Spezialisten-Generalisten-Karriere-Arbeitsmarkt
Spezialisierung im Beruf ist ein zweischneidiges Schwert. Oft heißt es: Gefordert wird zwar der Generalist, gefördert und eingestellt aber der Spezialist. Natürlich gibt es auch gegenteilige Meinungen: Manche halten Spezialisten für gelangweilte Fachidioten, während sie die Generalisten zugleich als passionierte Alles-und-Nichts-Könner verunglimpfen. Aber was stimmt tatsächlich? Und wer macht eher Karriere - der Generalist oder der Spezialist? Der Reihe nach...

Generalist versus Spezialist: Wo beginnt die Spezialisierung?

Generalist-Karriere-ArbeitsmarktWer den Stellenmarkt sorgfältig studiert, entdeckt bald, dass Generalisten nur selten ausdrücklich gesucht werden. Der Verdacht dahinter: Wer alles kann, kann wahrscheinlich nichts richtig. Weshalb Generalisten auch manchmal als Allround-Dilettanten verspottet werden. Und da, wo ausdrücklich ein Allrounder gesucht wird, handelt es sich oft auch nicht um einen gefragten Generalisten, sondern um die Verbindung von zwei oder mehreren Spezialgebieten - zum Beispiel Online-Vertrieb, plus Online-Marketing, plus SEO-Kenntnisse...

Umgekehrt ist aber auch die Spezialisierung nicht unproblematisch. So kann einem wohl kaum einer genau sagen, wo die Grenze zwischen einem begehrten Spezialisten und einem realitätsfernen Fachidioten liegt. Sicher, jemand der beispielweise BWL studiert hat, tut gut daran, sich während der Studienzeit auf ein oder zwei Fachgebiete zu spezialisieren und entsprechende Praxiserfahrungen in den Semesterferien zu sammeln. Das steigert die Bewerbungschancen enorm.

  • Aber wie weit muss die Spezialisierung dann bereits beim Berufseinstieg reichen?
  • Wie tief muss das Fachwissen sein?
  • Und ist es tatsächlich erstrebenswert, einer von bundesweit vielleicht drei Spezialisten auf diesem Fachgebiet zu sein?

Je spezialisierter Sie sind, desto exponierter wird Ihre Stellung. Gut: Irgendwann kann Ihnen kaum noch einer das Wasser reichen, das steigert zugleich den Marktwert. Schlecht: Es macht Sie allerdings auch einsam und reduziert die Nachfrage auf eben diesen einen Markenkern - solange dieser gefragt ist.

So können Spezialkenntnisse und Expertise auf einem Gebiet gar zum Handicap mutieren - dann etwa, wenn Sie einmal Ihre Profession und die Branche wechseln möchten, nun jedoch als Nummer 1 auf ein Thema festgelegt sind (Fachjargon: gebrandet) oder von anderen darauf festgelegt werden.

Richtig gefährlich wird es gar, wenn dieses Spezialwissen durch eine neue Technologie auf einen Schlag veraltet ist und nicht mehr gesucht wird. Disruptive Entwicklungen lauern überall: Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, in der Flash-Animationen auf Websites aller Art gefragt waren. Der Markt für sogenannte Flasher war leergefegt. Heute packt keiner mehr Flash auf seine Seite - schon aus SEO Gründen. Keine Ahnung, was ausgewiesene Flasher heute machen... Gefragt sind sie aber kaum noch.

In solchen Fällen hilft dann oft nur Umschulen und viel Zeit in ein Personal Rebranding zu investieren... Spaß geht irgendwie anders.

Studie: Spezialisten gesucht, Generalisten eingestellt

Als Generalisten-Verzerrung bezeichnen Keith Murnighan und Long Wang ein Phänomen, das die beiden Wissenschaftler der Northwestern Universität beziehungsweise Universität von Hong Kong in ihrer Studie und mehreren Experimenten nachweisen konnten. Es ist zwar eine Ausnahmeerscheinung, aber nicht ganz irrelevant. Dabei ging es unter anderem um Stellenangebote...

So sollten die Versuchsteilnehmer einmal einen Mitarbeiter für eine fiktive Personalmanager-Stelle auswählen. Das wichtigste Kriterium dabei: ein Minimum von fünf Jahren Berufserfahrung mit Vergütungssystemen. Doch wer wurde am Ende selektiert? Genau: Im direkten Vergleich bevorzugten die Probanden den gut ausgebildeten Generalisten, obwohl dieser das Hauptkriterium gar nicht erfüllte.

So ging das noch bei diversen anderen Experimenten. Allerdings wollten die Forscher nun wissen, warum das so war. Und siehe da: Am Ende ließen sich die Probanden jedes Mal von einem umfangreichen Lebenslauf und zahlreichen thematischen Facetten blenden und über die eigentlich fehlende Qualifikation hinweg täuschen.

Die Quintessenz daraus: Ein großer Erfahrungsschatz mit vorhandener Themenbandbreite beeindruckt und lässt Bewerber sofort kompetenter erscheinen. Erst wenn die Kandidaten getrennt von einander bewertet wurden, stiegen die Chancen des Spezialisten deutlich an. In dem Fall wurde er auch öfter (fiktiv) eingestellt.

Generalisten versus Spezialisten: Vorteile und Nachteile

Spezialist-Karriere-ArbeitsmarktMit der Allgemeinbildung ist es wie mit Salz in der Küche: Es verleiht allem etwas Würze, schmeckt man aber nur noch Salz, gilt das Ergebnis zurecht als verdorben. Zu allgemein sollten Sie Ihre beruflichen Kenntnisse daher nie in der Bewerbung formulieren. Wer sich etwa als Wirtschaftswissenschaftler auf eine Position im kaufmännischen Bereich bewirbt, ohne seine Qualifikationen näher zu spezifizieren, kassiert höchstwahrscheinlich nur Absagen. Die Allzweckwaffe gewinnt eben nicht immer.

