Selbsteinschaetzung-Selbstwahrnehmung-Selbstbild
Was war Ihr letzter Erfolg? Wenn es Ihnen wie vielen anderen Menschen geht, kommt die Antwort darauf alles andere als spontan. Tatsächlich sind den meisten Menschen die eigenen Erfolge, Talente und Stärken nicht so sehr bewusst, wie ihre Schwächen, Niederlagen oder Misserfolge. Wir sehen oft nur den Mangel - das, was uns fehlt, nicht aber, was wir längst (erreicht) haben. Man könnte auch sagen: Wir haben eine mangelhafte Selbsteinschätzung. Dabei ist die enorm wichtig - für das Selbstbewusstsein ebenso wie für die Ausbildungs- und Studienwahl oder Berufswahl. Deshalb zeigen wir Ihnen, wie Sie zu einer besseren Selbsteinschätzung gelangen - zahlreiche Tests inklusive...

Definition: Was ist Selbsteinschätzung überhaupt?

Extra-Tipp-IconEigenbild - Fremdbild. Die Wahrheit liegt meist dazwischen. Und sie zu finden, ist wahrlich nicht leicht. Zuweilen erfordert es sogar regelrecht Mut. Denn Selbsteinschätzung ist die Fähigkeit, die eigene Person im Hinblick seine Fähigkeiten, Talente, Möglichkeiten - aber auch Fehler, Schwächen und Grenzen realistisch selbst einzuschätzen. Dazu ist oft auch der Abgleich mit der Fremdeinschätzung und das regelmäßige (ungeschönte) Feedback durch andere erforderlich.

Im Lernumfeld - in Schule oder Studium - wird der Begriff der Selbsteinschätzung ebenfalls häufig verwendet. In dem Fall meint er aber weniger die Persönlichkeitsmerkmale, sondern vielmehr die Einschätzung und Bewertung der eigenen Lernresultate und des eigenen Lernprozesses.

In beiden Fällen kommt es nach einer Art Bestandsaufnahme oft noch zu einer Bewertung. Selbsteinschätzung und Selbstbewertung sind daher oft die zwei Seiten einer Medaille. Nicht immer ist diese Sicht zielführend, weil sich Erfolge und Misserfolge überhaupt nicht bilanzieren lassen: Schmälern zehn Fehlversuche wirklich den einen Erfolg am Ende? Dasselbe gilt für ein Leben: Nicht was wir alles nicht können oder nicht erreicht haben, macht uns aus, sondern das, was wir tatsächlich aus unserem Leben machen. Genau dorthin sollten Sie auch Ihren Fokus legen. Andernfalls kommt es leicht zur Selbstsabotage.

Selbsteinschätzung: Wie gut kennen Sie sich wirklich?

Wer viel ausprobiert und macht, erfährt auch eine Menge über sich selbst. Glaubt man jedoch den Studien der beiden Psychologen Robert Arkin und Jean Guerrettaz von der Ohio State Universität, lautet die Antwort auf die Frage, wie gut wir uns selber kennen: "Nicht gut." Unser Selbstbild ist alles andere als unerschütterlich oder realistisch. Oft ist sogar überzogen - ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung.

Bei den Experimenten der beiden US-Forscher sollten sich die Probanden zunächst selbst beurteilen und ihre zehn wesentlichen Persönlichkeitseigenschaften benennen und anschließend gewichten (das können Sie gerne auch mal versuchen). Dann allerdings baten die Wissenschaftler die Teilnehmer die Top-5-Merkmale durch konkrete Beispiele aus ihrer Biografie zu belegen. Und siehe da: Wer vorher noch von sich und seinen Talenten überzeugt war, kam nun ins Stottern.

Mehr noch: Wer zuvor besonders laut getönt und mit stolz geschwellter Brust von seinen Fähigkeiten geschwärmt hatte, zeigte jetzt ein desolates Selbstbewusstsein.

