Scharfsinn: Zur Schau gestellte Klugheit ist dumm

Eine typische Sitzung. Lauter kluge Köpfe sind versammelt, sämtliche Überflieger des Unternehmens. Dazu ein paar namhafte Unternehmensberater. Der Raum beherbergt einen akkumulierten IQ von 2000. Aber nichts passiert. Wenn sich so viel Brillanz ballt, kann man sicher sein, dass jedes erdenkliche Problem, jeder Fragen- und Ideenkomplex von allen Seiten be- und durchleuchtet wird. Das Ergebnis sind meist tadellose Theorie, analytische Anmut – und null Umsetzung. Intelligenz ist eben nicht alles. Unternehmen brauchen nicht nur analytische Brillanz, sondern Menschen mit der Energie etwas zu bewegen

Scharfsinn: Zur Schau gestellte Klugheit ist dumm

Zu schlau für diese Welt?

Scharfsinn, so sehr er geschätzt wird, ist auch ein Handicap. Persönlich sowieso, falls Sie smarter sind als Ihr Chef und er das merkt. Für das Unternehmen, falls viele unheimlich schlau sind, aber auch unheimlich viel klugschwätzen und dennoch wenig anpacken.

Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor einiger Zeit las. Es ging um Großbritannien. Die größte Gemeinsamkeit dortiger Unternehmer mit Erfolg war nicht etwa Mut oder Intelligenz. Es war Dyslexie.

Einer, der an einer solchen Lesehemmung leidet, ist Richard Branson, der Gründer von Virgin. Der Mann erfindet ständig Neues, ist umtriebig, ein Macher. Nicht alles davon klappt und manchmal hat er auch dumme Ideen. Na und?! Er macht einfach weiter – und hat Erfolg.

Von dem deutschen Dichter und Physiker Georg Christoph Lichtenberg stammt der Satz:

Der Mann hatte so viel Verstand, dass er fast zu nichts mehr zu gebrauchen war.

Heute nennt man das wohl eher Inselbegabung.

Intelligenz, sagen wirklich Intelligente, ist die Fähigkeit sich anzupassen. Oder wie Kurt Tucholsky es formuliert: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ Noch etwas süffisanter klingt der Spruch: „Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, vielen aber bleibt es erspart.“

Was wirklich intelligente Menschen auszeichnet:

  • Sie wissen, was sie nicht wissen.
  • Sie sind unstillbar neugierig.
  • Sie besitzen große Empathie.
  • Sie stellen gute Fragen.
  • Sie sind offen für Neues.
  • Sie haben Mut, probieren aus.
  • Sie adaptieren schnell.

Vorsicht ist dagegen gegenüber jenen angebracht, die ihre Schläue offensiv nach außen pellen. Ihnen geht es selten um die Sache, dafür umso mehr um sich selbst. Sie suchen Bühnen, nicht Berufungen.

Auch in Sachen Karriere stellt sich die Frage: Ist es wirklich ein Zeichen von Klugheit, andere wissen zu lassen, dass man schlauer ist als sie? Eben.

[Bildnachweis: Luis Molinero by Shutterstock.com]
15. April 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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