Integrität: Unverzichtbar fürs Vertrauen

Bestimmte Werte erachten die meisten Menschen, wenn sie befragt würden, als wichtig. Beispielsweise zählt Integrität neben Respekt, Aufrichtigkeit und Menschlichkeit zu den Eigenschaften, die geschätzt werden. Dennoch ist immer wieder zu beobachten, dass das Handeln einiger Unternehmen, Politiker oder Einzelpersonen sich offenbar nicht an solchen Werten orientiert, sondern von Profitstreben und Korruption geprägt ist. Bei Skandalen um belastete Lebensmittel oder gefälschte Abgaswerte ist der Aufschrei berechtigterweise groß. Aber wie halten wir selbst es eigentlich – folgen wir immer dem, was richtig und anständig wäre? Warum Integrität für das Vertrauen unverzichtbar ist…

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Integrität: Unverzichtbar fürs Vertrauen

Definition: Was bedeutet Integrität?

Integrität (englisch = integrity) ist ein Begriff mit vielen Gesichtern. Er stammt aus dem Lateinischen von integritas, was so viel wie unversehrt, intakt oder vollständig bedeutet.

In der Informatik wird beispielsweise von Integrität gesprochen, wenn die Vollständigkeit oder Fehlerfreiheit von Daten gemeint ist. Oder es geht um die territoriale Integrität, wenn man die Unverletztlichkeit eines Staatsgebietes im Sinn hat.

Selbst die Medizin kennt Integrität als Unversehrtheit (im Sinne von intaktem Immunsystem) des Körpers. Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzen wir diesen Begriff meist, wie er in der Ethik verstanden wird.

Dort ist es eine Forderung des philosophischen Humanismus, so zu handeln, dass eine größtmögliche Übereinstimmung mit den eigenen Werten und Idealen besteht.

Integrität bezieht sich also auf die charakterliche Unversehrtheit, das heißt, jemand ist unbescholten. Synonyme für Integrität sind:

Integrität als Persönlichkeitsmerkmal

Was bedeutet Integrität konkret auf die einzelne Person bezogen? Oftmals kann man die einzelnen Werte kaum von einander trennen, denn eine integere Persönlichkeit vereinigt viele davon in sich.

Am besten kann man Integrität bei einem Menschen anhand seines Verhalten erkennen. Unter einer integeren Persönlichkeit stellen wir uns jemanden vor, der sich selbst treu bleibt. Wenn ein Vegetarier beispielsweise verkündet, dass er vegetarisch lebe, weil er Massentierhaltung für verwerflich halte, dann greift er nicht bei nächstbester Gelegenheit zur Bratwurst.

Sein Handeln entspricht also seinem persönlichem Wertesystem, das er glaubhaft nicht nur sich selbst, sondern auch anderen gegenüber vertritt. Dabei ist es nebensächlich, woher er diese Werte ableitet.

Manche Personen leiten ihre Werte aus religiösen Vorstellungen ab, andere aus philosophischen beziehungsweise humanistischen und wiederum andere orientieren sich an politischen Vorbildern oder Peergroups.

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Wovon ist integres Verhalten abhängig?

Kein Mensch lebt im Vakuum. Das eigene Wertesystem entwickelt sich meist aus einer Mischung verschiedener Vorbilder, zumal es Überschneidungen gibt. Allgemein geht man in der Soziologie davon aus, dass die Ausbildung dieser Werte im Großen und Ganzen mit Ende zwanzig abgeschlossen ist.

Damit ist Integrität auch eine Haltung, die von den persönlichen Lebensbedingungen, Erfahrungen und den Mitmenschen abhängig ist. Wer ums nackte Überleben kämpft, wird sich hehre Ideale wie den Eigentum anderer zu achten vermutlich nicht leisten können: Diebstahl ist in einigen Gesellschaften Ausdruck von Mangel und weniger von Nicht-Integrität.

Andererseits wird bereits im Kleinen beschönigt, verdreht und betrogen, wenn es um den eigenen Vorteil geht – so beispielsweise bei Schwarzarbeit.

Gleichzeitig rühren Grenzüberschreitungen an der eigenen Identität und dem eigenen Selbstbild. Wer immer bestimmte Werte nach außen vertreten hat und plötzlich zuwiderhandelt, wird sich entweder sehr schämen, wenn er überführt wird.

Oder er wird für sich eine Strategie der Rechtfertigung finden:

  • Das war doch nur das eine/erste Mal.
  • Das tut dem doch gar nicht weh, wenn etwas Geld fehlt.
  • Die verdienen sowieso genug!
  • Es hat ja niemand gesehen.
  • Es kommt auch nicht mehr vor.
  • Die anderen machen es auch!

Wer ohne konkrete Not Steuerhinterziehung als Form der persönlichen Bereicherung schon immer als völlig legitim erachtet hat, wird vermutlich keine 180-Grad-Wendung mehr vollziehen. Ein Beispiel dafür sind Psychopathen. Sie sind pathologische Lügner und haben häufig bereits in der Jugend ein beachtliches Strafregister angesammelt.

