Fluide Intelligenz: Ist logisches Denken erlernbar?

Was Intelligenz ist und woran sie sich bemisst, darüber streitet die Forschung seit langem. Größere Aufmerksamkeit wird der Zweikomponententheorie geschenkt, wonach der Mensch unter anderem die fluide Intelligenz besitzt. Diese scheint genetisch fixiert zu sein. Allerdings gibt es immer wieder Studien, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Woran Sie fluide Intelligenz erkennen und was es mit kristalliner und fluider Intelligenz auf sich hat, sowie einen Online-Test zum Überprüfen, all das finden Sie hier…

Fluide Intelligenz: Ist logisches Denken erlernbar?

Definition: Fluide Intelligenz ist angeboren

Fluide Intelligenz angeborenDie Frage, was Intelligenz eigentlich ist, ist nicht zweifelsfrei geklärt, zur Definition werden gerne verschiedene psychologische Modelle herangezogen.

Eins davon geht auf den britisch-amerikanischen Psychologen Raymond Cattell zurück, der der 1971 die Zweikomponententheorie entwickelte. Ihr zufolge gibt es zwei Faktoren der generellen Intelligenz, die kristalline Intelligenz und die fluide Intelligenz.

Zweikomponententheorie Intelligenz fluide kristalline Grafik

  • Kristalline Intelligenz

    Mit kristalliner Intelligenz lässt sich das Faktenwissen beschreiben, das der Mensch sich im Laufe seines Lebens aneignet. Dazu gehört erworbenes Wissen wie Vokabeln lernen ebenso wie das Wissen um die korrekte Anwendung von erworbenen Wissen, so beispielsweise Fahrradfahren oder auch herausgefundene Wege zur Problemlösung.

    Die kristalline Intelligenz wird als stark sozialisations- und kulturabhängig bezeichnet. Der amerikanische Psychologe John L. Horn geht davon aus, dass die kristalline Intelligenz (Crystallized-Ability) im Laufe des Lebens weiter zunimmt.

  • Fluide Intelligenz

    Fluide Intelligenz (General-Fluid-Ability), auch fluides Denken genannt, beschreibt die Fähigkeit zu logischem und abstraktem Denken ungeachtet bereits bestehender Erfahrungen. Man geht davon aus, dass die fluide Intelligenz genetisch bedingt ist und ab einem Alter von 25 Jahren abnimmt.

    Fluide Intelligenz zeigt sich darin, wie schnell sich ein Mensch in neuen Situationen zurechtfindet und anpasst. Ebenfalls zählt dazu die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Sie ist typisch für kleine Kinder, die beispielsweise mühelos Fremdsprachen erlernen.

Test Online: So können Sie Ihre fluide Intelligenz erkennen

Fluide Intelligenz Test online erkennenErkennen lässt sich fluide Intelligenz an folgenden Merkmalen und Fähigkeiten:

Das sind wiederum Fähigkeiten, wie Sie bei typischen Einstellungstests und Brainteasern immer wieder vorkommen.

Nachfolgend haben wir einen kostenlosen Online-Test inklusive Lösungen für Sie. Aber nicht schummeln! Wenn Sie eine ehrliche Antwort wollen, sollten Sie die Zeit nehmen und erst versuchen, selbst die Lösung zu finden. Je schneller und korrekter Sie die Lösungen finden, desto besser ausgeprägt Ihre fluide Intelligenz.



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Kristalline und fluide Intelligenz in Kombination

Da die fluide Intelligenz zu einem gewissen Grad angeboren zu sein scheint, bildet sie die Grundlage für die kristalline Intelligenz, beide Formen der Intelligenz hängen also zusammen.

Ein gutes Ausdrucksvermögen, Fachwissen und soziale Kompetenz gehen auf das kristalline Denken zurück, während die fluide Intelligenz vor allem für die Geschwindigkeit und Genauigkeit der Informationsverarbeitung steht. So lernen Kinder ja nicht nur Sprachen, sondern auch den Umgang mit technischen Geräten weitaus schneller und spielerischer als Erwachsene.

Die fluide Intelligenz ermöglicht die Aneignung von Wissen, die kristalline Intelligenz verknüpft dieses Wissen zu Erfahrung. Mit Erfahrung lässt sich wiederum der Abbau von fluider Intelligenz ausgleichen.

Kristalline Intelligenz nimmt im Alter ab Grafik Fluide

Welche Erfahrungen jedoch ein Mensch im Laufe seines Lebens macht und welches Wissen er sich aneignet, wird von vielen Faktoren bestimmt. Dazu zählen die persönlichen Interessen und Vorlieben, aber auch das soziale Umfeld und die Kultur.

Gerade in Deutschland ist die soziale Herkunft nach wie vor maßgeblich dafür, wer erfolgsversprechende Bildungswege einschlägt. Bei den Überlegungen zu fluider und kristalliner Intelligenz spielt also die alte Debatte um Anlage versus Umwelt immer eine Rolle.

