung. Im Gegensatz zum „Generalisten“ konzentriert sich der „Spezialist“ auf wenige Themen oder gar nur ein Fachgebiet. Das aber verfolgt er zielgerichtet und geht dabei auch mehr in die Tiefe.

Man könnte auch sagen: Der Generalist kann Vieles, aber viel davon auf nur oberflächlich; der Spezialist dagegen kann nur eine Sache, die aber dafür richtig gut.

Übertragen auf Unternehmen, Branchen oder Märkte wie etwa die Landwirtschaft bedeutet Spezialisierung hier die Konzentration auf nur wenige Produkte oder Dienstleistungen. Klassisches Beispiel: der Biobauer oder das Fachgeschäft und Delikatessenladen (im Gegensatz zum Supermarkt).

Die Spezialisierung hat Vorteile, aber auch ein paar Nachteile:

Vorteile: Sie bündeln Ihre Kräfte und Kompetenzen und spielen so die eigenen Stärken optimal aus. Überdies ist die Lernkurve hier meist steiler, weil Sie sich in Ihrem Thema bestens auskennen und Neuerungen oder Veränderung sofort einordnen können.

Nachteile: Der Spezialist begibt sich in große Abhängigkeit vom Markt und der Nachfrage nach seinem Fachgebiet oder den Produkten. Entsprechend müssen Spezialisten früh erkennen, wenn sich die Nachfrage oder Bedürfnisse verändern. Aktuelles Beispiel: Fahrzeugingenieure, die sich auf Getriebeentwicklung spezialisiert haben. Elektroautos brauchen keine Getriebe mehr. Die Arbeitsmarkt-Nachfrage nach dieser Spezialisierung sinkt rapide, vielen droht die Arbeitslosigkeit – oder sie müssen umschulen.

Die Spezialisierung ist also ein zweischneidiges Schwert. Auf dem Arbeitsmarkt gefordert werden zwar meist Generalisten, eingestellt und befördert werden aber überwiegend Spezialisten – eben weil sie die Besten ihres Fachs sind. Dieser Vorteil kann sich jedoch zu Handicap entwickeln, wenn die Spezialisierung an Wert verliert. Dann droht der Karrierestillstand oder gar das Aus in diesem Beruf.

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Spezialisierung bei der Berufswahl

Auf welches Fachgebiet Sie sich spezialisieren, entscheiden Sie schon mit der Berufswahl beziehungsweise mit oder während der Ausbildung oder Studienwahl.

Bei Fächern wie Jura, Medizin oder BWL ist die Spezialisierung nahezu obligat: Als angehender Jurist müssen Sie sich entscheiden, ob Sie Anwalt, Staatsanwalt oder Richter werden wollen und sich zugleich auf eine Disziplin spezialisieren (Strafrecht, Familienrecht, Arbeitsrecht, Handelsrecht, etc.). Ebenso angehende Ärzte (Chirurgie, Orthopädie, Radiologie, Onkologie, etc.) oder Kaufleute (Marketing, Controlling, Einkauf, Vertrieb, etc.).

Idealerweise orientieren Sie sich bei diesen Entscheidungen an den eigenen Talenten, Interessen und Stärken (Niemand spezialisiert sich auf seine Schwächen). Seinen Neigungen zu folgen, hat aber auch Tücken: Der Arbeitsmarkt ist im stetigen Wandel. Um hier nicht dem sogenannten Schweinezyklus zum Opfer zu fallen, sollten Sie die Nachfrage-Entwicklung genau und permanent im Auge behalten.

Fortschritt und neue Technologien bewirken zudem, dass immer wieder neue Experten und Fachkräfte gesucht werden. Wer hier nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Spezialkenntnisse haben also durchaus auch ein Verfallsdatum.

Deshalb ist es wichtig, nicht nur SEINE Nische zu finden, sondern auch zu prüfen, wie attraktiv und haltbar dieses Spezialgebiet in Zukunft ist. Gerade vor der Berufswahl sollten Sie daher folgende Bereiche für sich klären:

Bezahlung: Welchen Stellenwert hat Geld für mich? Geht es mir in dem Job hauptsächlich um Selbstverwirklichung und Spaß? Oder strebe ich eine steile Karriere und ein möglichst hohes Einkommen an?

