Understatement ist eine feine Sache. Mit geradezu diebischem Vergnügen lassen sich so manche Leute in die Irre führen. Es ist zwar nie böswillig, im Gegenteil: Es ist Ausdruck einer kultivierten, rücksichtsvollen Haltung. Es ist subtil und manchmal so fein gestrickt, dass es nicht jeder mitbekommt. Und dennoch liegt hierin durchaus ein Vorteil: Wer Sie unterschätzt, rechnet nicht mit Ihnen. Wie im Ballspiel: Die gegnerische Mannschaft hält Sie für leichte Beute, doch Sie kriegen den Ball noch, reißen das Spiel herum. Ganz klar, ein Überraschungseffekt. Nur kann das auch im Beruf funktionieren?

Understatement Bedeutung Beispiel Stilmittel Definition Gegenteil Untertreibung im Beruf

Understatement Definition: Stilmittel oder Lebensmotto

Understatement Bedeutung Beispiel Stilmittel Definition Untertreibung Fachbegriff GegenteilUnderstatement bedeutet so viel wie Untertreibung, Bescheidenheit, Herunterspielen oder Zurückhaltung. Wer hat's erfunden? Die Briten. Sie sind bekannt für ihren trockenen Humor, die feine englische Art. Understatement wird im Englischen häufig als Stilmittel eingesetzt, das diese Komik hervorruft.

Stilistisches Gegenteil von Understatement wäre die Hyperbel, Übertreibung.

Typischerweise werden dramatische Zustände oder Ereignisse dadurch entschärft, dass sie durch Understatement wesentlich harmloser dargestellt werden. Understatement kann sowohl kulturell bedingt ein ganzes Volk prägen, als auch eine Lebensmaxime einer einzelnen Person repräsentieren.

In manchen Kulturen gehört es gesellschaftlich betrachtet zum guten Ton, seine (vermeintlich wichtige) Rolle nach außen zu dokumentieren. Dies passiert meist durch Zurschaustellung von Reichtum und Luxusgütern. Oftmals wird noch heute so zwischen "echtem Adel" und Geldadel unterschieden:

Zwar ist der Adelsstand in Deutschland offiziell 1919 abgeschafft worden, andererseits wird der Adel in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor als eine soziale Gruppierung für sich wahrgenommen. Die sich bereits durch bestimmte Umgangsformen und einen gewissen Habitus von der Allgemeinheit absetzt.

Auch wenn der Adel eine sehr heterogene Gesellschaftsgruppe ist, werden protzende Emporkömmlinge, die sich in den entsprechenden Kreisen nicht zu bewegen wissen, oft misstrauisch beäugt. Wer was auf sich hält, steht über den Dingen, betreibt Understatement.

Understatement Beispiel: Verschiedene Arten von Untertreibung

Es lassen sich verschiedene Arten der Untertreibung beobachten, ganz gleich, ob im schriftlichen oder im mündlichen Bereich. Die Wirkung kann dabei ganz unterschiedlich sein. Beispielsweise...

  • Bescheiden: Wenn jemand etwas erreicht hat, dass eine Auszeichnung wert ist, etwa eine Goldmedaille im Weitsprung, dann wird er dafür entsprechend trainiert haben. Understatement im Sinne von Bescheidenheit wäre zu sagen: "Ach, das war doch nichts."
  • Komisch: Wenn beispielsweise sintflutartige Regenfälle den Rheinpegel steigen lassen und regelmäßig Kölner Ortsteile zur Insel werden, hat das dramatische Züge. Understatement wäre zu sagen: "Na wenigstens bekommen die Pflanzen genügend Wasser!"
  • Höflich: Understatement kann auch eine Möglichkeit sein, Konflikte zu beschwichtigen, etwa wenn das Gegenüber energisch auf seinem Punkt beharrt und Sie - um das Ganze abzukürzen - zu dem Ergebnis kommen, dass Sie beide offenbar etwas anderer Meinung sind. Genauso gut kann es ein Euphemismus sein; beispielsweise wenn Sie eine andere, sehr übergewichtige Person beschreiben müssten und sagen: "Sie ist nicht direkt schlank."

