Familienunternehmen
Familienunternehmen sind die neuen Stars am Bewerberhimmel. Vor allem punkten sie mit einem massiven Vertrauensvorschuss, den sie in der breiten Bevölkerung genießen. Und auch die Erfahrungen vor Ort zeigen: In Familienunternehmen arbeitet es sich richtig gut. Wenn da nicht kleiner Haken wäre ...

Vertrauen: Alles

Eine beliebte Redewendung lautet: Ohne Gesundheit ist alles nichts. Mit Blick auf die Wirtschaftswelt könnte man den Spruch geringfügig umstellen: Ohne Vertrauen ist alles nichts. Wir kaufen Produkte, denen wir vertrauen, Bio-Eier zum Beispiel. Wir vertrauen unseren Geschäftspartnern, Chefs, Kollegen und fühlen uns dadurch besser, verdienen sogar mehr.

Und wir bewerben uns bei Unternehmen, denen wir als Arbeitgeber vertrauen. Von denen wir glauben, dass sie unser Vertrauen nicht enttäuschen, wenn wir erst einmal den Blaumann für sie übergeworfen haben. Womit wir bei der Studie der Bertelsmann-Stiftung sind. Die Bertelsmänner haben untersucht, wie es um das Vertrauen der Deutschen in die heimische Wirtschaft bestellt ist.

Vorweg: Nicht unbedingt zum Besten.

Familienunternehmen: An der Spitze

  • Gesellschaft: Generell ist das Vertrauen der Deutschen in die Unternehmen nur durchschnittlich stark ausgeprägt. 42 Prozent der Befragten haben „großes Vertrauen“ in die Unternehmen, 28 Prozent „kein Vertrauen“, der Rest ist unentschieden. Damit rangieren die Unternehmen im Vergleich mit anderen Institutionen nur im hinteren Mittelfeld. Am stärksten ist das Vertrauen in die kommunale Verwaltung (48 Prozent) ausgeprägt, gefolgt von Landesregierung (46 Prozent), Staat im Allgemeinen und Nichtregierungsorganisationen (je 44 Prozent). Noch hinter den Unternehmen rangieren die Bundesregierung und die Medien im Allgemeinen (je 41 Prozent).
  • Familienunternehmen: Vergleicht man die Unternehmen nach Typus miteinander, stehen die Familienunternehmen an der Spitze. 70 Prozent der Befragten haben großes Vertrauen in Familienunternehmen, 66 Prozent in kleine und mittlere Unternehmen. Staatliche Unternehmen kommen auf 43 Prozent. Wenig Vertrauen haben die Deutschen in große Unternehmen und Konzerne (39 Prozent), am wenigsten Vertrauen wird börsennotierten Unternehmen (31 Prozent) entgegengebracht.

Wann ist ein Unternehmen vertrauenswürdig?

Nach Ansicht der Deutschen steht ein Aspekt im Vordergrund: Ein Unternehmen muss "seine Mitarbeiter gut behandeln". Für 62 Prozent der Befragten ist das der größte Vertrauenstreiber. Dass eine Firma "auf Kundenbedürfnisse und -rückmeldungen achtet", finden 54 Prozent wichtig - Platz zwei. Dahinter folgen hauptsächlich ethisch-moralische Erwägungen. So sollte ein Unternehmen „den Kunden über den Profit stellen“ (50 Prozent), sich an „ethische Geschäftspraktiken halten“ (49 Prozent) und sich für „Umwelt und Naturschutz einsetzen“ (46 Prozent). Das bedeutet übersetzt: Unternehmen können Vertrauen auch durch Maßnahmen aufbauen, die mit ihrem Kerngeschäft im Grunde gar nichts zu tun haben, mit Naturschutz zum Beispiel. Auch durch Transparenz und hochwertige Produkte baut man demnach Vertrauen auf.

Auffällig: Innovationsfähigkeit führt - nach Meinung der Befragten - nur unwesentlich zu einem Vertrauenszuwachs. Lediglich 29 Prozent bejahen die Aussage, dass ein Unternehmen "ein Wegbereiter für neue Produkte, Dienstleistungen oder Ideen" sein sollte, um Vertrauen zu verdienen. Auch "hoch angesehene Führungskräfte" im Unternehmen (27 Prozent) sind keine wesentlichen Vertrauenstreiber.

Was macht einen verantwortungsvollen Unternehmer aus?

Ein verantwortungsvoller Unternehmer ist vor allem „organisiert“ (63 Prozent), „hoch qualifiziert“ (59 Prozent) und „erfahren“ (58 Prozent). Auch "gewinnorientiert" (52 Prozent) sollte er sein, einen „Bezug zur Alltagsrealität“ (48 Prozent) haben und über eine „unternehmerische Denkweise“ (47 Prozent) verfügen. Und: Er sollte „von Fakten statt von Emotionen geleitet sein“ (47 Prozent). Das Gegenteil, dass ein verantwortungsvoller Unternehmer "von Emotionen statt von Fakten" geleitet sein solle, sagt aber immerhin auch erstaunliche 20 Prozent der Befragten.