Integrität in der Arbeitswelt

Die amerikanischen Wirtschafts- und Organisationspsychologen Michael Palanski und Francis J. Yammarino machten Integrität 2007 an folgenden Merkmalen fest:

  • Es existiert eine Entsprechung von Worten und Taten.

    Behauptet eine Person lediglich bestimmte Dinge von sich oder handelt sie auch entsprechend? Manche Menschen können das Blaue vom Himmel lügen ohne rot zu werden und Versprechen geben, die sie nie einzulösen gedenken. Folgen den Worten keine Taten, ist es hohles Geschwätz.

    Noch schlimmer: Wird der moralische Zeigefinger erhoben, aber gleichzeitig entgegen der (vorgeblich) eigenen Maxime gehandelt, liegt Bigotterie vor. Für Integrität müssen Worte und Taten also im Einklang stehen. Palanski und Yammarino sprechen hier von „word/action consistency“.

  • Integrität ist durch individuelle Moralität gekennzeichnet.

    Oben genanntes Merkmal zeichnet zwar eine integere Person aus, leider funktioniert der Umkehrschluss nicht: Nur weil eine Person konsistent und konsequent handelt, muss sie noch lange keinen Anstand besitzen. Machtbesessene, korrupte Manager mögen im Rahmen ihrer Interessen durchaus logisch und folgerichtig handeln – das macht sie allerdings keineswegs zu integeren Persönlichkeiten.

    Das zweite wesentliche Merkmal ist daher, dass eine Person verantwortungsbewusst und gerecht handelt. Als Führungskraft bedeutet dies, nicht nur die eigenen Interessen im Blick zu haben, sondern auch die der Mitarbeiter. Das zweite Merkmal der individuellen Moralität bezeichnen Palanski und Yammarino als „morality/ethics“.

  • Die eigenen Werte überstehen die Probe aufs Exempel.

    Was sind die eigenen Prinzipien wert, wenn sie bei nächstbester Gelegenheit über Bord geworfen werden? Nicht viel. Im dritten Merkmal von Integrität geht es darum, die eigenen Werte gegen Widerstände zu verteidigen. Im Englischen ist von „consistency in adversity“ die Rede.

    Hehre Absichten und Vorstellungen sind eine feine Sache, reichen allein aber nicht. Eine integere Person ist auch bereit, die Konsequenzen, so unangenehm sie sein mögen, in Kauf zu nehmen. Kommt beispielsweise heraus, dass ein Konzern, der sich immer soziales Engagement auf die Fahnen schreibt, seine Produkte in Kinderarbeit produzieren lässt, kann das bei einer integeren Person dazu führen, dass sie kündigt.

Gerade der letzte Punkt kann eine enorme Herausforderung darstellen. Geht es beispielsweise um den eigenen Arbeitsplatz, knickt so mancher auch angesichts von Ungerechtigkeiten ein. Ein klassisches Beispiel dafür ist Mobbing eines Mitarbeiters.

Nicht selten geschieht das im Wissen oder sogar der Beteiligung des Vorgesetzten. Längst nicht alle Kollegen besitzen den Mumm, sich gezielt gegen einen Vorgesetzten zum Schutze eines anderen Kollegen einzusetzen.

Die Möglichkeit unmittelbarer Nachteile ist greifbar und bringt Beteiligte womöglich in einen Gewissenskonflikt. Denn Integrität erfordert, dass eine Person…

  • das Rückgrat besitzt, sich gegen Widerstände zur Wehr zu setzen.
  • möglichst unabhängig diese Entscheidung treffen kann: Sind weitere Personen (etwa Familienmitglieder) von ihr abhängig, kann sich das auf das Verhalten auswirken.
  • über das Selbstvertrauen verfügt, sich aus der unangenehmen Lage (beispielsweise Arbeitslosigkeit) befreien zu können.

Korruption als Gegenteil von Unversehrtheit

Jemand der Integrität zeigt, lässt sich von seinen Werten und Überzeugungen nicht ohne Weiteres abbringen, er zeigt Prinzipientreue, ist unbestechlich. Das Gegenteil von Integrität, das Antonym, ist Korruption. Wer dafür anfällig ist, lässt sich nicht von den eigenen Werten leiten, sondern verfällt äußeren oder inneren Verlockungen beziehungsweise Einflüssen.

Die persönliche Integrität ist zu einem nicht unerheblichen Teil abhängig davon, wie eine Gesellschaft mit Fehltritten umgeht: Existiert ein funktionierendes Rechtssystem, in dem Regelverstöße geahndet werden, hat begünstigt das regelkonformes Verhalten. Der Gerechtigkeitssinn der Mehrheit sorgt dafür, dass sich alle gewissermaßen in Schach halten.

Erkennbar ist das sogar in sozialen Netzwerken wie Twitter, wenn gefordert wird, dass Erwachsene selbstverständlich an der roten Ampel stehenzubleiben haben, vor allem, wenn Kinder ihr Verhalten beobachten. Werden Regelverstöße hingegen äußerst lasch sanktioniert, Gesetze zurechtgebogen, sinkt die gesellschaftliche Moral insgesamt stärker.