Bestätigt wird das Ergebnis auch durch Studien der Psychologen Ethan Zell und Zlatan Krizan, die für ihre Metastudie (PDF) Untersuchungen mit mehr als 200.000 Teilnehmern auswerteten. Ergebnis: Die Mehrheit hielt sich entweder für besser als sie wirklich war (Hochstapler) oder für übertrieben schlecht (Tiefstapler) - in beiden Fällen aber lag die Selbsteinschätzung meilenweit neben der Wahrheit.

Selbsteinschätzung und Selbstwert: Was bedeutet für Sie Erfolg?

Gerade bei unseren Erfolgen gehen Selbsteinschätzung und Selbstwertgefühl Hand in Hand. Über unsere Erfolge freuen wir uns nicht nur, weil wir etwas erreicht haben, das wir uns selbst vorgenommen haben. Wir werden auch in dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten bestärkt - erst recht, wenn sich diese Erfolge wiederholen (lassen).

Das ist wie bei handwerklichen Erfolgen auch: Wer einmal ein Loch in die Wand bohrt und einen Dübel darin versenkt, hat ein Erfolgserlebnis. Spätestens nach dem zweiten und dritten Dübel aber wissen wir: Ich kann das - immer wieder! Effekt: Das Selbstvertrauen wächst - zumindest was die Heimwerker-Qualitäten anbelangt.

Im Job oder im Privaten läuft das nicht anders: Jede Erfolgsserie steigert unser Selbstwertgefühl. Leider funktioniert das aber auch anders herum: Wer etwa auf seine Bewerbungen immer nur Absagen bekommt, glaubt irgendwann, dass ihn niemand haben will - und preist die nächste Absage schon gedanklich ein. Das Selbstwertgefühl rauscht in den Keller.

Ein klassischer Kurzschluss. Im obigen Beispiel lassen nicht wenige außer Acht, dass die Absage überhaupt nicht an ihren Qualifikationen oder ihrer Person liegen muss, sondern womöglich nur an der Bewerbungsstrategie, der falschen Zielgruppe und den entsprechend suboptimal zugeschnittenen Bewerbungsunterlagen.

Oder anders formuliert: Statt die temporären Misserfolge zur Korrektur und damit zur besseren Selbsteinschätzung zu nutzen, reagieren viele darauf mit Geringschätzung ihrer selbst.

Oder noch anders formuliert: Wie setzen Erfolg mit der Zielerreichung gleich. Dabei kann auch schon der Weg dorthin gepflastert sein mit Lernerfolgen, neuen Erkenntnissen und wertvollen Erfahrungen.

Erfolg ist auch eine Frage des Blickwinkels. Sie können exakt wissen, wie Sie Erfolg für sich definieren, die Ziele können perfekt auf diesen Erfolgsbegriff abgestimmt sein. Und trotzdem ist es möglich, dass wir unsere (bereits realisierten) Erfolge nicht erkennen und so zu einer falschen Selbsteinschätzung gelangen.

Hierbei hilft - neben Feedback von guten Freunden - auch etwas Ursachenforschung und Selbstreflexion. Fragen Sie sich zum Beispiel:

  • Warum gehe ich mit mir härter ins Gericht als mit anderen?
  • Was genau hindert mich daran, mehr auf meine Stärken zu achten?
  • Was habe ich bisher aus allem gelernt?
  • Wie kann mir das künftig nutzen?

Machen Sie sich bitte klar: Manchmal fallen wir nur, weil da unten etwas ist, dass wir finden sollen.

Selbsterkenntnis: Stärken stärken

Insbesondere im beruflichen Umfeld werden die eigenen Stärken und Schwächen gerne thematisiert - und meist noch einmal unterschieden zwischen sogenannten Hard Skills und Soft Skills.

