Fachkräftemangel: Mythos oder wahrhaftiges Problem?

Wie kann es Fachkräftemangel geben, wenn einerseits die Arbeitslosigkeit steigt – ist der Fachkräftemangel etwa eine Lüge? Tatsächlich ist der Personalengpass seit Jahren ein Diskussionsthema. Selbst in der Corona-Pandemie ist der Fachkräftemangel für Unternehmen spürbar. Zur Lage in Deutschland: Was Fachkräftemangel bedeutet, welche Berufe er betrifft, wie er sich äußert und welche Lösungen es gibt…

Fachkräftemangel: Mythos oder wahrhaftiges Problem?

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Definition: Was ist Fachkräftemangel?

Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet Fachkräftemangel, dass nicht genügend qualifizierte Arbeitnehmer für zu besetzende Stellen existieren. Fachkräfte, das sind Arbeitnehmer, die ein ordentliches Studium oder mindestens eine anerkannte zweijährige Ausbildung absolviert haben. Mit anderen Worten: Nur weil vielleicht ein Arbeitskräfteüberschuss besteht, also genügend Menschen arbeitslos sind, heißt das noch lange nicht, dass sich der Bedarf an Fachkräften decken ließe.

In die Definition der Bundesagentur für Arbeit (BA) fließen Kriterien wie die branchenspezifische Altersstruktur, Arbeitslosenquote, Vergütungsstruktur und Vakanzzeit ein. Sie gibt die Dauer an, bis eine offene Stelle wieder besetzt wird. Von einem Fachkräfteengpass spricht die Bundesagentur für Arbeit daher, wenn…

  • die durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit im betrachteten Beruf um mindestens 40 Prozent über den Vakanzzeiten aller Berufe liegt.
  • auf 100 Stellen im Bestand der Bundesagentur für Arbeit weniger als 300 gemeldete Arbeitslose kommen.
  • die durchschnittliche Vakanzzeit in dem betrachteten Beruf um mindestens zehn Tage gegenüber dem Referenzzeitraum des Vorjahres gestiegen ist.

Für Bundesländer gilt: Fachkräftemangel liegt dann vor, wenn die regionale Vakanzzeit mindestens 40 Prozent über dem Bundesdurchschnitt aller Berufe liegt und es weniger als 150 Arbeitslose je 100 gemeldete Stellen gibt oder es weniger Arbeitslose als gemeldete Stellen gibt.

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Hat Deutschland einen Fachkräftemangel?

Immer wieder ist zu hören, dass in Deutschland ein akuter Fachkräftemangel herrsche: Jahr für Jahr fehlen Auszubildende, bleiben Stellen unbesetzt, weil es schlichtweg nicht genügend qualifizierte Bewerber gibt. Schuld sei der demographische Wandel. Aber ist der Fachkräftemangel hierzulande wirklich so groß, wie viele vermuten?

Nein, sagt eine Studie der Bundesagentur für Arbeit (BA). Es existiere kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland. Vereinzelte Engpässe stellte die BA in der Baubranche, bei technischen Berufen sowie bei Gesundheits- und Pflegeberufen fest. Vor allem Krankenpfleger und Rettungsdienste sind rar. Ein aktueller Fachkräftemangel ist dabei aber keineswegs in Stein gemeißelt. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Berufsfelder, die nicht genügend Arbeitnehmer finden, durchaus auch wieder von der Liste verschwinden können. Außerdem ist ein Fachkräftemangel nicht automatisch deutschlandweit. Oftmals sind nur einzelne Bundesländer oder Regionen betroffen.

Welche Berufe haben Fachkräftemangel?

Theoretisch kann sich ein Fachkräftemangel in der ganzen Wirtschaft zeigen. Das kommt allerdings nur unter bestimmten Bedingungen vor, etwa in Kriegssituationen, wenn weite Teile der Bevölkerung dezimiert wurden. Unter normalen Gegebenheiten sind nur bestimmte Regionen oder Berufsgruppen betroffen.

