Schuldfrage: Darum bringt es nichts, nach Schuldigen zu suchen

Die Briten haben eine nette Tradition: Wird jemand angerempelt, entschuldigt sich der Angerempelte. Die Schuldfrage, wer wen angerempelt hat und sich deshalb „eigentlich“ entschuldigen müsste, spielt keine Rolle. Der Zusammenprall ist passiert, es folgt ein (im besten Falle) beiderseitiges „sorry“ und schon kann man wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Hierzulande wird oftmals noch krampfhaft nach dem Auslöser gesucht, wenn etwas mal nicht so glatt läuft. Statt die Fakten zu akzeptieren, wird problematisiert und damit unter Umständen viel Zeit verschwendet. Warum es manchmal nichts bringt, nach Schuldigen zu suchen…

Schuldfrage: Darum bringt es nichts, nach Schuldigen zu suchen

Schuldfrage: Was bedeutet Schuld?

Schuld ist ein Begriff aus dem Bereich der Ethik und des Strafrechts, der schwer greifbar ist. So kann jemand Schuld haben, indem er die Interessen einer anderen Person vorsätzlich verletzt. Ebenso kann sich jemand schuldig machen, indem er eine notwendige Handlung unterlässt.

Schuld spielt strafrechtlich gesehen eine Rolle, aber auch moralisch, etwa wenn wir in der Schuld einer Person stehen, die uns in der Vergangenheit sehr unterstützt hat und der wir Dankbarkeit schulden.

Der vom deutschen Strafrechtler Reinhard Frank geprägte normative Schuldbegriff definiert Schuld als die „Vorwerfbarkeit vorsätzlichen oder fahrlässigen Verhaltens“.

Die Beschäftigung mit der Schuldfrage zieht sich durch die Menschheitsgeschichte, denn letztlich ist es oftmals eine Frage, bei der es sich um Verantwortlichkeit und Entschädigung dreht. Insofern ist gerade bei kapitalen Fehlern, erst recht bei offenkundigen Verbrechen das Interesse an einer Klärung der Schuldfrage absolut menschlich.

Umgang mit Fehlern im Arbeitsalltag

Wie sieht es jedoch im Alltag aus? Nicht immer müssen Fehler weitreichende Konsequenzen in dem Sinne haben, dass jemand nachhaltigen Schaden nimmt. Im Privaten wie auch im Arbeitsleben passieren Missgeschicke, die nicht absichtlich verursacht wurden.

Es gibt einen gesellschaftlich geprägten Umgang. Wer bestimmte Regeln nicht einhält und dagegen verstößt, wird zurechtgewiesen. Beispielsweise existiert ein Verständnis von Pünktlichkeit, das zwar je nach Kontext abweichen kann, dennoch von der überwiegenden Bevölkerung akzeptiert ist.

Wer nun ständig zu spät kommt, riskiert eine Abmahnung oder letztlich gar Kündigung. Natürlich gibt es unvorhergesehene Ereignisse, die einen Arbeitnehmer daran hindern können, wie gewohnt um acht Uhr morgens zu erscheinen. Fallen jedoch jeden Monat solche Ereignisse vor, liegt die Vermutung nahe, dass jemand sein eigenes Fehlverhalten nicht eingestehen, keine Verantwortung für sein Tun übernehmen will.

Da wird zur Beantwortung der Schuldfrage schnell eine Ausflucht gesucht, etwa: „Ich wäre ja pünktlich gewesen, aber der Motor sprang nicht an“ oder „Vor mir war so ein langsamer Fahrer unterwegs, den ich nicht überholen konnte.“ Sowas funktioniert maximal einmal – sobald solche Entschuldigungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit vorgetragen werden, werden sie als Ausreden enttarnt.

Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen

Dabei ist es wichtig, dass derjenige, der Mist gebaut hat, seine Schuld auch anerkennt, denn sonst ist auch keine Reue und keine Verbesserung möglich. Gerade im Team ist auf Dauer keine Zusammenarbeit möglich, wenn einer durch sein Fehlverhalten die Arbeit ständig behindert und im Endeffekt nur Zeit und Nerven kostet.

Stattdessen fallen viele Menschen in eine Opferrolle. Leicht zu erkennen ist dies beispielsweise, wenn jemand seinen Arbeitsplatz verliert. Zwar wird die Kündigung vom Arbeitgeber ausgesprochen, aber als Arbeitnehmer könnte man sich schon fragen, was der eigene Anteil daran ist?

Vielleicht waren Sie in der Vergangenheit nicht so motiviert bei der Sache, wie es eigentlich notwendig gewesen wäre? Oder Sie haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt, dass infolge der anstehenden Fusion möglicherweise Arbeitsplätze wegfallen und Sie sich anderweitig umgucken sollten.

Und warum handelt jemand so? Weil es bequemer ist. Statt sich zu fragen, was der eigene Anteil an einer Situation ist, wird die Schuldfrage ganz schnell auf andere abgewälzt. Mit dem eigenen Handeln muss man sich fortan nicht mehr auseinandersetzen, ergo: auch nichts mehr ändern.

Gleichzeitig begibt man sich damit auch in eine Abhängigkeit: Wenn andere Schuld haben, ist man darauf angewiesen, dass diejenigen etwas ändern. Man selbst übernimmt damit eine passive Zuschauerrolle.

