Verzeihen können: Warum Vergeben so schwer ist

Vergeben und verzeihen fällt vielen nicht gerade leicht. Zumal richtiges Um-Verzeihung-Bitten gekonnt sein will. Schon die Formulierung macht klar: Es ist eine Bitte, kein Befehl. Wer um Verzeihung bittet, appelliert an die Milde und Güte desjenigen, den er verletzt oder verärgert hat. Das schließt allerdings mit ein, dass der- oder diejenige die Wahl hat, zu verzeihen oder eben auch nicht. Häufig stecken tiefe Verletzungen und Kränkungen dahinter, wenn jemand nicht verzeihen will. Damit schadet sich der Gekränkte allerdings selbst. Die gute Nachricht: Man kann verzeihen lernen

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Verzeihen können: Warum Vergeben so schwer ist

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Vergeben und verzeihen: Unterschied und Definition

Die Verben verzeihen und vergeben werden meist synonym verwendet. Auch wird verzeihen als sprachlich vornehmer als vergeben gewertet. Genau genommen gibt es allerdings einen kleinen, aber feinen Unterschied.

  • Verzeihen wird meist bei kleineren Lappalien verwendet. Darin steckt das Wort zeihen, „jemanden beschuldigen“. Derjenige, der Schaden erlitten hat, nimmt seine Beschuldigung zurück, indem er verzeiht.
  • Vergeben ist religiös konnotiert. Jemandem, der einen Fehler begangen hat, wird Gnade gewährt. Vergeben wird von psychologischer Seite als längerer Prozess gewertet, der unabhängig davon geschehen kann, ob der Beschuldigte seine Tat einsieht und bereut oder nicht.

Eine ausführliche Definition zum Unterschied haben wir in diesem PDF, das Sie HIER gratis herunterladen können.

Verzeihen: Sprüche und Zitate

  • Es schadet nichts, wenn einem Unrecht geschieht. Man muß es nur vergessen können. (Konfuzius)
  • Man muss verzeihen können. Das Leben des Menschen ist zu kurz, als dass er es mit Nachtragen und Rachsucht hinbringen könnte. (Friedrich der Große)
  • Gott hat mir schon vergeben. Es ist ja sein Geschäft. (Heinrich Heine)
  • Alles verstehen, heißt alles verzeihen. (Madame de Stael)
  • Vergeben und vergessen heißt, kostbare Erfahrungen zum Fenster herauswerfen. (Arthur Schopenhauer)
  • Verzeihen ist keine Narrheit, nur ein Narr kann nicht verzeihen. (Chinesisches Sprichwort)
  • Verzeihen ist die beste Rache. (Deutsches Sprichwort)
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Ursache: Warum manche nicht verzeihen können

Warum können manche nicht verzeihen? Um die Frage nach der Ursache beantworten zu können, müssen wir genauer hinschauen, was zuvor passiert ist: Eine Person wurde durch die Handlung oder Äußerung einer anderen Person verletzt, gekränkt. Auslöser für den Groll gibt es zur Genüge:

  • Ein Kollege hat Ihre Idee als die seinige ausgegeben ohne den Sachverhalt zu klären.
  • Ihr Partner hat den Hochzeitstag vergessen.
  • Ein Freund hat im Streit eine fiese Bemerkung gemacht.

Bei jedem Konflikt spielen im Hintergrund verschiedene Faktoren eine Rolle, die dazu führen, dass manche nicht verzeihen können oder sich zumindest schwerer damit tun, als andere:

  • Biographie

    Wenngleich es Verhaltensweisen gibt, die gesamtgesellschaftlich als beleidigend empfunden werden, sind Kränkungen höchst individuell und hängen mit der eigenen Geschichte zusammen – bei ein und derselben Sache mag eine Person locker über etwas hinwegsehen, eine andere nimmt es sich zu Herzen.

  • Stolz

    Falscher Stolz auf beiden Seiten verhindert häufig eine Versöhnung: Der eine mag nicht um Entschuldigung bitten, der andere mag kein Pardon gewähren, aus Angst, sein Gesicht zu verlieren.

  • Wiederholung

    Dahinter steckt die Angst des Verzeihenden, dass der andere es als Ermutigung für erneutes Handeln auffasst. Ganz nach dem Motto: „War nicht so schlimm.“ Oder aber es hat sich bereits ein ähnlicher Vorfall ereignet und der Geschädigte kann sich nicht zum Verzeihen durchringen.