Euphemismen wie „fünfe gerade sein lassen“ zeugen davon. Die Vorbilder fehlen und einige greifen dann auf obige Rechtfertigungen zurück, um ihr Verhalten nachträglich zu legitimieren.

Bei korrumpierbaren Menschen wiegt der persönliche Vorteil stärker. Das gilt übrigens auch, wenn es keine Verlockungen, sondern Drohungen sind, die jemanden einknicken lassen. Dabei muss es sich nicht um Drohungen handeln, die eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten, sondern solche, die möglicherweise einen Gesichtsverlust bedeuten.

Dem muss natürlich zuvor ein gewisses Maß an Unehrlichkeit vorausgegangen sein, also wiederum das Gegenteil von Integrität. Dabei ist Wertewandel an sich nichts Ungewöhnliches: Gerade im Recht kann man Änderungen beobachten, die mit Sicherheit von der Mehrheit begrüßt werden, so gibt es beispielsweise keine Sippenhaft mehr.

Das passt nicht mehr zusammen mit dem heutigen Verständnis davon, dass nicht das gesamte Umfeld einer Einzelperson für die Tat eines Einzelnen verantwortlich gemacht werden kann.

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Wie Unternehmen Vertrauen durch Integrität gewinnen

Integrität ist eine gesellschaftliche Aufgabe und betrifft damit ebenso das Arbeitsleben. Oft wird moniert, dass es an Vorbildern fehle. Teilweise betrifft es das persönliche Umfeld, aber nicht zu unterschätzen ist der Vorbildcharakter von Personen, die im öffentlichen Leben stehen. Das betrifft Politiker, aber auch Unternehmen mit ihren Topmanagern kommt hier eine große Bedeutung zu.

Integrität sollte Teil der Unternehmensphilosophie sein. Das ist allerdings nur dann gewährleistet, wenn die Werte von allen Angestellten, den Mitarbeitern und Führungskräften gelebt werden. Ein Unternehmen selbst kann zwar durch seine Personalauswahl und Unternehmenskultur Integrität fördern, es kann aber nie integer sein – das ist eine menschliche Eigenschaft.

Mangelnde Integrität eines Arbeitnehmers kann für Unternehmen dann kritisch werden, wenn er konsequent den Zielen und Werten des Arbeitgebers zuwider handelt. Gerade wenn es sich um Personen handelt, die im öffentlichen Leben stehen, kann das Ansehen eines Unternehmens darunter leiden.

Es liegt also immer im Interesse eines Unternehmens darauf zu achten, dass die eigenen Angestellten integer sind. In manchen Fällen reicht bereits der Verdacht der mangelnden Integrität, dass ein Arbeitnehmer freigestellt wird.

Integrität stellt sicher, dass Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kunden Vertrauen in die Marke und in die Produkte haben. Sowohl Erfahrungen als auch Erwartungen, die man von dem anderen jeweils hat, haben sich bewahrheitet. Das zeigt sich beispielsweise an diesem Verhalten:

  • Fehlerkultur

    Das Unternehmen gesteht eigene Fehler ein, geht offensiv damit um. Das bedeutet nach innen, dass Mitarbeiter nicht fürchten müssen, dass ihnen beim kleinsten Vergehen der Kopf abgerissen wird. Nach außen ist eine gute Fehlerkultur erkennbar, wenn sie nicht vertuscht werden. Stattdessen wird an Lösungen gearbeitet.

  • Kommunikation

    Es wird transparent mit Kunden und Mitarbeitern kommuniziert. Auf Unternehmensseite existieren sowohl Problembewusstsein als auch Wertschätzung.

  • Qualität

    Das Unternehmen hält seine Produkt- und Serviceversprechen ein, zum Beispiel wenn „bio“ drauf steht, sollte auch „bio“ drin sein.

Dieses Verhalten trägt zum Erfolg bei, denn es bindet Kunden auch in Krisenzeiten und führt zur Identifikation mit dem Unternehmen. Mitarbeiter, die sich mit den Unternehmenswerten identifizieren können, sind wesentlich motivierter. Das alles ist möglich, wenn ein Unternehmen transparent und ehrlich, aber vor allem schlüssig kommuniziert und handelt.

Schwierig wird es dann, wenn Wasser gepredigt, aber Wein getrunken wird. Unternehmen, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben, gleichzeitig aber für die Abholzung ganzer Urwälder stehen, sind weder ehrlich, noch authentisch oder integer.

Gleiches gilt für Organisationen, die besonders hohe moralische Werte zu vertreten scheinen, etwa Hilfsorganisationen oder kirchliche Einrichtungen. Wer Dumpinglöhne zahlt, seine Mitarbeiter unter schwierigen Bedingungen beschäftigt, zeigt ein eher merkwürdiges Verständnis von Integrität.

[Bildnachweis: REDPIXEL.PL by Shutterstock.com]
4. November 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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