Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie sich in einer neuen Umgebung in manchen Fällen sofort wohl fühlen und in anderen Fällen unwohl? Es könnte am Habitus liegen. Sowohl Ihrem eigenen, als auch dem der Sie umgebenen Menschen. Er führt dazu, dass wir Details und Merkmale wahrnehmen und entsprechend identifizieren können. Wenn wir damit vertraut sind, wissen wir, wie wir uns zu verhalten und zu bewegen haben. In dem Moment, in dem diese Merkmale nicht zugeordnet werden können oder fremd sind, kann das zu Unsicherheit führen. Wer beispielsweise eine hohe gesellschaftliche Position bekleidet, wird häufiger an Galadiners teilnehmen. Diese Erfahrung führt dazu, dass er weiß, wie er auftreten muss. Dieses Wissen um das angemessene Verhalten sichert ihm einen gesellschaftlichen Rang und kann der Eintritt in andere gesellschaftliche Kreise sein. Aber ist es tatsächlich nur eine Frage der Übung? Woher der Habitus kommt und was er über Sie verrät...

Habitus Definition Soziologie synoym

Habitus Definition: Die Gesamtheit aller Verhaltensweisen

Habitus Definition Soziologie DudenHabitus stammt aus dem Lateinischen von habitus = Gehabe, äußere Erscheinung oder persönliche Eigenschaft. Das lateinische Verb habere bedeutet haben, an sich tragen. In den Begriff Habitus spielen viele Aspekte mit hinein, dennoch lässt er sich nicht ganz einfach beschreiben, eher an Einzelheiten beobachten. Der Duden beschreibt mit Habitus das

Gesamterscheinungsbild einer Person nach Aussehen und Verhalten.

Ein Mensch erwirbt im Laufe seines Lebens eine bestimmte Einstellung, die sich in seinem Auftreten und Benehmen ausdrückt. Synonyme zu Habitus sind:

  • Art
  • Attitüde
  • Aufführen
  • Aussehen
  • Äußeres
  • Betragen
  • Erscheinung
  • Gebärde
  • Gebaren
  • Haltung
  • Konstitution
  • Statur
  • Umgangsformen
  • Wuchs

Maßgeblich geprägt wurde der Begriff Habitus in der Soziologie von Norbert Elias und Pierre Bourdieu. Sozialer Habitus drückt sich für Elias im gleichen Denken, Fühlen und Handeln von Mitgliedern einer Gruppe aus. Bourdieu verwendet den Begriff für alles, was eine Person ausdrückt.

Hier geht es um den Lebensstil, wie jemand spricht, welchen Geschmack er hat. Dazu gehört ebenso die Kleidung wie etwa der Einrichtungsstil. Prägend dafür ist die jeweilige Klasse, also soziale Herkunft, in die jemand hineingeboren wurde.

In seinem Buch "Die feinen Unterschiede" stellt Bourdieu die These auf, dass das Handeln eines Akteurs im sozialen Raum durch seine Position in dem sozialen Raum bestimmt wird, in dem er sich befindet. Das bedeutet, dass diese Person kaum Einfluss auf ihr Handeln hat.

Gestik, Mimik, Verhalten, aber auch der persönliche Geschmack, wie er sich beispielsweise in der Inneneinrichtung widerspiegelt, sind demnach keine Ausprägungen einer naturgegebenen Persönlichkeit oder gar einer Individualität, sondern sie sind allesamt Ausdruck der eigenen Position im sozialen Raum.

Was der Habitus über den gesellschaftlichen Status aussagt

Um auf das Eingangsbeispiel des Galadiners zurückzukommen: Das Wissen darum, wie man sich in welchem Raum zu verhalten hat, ist Ausdruck eines Selbstbewusstseins, aber auch umgekehrt: Der Habitus spiegelt gewissermaßen ein "Urverständnis" von Verhaltensweisen wider, die nicht ohne weiteres in irgendwelchen Benimmkursen erlernt werden können.

Natürlich lässt sich erlernen, welche Gabel zu welcher Speise benutzt wird und welche Reihenfolge des Bestecks im Menü einzuhalten ist. Der springende Punkt ist tatsächlich, wann jemand so etwas erlernt. Wurden diese Dinge quasi mit der Muttermilch aufgesogen, liegt eine frühkindliche Prägung vor.

Bestimmte Verhaltensweisen sind dann verinnerlicht, das Wissen, wie Sie sich in bestimmten Situationen zu verhalten haben, wird unbewusst abgerufen. Andersherum ist der Besuch eines Benimmkurses ebenso wie das Nachlesen von bestimmten Verhaltensregeln ein bewusster Akt.

Das angemessene Verhalten wird also spät erlernt und wird Ihnen somit zumindest für eine gewisse Zeit nicht natürlich, sondern fremd vorkommen. Wer sich dessen bewusst ist, dem fehlt eher die Selbstsicherheit.

