Opferrolle: Tipps, wie Sie diese verlassen und ablegen

Die Opferrolle ist mit Abstand eine der beliebtesten Rollen auf der Bühne des Berufslebens. Wer sich ungerecht behandelt, notorisch übergangen oder benachteiligt fühlt, schlüpft gerne in die Rolle. Sie ist bequem – aber gefährlich. Kurzfristig kann einem die Opferhaltung seelische Linderung verschaffen, langfristig aber ist sie Gift. Was die Haltung so gefährlich macht plus Tipps, wie Sie die Opferhaltung verlassen und dauerhaft ablegen…

Opferrolle: Tipps, wie Sie diese verlassen und ablegen

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Opferrolle: Raus da!

Täter und Opfer gibt es nicht im Krimi oder in der Politik. Wir treffen die „Viktimisierung“ tagtäglich in der Wirtschaft, auf der Arbeit, unter Chefs und Kollegen. Vorhang auf: Auf der einen Seite die bösen Bosse, unfairen Führungskräfte, ausbeutenden Betriebe, mobbenden Kollegen – auf der anderen ihre Opfer. Das Kuriose daran: Täter will niemand sein, Opfer hingegen schon.

In die Opferrolle schlüpfen – das gefällt vielen gut. Trotz der Ohnmacht, spüren Betroffene so zumindest moralische Überlegenheit. Eigene, negative Emotionen werden auf andere projiziert: Die Bösen, das sind immer die anderen. Schämt euch! Die eigene Noblesse, das eigene Verhalten wird derweil nicht infrage gestellt. Warum auch? Wir sind schließlich nicht nur Opfer, sondern ein verkanntes Genie, ein edler Gutmensch, auf dem andere grundlos herumtrampeln. Was für eine miese Welt! Das ist, keine Frage, eine bequeme Haltung. Aber auch eine gefährliche.

Warum bleiben so viele in der Opferrolle?

Klingt nur paradox: Die Opferrolle ist Teil der sogenannten Komfortzone. Deswegen verlassen Sie so viele Menschen auch nicht so leicht. Weitere Gründe:

  • Bequemlichkeit
    Als Opfer muss man nicht aktiv werden oder sich anstrengen, um etwas zu verändern. Man kann die Hände in den Schoß legen und andere das Unglück lösen lassen.
  • Identität
    Opfer zu sein, gibt Schicksalsschlägen einen Sinn. Schmerz macht zudem besonders: Versager versagen, Opfer ertragen.
  • Aufmerksamkeit
    Wer am Boden liegt, erhält Trost, Mitleid und erfährt Fürsorge. Der Opferstatus nötigt zur Hilfsbereitschaft und vermittelt das Gefühl von Geborgenheit – als Bonus steht man im Mittelpunkt.
  • Angst
    Um die Opferrolle ablegen zu können, müssten wir Entscheidungen treffen. Die aber können falsch sein. Also überlassen wir diese lieber anderen.

Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist freiwillig. (Kathleen Marie Casey)

Schuld delegiert Macht

„Wem du die Schuld gibst, dem gibst du die Macht.“ Der Satz stammt von Bodo Schäfer und bringt auf den Punkt, was die Opferrolle und Opferhaltung so gefährlich macht: Sie delegiert nicht nur die Schuld, sondern auch die Verantwortung. Zum Opfersein gehören immer zwei: Der Täter – und der- oder diejenige, die sich zum Opfer machen lässt. Natürlich gibt es Opfer von Mobbing oder Intrigen im Job. Aber sie müssen keine Opfer bleiben. Selbstmitleid ist zwar auch eine Strategie, vor allem ist es aber eine Entscheidung.

Wer in die Opferrolle schlüpft, sich auf den Rücken wirft und bedauert, erlaubt anderen über die eigene Lage, das Leben und Glück zu entscheiden. Kein „Stopp!“ oder „Nein!“ hindert die Täter daran, weiterzumachen. Der Selbstwert sowie Anerkennung und Bedeutung werden abhängig von der Gunst anderer. Wir begnügen uns mit einem Trostpreis. Wie klein!

Der kalifornische Psychologe Stephen Karpman hat das zwischenmenschliche Rollenspiel schon in den 68er-Jahren im sogenannten Dramadreieck zusammengefasst. Für ihn übernehmen Menschen regelmäßig die Rollen von Täter, Opfer und Retter. Leid ersparen sie sich so aber nicht. Wer nicht handelt, wird behandelt. Und jede Ausrede ist eine Chance weniger.

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Opferrolle erkennen: 6 Anzeichen + Symptome

In die Opferhaltung führen vor allem zwei Wege: durch Menschen, die uns in die Opferrolle drängen. Und dadurch, dass wir (freiwillig) in diese Rolle schlüpfen. Teils aus Notwehr, teils aus strategischen Gründen – etwa, um Zuspruch von anderen und „Rettern“ zu erhalten.

