Bauchgefühl: Wie wir entscheiden

„Das entscheide ich nach Bauchgefühl“ oder „Aufs Bauchgefühl hören“ sind Formulierungen, die vermutlich jeder schon mal vernommen oder gesagt hat. Doch was ist dieses ominöse Bauchgefühl eigentlich? Wir benutzen solche Formulierungen, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen, aber keine rationale Grundlage dafür haben. Das stellt den Entscheider regelmäßig vor ein Dilemma, denn für gewöhnlich gelten gut abgewogene und durchdachte Entscheidungen als eine gute Sache. Aber eben nicht, wenn sie gegen ein Bauchgefühl getroffen werden. Was es damit auf sich hat und wie es sich von Intuition unterscheidet…

Bauchgefühl: Wie wir entscheiden

Definition: Intuition oder Bauchgefühl?

Bauchgefühl Zitate Psychologie aufs Bauchgefühl hören Intuition SprücheWir treffen jeden Tag tausende von Entscheidungen – einige völlig simple, zum Beispiel, welche Kleidung wir anziehen oder was wir essen wollen.

Daneben gibt es natürlich auch etliche Entscheidungen, die gut durchdacht sein wollen. Die Frage ist, nach welchen Kriterien wir entscheiden, denn manchmal fällt die Entscheidung schwer. Wer keine rationalen Argumente für etwas anführen kann, ist auf seinen Bauch angewiesen.

Bauchgefühl und Intuition werden häufig synonym verwandt – und je nachdem, welchem Lager man anhängt, sind die Begriffe es vermutlich auch.

Es gibt eine Reihe von Bedeutungen, die mit dem Bauchgefühl verbunden werden. Verstanden wird darunter beispielsweise…

  • die Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit eine gute Entscheidung treffen zu können, ohne die rationalen Argumente dahinter bewusst benennen zu können,
  • im Unterbewusstsein liegende Gründe für eine Entscheidung,
  • das Wahrnehmen bestimmter Konstellationen oder Sachverhalte, die auf Einfühlungsvermögen beruhen,
  • Intuition als Eingebung, wenn man eine plötzliche Idee hat.

Von dem amerikanischen Psychiater Eric Berne stammt folgende Definition von Intuition:

Eine Intuition ist Wissen, das auf Erfahrung beruht und durch direkten Kontakt mit dem Wahrgenommenen erworben wird, ohne dass der intuitiv Wahrnehmende sich oder anderen genau erklären kann, wie er zu der Schlussfolgerung gekommen ist.

Psychologie macht Bauchgefühl sichtbar

Der Begriff „Bauchgefühl“ mag in die Irre führen, da man denken könnte, dass ausschließlich der Bauch bei Intuition betroffen sei.

Mittlerweile sind zahlreiche weitere Entdeckungen hinzu gekommen, so dass Intuition nicht mehr ausschließlich als Erfahrungswissen bezeichnet wird, sondern sich ebenso aus der Sinneswahrnehmung speist, also Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken.

Neue Erklärungsmodelle wie die Hypothese der somatischen Marker (SMH) gehen davon aus, dass emotionale Erfahrungen sich im Körperlichen wiederfinden.

Das würde erklären, warum wir bei bestimmten Emotionen ein ungutes Gefühl in der Magengegend verspüren. Welche Emotionen sich in welcher Körperregion niederschlagen, dazu forschte ein Team finnischer Wissenschaftler – mit diesen Ergebnissen:

Bauchgefuehl Intuition Definition Emotionen Koerperreaktion Grafik

[Quelle: Aalto University and Turku PET Centre]


Lauri Nummenmaaa, Enrico Glereana, Riitta Harib und Jari K. Hietanend führten eine Onlinestudie (PDF) mit 700 Testpersonen aus Finnland, Schweden und Taiwan durch. Den Forschern ging es darum, Teilnehmer einer völlig anderen Sprache als Finnisch (Schwedisch) und Teilnehmer aus einer anderen Kultur (asiatisch) zu haben.