Beim Fachkräftemangel der folgenden Berufe zeigen sich unter anderem die Auswirkungen einer verstärkten Akademisierung: Jahrelang drängte die Politik auf höhere Bildungsabschlüsse – zu Ungunsten der dualen Ausbildung, die eigentlich sogar ein Exportschlager ist. Das führt seit Jahren zu unbesetzten Lehrstellen vor allem in der Pflege und im Handwerk. Gefragt sind:

Pflege

Handwerk

  • Elektroinstallateur
  • Kunststoffverarbeiter
  • Maschinenbauer
  • Rohrleitungsbauer
  • Schweißtechniker
  • Zerspanungstechniker

MINT

Eklatante Lücken gibt es aber auch unter den Akademikern. Seit Jahren existiert Fachkräftemangel im sogenannten MINT-Bereich: Arbeitnehmer mit Berufen aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind demnach Mangelware. Dazu gehören vor allem die folgenden:

  • Maschinenbauingenieur
  • Mediziner
  • Fahrzeugbauingenieur
  • Elektroingenieur
  • Informatik-Ingenieur
  • Software-Ingenieur
  • Technische Informatiker
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Der Mythos vom Fachkräftemangel

Da eben kein bundesweiter Fachkräftemangel zu beobachten sei, sprechen Autoren wie Martin Gaedt vom „Mythos Fachkräftemangel“. Probleme sieht der Experte dabei weniger im Bevölkerungsrückgang, sondern vor allem in der Personalarbeit vieler Unternehmen. Hinzu kämen einige politische, gesellschaftliche und unternehmerischen Stolpersteine, welche die deutsche Wirtschaft ausbremsten. Hier seine fünf Kritikpunkte:

Problem der Unsichtbarkeit

Die Mehrheit der Bewerber strömt zu den großen und bekannten Unternehmen. Konzerne machen aber nur 0,4 Prozent der deutschen Wirtschaft aus. Beinahe 3,6 Millionen Unternehmen sind für Bewerber unbekannt – und sie ändern kaum etwas daran. 40 Prozent aller Studenten würden in der Region bleiben, wenn sie ein attraktives Angebot hätten. Da das ausbleibt, strömen sie auf gut Glück in die Großstädte und Metropolregionen. Lösung: Arbeitgeber müssten viel aktiver auf die anwesenden Fachkräfte und Absolventen zugehen, und zwar bevor diese weggehen.

Vertreibung der Fachkräfte

Auf die Rückmeldung eines Unternehmens warten Experten nicht lange. Sie bewerben sich weiter, natürlich auch im Ausland, und ziehen zum attraktivsten Job und schnellsten Angebot. Das führt zu ausgewandertem Know-how in Milliardenhöhe. Oft genug ist ein respektloser Umgang der Auslöser. Dies sollte einfach zu beheben sein, tatsächlich aber fällt genau das den deutschen Unternehmen aber sehr schwer.

Missachtung der dualen Ausbildung

Gesellschaft und Bildungssystem treiben immer mehr Schulabgänger an die Unis oder zwängen sie in die falschen Berufe durch mangelnde Beratung. Wer wundert sich da über Studienabbrüche? Engpassberufe sind folgerichtig meist die mit fundierter dualer Ausbildung.

Agentur für Arbeitslosigkeit

Die größte Behörde in Deutschland verwaltet sich und ihre über 100.000 Mitarbeiter in erster Linie selbst. Vor wenigen Jahren gab es für die Mitarbeiter knapp 1.000 Seiten neue Auflagen mit über 8.000 Seiten Anlagen. Was bringt so ein bürokratisches Monstrum eigentlich wirklich? Arbeitswillige nehmen ihre berufliche Zukunft meist selbst in die Hand, weil sie sich beim Amt eher verlassen als unterstützt fühlen.

Ignoranz gegenüber Entwicklungen

Eingestaubte Stellenanzeigen auf 1583 Jobbörsen, fehlende Karriereseiten, Standardabsagen – wen soll das heute noch erreichen? Doch die meisten Unternehmen haben die Wir machen das schon immer so-Einstellung verinnerlicht und pfeifen arrogant auf die rasanten technischen und verhaltensspezifischen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Sie wundern sich, warum immer weniger Bewerber anklopfen, und glauben den Medien und Verbänden den Fachkräftemangel.

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Ist der Fachkräftemangel eine Lüge?

Anders sieht es der Coach und Experte für positive Psychologie, Nico Rose. Seiner Meinung nach sei der Fachkräftemangel keine Lüge und kein Mythos, sondern für viele Unternehmen alltägliche Herausforderung. Auch wenn viele Unternehmen in Sachen Employer Branding und Personalwesen noch Luft nach oben hätten, seien die Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Arbeitsmarkt deutlich gravierender.