Bei beiden Fällen handelt es sich um Manipulation. Auch wenn Opfer das so nie nennen würden. Trotzdem versuchen Sie andere dadurch – moralisch – auf ihre Seite zu ziehen. Auch an anderen Anzeichen lässt sich die Opferrolle erkennen:

1. Opfer übernehmen keine Verantwortung

Gewagt, gesprungen – und abgestürzt. Das ist ärgerlich, ja. Aber Opfer suchen anschließend die Schuld für die Misere bei anderen oder Umständen. Sie werden zu Meistern der Ausreden, Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen. Wer etwas will, findet Wege; wer etwas nicht will, findet Gründe. Die Opferrolle macht Versagen erklärbar, aber sie findet nicht heraus. Der beste Weg, Rückschläge zu überwinden, ist aber Eigenverantwortung zu übernehmen.

2. Opfer bemitleiden sich

Selbstmitleid ist ein natürliches Betäubungsmittel: Es beschert uns kurzfristig ein Wohlgefühl, macht aber süchtig und isoliert die Betroffenen von der Wirklichkeit. Eine subjektiv empfundene Ungerechtigkeit wird so aber nicht konstruktiv verarbeitet. Statt einen Ausweg zu finden, verharren die Betroffenen in larmoyantem Frust und Ohnmachtsgefühlen. „Seine eigenen Erfahrungen zu bedauern, heißt, seine Entwicklung aufzuhalten“, schrieb Oskar Wilde. Die Folgen sind Antriebslosigkeit, sinkendes Selbstvertrauen, Depression. Selbstmitleid ist für Misserfolg wie Salz für die versalzene Suppe.

3. Opfer vergleichen sich

Warum immer ich?“ – Ein Klassiker der Opferrolle. Darin steckt Selbstmitleid über das eigene Schicksal und die Unfairness der Welt. Es ist aber auch ein Vergleich mit anderen, denen es vermeintlich immer besser geht. Vergleiche sind menschlich, sie helfen uns bei der Selbsteinschätzung. Ständiges Vergleichen ist aber ebenso ein sicherer Weg ins Unglück. Wir können dabei nie gewinnen: Es gibt immer Menschen, die schöner, reicher, stärker, witziger, schlauer ist als wir. Was wir dabei gewinnen, ist erstens Neid und zweitens Bitterkeit.

4. Opfer wollen Rechnungen begleichen

Viele Opfer nehmen alles persönlich. Sie haben nicht nur Pech, sondern sind Opfer einer Verschwörung. Wer davon überzeugt ist, im Leben gezielt benachteiligt zu werden, sinnt irgendwann auf Vergeltung – und nimmt sich, was ihm oder ihr vermeintlich zusteht. Tatsächlich äußert sich die Opferrolle nicht nur durch Passivität, sondern ebenso durch Aggressivität oder gar Rachsucht. Hinter dem Wunsch, es seinen Peinigern heimzuzahlen, stecken meist gekränkte Eitelkeit und eine gute Portion Narzissmus. Auch daran lässt sich die Opferrolle erkennen.

5. Opfer lästern

Auch das ist eine Form der Rache – nur verbal. Lästern, üble Nachrede, Klatsch und Tratsch können befreiend wirken. Sie dienen uns teils sogar als soziales Warnsystem („Vor dem musst du dich in Acht nehmen!“). Es sind aber auch Anzeichen für eine Opferrolle: Warum nicht das direkte Gespräch suchen? Wozu der Angriff hinter dem Rücken? Feigheit?

6. Opfer sind undankbar

Die Saw-Filmreihe ist nicht für ihre Subtilität bekannt. Eine brauchbare Botschaft hatte der Killer in den Splatterstreifen dennoch: „Seien Sie dankbar!“ Wer nichts zu schätzen weiß und sich den Tag mit Nichtigkeiten vermiest, ist selber schuld. Dankbarkeit für das Erreichtes, Zufriedenheit über kleine wie große Erfolge verhindert, dass wir es uns in der Opferrolle gemütlich machen. Fehlt der Dank gänzlich, erkennen wir daran wieder die Geisteshaltung des Underdogs und Jammerers.

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Opferrolle verlassen: Tipps wie Sie die Haltung ablegen

Bitte nicht falsch verstehen: Es völlig okay, sich mal zu bedauern, zu weinen oder Trübsal zu blasen. Es gibt kein Leben ohne Verletzungen. Ungesund aber ist die chronische Opferrolle. Wenn wir uns an diese Haltung gewöhnen. Je länger dieser Zustand andauert, desto schwieriger wird es die Opferrolle zu verlassen und abzulegen.

Kein Entrinnen? Mitnichten! Um aus der Opferrolle herauszukommen, müssen Sie diese zuerst erkennen (siehe oben). Im zweiten Schritt benötigen Sie einen starken Veränderungswillen. Es gilt, wieder Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, ins Handeln zu kommen und Lösungen zu entwickeln. Schließlich müssen Sie nicht Opfer der Umstände oder anderer Menschen bleiben. Hier die Tipps dazu:

  • Bewusstsein schaffen

    Unser Gehirn ist erstaunlich gut darin, Tatsachen zu verdrehen. So merken wir selbst oft gar nicht, wie stark wir schon in der Rolle des Opfers stecken. Erst wenn Sie sich die Opferrolle bewusst vor Augen führen, können Sie etwas dagegen unternehmen, um diese zu verlassen und Heilung zu erfahren. Dazu braucht es Selbstbewusstsein im Wortsinn und schonungslose Ehrlichkeit: Warum haben Sie sich in die Opferrolle drängen lassen oder haben diese angenommen? Machen Sie sich bewusst: Opfer sind passiv, hilflos, verantwortungslos, problemorientiert. Wollen Sie so sein?