Den Probanden wurden unter anderem Filme gezeigt und Geschichten zu lesen gegeben, die Gefühle weckten, anschließend sollten Sie am Computer die Körperregionen farblich markieren, die während ihres Gemützustandes betroffen waren.

Dabei stellte sich nicht nur heraus, dass alle Kulturen auf körperbezogene Beschreibungen eines Gefühls zurückgriffen; beispielsweise das metaphorische „Ich habe Schmetterlinge im Bauch“, sondern es konnten bestimmte Regionen klar bestimmten Bereichen im Körper zugeordnet werden.

Deutlich zu erkennen sind Gefühle wie Wut und Stolz lediglich auf den oberen Bereich des Körpers bezogen – „mit Stolz geschwellter Brust“ ist demnach nicht nur eine Formulierung, sondern körperlich wahrnehmbar. Traurigkeit und Neid schnüren regelrecht den Hals ab, Liebe und Glück hingegen erfassen den ganzen Körper, ebenso wie eine Depression.

Analytische Entscheidungen werden oft bevorzugt

Für Bauchgefühl scheint im Geschäftsleben kein Platz zu sein – hier geht es schließlich um Professionalität. Und in Bauchgefühl steckt immer noch der Begriff „Gefühl“. Dabei sollten doch Emotionen lieber außen vor bleiben, sie passen besser zu Liebe und Beziehung.

Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass Gefühle und Professionalität sich ausschließen. Sicher, wenn jemand blind vor Liebe sämtliche sachlichen Entscheidungen außer Acht lässt, mag das zutreffen. Aber frei von Emotionen ist kein Mensch, sofern er nicht Psychopath ist.

Und ein Arbeitsalltag ohne Menschen, die Gefühle (im angemessenen Rahmen) zulassen können, erschwert den Umgang, schließlich haben die meisten es immer noch mit anderen Menschen und nicht nur Maschinen zu tun.

Wie soll sich beispielsweise eine für das Arbeitsleben unerlässliche Eigenschaft wie Vertrauen herausbilden können, wenn Sie nicht auf Ihr Gefühl vertrauen können? Auch objektive Entscheidungen sind letztlich in irgendeiner Form gefühlsbasiert. Nicht ausschließlich, aber der gern angenommene Dualismus von Ratio versus Emotio existiert so nicht.

Bestes Beispiel: Wer sich als Kind an einer Herdplatte verbrannt hat, hat gefühlt, dass das schmerzt. Fortan nicht mehr auf heiße Herdplatten zu fassen, ist eine durchaus logische Konsequenz, denn Verbrennungen bringen keinerlei Vorteile.

Zweierlei Arten von Entscheidungen

Tiere besitzen einen Instinkt, Menschen ein hochentwickeltes Gehirn – wofür dann noch ein Bauchgefühl? Dem israelisch-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman haben wir die Erkenntnis zu verdanken, dass es zweierlei Areale in unserem Gehirn gibt, die für Entscheidungen zuständig sind:

  • Das limbische System

    Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, werden schnell und unbewusst gefällt. Was hier passiert, lässt sich am ehesten mit dem tierischen Instinkt vergleichen. Die Amygdala, das Hauptareal im limbischen System, ist immer aktiv und zuständig für Fluchtreflexe. Wer glaubt, im Gras eine Schlange zu entdecken, wird entsprechend alarmiert sein. Auch wenn sich diese Schlange später als Ast entpuppt, ist der Schaden aufgrund des falschen Alarms vergleichend gering. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!

  • Der Neocortex

    Dieser Teil des Gehirns ist der entwicklungsbiologisch jüngere, er ist beim Menschen stark ausgeprägt. Die hier getroffenen Entscheidungen brauchen ihre Zeit. Dieser Teil des Gehirns ist selten aktiv, er arbeitet bewusst, daher langsam und anstrengend, aber logisch. Hier wird das Pro und Contra abgewägt und genau das führt paradoxerweise mitunter zu schlechten Entscheidungen.