  • Zustimmung

    Eine andere Befürchtung ist die, dass das Verhalten als korrekt bewertet wird, wenn man seinem Gegenüber verzeiht.

  • Bestrafung

    Manche wollen den anderen bestrafen, Motto: Sieh, wie schlecht es mir geht. Damit sollen Schuldgefühle beim Gegenüber geweckt werden. Und man selbst fühlt sich dadurch besser – so der Gedanke. Diese Rechnung geht aber in den seltensten Fällen auf. Oft ist sich der Verursacher seiner „Schuld“ gar nicht bewusst, da er oder sie einen Vorfall als Lappalie einstuft. Infolgedessen existiert gar kein schlechtes Gewissen.

Gerade zum letzten Punkt absolvierte der Psychologe Kevin Carlsmith von der Colgate Universität in Hamilton diverse Experimente. Doch obwohl seine Probanden versicherten, sie würden sich nach der Sühne besser fühlen, passierte jedes Mal das genaue Gegenteil. Anfangs fühlte es sich gut an, später überwog die Bitterkeit.

Klüger ist indes die Haltung, die schon der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon auf den Nenner brachte: „Wer Rache nimmt, ist nicht besser als sein Feind; verzichtet er aber darauf, dann ist er ihm überlegen.“

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4 Schritte: Verzeihen ist erlernbar

Auch wenn es schwer fällt: Verzeihen und vergeben lohnt sich aus den beschriebenen Gründen. Sie können mit einer Sache abschließen, die alten Wunden können heilen und Sie gelangen zu Ihrem inneren Frieden. Dazu gehört zunächst zweierlei: Empathie und Selbstreflexion. Dann gehen Sie in diesen vier einfachen Schritten vor:

Verzeihen In 4 Schritten Grafik

  1. Betrachten Sie den Vorfall und die Person

    Oft sind verletzte Menschen nur mit ihren Gefühlen beschäftigt. Versuchen Sie das Ganze sachlich zu betrachten, stellen Sie eine Kosten-Nutzenrechnung auf:

    • Ist es den Ärger wert? Oder wurde etwas gedankenlos daher gesagt, was womöglich nicht so gemeint war?
    • Wie stehen Sie zu der Person, ist sie Ihnen wichtig?
  2. Treffen Sie eine bewusste Entscheidung

    Sie sollten für sich festgestellt haben, dass Sie diesen Prozess bewusst anstoßen und die alte Kränkung verarbeiten und hinter sich lassen wollen. Nehmen Sie sich dafür Zeit und halten Sie sich die Vorteile vor Augen.

  3. Versuchen Sie, sich in die andere Person hineinzuversetzen

    Wagen Sie den Perspektivwechsel:

    • Gab es vielleicht aus ihrer Perspektive gute Gründe für ihr Handeln?
    • Fehlte womöglich das Wissen bestimmter Hintergründe, so dass sie gar nicht anders handeln konnte?
    • Glauben Sie, dass die Person vorsätzlich gehandelt hat oder es vielleicht ein Versehen war?

    Ebenso sollten Sie sich Ihre Verletzung eingestehen, aber auch Ihr eigenes Verhalten unter die Lupe nehmen:

    • Habe ich mich unklar ausgedrückt?
    • Gab es vergleichbare Situationen, in denen ich dieses Handeln unterstützt habe?
    • Worin besteht mein Beitrag zu dieser Situation?
  4. Lassen Sie bewusst los

    Statt sich selbstquälerisch mit dem Ärgernis herumzuplagen, haben Sie sich dazu entschlossen, Ihr Leben nicht mehr davon dominieren zu lassen, sondern sich wieder den angenehmen Dingen zu widmen. Das wird ein Gefühl der Befreiung in Ihnen auslösen, denn nun haben Sie wieder die Kontrolle über Ihr Leben.

Wenn Sie diesen Prozess durchlaufen haben, können Sie fortschreiten. Seien Sie sich dessen bewusst, dass vergeben und verzeihen keineswegs ein Zeichen von Schwäche ist. Es bedeutet auch nicht, dass eine Sache ungeschehen dadurch gemacht wird oder Sie im Nachhinein das Verhalten billigen.

Was es bedeuten kann, ist ein Abschluss für Sie. Dazu können Sie auch überlegen, welche positiven Erfahrungen Sie mit der Person in der Vergangenheit gemacht haben – unter Umständen können solche Aspekte den Wert einer Versöhnung fördern.

