Deduktion: Was Sie von Sherlock Holmes lernen können

Sherlock Holmes ist nicht nur der berühmteste Detektiv der Welt. Die Bücher von Arthur Conan Doyle inspirieren selbst heute noch zu Serien und Kinofilmen. Holmes zeichnet sich ebenso durch seine einzigartige Persönlichkeit und nicht zuletzt durch seine Fähigkeit zur Deduktion und Induktion aus – Talente, die auch Sie mit wenig Aufwand lernen können und die im Job (und nicht nur da) manchmal äußerst nützlich sein können…

Deduktion: Was Sie von Sherlock Holmes lernen können

Deduktion oder Induktion?

Der Begriff Deduktion kommt aus dem Lateinischen (deductio) und wird mit Ableiten, Herleiten oder Fortführen übersetzt. Er bezeichnet eine Denkmethode, bei der eine Regel oder eine Bedingung und die daraus resultierenden Folgen erkannt werden. Anders gesagt: Aus allgemeinem Wissen werden – logische – Schlussfolgerungen abgeleitet.

Ein Beispiel zum besseren Verständnis: Jedes Flugzeug fliegt. Sie sitzen im Flugzeug. Also fliegen Sie gerade oder gleich (oder sind gerade gelandet).

Ähnliche Fragen werden häufig beim Assessment-Center gestellt, um bei den Bewerbern die Fähigkeit des logischen Denkens zu prüfen.

Die Experten unter Ihnen werden womöglich darauf hinweisen, dass Sherlock Holmes eher die Methode der Induktion benutzt. Auch das stimmt. Induktion bezeichnet im Grunde das Gegenteil von Deduktion – aus einer Reihe einzelner Tatsachen werden Schlüsse auf die Allgemeinheit gezogen.

Und genau das macht auch der berühmte Detektiv bei seinen Fällen: Er untersucht Spuren, erfährt alle möglichen Fakten und zieht daraus Schlüsse für das Ereignis, das es aufzuklären gilt.

Sie kennen alle den berühmten Satz von Sherlock Holmes: Wenn Du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist. Dieser Satz verweist aber zugleich auf eine deduktive Herangehensweise.

Genau hier liegt die Besonderheit: Der berühmte Detektiv nutzt – je nach Situation – entweder die induktive oder die deduktive Methode – gerade das macht seine Fähigkeit aus, die verworrensten und schwierigsten Verbrechen aufzuklären.

Der Blick für das Wesentliche

Eine kleine Geschichte dazu: Sherlock Holmes und Doktor Watson gehen campen. Nachdem sie ihr Zelt aufgebaut haben, gehen sie früh schlafen. In der Nacht wacht Holmes auf und weckt seinen Assistenten: „Watson“, sagt er, „öffne die Augen und schau hinauf zum Himmel. Was siehst du?“ Watson antwortet schlaftrunken: „Ich sehe Sterne, unendlich viele Sterne.“ – „Und was sagt dir das, Watson?“, fragt Holmes. Watson denkt kurz nach. „Das sagt mir, dass dort draußen unzählige Galaxien und Tausende Planeten sind. Ich nehme deshalb an, dass eine Menge gegen die Theorie spricht, wir wären allein im Universum. Und was sagt es dir, Holmes?“ – „Watson, du bist ein Narr“, seufzt Holmes. „Mir sagt es, dass jemand unser Zelt gestohlen hat!“

Deduktion: Wie macht er das bloß?

In dem Buch Studie in Scharlachrot heißt es: Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen. An einem einzigen Glied lässt sich das Wesen des Ganzen erkennen. Dieser Satz beschreibt genau den Weg, dem Sherlock Holmes bei der Aufklärung eines Verbrechens folgt. Zweifellos ist das Leben chaotisch, fast nichts verläuft nach einem geplanten Szenario. Die Herangehensweise des Detektivs ist dennoch immer vom Erfolg gekrönt – dank seiner besonderen Fähigkeiten:

  • Beobachtung der Details

    Inspektor Lestrade – ein Mitarbeiter des Scotland-Yard in den Sherlock Holmes Geschichten – liegt häufig falsch, weil er den Details zu wenig Aufmerksamkeit widmet – er zieht Schlüsse aufgrund von wenigen Beweisen. Sherlock Holmes hingegen sammelt so viele Informationen, wie möglich, analysiert alle möglichen Szenarien und betrachtet sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. So schließt er die unwahrscheinlichen Vorgänge aus und stellt eine oder mehrere Möglichkeiten fest – eben diese werden dann genauer überprüft.

  • Konzentration

    Abweisender Gesichtsausdruck, Verweigerung von Antworten und Ignoranz gegenüber anderen Menschen und aktuellen Ereignissen sind keine Anzeichen eines schwierigen Menschen. Die Sache ist die: Konzentriert sich Sherlock Holmes auf einen Fall, lebt er ihn, er ist vollkommen versunken. Er konzentriert sich auf die Lösung, ständig überdenkt er mögliche Varianten und Ereignisse. Er befindet sich im Arbeitsmodus, bei dem er sich vollkommen dem Fall hingibt und alle Störfaktoren ausblendet.

  • Interessen und Horizonterweiterung

    Wissen Sie noch, wie viele Tabaksorten Sherlock Holmes unterscheiden kann? Wie er an den Spuren von Erde erkennt, aus welchem Teil Englands der Betroffene kommt? Er ist praktisch an allem interessiert – an Dingen, die die meisten Menschen noch nicht einmal im Blickfeld haben. Er ist begabt und versiert in Kriminologie, er arbeitet als Biochemiker, er spielt Geige und kennt sich mit der Musik und Opern aus, er beherrscht mehrere europäische Sprachen und Latein, kann sehr gut fechten und boxen – das sind nur wenige von seinen Interessen und Fähigkeiten.