Die analytisch getroffenen Entscheidungen werden hoch bewertet, die oftmals lebensrettenden finden jedoch im Steinzeitgehirn statt. Etwa wenn blitzschnelle Reflexe gefragt sind und Sie einem Fahrzeug ausweichen müssen. Solche schnellen Entscheidungen sind wichtig, denn die menschlichen Sinne sorgen dafür, dass ständig Informationen ans Gehirn übermittelt werden:

Der kratzende Pullover, vor dem Fenster lachende Stimmen, im Nachbarbüro ein klingelndes Telefon, das Ticken des Sekundenzeigers der Wanduhr und dergleichen mehr. Wir würden wahnsinnig, wenn wir jede dieser Informationen (und mehr) bewusst aufnehmen würden. Stattdessen werden sie im Gehirn gefiltert (außer bei Hochsensibilität).

Das alles muss einerseits schnell gehen, andererseits müssen genügend Kapazitäten für lebenswichtige Entscheidungen sein. Das Nervennetzwerk um das limbische System entspricht dem Bauchgefühl und ist für solche Fälle zuständig, in denen nicht erst umständlich Vor- und Nachteile gegenübergestellt werden können.

Bauchgefühl: Zitate und Sprüche

  • Achte auf dein Bauchgefühl. Egal wie gut etwas aussieht: Wenn es sich nicht gut anfühlt, geh weiter. Unbekannt
  • Intuition ist der eigenartige Instinkt, der einer Frau sagt, dass sie recht hat, gleichgültig, ob das stimmt oder nicht. Oscar Wilde
  • Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist. Louis Pasteur
  • Tue, was sich in deinem Herzen richtig anfühlt. Kritisiert wirst du so oder so. Eleanor Roosevelt
  • Intuition ist Intelligenz mit überhöhter Geschwindigkeit. Italienisches Sprichwort
  • Die Ahnung der Frau ist meist zuverlässiger als das Wissen der Männer. Joseph Rudyard Kipling
  • Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen. Joseph Joubert

Intuitives Denken kürzt oft den Weg ab

Seit Ewigkeiten besteht der alte Gegensatz zwischen Logik auf der einen und Gefühl auf der anderen Seite. Oftmals greifen Menschen, die eine wichtige Entscheidung treffen müssen, zu Stift und Papier und listen pro und kontra einer Sache auf.

Zwangsläufig kommt man damit allerdings nicht weiter. Der deutsche Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung, hält analytisches Denken nicht immer für das Beste. In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ berichtet er von einer überlasteten US-Klinik, die zunächst scheinbar vernünftig und rational vorging.

Danach wurden alle Herzinfarkt-Verdachtsfälle auf die Intensivstation gebracht, was eine Kostenexplosion und eine verminderte Qualität zur Folge hatte. In Zusammenarbeit mit dem MPI wurde ein Schema erarbeitet, das auf das Bauchgefühl zurückgreift. Anhand von drei zu beantwortenden Fragen können nun zukünftig die Mediziner abschätzen, ob ein Patient auf die Intensivstation muss oder nicht.

Die Prognose eines Herzinfarkts ist seitdem wesentlich genauer geworden. Aber nicht nur Notfallmediziner müssen häufig und schnell Entscheidungen treffen. Das heißt, Zeitdruck, aber auch eine Fülle an Informationen oder das genaue Gegenteil erfordern, dass wir eine Entscheidung nicht erst anhand einer Liste treffen können, sondern aus dem Bauch heraus.

Es geht aber nicht nur um Schnelligkeit: Ein langwieriges Abwägen, wie es fast nur möglich ist, wenn sämtliche Konsequenzen einer Entscheidung berücksichtigt werden können, verlangt fast schon einen Algorithmus. Für jemanden, der in der Buchhaltung arbeitet, sind Entscheidungen abzuwägen.