2 Tipps, wenn es schwerfällt zu vergeben

Sie haben sich fest vorgenommen, einer Person zu verzeihen, merken aber, dass es Ihnen schwerfällt? Diese beiden Tipps können Ihnen dabei helfen, loszulassen:

  • Schreiben

    Schreiben ist ein kreativer Verarbeitungsprozess, bei dem Sie Ihren Gedanken ungehemmt freien Lauf lassen können. Schreiben bedeutet eine Entlastung und hilft dabei, nicht ständig in ein Gedankenkarussell zu verfallen. Sie können beispielsweise einen Brief an die Person schreiben, den Sie niemals abschicken.

  • Aussprechen

    Greifen Sie zu einem Gegenstand, den Sie mit der Person verbinden oder ein Bild. Sprechen Sie laut: „Ich verzeihe (Name der Person) die Schuld für (Sache).“ Vermutlich reicht es nicht, nur einmal diese Worte auszusprechen, vielleicht kommen Sie sich merkwürdig vor – das macht nichts, sorgen Sie dafür, dass Sie allein und ungestört sind und wiederholen Sie den Spruch mehrfach. Manche Menschen sind auditiv veranlagt, das heißt, sie müssen die Dinge erst hören, damit sie sie erfassen können.

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Verzeihen können nur die Starken

Verzeihen – oder vergeben – bedeutet für den Vergebenden oft eine Herausforderung. Dabei würde es letztlich eine enorme Erleichterung bedeuten.

Wenn etwas unausgesprochen in uns gärt, steht es zwischen uns und der Person, der wir verzeihen sollten. Häufig äußert sich das dann in Ablehnung und Rückzug – der Kontakt bricht womöglich ganz ab, Beziehungen brechen auseinander.

Gerade bei Lappalien ist das bedauerlich, denn manche Kränkung lässt sich auf ein Missverständnis zurückführen – müsste dafür aber eben angesprochen werden. Allerdings geht es nicht nur darum, dass es schade um die Freundschaft oder Beziehung ist: Diese Konfliktsituation bedeutet für den Körper Stress, selbst bei Kontaktabbruch ohne Versöhnung.

Wer verzeiht, wendet eine Coping-Strategie an und trägt dazu bei, seine Resilienz zu stärken. Das wirkt sich positiv auf verschiedenste Krisensituationen aus, eben auch auf der Arbeit.

Kreisen hingegen die Gedanken nur um Rache, raubt das Energie, die wir sinnvoller einsetzen könnten. Sie belastet den Berufsalltag ebenso wie die Freizeit. Und viel schlimmer noch: Sie schadet Ihrer Gesundheit.

Der Psychologie-Professor an der Concordia Universität in Kanada, Carsten Wrosch, erforscht seit mehr als 15 Jahren negative Emotionen. Vor allem aber interessiert ihn, welchen Effekt Bitterkeit auf unsere Gesundheit hat. Sein Fazit:

„Bitterkeit“, so Wrosch, „insbesondere wenn sie chronisch wird, kann erheblichen Einfluss auf biologische Funktionen haben, unser Immunsystem schwächen oder regelrecht krank machen, nicht nur mental.“

Verschiedene amerikanischen Studien zufolge fördert Verzeihen die Gesundheit:

Menschen, die nicht verzeihen, plagen hingegen neben den obigen Beschwerden Magenschmerzen und Schlafstörungen, auf der seelischen Seite kommen Enttäuschung, Hassgefühle und/oder Einsamkeit hinzu, wenn sich jemand gekränkt zurückzieht.

Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, empfiehlt der Psychologe loszulassen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Das sei eine wichtige Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbstregulierung, die sich trainieren lässt – und im Leben vieles leichter macht.

Ist Verzeihen ohne Entschuldigung möglich?

Ein ganz anderes Kaliber ist, wenn Sie etwas verzeihen sollen, ohne dass sich der- oder diejenige bei Ihnen entschuldigt hat. Geht das überhaupt und wenn ja, wie? Tatsächlich brauchen viele Menschen die Aufforderung der Person (dazu unten mehr), die einen Fehler begangen hat, um verzeihen zu können.

Die Bitte um Entschuldigung – man kennt sie schon aus dem Kindergarten, wo sie häufig mit einem grummeligen „na gut!“ gewährt wird. Aber Verzeihen ist auch ohne Entschuldigung durch den verursachenden Teil möglich.