Dass er "praktisch" (36 Prozent), "risikobereit" und "pragmatisch" (je 33 Prozent) ist, verlangen die Befragten von einem verantwortungsvollen Unternehmer dagegen verblüffend selten. Auch sagen nur 39 Prozent, dass er „innovativ“ sein solle. Im Gegenzug glauben 25 Prozent, dass ein verantwortungsvoller Unternehmer eben kein Innovator, sondern vielmehr ein Traditionalist sein müsse - ein sehr hoher Wert. Ins Auge sticht auch: 27 Prozent sagen, dass ein verantwortungsvoller Unternehmer „risikoavers“ handeln solle. Ein kleiner Hinweis, warum die Kultur des Scheiterns hierzulande so schwach ausgeprägt ist?

Welche Unternehmen sind verantwortungsvoll?

Verantwortungsvolle Unternehmen sichern Arbeitsplätze, gehen auf die Belange der Mitarbeiter ein und übernehmen Verantwortung - für Umwelt, Kunden, Lieferanten und das lokale Umfeld. Von ihnen wird ein gesellschaftlicher Mehrwert erwartet. Diese Kriterien erfüllen Familienunternehmen - nach Ansicht der Befragten - am ehesten. Großkonzerne, aber auch Staatsunternehmen schneiden deutlich schlechter ab.

Typus Unternehmenstypen, die mit verantwortungsvollem Unternehmertum assoziiert werden Nicht assoziiert mit verantwortungsvollem Unternehmertum
Familienunternehmen 69 Prozent  6 Prozent
Kleine und mittlere Unternehmen 58 Prozent  8 Prozent
Staatliche Unternehmen 16 Prozent 35 Prozent
Große Unternehmen/Konzerne 16 Prozent 45 Prozent
Börsennotierte Unternehmen 50 Prozent  9 Prozent
[Quelle: Bertelsmann-Stiftung]

Was können Unternehmen tun?

Arbeits- und Ausbildungsplätze bereitstellen - diese elementare Aufgabe verlangen die Deutschen zuvorderst von den Unternehmen. Daneben gibt es aber noch einige andere Maßnahmen, mit denen sich ein Unternehmen Vertrauen erarbeiten kann.

Thema Anteile zu „Stimme voll und ganz zu“ und „Stimme eher zu“
Bereitstellung von Ausbildungsplätzen 44 Prozent
Flexible Arbeitszeitmodelle 29 Prozent
Unterstützung von Fortbildungen/Weiterbildungen 28 Prozent
Arbeitslosigkeit 25 Prozent
Gesundheitsleistungen des Arbeitgebers 21 Prozent
Job Sharing/Teilen des Arbeitsplatzes 20 Prozent
Arbeit im Alter 19 Prozent
Arbeitsmarktintegration für Flüchtlinge 16 Prozent
[Quelle: Bertelsmann-Stiftung]

Familienunternehmen: Perfekte Arbeitgeber?

Familienunternehmen gehen als eindeutige Sieger aus der Erhebung hervor, werden als vertrauenswürdige, moralische Bewahrer von Werten gesehen. Tatsächlich scheinen sich die grundlegenden Einschätzungen der Bevölkerung auch mit den Erfahrungen vor Ort zu decken. Eine Studie von FH Augsburg und Boris Gloger Consulting kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass 75 Prozent der Fach- und Führungskräfte in Familienunternehmen mit ihrem Berufsleben "zufrieden" oder sogar "sehr zufrieden" sind. Vom Fach- und Führungspersonal in Großkonzernen sagten dies nur 65 Prozent.

Demnach sei die Denke in Familienunternehmen von langfristigen Erwägungen und echten Werten bestimmt, in Konzernen dagegen seien ständige Restrukturierungen, eine hohe Fluktuation und Konkurrenzdenken an der Tagesordnung.

Familienunternehmen: Kleiner Haken

Aber: Ganz und gar paradiesische Zustände sollte man sich auch in Familienunternehmen nicht erhoffen. Familienunternehmen sind - schon dem Namen nach - der Familie verpflichtet. Für externe Bewerber sind die Chancen dementsprechend gering - selbst bei guter Leistung - in den obersten Führungszirkel aufzusteigen.

Laut PWC-Studie von 2014 sind in 47 Prozent der deutschen Familienunternehmen Familienmitglieder der Nachfolgegeneration im Unternehmen tätig, in 39 Prozent in der Unternehmensleitung. Und: Nur in 23 Prozent der deutschen Familienunternehmen halten familienfremde Mitarbeiter Anteile, der weltweite Vergleichswert liegt bei 35 Prozent. Und ganze sieben Prozent wollen in Zukunft weitere Anteile an Familienfremde übertragen.

Familienunternehmen sind - oftmals - fest in Familienhand, hierarchisch, manchmal sogar etwas starr. Der Patriarch wacht über seine Schutzbefohlenen - dieses (überspitzte) Bild dürfte nicht jedem Millenial gefallen, der frisch von der Uni kommt und die Welt verändern möchte.

Zudem ist ein Großteil der deutschen Familienunternehmen in klassischen Branchen tätig, vor allem in Industrie und Handel. Familienunternehmen sind Old Economy, nicht alle Pioniere, viele auch Dinosaurier.

Bleibt unterm Strich: Viele Familienunternehmen haben sich ihr Vertrauen redlich verdient. Skepsis bewahren und genau hinschauen - darauf sollten Bewerber dennoch nicht verzichten.

[Bildnachweis: Minerva Studio by Shutterstock.com]

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