Whistleblower: Wie Sie zum Helden werden

Für die einen ein Held, für die anderen Verräter: Als Whistleblower hat es Edward Snowden zu weltweitem Ruhm gebracht. In seiner Haut möchten die meisten von uns trotzdem nicht stecken. Was aber, wenn auch Sie in Ihrem Unternehmen auf Abgründe stoßen – und diese nicht verschweigen wollen oder können? Wir sagen Ihnen, wie Sie am besten vorgehen und worauf Sie achten müssen.

Whistleblower: Wie Sie zum Helden werden

Warum eigentlich Whistleblowing?

Weil Unrecht und Ungerechtigkeit leider nicht von alleine aus der Welt – und auch nicht aus Ihrem Unternehmen verschwinden. Dabei kann es sich um Fälle von Betrug, Korruption, illegale Preisabsprachen oder Diskriminierung am Arbeitsplatz handeln. Leider allzu häufig wahr: Wenn Sie nichts unternehmen, tut es niemand.

Bevor Sie sich aber zum Märtyrer machen, gilt es klipp und klar festzuhalten: Nicht jede Bagatelle ist es wert, unangemessene Risiken auf sich zu nehmen.

Sollten Sie zum Beispiel Ihren Chef verpfeifen wollen, weil er schon mal eine Rolle Toilettenpapier hat mitgehen lassen und dies Ihrem Sinn für Gerechtigkeit widerspricht, lassen Sie es lieber sein.

Außerdem verfolgt nicht jeder Whistleblower wirklich edle Motive. Gefühle wie Hass, Neid und Missgunst sind leider menschlich – die Unterscheidung zwischen gerechtem Einsatz und Mobbing, zwischen Robin Hood und Judas nicht immer einfach. Lassen auch Sie sich niemals von Neid und Hass zu unbedachten Aktionen zu leiten.

Zudem stehen Whistleblowern hohe juristische Hürden im Weg – natürlich nicht ganz zu Unrecht. Wer mir nichts dir nichts Betriebsgeheimnisse ausplaudert, muss mit der Kündigung und im schlimmsten Fall sogar einer Freiheitsstrafe rechnen; schon der Versuch kann strafbar sein.

Hinweis am Rande: Hüten Sie sich davor, unbedacht Firmeninterna über Social Media-Kanäle wie Facebook und Twitter herauszuposaunen.

Ein Hoffnungsschimmer: Der Fall Snowden hat dazu geführt, dass auch die deutschen Parteien vermehrt über ein spezielles Whistleblower-Gesetz nachdenken, das letztlich besseren Schutz für Enthüller gewährleisten könnte.

Bis es aber soweit ist, müssen Sie andere Wege gehen – und sich starke Bündnispartner suchen. Und so fangen Sie an…

Die ersten 5 Schritte für Whistleblower

  1. Beobachten

    Wenn Sie auf Ungereimtheiten in Ihrem Unternehmen stoßen, gehen Sie Ihren Vermutungen diskret nach. Seien Sie aufmerksam, halten Sie Augen und Ohren offen und versuchen Sie, mehr herauszufinden.

  2. Sammeln

    Machen Sie sich Notizen und Kopien, halten Sie Termine, Daten und Gespräche sorgfältig fest. Sammeln Sie Indizien und Beweise und verwahren Sie Ihre Unterlagen an einem sicheren Ort.

  3. Abwägen

    In Ihrem Unternehmen geht also tatsächlich nicht alles mit rechten Dingen zu? Zeit für ein paar Fragen, die Sie sich selbst stellen sollten. Könnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, meine Erkenntnisse einfach unter den Teppich zu kehren? Ist es wirklich wichtig, dass jemand davon erfährt? Für meine Kollegen zum Beispiel, für das Unternehmen, für ein möglicherweise betroffenes Opfer oder für mich selbst? Was würde passieren, wenn ich auspacke – und was, wenn nicht?

  4. Entscheiden

    Treffen Sie eine Entscheidung: ja oder nein. Entweder Sie werden aktiv oder Sie lassen es – mit allen Konsequenzen.

  5. Durchziehen

    Sie haben eine Entscheidung getroffen? Gut, dann ziehen Sie diese jetzt bis zum Ende durch. Auch dafür haben wir ein paar Tipps für Sie.

Verräterische E-Mails: Sprache entlarvt potenzielle Whistleblower

Ein Team um Paul Taylor untersuchte, wie Mitarbeiter mit Kollegen virtuell kommunizieren und ob sich etwa die Sprache verändert, wenn jemand plant, seinem Arbeitgeber zu schaden oder vielleicht auch nur zu kündigen.

Tatsächlich gab es diese verräterischen Signale: Wer sich in den Experimenten als potenzieller Verräter oder Aussteiger erklärte, offenbarte sich bald dadurch, dass er oder sie…

  • häufiger „ich“ statt „wir“ oder „uns“ in seinen Mails verwendete.
  • öfter kritisch über die Firma oder einzelne Projekte sprach.
  • im Ton zuweilen eher unfreundlich und einsilbig war.
  • aufhörte die Sprache der Kollegen zu spiegeln oder deren Worte zu verwenden.
  • mehr Tippfehler machte.

Man könnte auch sagen, die Abtrünnigen begannen in ihren ansonsten völlig harmlosen Mails immer weniger kooperative Töne anzustimmen. Dies war im Laufe der Experimente so identifizierbar, dass die Wissenschaftler eben jene Probanden mit einer Trefferquote von 92,6 Prozent von den anderen Kollegen unterscheiden konnten – allein durch Sprachanalyse.

