Lange galt der Spruch: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Und Generationen von Schülern verzweifelten vermutlich, weil ihnen ein Lehrer mangelnde Intelligenz oder eine geringe Fähigkeit zum logischen Denken vorwarf. Sollte es Ihnen ähnlich ergangen sein, trösten Sie sich: Alles Blödsinn. Fluide Intelligenz heißt die Fähigkeit, über die der Mensch verfügt und die sich trainieren lässt. Wie sie mit logischem Denken zusammenhängt und was Sie dafür tun können...

Fluide Intelligenz trainieren Arbeitsgedaechtnis Kristalline Lernen

Fluide Intelligenz Definition: Eine Form der Intelligenz

Es gibt Menschen, die zweifelsfrei als intelligent bezeichnet werden, etwa wissenschaftliche Größen wie Albert Einstein. Dennoch ist die Frage, was Intelligenz eigentlich ist, nicht zweifelsfrei geklärt, zur Definition werden dann gerne psychologische Modelle herangezogen.

Die Psychologie macht verschiedene Formen der Intelligenz aus, zum Beispiel die emotionale Intelligenz. Als größten gemeinsamen Nenner kann man Intelligenz (lateinisch intellegere = verstehen, wählen zwischen) als Zusammenfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen beschreiben.

Ebenfalls bekannt sind die theoretischen Überlegungen des britisch-amerikanischen Psychologen Raymond Cattell, der 1971 die Zweikomponententheorie entwickelte. Ihr zufolge gibt es zwei Faktoren der generellen Intelligenz, die kristalline Intelligenz und die fluide Intelligenz.

  • Kristalline Intelligenz

    Mit kristalliner Intelligenz lässt sich das Faktenwissen beschreiben, dass der Mensch sich im Laufe seines Lebens aneignet. Dazu gehört erworbenes Wissen wie Vokabeln lernen ebenso wie das Wissen um die korrekte Anwendung von erworbenen Wissen, so beispielsweise Fahrradfahren oder auch herausgefundene Wege zur Problemlösung.

    Der amerikanische Psychologe John L. Horn geht davon aus, dass die kristalline Intelligenz (Crystallized-Ability) im Laufe des Lebens weiter zunimmt.


  • Fluide Intelligenz

    Fluide Intelligenz (General-Fluid-Ability), auch fluides Denken genannt, beschreibt die Fähigkeit zu logischem Denken und Problemlösungskompetenz. Man geht davon aus, dass die fluide Intelligenz genetisch bedingt ist und ab einem Alter von 25 Jahren abnimmt.

    Fluide Intelligenz zeigt sich darin, wie schnell sich ein Mensch in neuen Situationen zurechtfindet und anpasst. Ebenfalls zählt dazu die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Sie ist typisch für kleine Kinder, die beispielsweise mühelos Fremdsprachen erlernen.

Zweikomponententheorie Intelligenz fluide kristalline Grafik

Kristalline und fluide Intelligenz in Kombination

Da die fluide Intelligenz zu einem gewissen Grad angeboren zu sein scheint, bildet sie die Grundlage für die kristalline Intelligenz, beide Formen der Intelligenz hängen also zusammen.

Ein gutes Ausdrucksvermögen, Fachwissen und soziale Kompetenz gehen auf das kristalline Denken zurück, während die fluide Intelligenz vor allem für die Geschwindigkeit und Genauigkeit der Informationsverarbeitung steht. So lernen Kinder ja nicht nur Sprachen, sondern auch den Umgang mit technischen Geräten weitaus schneller und spielerischer als Erwachsene.

Die fluide Intelligenz ermöglicht die Aneignung von Wissen, die kristalline Intelligenz verknüpft dieses Wissen zu Erfahrung. Mit Erfahrung lässt sich wiederum der Abbau von fluider Intelligenz ausgleichen.

Kristalline Intelligenz nimmt im Alter ab Grafik Fluide

Welche Erfahrungen jedoch ein Mensch im Laufe seines Lebens macht und welches Wissen er sich aneignet, wird von vielen Faktoren bestimmt. Dazu zählen die persönlichen Interessen und Vorlieben, aber auch das soziale Umfeld und die Kultur.

Gerade in Deutschland ist die soziale Herkunft nach wie vor maßgeblich dafür, wer erfolgsversprechende Bildungswege einschlägt. Bei den Überlegungen zu fluider und kristalliner Intelligenz spielt also die alte Debatte um Anlage versus Umwelt immer eine Rolle.

Fluide Intelligenz kann trainiert werden

Besonders der präfrontale Cortex und der Scheitellappen stehen mit fluider Intelligenz in Verbindung. Da diese Bereiche vom altersbedingten Abbau betroffen sind, erklärt sich einmal mehr, warum Kinder und Jugendliche eine hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit haben.

Ab einem Alter von Mitte zwanzig nimmt die fluide Intelligenz ab. Dass dennoch nicht alle Menschen plötzlich verblöden, erklärte man sich bisher damit, dass sich der Abbau der fluiden Intelligenz offenbar mit Erfahrungswissen kompensieren lässt.