Das ist schon allein deswegen notwendig, weil wir teilweise gar nicht mehr die Möglichkeit zu einem Gespräch haben und daher oft keinerlei Entschuldigung kommen kann: Die Person ist weggezogen, verstorben oder es gibt Gründe, den Kontakt zu ihr zu meiden.

Wir sagen zwar oft, dass sich jemand entschuldigt, wenn er einen Fehler begangen hat. Aber streng genommen – und in der ursprünglichen Bedeutung – kann ohnehin nur der Betroffene einen Vorfall entschuldigen, weshalb man auch sagt, dass jemand (Verursacher) um Entschuldigung bittet (beim Geschädigten).

Wenn Sie also in irgendeiner Form geschädigt wurden, liegt es an Ihnen zu verzeihen – in jedem Fall. Auch ohne dass eine Entschuldigung ausgesprochen wurde.

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Mist gebaut: Die Bitte um Verzeihung

Eine Pflicht zur Vergebung gibt es nicht. Wer dabei zu viel Druck macht – Motto: Du musst mir das verzeihen -, der pervertiert das Täter-Opfer-Schema und verkehrt es ins Gegenteil: Aus dem Opfer wird ein Täter, der sich schuldig macht, wenn er oder sie nicht verzeiht.

Das ist nicht nur hochgradig manipulativ, sondern auch doppelt gemein:

  • Erst eine Missetat begehen, für die man sich entschuldigen sollte,
  • dann seinem Opfer auch noch ein schlechtes Gewissen machen… Unverschämt!

Gesteigert wird das womöglich noch durch ein anglophon ventiliertes „Sorry!“, das mit dem lapidaren „Tschulljung!“ oder jovialem „Schuldigänse“ nahezu auf einer Ebene steht. Dass einem so tatsächlich vergeben wird, kann man wohl getrost ausschließen.

Wenn überhaupt gehört zu der Bitte um Verzeihung auch ein wahrhaft zerknirschtes „Entschuldigung“. Denn wer einen Fehler macht, ein Versprechen bricht oder sonst wie versagt, lädt moralische Schuld auf sich. Das gilt im Kleinen wie im Großen und kann letztlich jedem von uns passieren. Nobody is perfect und so. Zurück bleibt dennoch – hoffentlich – ein schlechtes Gewissen. Und das wollen wir möglichst bald loswerden.

Dazu gibt es allerlei Mittel und Wege: Wiedergutmachung leisten etwa. Oder ein trauriges Gesicht aufsetzen und Blumen überreichen. Barfuß nach Canossa gehen kann man natürlich auch. Oder aber man bittet um Pardon, verbal, voller Reue und das möglichst glaubwürdig.

Das geht am schnellsten, wirkt am nachhaltigsten und kostet nur zwei Dinge:

  • Überwindung
  • und unseren Stolz.
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Entschuldigen fällt oft so schwer wie vergeben

Genau darin aber liegt das Problem am Entschuldigen und Verzeihen lernen: Viele Menschen hassen es, mit ihrer eigenen Imperfektion konfrontiert zu werden.

Noch schlimmer: sie öffentlich eingestehen zu müssen. Unser Ego mag so etwas gar nicht.

Wobei es da ein interessantes Phänomen gibt:

  • Je gleichgültiger einem die Leute sind, desto leichter fällt die Entschuldigung.
  • Je wichtiger uns diese Leute sind (oder die Gunst des Publikums), desto verbissener kämpfen wir um unser verlorenes Gesicht – und machen es nur noch schlimmer.

Wie schwer fällt es beispielsweise vielen Menschen gegenüber ihrem Partner zuzugeben, dass sie einen dummen Fehler gemacht haben?

Im Job ist es nicht viel anders: Gegenüber dem Chef oder (als Chef) vor dem Team zuzugeben, Mist gebaut zu haben, fällt ungleich schwerer als das einem Kollegen einzugestehen, den wir weder als Konkurrenten noch als ebenbürtig betrachten. Wie dumm!

Wer einen Fehler macht, sollte um Verzeihung bitten. Und zwar ziemlich zügig und unabhängig von der Person. Das beweist nicht nur menschliche Größe (und ein normalgroßes Ego), sondern ist auch Balsam für Beziehungen aller Art.

[Bildnachweis: Phovoir by Shutterstock.com]
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3. März 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt mehr als 20 Jahre als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.


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