Umfeld: Wo und wie möchte ich arbeiten? Fühle ich mich eher in familiengeführten, kleinen oder mittelständischen Unternehmen wohl? Oder möchte ich lieber in einem großen Wirtschaftskonzern mit internationalen Verbindungen arbeiten?

Verpflichtungen: Wie sieht meine persönliche und familiäre Planung aus? Bin ich frei von Verpflichtungen oder haben meine Entscheidungen Auswirkungen auf die Familie?

Menschen: Wie wichtig ist mir der persönliche Kontakt mit Menschen? Liebe ich den Publikumsverkehr? Steckt in mir gar eine Rampensau? Oder arbeite ich doch lieber zurückgezogen im stillen Kämmerlein?

Um als Berufsanfänger seine richtige Nische zu finden, können Praktika und Ehrenämter eine Hilfe sein. Hierbei können Sie – vor oder parallel zu Ausbildung oder Studium – in Branchen und Fachbereiche hineinschnuppern, und eine mögliche berufliche Entwicklung in der Praxis kennenlernen. Mit außerschulischen und außeruniversitären Projekten und Ämtern nimmt zudem die Spezialisierung zu.

Was versteht man unter T-Shaped Spezialisten?

Sogenannte „T-Shaped Spezialisten“ oder „T-Shaped Profis“ tragen dem Dilemma Rechnung, dass eine zu hohe Spezialisierung auf dem Arbeitsmarkt zum Nachteil mutieren kann. Sie bilden daher einen Mittelweg aus Generalisierung und Spezialisierung – und damit eine optimale Lösung.

T-Shaped Spezialisten sind zunächst breit aufgestellt und verfügen über diverse Kenntnisse und Kompetenzen (oberer Querstrich des „T“). Sie besitzen aber zugleich ein Fachgebiet, bei dem ihre Qualifikationen und Kenntnisse enorm in die Tiefe gehen (Senkrechte Linie des „T“). Das gibt ihnen zugleich ein klares Alleinstellungsmerkmal und macht sie für diesen Berufszweig unerlässlich.

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Spezialisierung als Karrieremotor

Auch wenn Sie den richtigen Beruf gewählt haben, ändern sich im Laufe der Jahre Bedürfnisse und Anforderungen. Sie haben neue Fähigkeiten gewonnen und die alte Stelle passt vielleicht einfach nicht mehr dazu. Sie stellen fest, dass zwar die Herausforderungen im Job überschaubar geworden sind, Ihnen andererseits aber bestimmte Qualifikationen fehlen, um weiterzukommen.

Es ist normal, dass mit der Erfahrung im Beruf das Bedürfnis nach eigenem Wachstum und Persönlichkeitsentwicklung zunimmt. Eine solche Entwicklung sollten Sie allerdings strategisch angehen. Je mehr Zeit Sie zu Beginn investieren, desto wahrscheinlicher ist, dass Sie mit dem Ergebnis zufrieden sind. Ansonsten stolpern Sie womöglich nur in die nächste Sinnkrise oder gar einen Burnout. Daher ist es sinnvoll, einige Punkte zu beachten:

Interessen

Psychologen und Coaches empfehlen eine kritische Selbstreflexion: Welche Hobbys habe ich? Womit würde ich mich den ganzen Tag beschäftigen, wenn ich nicht arbeiten müsste? Interessen zu analysieren ist ein wichtiger Bestandteil wenn es darum geht, sich zu spezialisieren. Das müssen gar nicht ausschließlich Hobbys im Wortsinn sein – das können auch thematische Schwerpunkte wie etwa eine bestimmte Ernährungsweise oder eine Haltung sein.

Wenn Sie zum Beispiel Umweltschutz in allen Aspekten wichtig finden, könnten Sie versuchen, das in Ihre berufliche Spezialisierung einfließen zu lassen. Oder aber Sie präsentieren für Ihr Leben gerne – vielleicht wäre eine Stelle, in der Sie Ihr Wissen an andere weitergeben können genau das Richtige?