In der Literatur, in Liedern und Gedichten ist Understatement ein beliebtes Stilmittel. Auch in unserem alltäglichem Leben taucht es gar nicht so selten auf. Wer Understatement bewusst einsetzt, kann Situationen entschärfen, die Aufmerksamkeit auf sich lenken oder einer Sache einen humorvollen Anstrich geben.

Sie können mit Understatement dazu beitragen, anderen Menschen ein besseres Gefühl zu geben. Beispielsweise, wenn Sie einem Freund einen großen Gefallen tun und derjenige weiß, wie tief er in Ihrer Schuld steht. Sie wissen, dass Sie ihm vertrauen können und er sich in jedem Fall irgendwann revanchieren wird.

Ihren Anteil an diesem großen Gefallen spielen sie herunter, denn Sie möchten nicht, dass Ihr Freund sich bei Ihrem Anblick jedes Mal demonstrativ daran erinnert fühlt.

Understatement Bedeutung: Die Kunst der Untertreibung

Häufig bekommen Arbeitnehmer zu hören, dass sie nur selbstbewusst genug auf Ihre Leistungen hinweisen müssten, um sich beim Chef Gehör zu verschaffen. Gerade Frauen wird immer wieder bescheinigt, dass sie viel zu bescheiden auftreten und daher Beförderungen immer an den Kollegen gehen.

Und macht uns nicht auch die ständig zitierte Ellenbogengesellschaft vor, dass nur derjenige weiterkommt, der lauthals auf seine Taten hinweist? So betrachtet wäre Understatement ja völlig kontraproduktiv.

Einerseits ist etwas an dieser Beobachtung dran. Gleichzeitig lässt sich ebenso das Gegenteil beobachten. Liebhaber von Actionfilmen kennen das: Da gibt es einen fiesen Bösewicht, der mit allen Insignien der Macht ausgestattet ist. Und dann gibt es seinen Gegenspieler, zum Beispiel dargestellt von Bud Spencer.

Dieser große, behäbige Kerl wirkt alles andere als gefährlich, mächtig oder stark - und wird aufgrund seines gutmütigen Auftretens regelmäßig unterschätzt. Gleiches lässt sich im realen Leben beobachten:

Da gibt es Menschen, die müssen sich aus ihrem eigentlich geringen Selbstwertgefühl heraus aufspielen, Statussymbole vorführen und Erfolgsgeschichten erzählen.

Alles nur, damit ihre Umgebung auch merkt, wie toll/erfolgreich/wichtig sie doch sind. Andersherum gibt es gerade Topfachkräfte, die zwar um ihre Bedeutung wissen, aber nicht so ein Geschrei darum machen. Sie sind vom Typ her ganz anders gestrickt - und haben dennoch einen höheren Status, eben weil sie so souverän auftreten.

Understatement im Beruf: Funktioniert nur bei Cleveren

Die taktvolle Untertreibung in eigener Sache lässt sich auch im Beruf beobachten. Manch einer erwähnt seine Leistungen und Erfolge gar nicht erst und wenn, dann schmälert er seinen Anteil daran. Der Grund: Er findet sie selbstverständlich.

Dass Sie jedoch Understatement "erfolgreich" betreiben, kann nur funktionieren, wenn Ihr Gegenüber die Untertreibung auch als solche erkennt. Haben Sie sich wirklich bei einer Sache angestrengt und spielen das Ergebnis herunter und Ihr Kollege nimmt Sie beim Wort, ist nichts gewonnen.

Ganz anders, wenn Ihr Gegenüber den Code knacken kann - dann wertet das Understatement Sie beide auf, wie Matthias Nöllke erläutert, Keynote Speaker und Autor von Sachbüchern wie Machtspiele: Die Kunst, den eigenen Willen durchzusetzen:

  • Sie als Bescheidenen, der eine Topleistung erbringt und keine große Sache daraus macht.
  • Ihn als Cleveren, der sich nicht vom Anschein täuschen lässt, sondern in der Lage ist, die wahre Qualität zu erkennen.

Nöllke betont, dass dieser Effekt niemals unterschätzen sei, denn Ihr Gegenüber hat so die Chance, sich als Kenner zu erweisen, wenn Sie selbst eben nicht dick auftragen. Sie beide bleiben vor allem auf Augenhöhe, was Ihren Sympathiewerten zugute kommt und Sie vertrauenswürdiger erscheinen lässt als jemanden, der überall herumposaunen muss, wie toll er ist.