In großen Städten und bei bekannten Unternehmen sei der Fachkräftemangel vielleicht ein Fremdwort, kleine Unternehmen litten jedoch umso mehr: Sie erhalten ohnehin deutlich weniger Bewerbungen und falls doch, entscheiden sich viele Bewerber kurzerhand für ein anderes Angebot. Das muss noch nicht einmal am Unternehmen selbst liegen. Schon der Standort kann der ausschlaggebende Faktor sein: Die großen Städte locken mit einem breiten Kulturangebot, vielen Einkaufsmöglichkeiten, einer großen Vielfalt an Gastronomie und vielen anderen Vorzügen.

Lösungen gegen den Fachkräftemangel

Ob nun flächendeckender Fachkräftemangel oder nicht: Der demographische Wandel ist empirisch nachweisbar. Und sei es nur auf dem Land: Wie kann man dem Fachkräftemangel entgegenwirken? Dazu gibt es verschiedene Ansätze. Die Lösung gegen den Fachkräftemangel liegt vermutlich nicht in einer einzelnen Maßnahme, sondern im Gesamtpaket:

Frauen stärker einbinden

Oftmals sind Frauen besser qualifiziert als Männer. Schon jetzt machen mehr Mädchen Abitur als Jungen. Dieser Bildungsvorsprung verebbt allerdings: Noch immer stehen sich Familiengründung und Berufstätigkeit im Weg. Der gesetzliche Anspruch auf einen Kita-Platz nützt nichts, wenn keine Plätze zur Verfügung stehen. Auch kümmern sich vor allem Frauen um die Pflege Angehöriger. Das alles führt in letzter Konsequenz dazu, dass Frauen vermehrt in Teilzeit arbeiten. Arbeitskräfte, die anderweitig gebunden sind.

Potenziale (re)aktivieren

Noch vor Jahren schickten Unternehmen ihre Angestellten bereitwillig in Frührente. Dieses Know-how fehlt nun. Einer Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim zufolge ließen sich bis zu 1,1 Millionen Fachkräfte im Alter von 55 bis 64 Jahren bis zum Jahre 2025 reaktivieren. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gibt auch gezielte Hinweise, wie Unternehmen vorgehen können: Weiterbildungen und betriebliches Gesundheitsmanagement sowie eine altersgerechte Gestaltung der Arbeit können dabei helfen, Lücken zu schließen.

Potenzial liegt aber auch bei anderen Arbeitnehmern brach, die häufig aus dem Blick geraten: Geringqualifizierte, Migranten oder Menschen mit Behinderung. Hier können individuelle Qualifizierungsangebote weiterhelfen. Bei Zugewanderten geht es oftmals um behördliche Hindernisse wie die Anerkennung ihrer Ausbildung oder mangelnde Sprachkenntnisse. Auch das lässt sich mit Schulungen und Sprachkursen in den Griff bekommen.

Wertschätzung signalisieren

Gaedt sieht die Unternehmen stärker in der Pflicht. Entscheidend dabei sind gelebte Dankbarkeit und Respekt. Wertschätzung im Umgang mit Bewerbern und einer neuen Einstellung in Personalangelegenheiten lässt sich dem gefühlten Fachkräftemangel entgegenwirken: Wer die Zeit und die Mühe von Bewerbern anerkennt, wird sie weder ewig warten lassen noch mit einer Standardabsage vor den Kopf stoßen, sondern sich respektvoll mit ihnen auseinandersetzen. Wichtig auch eine Unternehmenskultur, die die Leistungen ihrer Mitarbeiter wertschätzt und klare und eindeutige Bedingungen schafft. Ist das Unternehmen außerdem offen für unkonventionelle Ideen, wird es immer auch zufriedene Mitarbeiter haben und auf innovative Produkte zurückgreifen können.

Regionen attraktiver machen

Kleinere und scheinbar unattraktive Regionen müssen unbedingt aufrüsten. Rose empfiehlt als ersten Schritt einen Verbund aus Unternehmen und Institutionen, der gemeinsam die konkreten Probleme angeht. Dazu gehören Bundes- und Länderpolitik und mit den jeweils ortsansässigen Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und -Kammern, Arbeitsagenturen und die kommunalen Politik. Und ganz wichtig: Die Einbindung von Kulturschaffenden und all jenen Menschen, die das Leben und Arbeiten in einer Region erst lebenswert machen.

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