Nicht selten ist davon die Rede, dass Menschen sich "am Stallgeruch erkennen": Genau das ist mit Habitus gemeint; es lässt sich oftmals am Auftreten einer Person der gesellschaftliche Rang beziehungsweise Status ablesen: Welche Haltung jemand hat, wie er spricht, mit welchen Selbstverständnis er auftritt vermittelt anderen, aus welchem sozialen Milieu diese Person stammt.

Ohne dass man zwangsläufig in allen Bereichen dieselbe Meinung vertritt, gibt es große Überschneidungen in der Betrachtungsweise, sind die Ausbildung und die Netzwerke identisch und versteht man sich in weiten Teilen "blind".

Aufstieg durch veränderten Habitus

Gerade wenn es um höhere Schichten und den dortigen Habitus geht, ist schnell klar, dass bestimmte Verhaltensweisen der Distinktion, also der Abgrenzung von anderen Schichten gelten. Auch dieses Phänomen ist durch die Geschichte immer wieder zu beobachten, etwa als der europäische Adel überwiegend Französisch sprach, während das einfache Volk sich in der Muttersprache verständigte.

Heutzutage verläuft die Abgrenzung zwischen den Schichten zwar wesentlich subtiler, aber nicht zwangsläufig weniger wirksam. Und sie lässt sich bereits bei Kindern beobachten: Wer die falschen Marken trägt, bei bestimmten Dingen nicht mitreden kann, gehört nicht dazu.

Es ist allerdings längst nicht nur eine Frage der materiellen Ausstattung. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat sich mit Bildungsaufsteigern aus benachteiligten Milieus beschäftigt und stellt fest, dass Aufsteiger auch schulisch und beruflich zunächst keine Ahnung von dem haben, was sie erwartet.

Das liegt daran, dass sie von ihrer Familie nicht entsprechend vorbereitet werden. Nicht umsonst ist auch heutzutage noch der Anteil an Arbeiterkindern und Menschen mit Migrationshintergrund unter Akademikern vergleichsweise gering. Und das spiegelt sich auch in der Arbeitswelt:

70 Prozent der Vorstände der größten deutschen Unternehmen stammen aus der drei Prozent großen Oberschicht Deutschlands. Das allein lässt sich nicht mit besonderen Qualifikationen erklären, hier spielen Habitus und die damit einhergehenden Umstände eine Rolle.

Oder anders ausgedrückt: Wer aus einer Akademikerfamilie stammt, hat eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit ebenfalls zu studieren als umgekehrt. Es ist ein Aufstieg von einer eher bildungsfernen Schicht in eine gebildete möglich, allerdings geht die immer mit Veränderungen einher.

Berufliches Weiterkommen eine Herausforderung

Wer beruflich aufsteigen möchte, muss an sich arbeiten. Gibt es dafür keine Unterstützung beispielsweise im Elternhaus, führt dies zwangsläufig dazu, dass eine Orientierung an anderen Personen und anderen Milieus stattfindet. In diesem Fall sind Personen aus höheren Schichten oftmals Wegbereiter.

Durch ihr Feedback und ihre Motivation dienen sie als Mentor und können wertvolle berufliche Hinweise geben. Dies führt im Falle des Erfolgs nicht nur zu einem veränderten Status.

Auch die Person selbst verändert sich, da sie nun die Verhaltensmuster der neuen Schicht übernimmt. Das bedeutet eben die oben angesprochenen Verhaltensweisen, etwa beim Galadiner. Allerdings sind für dieses berufliche Vorankommen und den gesellschaftlichen Aufstieg einige Eigenschaften notwendig.

  • Flexibilität

    Jemand, der in eine andere gesellschaftliche Schicht aufsteigt, kann dies nicht einfach planen. Das Elternhaus kann die notwendigen Informationen, wie etwa eine bestimmte berufliche Position zu erreichen ist, nicht aus eigener Erfahrung bereitstellen. Aufsteiger erklimmen weniger nach langfristigem Plan, eher nach Gelegenheit Stufe um Stufe. Gemeinsam ist allen der Veränderungswille und ein guter Sinn für Gelegenheiten, die sich bieten.

  • Frustrationstoleranz

    Aufsteiger verfügen über eine hohe Frustrationstoleranz. Da sie sich in unbekannten Gewässern bewegen, müssen sie nicht nur Unsicherheiten aushalten, sondern auch mit Niederlagen umgehen können. Dazu gehört auch, Trennungen verarbeiten zu können. Das soziale Umfeld verändert sich, da sich die eigenen Interessen und Verhaltensweisen ändern.

[Bildnachweis: Kiselev Andrey Valerevich by Shutterstock.com]

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