Leichter wird es, wenn Sie sich speziell im Vertrieb, im Marketing oder im Controlling bewerben. Insbesondere dann, wenn Sie eine spezielle Qualifikation für Ihr Fachgebiet mitbringen oder - noch besser - fachspezifische Berufspraxis. Dann steigen die Chancen sofort. Im weiteren Verlauf Ihrer Karriere werden Sie dann vielleicht Spezialist für die Vermarktung von Konsumgütern und hier insbesondere von einzelnen Markenprodukten. Dabei hängt es von Ihrem Beruf und Ihrer Branche ab, welcher Grad der Spezialisierung Ihr berufliches Fortkommen fördert: Ein Personaler muss sich weniger spezialisieren als ein Laborleiter in der chemischen Industrie oder eine IT-Fachkraft.

Auf Allround-Kenntnisse oder Fachspezialisierung zu setzen, hat jedoch unterschiedliche Vor- beziehungsweise Nachteile, die Bewerber nie aus dem Blickfeld verlieren sollten:

Vorteile der Spezialisierung

Daumenhoch_tAls Spezialist genießen Sie auf dem Arbeitsmarkt einige Vorteile:

  • Falls Ihr Thema populär ist, sind Sie auf dem Spezialgebiet eine gefragte und gut bezahlte Fachkraft.
  • Personaler erkennen sofort Ihren Nutzen, wenn sie diese Art von Job zu besetzen haben.
  • Sie verfügen über ein einzigartiges Know-how, das schränkt die Konkurrenz deutlich ein.
  • Je weniger Spezialisten es dafür gibt, desto größer Ihr Marktwert und das Honorar oder Gehalt, das Sie verlangen können.

Damit dies funktioniert, müssen Sie nach außen aber auch stets ein klares Profil bieten. Also bitte nicht (nur) schreiben: "Ich bin Vertriebler (oder Controller oder Programmierer)" oder "Ich bin Diplom-Kaufmann (oder Diplom-Informatiker)". Das reicht nicht.

Und die Vorteile ziehen nur dann, wenn es ausreichend viele Stellen für dieses Fachgebiet gibt. Werden die Stellen knapp - beispielsweise weil die Branche kriselt -, kann die Spezialisierung und das Steckenpferd einen Jobwechsel erheblich erschweren.

Nachteile der Spezialisierung

Daumenrunter_tNachteile gibt es aber auch, sie sollten nicht vergessen werden:

  • Weil Ihr Wissen mehr in die Tiefe als in die Breite geht, sind Sie nicht ohne Weiteres für andere Aufgaben einsetzbar.
  • Spezialisten müssen ihr Wissen ständig updaten und entwickeln. Auf dem neuesten Stand zu bleiben, macht nicht nur Spaß - nicht wenige fühlen sich dabei auch wie Gejagte.
  • Einen Wechsel in ein anderes Tätigkeitsgebiet traut man Ihnen kaum noch zu.
  • Sollte es Ihnen doch gelingen, einen Arbeitgeber zu überzeugen, dass Sie auch andere Talente besitzen, müssen Sie als Greenhorn wieder ganz unten anfangen und sich einen Ruf erarbeiten.
  • Entsprechend müssen Sie auch beim Gehalt möglicherweise wieder kleine Brötchen backen.

Behalten Sie deshalb stets den Arbeitsmarkt im Auge, auch wenn Sie sich derzeit nicht nach einer neuen Stelle umschauen. Heutzutage kann niemand mehr damit rechnen, dass er viele Jahre oder gar sein ganzes Arbeitsleben bei ein- und demselben Unternehmen verbringt. Informieren Sie sich kontinuierlich, welches Fachwissen derzeit gefragt und en vogue ist. Und bleiben Sie auf dem neuesten Stand: Bilden Sie Know-how-Schwerpunkte, aber werden Sie kein Fachidiot. Riskieren Sie auch mal einen Blick über den Tellerrand. Auf diese Weise erhalten Sie Ihre Employability und sind gut gerüstet für den Fall, dass Ihre Firma oder Ihre gesamte Branche in eine Krise gerät.

Spezialist oder Generalist: Für wen wollen Sie arbeiten?

Bei dem Duell Spezialist contra Generalist hängt es nicht zuletzt davon ab, ob Sie später einmal in einem Konzern oder mittelständisch geprägten Unternehmen arbeiten wollen. Als Faustregel gilt: Je größer das Unternehmen, desto höher meist auch der Spezialisierungsgrad in den Abteilungen. Da gibt es dann allein in der Personalabteilung Mitarbeiter, die nur für die die Gesundheitsförderung von 50plus-Mitarbeitern zuständig sind. Diversity Manager und CSR-Spezialisten wiederum finden sich erst ab einer bestimmten Größe und Internationalität. Und in manchen Städten gibt es nur ein, zwei Großunternehmen. Ziehen diese weg, sieht es düster aus für die Spezialistenstelle.

Dafür können Spezialisten in großen Unternehmen und Konzernen ungleich mehr verdienen als allgemein tätige Generalisten in kleineren und mittleren Unternehmen. Auch für Stabsstellen sind bei Konzernen schon mal 150.000 Euro Jahresbrutto und mehr drin. Bei kleinen und mittleren Unternehmen verdienen das oft nicht mal die Geschäftsführer.

[Mitarbeit: Dr. Cornelia Riechers; Bildnachweis: Max Griboedov, microvector, Max Griboedov by Shutterstock.com]

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