Fehler einzugestehen kann nicht jeder gut, da es am Ego kratzt – in unserer Selbstwahrnehmung machen wir alles nach bestem Wissen. Und dahinter steckt häufig die Angst vor Sanktionen: Welche Konsequenzen sind zu erwarten, wenn ich meine Fehler zugebe? Insofern ist ein offener Umgang mit Versagen auch ein Zeichen einer positiven Fehlerkultur.

Die Schuldfrage klären, indem die Schuld auf andere abgeschoben wird, ist also eine Verteidigungsstrategie. Allerdings keine gute, denn andere schauen sich dieses Verhalten ab und handeln zukünftig ebenso. Für die eigenen Fehler Verantwortung zu übernehmen, ist hingegen Zeichen eines hohen Selbstwertgefühls.

Statt Klärung der Schuldfrage lösungsorientiertes Handeln

Je nach Kontext, aber auch nach dem Ausmaß des Problems sollte die Schuldfrage zwar geklärt werden, nur bei der Lösung akuter Probleme ist sie selten hilfreich, denn sie ist nach hinten gerichtet. Unabhängig von der Schuldfrage sollte der Blick eines Unternehmens aber nach vorne gerichtet sein, es geht darum, einvernehmlich zu einer Lösung zu gelangen.

Daher interessiert es auch den Vorgesetzten nicht unbedingt, wenn ein Mitarbeiter die Schuld für ein verbocktes Projekt auf jemand anderen schiebt – viel interessanter ist die Frage: Wie kriegen wir das wieder hin? Und was können wir unternehmen, damit dieses Problem nicht wieder auftritt?

Ein solches Verhalten setzt allerdings auch eine entsprechende Unternehmenskultur voraus: Eine Führungskraft, die Fehler und Misserfolge bestraft und sich in Vorwürfen ergießt, wird eher ein Verhalten fördern, bei dem die Schuldfrage im Vordergrund steht. Der Verursacher des Problems muss gefunden werden, dabei kann sich das durchaus schwierig gestalten.

Es kann auch demotivierend auf die Mitarbeiter wirken, wenn sämtliche vorherigen Bemühungen plötzlich null und nichtig wegen eines kleinen Fehlers sind. Oder es löst eine Angstkultur aus, bei der andere Mitarbeiter fortan sich nur noch zögerlich einbringen, da sie Fehler vermeiden wollen.

Wichtiger wäre ein Signal, dass Fehler dazu gehören, aber eben geguckt wird, wie man das Beste daraus macht.

Insofern kann es zwar den einzelnen Mitarbeiter treffen, wenn er für etwas mit zur Verantwortung gezogen wird, was ein anderer Kollege maßgeblich zu verantworten hat. Allerdings nicht, indem ihm allein die Schuld zugeschoben wird, sondern höchstens, indem er erneut bei der Beseitigung des Problems mit anpacken muss.

Sollte andererseits ein Arbeitnehmer unschuldigerweise durch einen anderen Kollegen in etwas hineingezogen werden, empfiehlt sich zunächst ein klärendes Gespräch unter vier Augen. Andererseits sollte das Maß nicht aus den Augen verloren werden: Auf kleinere Pannen, die versehentlich passiert sind, kann man vielleicht gelassener reagieren – kein Mensch ist frei von Fehlern.

Abwälzung der Schuldfrage wird negativ beurteilt

Psychologen sprechen übrigens von Rechenschaftskommunikation, wenn Menschen ihre Misserfolge und Fehler darlegen müssen. Sinn und Zweck ist es, in Situationen, in denen wir fürchten, gegen Normen verstoßen zu haben, andere für uns milde zu stimmen. Es hat die Funktion der Ent-Schuldigung, also des Loswerdens von Schuld.

Erreicht werden kann das auf zweierlei Art:

  • Ausreden

    Man erklärt, warum man etwas gar nicht getan haben kann – weil man beispielsweise krank oder mit einer anderen Sache beschäftigt war. Schuld ist also jemand anderer.

  • Bedeutung

    Indem die Auswirkungen des Fehlverhaltens heruntergespielt werden, wird das eigene Verhalten wieder als „ok“ dargestellt.

Auch wenn es verständlich ist, dass jemand auf unangenehme Fragen ausweichend reagiert: aus Personalersicht stellen Sie sich selbst ein Bein, wenn Sie so handeln. Wer hingegen seine eigenen Schwächen und Fehler zugeben kann, zeigt, dass er sein eigenes Handeln selbstkritisch reflektiert.

So jemand übernimmt Verantwortung für sein Verhalten und signalisiert Zuverlässigkeit. Dabei geht es ja gar nicht darum, in endlose Entschuldigungen zu verfallen, wenn ein Fehler unterlaufen ist. Wichtig ist zwar die Entschuldigung und sie sollte ernst gemeint sein.

Punkten können Sie jedoch zusätzlich, wenn Sie eine Lösung für das Problem anbieten. Das zeigt Ihrem Vorgesetzten, dass Sie tatsächlich das Problem erkannt haben und etwas ändern wollen. Positiv ist der Lerneffekt: Sie lernen, dass ein Eingeständnis nicht das Ende der Welt bedeutet.

Darüber hinaus erkennen Sie neue Wege, wie Sie zukünftig Fehlerquellen ausschalten oder den gleichen Fehler vermeiden können. Beispielsweise könnten Sie in einer ähnlichen Situation Kollegen rechtzeitig ansprechen und um Unterstützung bitten. Oder wenn es Unklarheiten gibt, Fragen Sie rechtzeitig nach.

[Bildnachweis: Elena Nichizhenova by Shutterstock.com]
31. Juli 2017 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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