Opferrolle: Warum sie manche so gerne spielen
Die Opferrolle: Eine der mit Abstand beliebtesten Rollen auf der großen Bühne des Arbeitslebens. Manche spielen sie mit besonders großer Leidenschaft. Weil sie sich ungerecht behandelt, notorisch übergangen oder benachteiligt fühlen. Kurzfristig kann einem die Opferrolle seelische Linderung verschaffen, langfristig ist sie Gift. Hier sind 6 klassische Anzeichen, denen Sie nicht nacheifern sollten.

Opferrolle: Raus da!

Die Debatte um Täter und Opfer gibt es nicht nur in der Politik. Auch in Beruf und Wirtschaft gibt es die kurzsichtigen Firmenchefs und unüberlegten Lenker, die schlechten Verhandler und Massenentlasser auf der einen Seite. Und die Opfer ihrer Machenschaften auf der anderen.

Das Kuriose dabei: Täter will niemand sein, Opfer hingegen schon. In die Opferrolle schlüpfen, das gefällt uns nur allzu oft allzu gut, im Beruf und darüber hinaus. Weil die Opferrolle so kuschelig ist, so behaglich. Weil es sich in ihr dauerhaft so schön einrichten und bequem machen lässt.

Resilienz lernen

Der Grund dahinter: Die Opfferrolle ist so angenehm einfach. Die anderen sind schlichtweg an allem schuld, man selbst braucht sich keine Gedanken machen und schon gar nicht mit Zweifeln an der eigenen Person beschäftigen.

Denn so kann man immer ganz mühelos die Schuld abwälzen auf andere. Auf diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass Sie den Job nicht bekommen haben. Dass Ihr Talent bislang nicht entdeckt wurde. Dass die ganze Welt scheinbar auf Ihnen herumtrampelt.

Zusätzlich kann man sich von allen anderen - und gerne auch von sich selbst - bemitleiden lassen, sich anhören, wie schwer man es doch hat und wie unfair die Welt mit einem umgesprungen ist. Was könnte es schöneres geben, als soviel Zuspruch von allen Seiten?

Das mag im Einzelfall stimmen. Irgendwann aber wird es Zeit, sich wieder aus der Opferrolle zu pellen und den Rücken gerade zu machen.

Die gute Nachricht: Resilienz lässt sich lernen. Geistige Widerstandskraft also, mit der Sie Krisen meistern, immer wieder aufstehen, innere Stärke aufbauen - und sich eben nicht in die Opferrolle drängen lassen. Wir haben 6 Anzeichen ausgemacht, an denen Sie Opfer erkennen, die sich in ihrer Rolle eingerichtet haben. Unser Rat: Machen Sie, wo Sie können, das genaue Gegenteil.

Opferrolle: 6 Zeichen, an denen Sie Opfer erkennen

  1. Sie wollen alte Rechnungen begleichen

    In fortwährenden Rachegelüsten schwingt der Glaube mit, im früheren Leben benachteiligt worden zu sein - vom Schuldirektor, Ex-Chef oder alten Kollegen. Tatsächlich kann uns der Wunsch nach Rache beflügeln, anspornen und sogar befriedigen. Allerdings nur für kurze Zeit. In mehreren Studien zeigte sich, dass die rachsüchtigen Teilnehmer auch nach vollzogener Vergeltung unglücklich waren - sogar deutlich unzufriedener als die Probanden ohne Rachegelüste.

    Grund: Sie ärgerten sich innerlich noch immer über ihren Peiniger, grübelten, ob die Heimzahlung auch wirklich vollbracht, die Rechnung tatsächlich beglichen war. Schlussfolgerung: Gekränkte Eitelkeit zwingt auf Dauer in die Opferrolle - und macht unglücklich.

  2. Sie übernehmen keine Verantwortung

    Gerade über die Generation Y geistern viele Befunde durch die Medien - dass ihre Mitglieder einerseits Führungsverantwortung scheuen, sich aber selbst auch nichts mehr von einer künstlichen Autorität sagen lassen wollen, zudem ganz gerne mal über die ach so schweren Rahmenbedingungen in Leben und Beruf jammern. Lamentieren, sich beklagen, die Schuld stets bei anderen suchen - das ist der kürzeste Weg in die Opferrolle. Klar ist: Nicht alles im Leben können wir kontrollieren. Eine ganze Menge aber schon.