Zu den Hard Skills zählen zum Beispiel:

  • Berufsausbildung und Studium
  • Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen (samt Zertifikate)
  • Berufserfahrung
  • Projekt- und Prozessmanagement-Erfahrungen
  • Fremdsprachen und EDV-Kenntnisse

Also allesamt messbare und nachweisbare Qualifikationen. Das ist bei den Soft Skills dagegen kaum oder gar nicht möglich. Hierunter fallen etwa:

  • Offenheit, Neugier und Toleranz
  • Teamfähigkeit
  • Kommunikationsstärke
  • Durchsetzungsfähigkeit
  • Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit
  • Eigeninitiative
  • Empathie
  • Flexibilität

Um ein besseres Selbstbild von sich zu entwickeln, können Sie Ihre Qualifikationen und Skills nach einem solchen Raster durchgehen und Selbstbild wie Fremdeinschätzung daran abgleichen. Anschließend können Sie reflektieren, was Sie schon alles können und was Sie noch lernen und trainieren möchten.

Die schnellsten Erfolge erzielen Sie allerdings nicht, indem Sie an den Schwächen laborieren, sondern vielmehr, indem Sie die Stärken stärken.

6 Methoden, um (mehr) Erfolge zu erkennen

Zwischen dutzenden Aufgaben, zahlreichen Meetings und Bürostress bleibt vielen Arbeitnehmern kaum Zeit zur Reflexion. Auch im Privatleben ist der Terminkalender meist so voll, dass uns die zielgerichtete Selbstwahrnehmung schwer fällt.

Immerhin: Sie lesen gerade diesen Artikel (und auch schon bis hierhin). Vielleicht haben Sie also noch ein paar Minuten, um sich Ihre Stärken und Erfolge - trotz des vollen Terminkalenders - bewusster zu machen. Dabei verfolgen die hier vorgestellten Methoden zwei Ziele: Sie sollen Ihnen - erstens - die Wahrnehmung Ihrer Erfolge erleichtern und - zweitens - helfen, mehr Zeit zur Ruhe und Selbstreflexion zu finden.

Das können Sie tun:

  1. Erfolgstagebuch führen

    Das Erfolgstagebuch ist ein Klassiker unter den Reflexionsmethoden. Es funktioniert ähnlich wie eine Positivliste: Nehmen Sie sich abends, idealerweise immer zum gleichen Zeitpunkt, Zeit, um fünf bis zehn Erfolge des Tages zu notieren. Bei der Lektüre und im Laufe der Zeit wird es Ihnen zunehmend leichter fallen, nicht nur viele Erfolge zu sehen und zu benennen - Sie werden sich auch der eigenen Stärken bewusster. Ein solches Erfolgstagebuch sollten Sie allerdings mindestens vier bis sechs Wochen führen, um erste Wirkung im Arbeitsalltag wahrzunehmen. Natürlich schadet es auch nicht, das Tagebuch auch danach noch fortzusetzen.

  2. Erfolgsanteil identifizieren

    Ihr Team hat ein großes Projekt abgeschlossen oder eine Aufgabe erfolgreich gemeistert? Dann nutzen Sie die Gelegenheit und machen Sie sich klar, welchen Anteil Sie mit Ihrer Arbeit an diesem Erfolg hatten. Sicher ist ein solches Projekt in erster Linie ein Teamerfolg, entstanden durch das Zusammenspiel verschiedener Talente. Aber Ihres durfte eben auch nicht fehlen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, den anderen gegenüber Ihren Beitrag zu betonen - das machen Sie nur für sich, aber eben bewusst. Auch hier hilft es, sich das aufzuschreiben.

  3. Lob akzeptieren

    Falls Sie Ihr Chef oder die Kollegen loben, spielen Sie Ihre Leistungen bitte nicht herunter. Vielen ist das irgendwie peinlich - sollte es aber nicht: Nehmen Sie vielmehr bewusst wahr, wofür Sie gelobt und anerkannt werden. Ehrliches Lob kommt aufgrund hervorragender Leistungen zustande. Diese wiederum sind ein guter Anhaltspunkt für Ihre dazugehörigen Stärken und Talente.