Statt in Routinen festzustecken, soll man lieber häufiger seine Gewohnheiten ändern, beispielsweise einfach mal einen anderen Weg zur Arbeit fahren als bisher und somit neue Anreize für das Gehirn schaffen. Solche Tricks tragen bereits dazu bei, dass die fluide Intelligenz weniger schnell abnimmt.

Aber es ist noch mehr möglich. Die Schweizer Neuropsychologin Susanne Jaeggi fand in Studien heraus, dass fluide Intelligenz trainierbar ist. Zwar ist sie genetisch vorbestimmt, aber lediglich zu 40 Prozent. Das heißt satte 60 Prozent, also mehr als die Hälfte, lassen sich trainieren.

Genau genommen geht es bei fluider Intelligenz um das Arbeitsgedächtnis, welches dafür zuständig ist, Informationen kurzfristig zu speichern und zu verarbeiten. Wir benutzen das Arbeitsgedächtnis, wenn wir uns Telefonnummern merken oder ein Spiel spielen. Je schneller es funktioniert und möglichst viele Informationen gleichzeitig speichern kann, umso besser.

Typischerweise haben Physiker, Mathematiker und Hochbegabte ein besonders schnelles Arbeitsgedächtnis. Andererseits gibt es sehr gebildete Menschen mit einem hohen Wissen, die Schwierigkeiten haben, sich in ungewohnten Situationen zurecht zu finden - die fluide Intelligenz ist hier geringer ausgeprägt.

Steigerung des IQ in Versuchen?

Fluide Intelligenz trainieren ArbeitsgedächtnisDas Forscherteam um Susanne Jaeggi ließ Positionen von Kästchen auf einem Computerbildschirm aufleuchten, die sich die Versuchsteilnehmer merken mussten.

Erschien ein Kästchen an der gleichen Position wie das vorletzte, sollten sie einen Knopf drücken. Von Runde zu Runde steigerten die Forscher den Schwierigkeitsgrad der Aufgabe und die Probanden mussten sich beispielsweise zusätzlich Buchstaben merken.

Die doppelte Belastung schlug sich nicht nur auf das Arbeitsgedächtnis nieder, das erweitert wurde. Auch die gemessenen IQ-Werte stiegen deutlich an.

Allerdings wurden die Ergebnisse von anderen Forschern angezweifelt: Zwar ließ sich eine Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses nachweisen, aber der Transfer auf die fluide Intelligenz nicht.

Fluide Intelligenz trainieren: Ein frommer Wunsch?

Leider ist auch die scheinbar neutrale Wissenschaft nicht frei von Wunschdenken, denn hinter jeder Forschung und jedem Ergebnis steckt ein Mensch, der ein gewisses Ziel verfolgt. Und gerade die Psychologie steckt in vielen Bereichen noch am Anfang, längst sind nicht alle biologischen, neurologischen oder psychischen Zusammenhänge des Menschen erforscht.

Zweifelsfrei hingegen haben verschiedene Untersuchungen belegen können, dass kontinuierliches Lernen geistig fit hält und vor Krankheiten wie Alzheimer schützen kann. Ob Sie nun Ihre fluide Intelligenz trainieren oder Ihre kristalline: Wenn Sie Ihre Intelligenz trainieren wollen, sind folgende fünf Faktoren ausschlaggebend:

  • Ehrgeiz

    Sie müssen eine Steigerung Ihrer intellektuellen Fähigkeiten erreichen wollen, um auch konkret im Alltag einen positiven Nutzen daraus ziehen zu können.

  • Abwechslung

    Vermeiden Sie ausschließliche Routine. Die ist in bestimmten Bereichen zwar vorteilhaft, weil Sie dann bestimmte Übungen verbessern. Ihnen sollte es allerdings darum gehen, viele verschiedene Gehirnareale miteinander zu verknüpfen. Das passiert durch ungewöhnliche, neue Wege.

  • Flexibilität

    Was auch immer Sie konkret trainieren, es ist wie mit einem Muskel im Fitnessstudio: Sie müssen sich natürlich gerade am Anfang an Ihrem persönlichen Niveau orientieren. Wer nie Gewichttraining gemacht hat, kann nicht plötzlich 100 Kilo wie nichts stemmen. Es geht darum, den goldenen Mittelweg zwischen Überforderung und Unterforderung zu finden und dann langsam zu steigern.

  • Motivation

    Sie brauchen ein gewisses Maß an Selbstmotivation. Das reine Training allein hilft nicht weiter.

  • Vielseitigkeit

    Idealerweise sollten unterschiedliche Aufgaben miteinander verbunden sein, so dass beispielsweise nicht einseitig ein Zahlenverständnis trainiert wird, sondern der Wortschatz und eine schnellere Auffassungsgabe ebenso. Textaufgaben in der Mathematik können hier hilfreich sein.

[Bildnachweis: wowomnom by Shutterstock.com]

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