Kann fluide Intelligenz trainiert werden?

Besonders der präfrontale Cortex und der Scheitellappen stehen mit fluider Intelligenz in Verbindung. Das Gehirn ist in jungen Jahren plastischer. Diese Plastizität des Gehirns nimmt ab etwa Mitte zwanzig messbar ab und damit auch die fluide Intelligenz.

Da diese Bereiche vom altersbedingten Abbau betroffen sind, erklärt sich einmal mehr, warum Kinder und Jugendliche eine hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit haben. Allerdings ist dies kein Grund zur Panik:

  • Erstens ist fluide Intelligenz nur eine Form der Intelligenz.
  • Zweitens lässt sie sich Untersuchungen zufolge steigern.
  • Drittens können Sie mit der kristallinen Intelligenz kompensieren.

Die Schweizer Neuropsychologin Susanne Jaeggi fand in Studien heraus, dass fluide Intelligenz trainierbar ist. Zwar ist sie genetisch vorbestimmt, aber lediglich zu 40 Prozent. Das heißt satte 60 Prozent, also mehr als die Hälfte, lassen sich trainieren.

Genau genommen geht es bei fluider Intelligenz um das Arbeitsgedächtnis, welches dafür zuständig ist, Informationen kurzfristig zu speichern und zu verarbeiten. Wir benutzen das Arbeitsgedächtnis, wenn wir uns Telefonnummern merken oder ein Spiel spielen. Je schneller es funktioniert und möglichst viele Informationen gleichzeitig speichern kann, umso besser.

Typischerweise haben Physiker, Mathematiker und Hochbegabte ein besonders schnelles Arbeitsgedächtnis. Andererseits gibt es sehr gebildete Menschen mit einem hohen Wissen, die Schwierigkeiten haben, sich in ungewohnten Situationen zurecht zu finden – die fluide Intelligenz ist hier geringer ausgeprägt.

Versuche illustrieren Steigerung des IQ

Fluide Intelligenz trainieren ArbeitsgedächtnisDas Forscherteam um Susanne Jaeggi ließ Positionen von Kästchen auf einem Computerbildschirm aufleuchten, die sich die Versuchsteilnehmer merken mussten.

Erschien ein Kästchen an der gleichen Position wie das vorletzte, sollten sie einen Knopf drücken. Von Runde zu Runde steigerten die Forscher den Schwierigkeitsgrad der Aufgabe und die Probanden mussten sich beispielsweise zusätzlich Buchstaben merken.

Die doppelte Belastung schlug sich nicht nur auf das Arbeitsgedächtnis nieder, das erweitert wurde. Auch die gemessenen IQ-Werte stiegen deutlich an.

Allerdings wurden die Ergebnisse von anderen Forschern angezweifelt: Zwar ließ sich eine Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses nachweisen, aber der Transfer auf die fluide Intelligenz nicht.

So können Sie Ihre Intelligenz trainieren

Leider ist auch die scheinbar neutrale Wissenschaft nicht frei von Wunschdenken, denn hinter jeder Forschung und jedem Ergebnis steckt ein Mensch, der ein gewisses Ziel verfolgt. Und gerade die Psychologie steckt in vielen Bereichen noch am Anfang, längst sind nicht alle biologischen, neurologischen oder psychischen Zusammenhänge des Menschen erforscht.

Einerseits ist umstritten, ob sich fluide Intelligenz unmittelbar trainieren lässt. Andererseits spricht einiges dafür, dass ein Training des Arbeitszeitgedächtnisses, in dem Informationen kurzfristig bereitgehalten werden, sich positiv auf die fluide Intelligenz auswirkt.

Auch ist bekannt, dass Stress und äußere Einflüsse wie hoher Alkoholkonsum sich negativ auf das Gehirn auswirken – indem Sie solche Faktoren berücksichtigen, wirken Sie dem Abbau bereits entgegen.

Dazu haben verschiedene Untersuchungen zweifelsfrei belegen können, dass kontinuierliches Lernen geistig fit hält und vor Krankheiten wie Alzheimer schützen kann. Wichtig dafür sind Übungen, die auditive, visuell-räumliche und verbale Wahrnehmung und Fähigkeiten trainieren. Wie geht das?

  • Vielseitigkeit beachten

    Suchen Sie sich Knobelaufgaben, die Ihnen Spaß machen. Sie werden sich ohnehin beim Gedächtnistraining nicht motivieren können, wenn Sie das Gefühl haben, alles aus einem Zwang heraus zu machen. Da es eine Vielzahl an Möglichkeiten wie etwa Sudoku-Rätsel und Gehirnjogging gibt, ist für jeden etwas dabei. Idealerweise sollten unterschiedliche Aufgaben miteinander verbunden sein, so dass beispielsweise nicht einseitig ein Zahlenverständnis trainiert wird, sondern der Wortschatz und eine schnellere Auffassungsgabe ebenso. Textaufgaben in der Mathematik können hier hilfreich sein. Trainiert werden meist Merkfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Zahlengedächtnis und Sprachverständnis.