    Was studiere ich - oder mach ich doch lieber die Ausbildung? Wage ich die Selbstständigkeit oder nicht? Lass ich mir die Tiraden meines Chefs noch länger gefallen oder kündige ich? Für die wichtigsten Entscheidungen im (Berufs-)Leben sind wir selbst verantwortlich, keine höhere Macht.

  3. Sie vergleichen sich ständig mit anderen

    Die Theorie der sozialen Vergleichsprozesse von Festinger besagt grob, dass wir mehr über uns selbst erfahren wollen, wenn wir uns mit anderen vergleichen. Sieht die Kollegin wirklich besser aus als ich? Ob mein Abteilungsleiter einen höheren IQ hat? Vergleiche sind menschlich, helfen uns bei der Selbsteinschätzung. Aber fest steht auch: Gewinnen können Sie den Vergleich NIEMALS.

    Es gibt immer jemanden, der schöner, reicher, stärker, witziger, schlauer ist als Sie. Neid, Unsicherheit, ein in sich zusammenkrachendes Selbstwertgefühl können die Folge sein. Was hilft? Erstens: Mut zur eigenen Imperfektion haben. Zweitens: Vergleichen Sie sich doch mal mit sich selbst - was mache ich jetzt besser als früher? Drittens: Auf die eigenen Stärken besinnen und den Vergleich mit anderen auf ein Minimum beschränken.

  4. Sie bemitleiden sich

    Personen, die sich stark selbst bemitleiden, übernehmen mehr Verantwortung für ihre Fehler als extrem selbstbewusste Typen. Darauf deuteten bereits Studien der Universität von Wake Forest hin. Wenn aber das Selbstmitleid zu einer chronischen Begleiterscheinung wird, greifen Ohnmacht und Frust um sich.

    Daher der simple, aber beste Rat: Den Blick nach vorne richten, konkrete Ziele für die Zukunft setzen, alte Kapitel zuschlagen. Andernfalls kommt man aus seiner ewigen Opferrolle nur sehr schwer wieder hinaus. Und langfristig genützt hat Selbstmitleid noch niemandem, auch wenn es für einen kurzen Zeitraum ganz angenehm sein kann.

  5. Sie wissen nichts zu schätzen

    Die Saw-Filmreihe ist nicht für ihre Subtilität bekannt. Eine brauchbare Botschaft hatte der Killer in den Splatterstreifen aber doch: Seien Sie dankbar! Wer sich den Tag wegen Nichtigkeiten vermiesen lässt, wegen der falschen Marmeladensorte auf der Stulle oder eines trödelnden Opis an der Supermarktkasse, der wird auch die schönen Dinge im Leben (und im Job) nicht zu schätzen wissen.

    Dankbarkeit für das bisher Erreichte, Zufriedenheit über kleine und große Erfolge - das erhöht auch im Beruf die Motivation und verhindert, dass Sie es sich in der Opferrolle gemütlich machen.

  6. Sie lästern

    Über Kollegen lästern wir am liebsten, wenn man den einschlägigen Umfragen glaubt. Auch der Chef liegt ganz vorne im Läster-Ranking, allerdings noch hinter Nachbarn, Verwandten und Freunden. Lästern ist menschlich, befreiend und dient uns sogar als soziales Warnsystem. Wird über eine Person fortwährend von allen Seiten gelästert, sollten wir uns ihr wohl besser mit Vorsicht nähern.

    Aber Dauer-Lästern ist eben auch ein Zeichen von Schwäche. Wer gerne und ausgiebig über andere herzieht, will sich über sie erheben, von seinen eigenen Unzulänglichkeiten ablenken und begibt sich dadurch indirekt in die Opferrolle. Wichtig: Halten Sie sich von den Lästermäulern in Ihrer Firma fern - in der Regel wird von genau diesen auch über Sie schlecht geredet, sobald Sie ihnen den Rücken zu wenden.