  • Gedächtnispalast

    Die Menge an Informationen muss er auch behalten und bei Bedarf ins Gedächtnis rufen. Hier nutzt der Detektiv die Methode des Gedächtnispalastes. Er hat sie nicht erfunden – sie ähnelt der Loci-Methode oder der Routen-Methode, die bereits in der Antike entwickelt wurden. Dabei wird die Information assoziativ gespeichert – jede Information, jeder Fakt oder jede neue Erkenntnis verbinden sich mit einem bestimmten Objekt im Gedächtnisraum.

  • Gestensprache

    Neben der Beobachtung und der hervorragenden Analysefähigkeit kennt sich Sherlock Holmes auch in der Psychologie aus. Er erkennt alleine am Verhalten des Gesprächspartners, ob derjenige lügt. Durch die Gestensprache oder das Verhaltensmodell lassen sich auch die Gewohnheiten und das Leben des Betroffenen entschlüsseln.

  • Intuition

    Nicht immer spielt sein Wissen oder seine Fähigkeiten die führende Rolle bei der Lösung von Verbrechen, sondern auch die Intuition. Dabei handelt es sich nicht um den berühmten sechsten Sinn, sondern eher um seine große Erfahrung, die ihm in bestimmten Momenten den richtigen Weg weist.

  • Praxis

    Sherlock Holmes selbst vergleicht seine Denkweise mit einem Zug. Er arbeitet ständig an seinen logischen Fähigkeiten – aus Spaß und nicht nur, um ein besserer Detektiv zu werden. Er bildet sich ständig weiter. Ist er gerade mit einem Fall beschäftigt, verbinden sich einzelne Gedanken zu einer Kette von Wagons und rasen mit Volldampf die Schienen entlang.

Deduktion und Induktion im Alltag

Die Fähigkeit, mit Fakten umzugehen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, bringt im Alltag und auch im Beruf viele Vorteile. Das logische Denken und die Berücksichtigung der Fakten helfen Ärzten, eine Diagnose zu stellen; Anwälten, das Gericht von der Unschuld ihres Mandanten zu überzeugen und Managern, das Unternehmen vor einer kommenden Krise zu bewahren. Auch Studenten können mit breiten Kenntnissen der Logik und mit grundlegenden Denkprinzipien besser und schneller lernen.

Viele Menschen nutzen eine schnelle Denkweise: Sie werden von Emotionen geleitet und treffen vorschnelle Entscheidungen, ohne die Fakten zu beachten – mit Ergebnissen, die leider oft alles andere als zufriedenstellend sind. Bei der Deduktion ist dagegen das langsame Denken gefragt – so schätzen Sie die Situation richtig ein und treffen eine bewusste Entscheidung.

Deduktion: Das können Sie auch

Die Fähigkeit zur Deduktion wird nur wenigen Menschen in die Wiege gelegt – Sie können sich diese Kenntnis aber aneignen und weiterentwickeln:

  • Erweitern Sie Ihren Horizont

    Häufig hängt die Weitsicht eines Menschen von seinem Alter ab. Gut, bei einigen steigt nur das Alter, bei anderen aber – und das sollten Sie anstreben – auch das Wissen: Sie schauen über den Tellerrand, entwickeln ein flexibles Denken, sie beobachten und sind aufmerksam zu vielen Details. Diese Erfahrung ist wertvoll, weil sie aus ständiger Arbeit resultieren.

    Bilden Sie sich weiter – egal, ob durch Bücher, Fachzeitschriften, ein Hobby oder durch die Karrierebibel: Lesen Sie viel, experimentieren Sie in unterschiedlichen Umgebungen und mit unterschiedlichen Gegenständen. Interessieren Sie sich für die Natur? Erkundigen Sie sich nach lokalen Pflanzen oder Tieren und machen Sie einen Spaziergang im Wald. Kochen Sie gerne? Dann lesen Sie Bücher über neue Speisen und Rezepte und experimentieren Sie mit unbekannten Gewürzen oder Kräutern.

  • Trainieren Sie Ihre Denkfähigkeit

    Das menschliche Gehirn ist ein Muskel, der ständiger Übung bedarf – nicht weniger als Bauch- oder Beinmuskeln. Viele Menschen achten eher auf das eigene Äußere und widmen sich mit viel Hingabe dem Joggen oder dem Gewichtheben. Den schlappen Muskel im Kopf merken sie erst, wenn er sich weigert, zu funktionieren.

    Widmen Sie sich dem Denksport – eine weitere Sprache, ein Abendkurs an der Volkshochschule, Gespräche mit intelligenten Menschen und vieles mehr sind hervorragende Wege, sich neues Wissen anzueignen und die Denkfähigkeit zu verbessern.

  • Entwickeln Sie Ihre Beobachtungsgabe

    Meistens achten Menschen nicht auf Details. Welche Farbe haben die Wände im Treppenhaus des Bürogebäudes? Welche Schuhe hat Ihr Sitznachbar an? Oder welche Farbe haben die Blumen im Nachbargarten? Einerseits sind diese Details unwichtig – andererseits kann die Fähigkeit, alles zu bemerken und die richtigen Schlüsse zu ziehen, Ihnen gute Dienste im Beruf und im Privatleben leisten.


    Versuchen Sie es einfach mal: Merken Sie sich ein oder mehrere Details und ziehen Sie einen Schluss daraus. Je mehr Sie wissen, desto zutreffender werden die Schlussfolgerungen sein. Oder haben Sie Lust, auf eine richtig schwere Herausforderung? Hier finden Sie das wohl das schwerste Logikrätsel der Welt.

[Bildnachweis: vitasunny by Shutterstock.com]
21. Juli 2016 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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