  • Gesundheit fördern

    Es stimmt: Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Intelligente Menschen verhalten sich rücksichtsvoller und gesünder ihrem Körper gegenüber. Studien zufolge trinken sie weniger Alkohol, rauchen seltener, sind sportlich aktiver und achten stärker auf eine ausgewogene Ernährung. Infolgedessen erkrankten sie seltener an Herz- und Lungenkrankheiten oder Magen-Darm-Erkrankungen. Selbst bei Autounfällen kamen sie seltener ums Leben.

  • Sprache erlernen

    Wer eine neue Sprache erlernt, versorgt sein Gehirn mit neuem Input. Neue grammatikalische Strukturen wollen gelernt und verstanden werden. Der Abgleich mit der Muttersprache findet statt: Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Diese Lernprozesse begünstigen die Problemlösung in anderen Bereichen. Gleichzeitig profitieren Sie von weiteren positiven Nebeneffekten: Sie verbessern Ihre Merkfähigkeit und Ihr Selbstwertgefühl erfährt einen Aufschwung.

  • Eigenheit berücksichtigen

    Was auch immer Sie konkret trainieren, es ist wie mit einem Muskel im Fitnessstudio: Sie müssen sich natürlich gerade am Anfang an Ihrem persönlichen Niveau orientieren. Wer nie Gewichttraining gemacht hat, kann nicht plötzlich 100 Kilo wie nichts stemmen. Es geht darum, den goldenen Mittelweg zwischen Überforderung und Unterforderung zu finden und dann langsam zu steigern.

  • Bewegung einbauen

    Sport hat nachweislich einen positiven Einfluss auf die Gehirntätigkeiten. Kein Wunder: Alles wird durchblutet und mit Sauerstoff versorgt, Stress abgebaut, Glückshormone ausgeschüttet. Derart entspannt sind Sie hinterher umso aufnahmefähiger. Gleichzeitig trainieren Sie bei bestimmten Sportarten Schnelligkeit, Ausdauer und Reflexe. Nun hat Sport oftmals einen Leistungscharakter. Es geht aber auch deutlich spielerischer: Tanzen lernen macht ebenfalls intelligent! Sie werden dadurch nicht nur fitter, sondern trainieren Ihre Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit.

  • Abwechslung hineinbringen

    Routine ist in bestimmten Bereichen zwar vorteilhaft, weil Sie dann bestimmte Übungen verbessern. Ihnen sollte es allerdings darum gehen, viele verschiedene Gehirnareale miteinander zu verknüpfen. Das passiert durch ungewöhnliche, neue Wege. Statt in Routinen festzustecken, soll man lieber häufiger seine Gewohnheiten ändern, beispielsweise einfach mal einen anderen Weg zur Arbeit fahren als bisher und somit neue Anreize für das Gehirn schaffen. Solche Tricks tragen bereits dazu bei, dass die fluide Intelligenz weniger schnell abnimmt.

  • Musikinstrument lernen

    Ein ganz anderes Kaliber ist nochmal, wenn Sie ein Musikinstrument lernen. Beim Spielen des Musikinstrumentes müssen Sie nicht nur Ihr Wissen kognitiv abrufen, sondern gleichzeitig feinmotorisch umsetzen. Sie trainieren haptische, auditive und kognitive Fähigkeiten. Die fluide Intelligenz ist vor allem deshalb gefordert, weil Sie als Lernender viele neue Situationen erleben. Studien belegen, dass außerdem mathematisches und analytisches Denken gefördert werden – das kommt Ihnen wiederum bei Logikrätseln zugute.

  • Entspannungsphasen berücksichtigen

    Bei alledem sollten Sie darauf achten, dass Sie sich im Alltag nicht überfrachten. Ihr Gehirn ist zu jeder Zeit aktiv, selbst in Ruhephasen. Die brauchen Sie dringend, um das neu Gelernte vom Kurz- in den Langzeitspeicher zu packen. Einige Forscher vermuten, dass genau diese Ruhephasen angesichts der Informationsflut durch soziale Medien und der ständigen Verfügbarkeit durch Handys zu kurz kommen. Das kann beispielsweise passieren, wenn Sie neben der Arbeit gleichzeitig Ihren Facebook- und Twitteraccount bedienen und Whatsapp-Nachrichten sowie Mails beantworten. Dies erklärt auch, warum seit Jahren zu Monotasking geraten wird, da sich Multitasking als Mythos erwiesen hat.

[Bildnachweis: wowomnom by Shutterstock.com]
10. Februar 2020 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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