Wer jedoch kreativ und innovativ arbeitet, kann nicht Ideen bis ins kleinste Detail zerbröseln, sondern muss auch ausprobieren können.

Entscheidungen immer mit dem Bauch treffen?

Ist es nun grundsätzlich besser, auf sein Bauchgefühl zu hören? Ganz so einfach ist es nicht. Denn auch das Bauchgefühl muss sich erst entwickeln, das heißt, man greift im Endeffekt wie bei rational erklärbaren Entscheidungen auf angesammeltes Wissen zurück.

Von daher ist der alte Gegensatz zwischen Gehirn = Logik, Bauchgefühl = Irrationalität nicht korrekt. Auch intuitiven Entscheidungen liegt ein großer Erfahrungsschatz zugrunde – nur ist der nicht so ohne Weiteres abrufbar wie rationale Argumente.

Andererseits besteht die Gefahr, dass wir uns auf ehemals richtige Entscheidungen versteifen. Wer beispielsweise das Flugzeug als Transportmittel meidet, da das Risiko eines Absturzes besteht, lässt die wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit außer Acht, dass sich ein Unfall mit dem Auto ereignet.

Gigerenzer spricht in diesem Zusammenhang von guten und schlechten Intuitionen, denn hier greift der ursprüngliche Angstmechanismus, der angesichts wesentlich größerer Risiken überholt ist.

Und das Bauchgefühl kann natürlich auch versagen, wenn wir auf andere projizieren: Beispielsweise begegnen Sie einem neuen Kollegen, den Sie sofort unsympathisch finden, weil er Sie vielleicht äußerlich an einen ehemaligen Klassenkameraden erinnert, der Sie zu Schulzeiten getriezt hat.

Oder Sie schließen sich einer Entscheidung an, weil alle Ihre Kollegen etwas befürworten – ohne genauer hinzugucken, vertrauen Sie. In solchen Fällen überlagert die Gruppendynamik das Bauchgefühl.

Bauchgefühl trainieren: Auf die innere Stimme hören

Wie in so vielen Bereichen geht es daher weniger um ein Entweder – Oder, sondern um eine gesunde Mischung aus Kopfentscheidung und Bauchgefühl. Um zukünftig besser auf Ihr Bauchgefühl hören zu können, sollten Sie sich Wissen aneignen.

Das betrifft tatsächlich auch das gern zitierte „Halbwissen“ – nehmen Sie mit, was Sie kriegen können, Überschriften, Informationsfetzen im Netz. Denn so schaffen Sie eine Basis für zukünftige Entscheidungen aus dem Bauch heraus.

  • Argumente suchen

    Helfen Sie Ihrem Bauchgefühl auf die Sprünge, indem Sie bei einer anstehenden Entscheidung nach unterstützenden Argumenten dafür suchen.

  • Konsequenzen abwägen

    Genauso gut können Sie sich fragen, ob eine Entscheidung weitreichende, negative Konsequenzen hat. Ist das nicht der Fall, leiden keine Stellen darunter, dann fällen Sie die Entscheidung.

  • Ideen sammeln

    Spinnen Sie ein bisschen herum, lassen Sie auch abwegige Vorstellungen zu und beobachten Sie dann, welches Gefühl, welche Ahnung Sie zuerst hatten.

  • Zeit einräumen

    Und zwar sich selbst. Entspannen Sie sich mit Meditation oder Sport, so ist Ihr Geist wieder empfänglich für intuitive Impulse.

  • Veränderungen beobachten

    Gefühle wie Gänsehaut, Schmetterlinge im Bauch oder Kribbeln in den Gliedmaßen sind Signale. Bei Hunden stellen sich die Ohren aufrecht oder das Fell am Rücken bekommt eine „Bürste“ – seien Sie wachsam für physische Veränderungen bei sich.

[Bildnachweis: Andrey_Popov by Shutterstock.com]
11. Juli 2017 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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