Opferrolle ablegen: So verlassen Sie die selbst gewählte Opferrolle

g-stockstudio/shutterstock.comEs ist leicht, sich selbst in die Opferrolle zu bringen und sich an diesen Zustand zu gewöhnen. Die Entwicklung in die andere Richtung ist hingegen deutlich schwieriger und es erfordert einige Schritte Ihrerseits, um die Opferrolle wieder abzulegen. Dennoch ist es in jedem Fall möglich und es muss nicht zur Gewohnheit oder gar zum Dauerzustand werden, dass Sie sich selbst immer als Opfer der Umstände oder anderer Menschen sehen.

Damit Sie die Opferrolle wieder verlassen und wieder Verantwortung für die Dinge übernehmen, die um Sie herum passieren, haben wir einige Tipps zusammengestellt, die Ihnen dabei helfen können:

  1. Machen Sie sich die Ausgangssituation bewusst

    Der erste Schritt, um die Opferrolle zu verlassen, muss unweigerlich sein, dass Sie sich dieser zunächst einmal bewusst werden. Das Gehirn ist erstaunlich gut darin, die Tatsachen zu verdrehen und so merken wir selbst oft gar nicht, wie sehr wir uns in in die Rolle des Opfers begeben.

    Erst wenn Sie sich dies wirklich bewusst machen und vor Augen führen, können Sie aber auch etwas dagegen unternehmen und finden die nötige Motivation, um aus der selbst gewählten Rolle auszubrechen.

  2. Erkennen Sie die Vorteile eines Rollenwechsels

    So angenehm die Opferrolle sein kann - Sie sollten sich klar machen, dass es noch viel größere Vorteile für Sie haben kann, wenn Sie diese verlassen. Nur so können Sie das Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins hinter sich lassen.

    Wenn Sie die Opferrolle ablegen, haben Sie die Dinge endlich wieder selbst in der Hand, können entscheiden, wie Sie mit Situationen umgehen und welche Reaktionen angemessen sind. Kurz: Wenn Sie die Verantwortung übernehmen, übernehmen Sie auch die Kontrolle.

  3. Verstehen Sie nicht alles falsch

    Es ist leicht und wird leider auch schnell zur Gewohnheit, die Dinge immer so aufzufassen, dass sie zur eigenen Opferrolle passen. Alle wollen einem immer nur etwas Böses, die Welt hat sich scheinbar vollkommen gegen Sie persönlich verschworen und scheinbar ist es völlig egal, was Sie tun - es hat alles keinen Sinn.

    Aus der Opferrolle können Sie sich durch realistischere Einschätzungen befreien. Ja, manchmal läuft nicht alles nach Plan und Ungerechtigkeiten kommen vor, doch so geht es jedem einmal und es bringt nichts, sich jedes Mal als Opfer zu sehen. Denken Sie daran, dass nicht immer alles klappen kann, dass Sie keine Schuld daran haben und bleiben Sie positiv und selbstbewusst.

  4. Arbeiten Sie an Ihrem Selbstwertgefühl

    Ein schwieriger, aber nichtsdestotrotz sehr vielversprechender Weg, um die Opferrolle langfristig abzulegen, ist ein gestärktes Selbstwertgefühl. Wer schlecht von sich selbst denkt, neigt eher dazu, sich in der Opferrolle einzunisten, nicht nur weil es einfach ist, sondern weil man von sich selbst glaubt, es nicht anders verdient zu haben.

    Wächst das Selbstwertgefühl, wird es zunehmend auch einfacher, die Verantwortung zu übernehmen und aus der Opferrolle auszubrechen. Sie besinnen sich auf Ihre Stärken, wissen, worin Sie gut sind und akzeptieren sich so, wie Sie sind - mit dieser Erkenntnis brauchen Sie sich nicht mehr in die Opferrolle begeben, sondern können selbstbewusst handeln und reagieren.

[Bildnachweis: wavebreakmedia, g-stockstudio by Shutterstock ]

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