Jetzt könnte man zurecht einwerfen, wer wertet E-Mails schon so aus und ist das nicht ohnehin illegal? Richtig. Die Untersuchungen zeigen allerdings, was theoretisch möglich ist. Und wir wissen schließlich alle: Wenn es möglich ist, wird es ab und an auch gemacht, nur dann eben heimlich.

Vielleicht nicht in E-Mails. Womöglich aber lassen sich so auch andere Texte auswerten: Status-Meldungen in sozialen Netzwerken, Kommentare in Corporate Blogs, Tweets. Textsprache ist wie ein linguistischer Fingerabdruck. Sie verrät nicht nur den Autor, sondern teils auch seine geheimen Gedanken.

Immerhin: Wem das bewusst ist (und wer beispielsweise vorhat zu kündigen), der kann solche verräterischen Signale in seinen E-Mails besser vermeiden.

Whistleblowing: An wen wende ich mich?

Das hängt von der Tragweite des Falls und Ihrer beruflichen Umgebung ab. Schalten Sie Ihren gesunden Menschenverstand also generell niemals aus. Kleinere Verstöße können häufig intern durch ein klärendes Gespräch mit dem Vorgesetzten oder der Geschäftsleitung gelöst werden. Andere allerdings nicht – dann haben Sie folgende Möglichkeiten:

  • Betriebsrat

    Indem Sie den Betriebsrat einschalten, können Sie starke Verbündete auf Ihre Seite ziehen. Aber: Auch der Betriebsrat ist in seiner Entscheidungsgewalt eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen, kann Missstände also nicht einfach so aus der Welt schaffen. Pluspunkte: Der Betriebsrat genießt erstens den gesetzlichen Kündigungsschutz und bündelt zweitens Stimmen, die zusammen mehr Gewicht haben als die eines Einzelkämpfers.

  • Compliance-Hotline

    Auf die Einhaltung von Compliance-Richtlinien legen die Unternehmen immer mehr Wert. In größeren Firmen können Sie daher Hinweise zum Fehlverhalten etwa eines Kollegen anonym per Hotline weitergeben. Achten Sie aber auch hier auf Verhältnismäßigkeit und mutieren Sie nicht wegen eines geklauten Kugelschreibers zum Denunzianten. Bedenken Sie auf der anderen Seite: Auch Ihr Unternehmen hat in der Regel Vorteile und ein Interesse daran, dass sauber gearbeitet wird, und kann weitere (arbeitsrechtliche) Schritte gegen schwarze Schafe einleiten. Hat der Missstand allerdings auf das ganze Unternehmen übergegriffen, geraten Sie hier in eine Sackgasse.

  • Behörden

    Sofort eine Strafanzeige zu stellen ist heikel – und daher nur in Ausnahmefällen anzuraten. Nämlich dann, wenn es sich um eine schwere oder systematisch begangene Straftat handelt, wenn die Geschäftsleitung verwickelt ist oder Sie sich selbst strafbar machen würden.

  • Enthüllungsplattformen

    Der Name WikiLeaks dürfte mittlerweile jedem ein Begriff sein. Die Arbeit der Enthüllungsplattform ist aber zuletzt ein wenig in den Schatten, die persönliche Lebensgeschichte von Gründer Julian Assange dafür in den Vordergrund getreten. Auch ist es mittlerweile nicht mehr möglich, vertrauliche Dokumente über wikileaks.org hochzuladen. Grundsätzlich beansprucht WikiLeaks die Rolle eines politischen Akteurs, der Geheimnisse von übergeordnetem öffentlichem Interesse preisgibt. Fazit: Sofern Sie nicht für den Geheimdienst arbeiten oder Edward Snowden heißen, ist WikiLeaks die falsche Anlaufstelle für Sie.

  • Presse

    Massiven Auflagenverlusten versuchen einige Medienmarken mit einem Mehr an exklusiven Enthüllungsstorys zu begegnen – und haben daher eigene Investigativ-Ressorts aus der Taufe gehoben. Das ist grundsätzlich zu begrüßen – und eröffnet Ihnen die Möglichkeit zur diskreten Kontaktaufnahme. Als Informant können Sie Dateien, Dokumente und Hinweise über gesicherte Online-Briefkästen anonym uploaden.

6 praktische Tipps für Whistleblower

  1. Senden Sie keine vertraulichen Informationen von Ihrem Firmen- oder Ihrem privaten Rechner aus.
  2. Nutzen Sie stattdessen einen öffentlich zugänglichen PC, zum Beispiel in einem Internetcafé oder einer Bibliothek.
  3. Verschicken Sie Daten nie von Ihrer persönlichen E-Mail-Adresse, sondern richten sich dafür eine „Einweg“-Adresse ein, die keine Rückschlüsse auf Sie zulässt.
  4. Speichern Sie Dokumente und Dateien nicht direkt auf Ihrem Rechner ab, sondern auf einem externen Medium, zum Beispiel USB-Stick, MP3-Player oder DVD.
  5. Löschen Sie regelmäßig Cache und Verlauf in Ihrem Browser, um mögliche Spuren zu verwischen.
  6. Nutzen Sie für vertrauliche Anrufe nicht Ihr privates Handy, sondern ein anonymes Prepaid-Handy.
[Bildnachweis: SkyPics Studio by Shutterstock.com]
6. Juli 2014 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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