Noch unangenehmer wird es für andere, wenn so jemand meint, seine Überlegenheit herausstreichen zu müssen. Lustigerweise zeigt das nicht nur einen unangenehmen Wesenszug; oftmals lässt sich hier der Dunning-Kruger-Effekt beobachten:

Diese Leute sind sich ihrer eigenen Inkompetenz nicht bewusst. Wer hingegen Understatement als Motto verfolgt, lässt sich auf solche Statusspielchen nicht ein, sondern nimmt sich selbst zurück. Beide Extreme ließen sich jüngst in der amerikanischen Politik beobachten.

Understatement unter Konkurrenten

Wie erwähnt, erscheint Understatement mit Blick auf die Karriere manchem eher kontraproduktiv erscheinen, da immer wieder zu lesen ist, wie sehr Arbeitnehmer ihre eigenen Vorzüge herausstreichen sollten, wenn sie vorankommen wollen. Understatement heißt auch nicht, sich unsichtbar zu machen.

Es kommt vielmehr darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Wie in dem eingangs gebrachten Beispiel vom Ballspiel: Understatement gibt Ihnen die Chance, in Ruhe Ihre Pläne zu verfolgen, sich beruflich weiterzubilden, neue Kompetenzen und Fachwissen zu erwerben.

Sie hängen das nicht an die große Glocke - ergo erwartet niemand etwas von Ihnen. Und irgendwann wird sich eine Gelegenheit ergeben, das ist dann Ihr Tag. Dann werden Sie liefern und keiner hat damit gerechnet, dass Sie sich auskennen. Daraus werden sich neue Konstellationen ergeben können.

Denn Ihr Understatement hat an diesem Punkt einen weiteren großen Vorteil: Er lässt alle die, die bis dahin den Hals aufgerissen haben, recht alt und vor allem wichtigtuerisch erscheinen. Folgen den ehemals großen Ankündigungen jedoch keine Taten, wird man sich automatisch Ihnen zuwenden.

Drei Tipps für stilvolles Understatement im Beruf

Nöllke hat daher drei Tipps für alle, die an Ihrem beruflichen Erfolg mithilfe von Understatement arbeiten wollen:

  • Nicht ankündigen, liefern.

    Statt darüber zu reden, was Sie alles vollbringen werden, tun Sie es einfach. Dann lässt sich darüber sprechen. "Die Henne ist das klügste Geschöpf im Tierreich", meinte schon Abraham Lincoln, "sie gackert erst, nachdem das Ei gelegt ist."

  • Schön bescheiden bleiben.

    Erbringen Sie Ihre Bestleistung mit der größtmöglichen Beiläufigkeit. Besonders eindrucksvoll kommt Understatement zur Geltung, wenn Sie selbst keine große Sache daraus machen.

  • Keine falsche Bescheidenheit.

    Achtung, hier ist wohldosierte Bescheidenheit gefragt. Manche pflegen nämlich ihre Eitelkeit, indem Sie herausstellen, wie großartig Sie sind und wie wenig ihnen das bedeutet. Das wirkt noch abstoßender als reine Angeberei.

Understatement fördert gute Unternehmenskultur

Es ist eine Stärke, nicht perfekt zu sein. Wer Understatement zeigt, versucht eben nicht den Anschein zu erwecken, perfekt zu sein. Führungskräfte, die sich dies auf die Fahnen geschrieben haben, tragen zu einer gesunden Arbeitsatmosphäre bei:

  • Schwächen geben sie unumwunden zu, Defizite sprechen sie offen an.
  • Sie räumen ein, etwas nicht zu wissen oder noch nicht durchdrungen zu haben.

Das macht den Umgang miteinander angenehmer und entspannter. Wenn die Chefin kein Problem damit hat, Fehler zuzugeben, fällt das auch den Mitarbeitern leichter. Es wird weniger vertuscht. Und wenn etwas falsch läuft, findet man leichter die Ursache.

Die oft zitierte Fehlerkultur ist aber nur möglich, wenn der Vorgesetzte mit gutem Beispiel vorangeht.

[Bildnachweis: studiostoks, bomg by Shutterstock.com]

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, erzählen Sie es weiter...