  4. Fortschritte messen

    Mangelnde Selbsteinschätzung kann teilweise auch an fehlenden Maßstäben oder Fortschrittsindikatoren liegen. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht: Es geht lediglich darum, sich Kennzahlen oder Messgrößen zu suchen, um Fortschritte auf dem Weg - auch die kleinen - überhaupt erkennen zu können.

  5. Erfolge belohnen

    Die Wahrnehmung von Erfolgen ist das Eine - die Belohnung das Andere. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, sich auch für kleine Teilerfolge (sogenannte Meilensteine) zu belohnen. Auch das macht das Erleben und Registrieren bewusster. Und falls Sie selbst eine Führungsposition innehaben, können Sie die Methode auch gleich noch auf ihr Team und Ihre Mitarbeiter übertragen: Belohnen Sie auch hier herausragende (Zwischen-)Leistungen. Das muss nicht gleich ein finanzieller Bonus sein - ein Restaurant-Gutschein, ein geschenkter freier Tag oder eine simple, aber handgeschriebene Karte können denselben Effekt haben.

  6. Anspruch überprüfen

    Wer absolut keine eigenen Erfolge finden oder erkennen kann, sollte die eigenen Ansprüche an sich selbst überprüfen: Würden Sie denselben Maßstab, den Sie an sich selbst anlegen, auch für andere Menschen nutzen? Wenn nein, warum nicht? Und ist der Anspruch auch realistisch? Wenn Sie Ihre Ziele der einer solchen Machbarkeitsprüfung unterziehen, werden Sie auch Erfolge besser wahrnehmen.

    Ziele formulieren: Nutzen Sie die SMART-Methode

    Nicht zuletzt können Sie zum Formulieren Ihrer Ziele auch die sogenannte SMART-Methode anwenden, wobei hier im Vordergrund steht, die eigenen Ziele zunächst möglichst realistisch einzuschätzen und sich danach sinnvolle Fristen zu setzen.

    Die SMART-Methode ist allerdings alles andere als neu, sie wurde schon im Jahr 1956 entwickelt und ist ein Akronym. Es steht für:

    SMART-Methode-Ziele-erreichen-Zielstrebigkeit

    • Spezifisch: Ziele sollen so spezifisch wie möglich beschrieben werden.
    • Messbar: Orientieren Sie sich dabei an messbaren Fakten.
    • Attraktiv: Planen Sie so, dass Sie auch Lust haben, das umzusetzen.
    • Realistisch: Was Sie sich vornehmen muss natürlich auch machbar sein.
    • Termingerecht: Das bedeutet, die Aufgaben zeitlich bindend zu planen. Also etwa: Bis Ende des Jahres will ich zehn Prozent mehr verdienen.

Selbsteinschätzung: Viele Selbsttests

Im Internet finden sich inzwischen zahlreiche (oft kostenlose) Selbsteinschätzungstests, sogenannte Self-Assessments. Diese richten sich in erster Linie an Schulabgänger, die noch keine berufliche Perspektive für sich entwickelt haben, also vor der Frage stehen: Was soll ich werden?

Der Selbsteinschätzungstest dient den Studieninteressierten dann zur Orientierung und als mögliche Entscheidungshilfe bei der Berufswahl. Die Teilnehmer führen die Selbsttests dazu eigenständig durch und bekommen auch unmittelbar ein erstes Resultat und damit eine Rückmeldung zu ihren persönlichen Interessen oder zur Eignung für ein potenzielles Studienfach.

Um Ihnen einen ersten Überblick zu geben, haben wir im Folgenden eine Linksammlung verschiedener Selbsteinschätzungstests zusammengestellt. Für die Inhalte und Auswertungsergebnisse sind natürlich ausschließlich deren Ersteller verantwortlich. Die Angaben sind daher ohne Gewähr...

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]

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