  • Vorteile eines Rollenwechsels erkennen

    So angenehm die Opferrolle sein kann: Machen Sie sich klar, dass es größere Vorteile hat, diese zu verlassen. Sind die Gefühle von Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein wirklich schöner, besser, zielführender? Eben. Wenn Sie die Opferrolle ablegen, haben Sie die Dinge wieder selbst in der Hand, können entscheiden, wie Sie mit Situationen umgehen und welche Reaktionen angemessen sind. Kurz: Durch den Rollenwechsel bekommen Sie die Handlungskontrolle zurück und übernehmen wieder das Steuerrad Ihres Lebens.

    Opferrolle Fuehrungskraft Spruch Grafik

  • Perspektive wechseln

    Unterlegenheit beginnt im Kopf. Erfolg auch. Man kann Dinge so oder so interpretieren. Und Menschen in der Opferrolle tendieren dazu, in allem und jedem Feinde zu sehen. Alle wollen einem immer nur Böses, die Welt hat sich scheinbar gegen sie verschworen. Klar, ist das Quatsch. Aber es passt so schön ins Weltbild und erklärt Vieles so einfach. Indem Sie die Perspektive wechseln, machen Sie sich geistig unabhängig und gewinnen mentale Stärke. Was wäre, wenn das, was Sie gerade durchmachen, Sie nur auf das vorbereitet, was Sie sich so sehr wünschen?! Zeiten verändern sich – Zeiten verändern uns. Alles, eine Frage der Perspektive!

  • Loslassen lernen

    Opfer machen sich zu viele Sorgen über Dinge, die sie sowieso nicht kontrollieren können. Ein wesentlicher Schritt aus der Opferrolle ist, loszulassen und zu akzeptieren, was man nicht ändern kann. Deswegen sind wir noch lange keine Opfer! Shit happens. Statt zu jammern: Machen Sie Dünger daraus! Das ist eine Form der bewussten Lebensführung und -gestaltung sowie inneren Haltung Widrigkeiten gegenüber.

  • Selbstwertgefühl stärken

    Der beste und sicherste Weg, die Opferrolle verlassen zu können, ist, das Selbstwertgefühl zu stärken. Wer schlecht von sich denkt, nimmt leichter die Opferrolle an als Menschen mit innerer Stärke und Selbstsicherheit. Wie das gelingt? Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken, auf bisherige Erfolge. Akzeptieren Sie sich so, wie Sie sind. Sie sind wertvoll, einzigartig, klasse! Das Leben ist kein Kindergeburtstag – für keinen von uns. Unsere Haltung macht den Unterschied. Das Leben besteht nicht aus den Dingen, die uns passieren, sondern aus dem, was wir daraus machen und wie wir darauf reagieren.

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    Häufige Fragen zur Opferhaltung

    Was versteht man unter Opferrolle?

    Die Opferrolle ist eine Haltung, bei der die Betroffenen anderen die Schuld für ihr Leid oder Schicksal zuweisen. Man kann in die Opferrolle gedrängt werden („Viktimisierung“), die meisten entscheiden sich aber freiwillig dafür. Es kann sogar eine Machtstrategie sein, um den Gewinner im Nachhinein doch noch moralisch zu besiegen.

    Wie geht man mit Menschen in der Opferrolle um?

    Lassen Sie sich selbst keine Schuld zuweisen und füttern Sie das Leid nicht noch, indem Sie mitjammern. Stellen Sie vielmehr Fragen und schaffen Sie ein Bewusstsein für die Opferrolle und deren Nachteile. Indem Sie eine aktive Haltung bei den Opfern fördern, führen Sie Menschen aus der Opferrolle wieder heraus.

    Welche Folgen hat die Opferrolle?

    Die Opferrolle führt in erlebte Ohnmacht und zu einem langfristigen Kontrollverlust über das eigene Leben. Wer anderen die Schuld für die eigene Lage gibt, überträgt ihnen damit auch die alleinige Macht und Verantwortung, daran etwas zu ändern. Oper bleiben damit freiwillig schwach, wehrlos, ausgeliefert und unglücklich.

    Wieso bleiben viele in der Opferrolle?

    Um die Opferrolle zu verlassen, müssen Menschen aktiv werden und Verantwortung übernehmen. Auch für eigene Schuld, Fehler und Versäumnisse. Alles Dinge, die Opfer lieber vermeiden. Stattdessen idealisieren sie ihr Selbstbild als noble Persönlichkeit, gegen die sich der Rest der Welt verschworen hat. Kurz: Opfer müssen keine Opfer bleiben – Sie wollen aber nichts ändern. Die Opferrolle ist eine Attitüde – vor allem Entscheidungssache.

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    [Bildnachweis: Karrierebibel.de]

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