Sich diese Interessen und Stärken ins Gedächtnis zu rufen hilft dabei den Bereich ausfindig zu machen, um den es letztendlich gehen wird. Gleichzeitig vermeiden Sie solche, die nicht zu Ihnen passen. Denn Sie können auch nur dann eine Tätigkeit wirklich gut erledigen, wenn Sie absolut dahinter stehen und sie mit Enthusiasmus ausführen.

Leidenschaft

Wissen Sie, wofür Ihr Herz schlägt? In welcher Tätigkeit in Ihrem Beruf sich das niederschlägt und inwieweit Sie es in Ihrer derzeitigen Funktion ausfüllen? Machen Sie sich klar, welche Aufgaben Ihnen leicht von der Hand gehen und Sie motivieren und welche eher nicht.

Sollten Sie bereits etliche Übereinstimmungen finden, dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Falls jedoch nicht, gilt es zu überlegen, ob Sie einen Wechsel Ihrer derzeitigen Position oder gar Stelle in die Wege leiten sollten. Informieren Sie sich genau, wie der Alltag einer anvisierten Tätigkeit aussieht – welche Arbeitsfelder werden berührt, welche Arbeitsabläufe sind Bestandteil des Jobs? Hilfreich sind hier spezialisierte Websites, aber auch Informationen durch Bekannte oder Freunde, die diesen Job ausüben.

Authentizität

Entwickeln Sie Ihren ganz eigenen Stil. Finden Sie heraus, was wie für Sie funktioniert und schielen Sie dabei nicht auf andere. Was bei anderen funktionieren mag, muss bei Ihnen noch lange nicht klappen und würde außerdem nicht authentisch wirken.

Versuchen Sie, Ihren ganz eigenen Führungsstil herauszufinden, indem Sie sich fragen, welche Methoden Ihnen am ehesten liegen. Zeichnet sich Ihr Führungsstil eher durch bestechende Logik aus oder motivieren Sie andere, aufs große Ganze zu gehen? Um hier Klarheit zu gewinnen, können Sie auch Ihren Mentor oder die Personalabteilung dazu befragen.

Statt einen qualifizierten Mitarbeiter an einen anderen Arbeitgeber zu verlieren, wird ein Unternehmen lieber unterstützend handeln wollen. Oftmals freut sich ein Arbeitgeber, wenn jemand mehr Verantwortung übernehmen möchte. Den Angestellten in einem neuen Aufgabenbereich zu unterstützen kann auch Bestandteil der Führungskräfteentwicklung sein.

Schwächen

Seine eigenen Schwächen zu kennen ist mindestens ebenso wichtig wie seine Stärken benennen zu können. Dabei geht es gar nicht mal darum, die einfach auszuradieren. Aber wenn man mit einem Job oder einer Stelle liebäugelt, dann sollte man sich eben auch mit den geforderten Fähigkeiten vertraut machen. Das heißt, Sie müssen für sich klären, ob Sie über das entsprechende Rüstzeug verfügen, um diese Arbeit auch erfolgreich erledigen zu können.

Und wenn nicht: Sehen Sie eine Möglichkeit, sich diese Fähigkeiten und Kenntnisse noch anzueignen? Falls nämlich diese Arbeit etwas von Ihnen verlangt, was Sie nicht leisten können oder auch schlicht und ergreifen nicht wollen, dann ist es nicht die passende Stelle. Dann ist es an Ihnen, sich etwas anderes zu suchen. Auch hier gilt: Wenn Sie sich Ihrer eigenen Schwächen nicht sicher sind, fragen Sie Leute, die Ihnen nahestehen. Das können Vorgesetzte, aber auch Mentoren oder Kollegen sein.

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Mut zur Spezialisierung

Neues kann auch beängstigend sein. Lassen Sie sich trotzdem nicht von Angst leiten. Eine aktuelle und zeitgemäße Spezialisierung macht Sie nicht nur wettbewerbsfähiger und steigert Ihren Marktwert, sondern bringt auch frischen Wind in den Berufsalltag. Überdies treibt es Ihre Karriere voran. Sie positionieren sich damit neu, stärker, tiefer – sei es als Fachkraft oder Führungskraft.

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[Bildnachweis: Tavarius by Shutterstock.com]
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22. September 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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