Halbwissen-gefaehrlich-oder-nicht
Nach Vollkommenheit zu streben, ist schon mal vollkommen aussichtslos. Allenfalls derjenige, der sich mit seiner Einsicht für beschränkt erklärt, kommt "der Vollkommenheit am nächsten", befand einst schon Johann Wolfgang von Goethe – und der wusste eine Menge. Die vollkommene Wahrheit zu kennen, ist für uns Menschen genauso utopisch wie erschöpfendes Wissen zu konservieren. Oder einfach gesagt: Keiner von uns ist vollkommen. Halbwissen ist das eher die Regel, aber weniger ist ohnehin manchmal mehr...

Gefährliches Halbwissen - wirklich?

Extra-Tipp-IconHalbwissen hat einen schlechten Ruf. Es gilt als unseriös bis gefährlich. Es steht mit oberflächlichem Wissen und fundierter Unkenntnis auf einer Stufe. Die Gefahr des Halbcheckers ist, dass er nur glaubt sich mit einer Sache auszukennen, Sachverhaltenicht versteht oder hinterfragt - und den halben Mangel an echter Substanz durch doppelte Vehemenz ausgleicht. Deshalb auch bekannt als "Dochwissen".

Und weil die Menschen auch glauben, was zwar nicht wahr ist aber dafür umso öfter wiederholt wird, vermehrt sich das Halbwissen auch noch rasant.

Wahr ist aber auch, dass der Terminus des Halbwissens suggeriert und abwertet. Nicht selten wird er dazu genutzt, abweichende Meinungen als angeblich lückenhaft zu diskreditieren. Es stimmt zwar, dass Halbwissen zu Experten-Hörigkeit führen kann. Gleichwohl positioniert sich der Halbwissen-Entlarver damit selbst als Ganzwisser und Durchblicker. Misstrauen ist also in beide Richtungen geboten.

Zudem bleibt die Frage im Raum, ob Vollwissen überhaupt zu erreichen ist - oder ob wir die Welt letztlich immer nur in Ausschnitten und aus unserer Brille betrachten? Dazu gibt es ein wunderbares Zitat von Anaïs Nin: "Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind."

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Gesundes Halbwissen: Partielle Unkenntnis bringt weiter

Halbwissen ist das, was Sarah Kuttner schon das "oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" nannte. Wir umgeben uns tagtäglich damit, versuchen damit zu glänzen und behaupten zugleich vehement, es sei so etwas wie Fachwissen, Fachkompetenz und Expertentum, während es doch nur eines bleibt: Halbwissen.

Erstaunlich ist das deshalb, weil partielle Unkenntnis oft weiter bringt, als absolute Einsicht. Das ist sogar wissenschaftlich belegt:

So ließen einmal internationale Forscher, unter anderem Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, in mehreren Studien Börsenlaien gegen Profis antreten, wobei beide Gruppen möglichst erfolgreich in Wertpapiere investieren sollten. Nahezu durchweg schnitten die intuitiv handelnden Amateure besser ab als die fachkundigen Spezialisten. Sie verfügten offenbar über eine Art innere Entscheidungshilfe, die ihre zahlreichen Alternativen auf einen richtigen Rest reduzierte.

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler daraus:

Experten können im Nachhinein zwar besser analysieren als Laien, wenn es aber um die aktuelle Entscheidung geht, sind sie den Scheinwissenden kaum überlegen, im Gegenteil: Letztere sind sogar schneller, weil sie sich lediglich merken, was sich bewährt hat.

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Halbwissen macht schneller und schlauer

Zu viel Detailversessenheit verstellt eben den Blick auf das Ganze. Nehmen Sie zum Beispiel den russischen Gedächtniskünstler Solomon-Veniaminovich Shereshevsky.

Der Mann war begnadet im Memorieren von Büchern: Er las eine Seite und konnte sie anschließend sofort vollständig rezitieren – vorwärts wie rückwärts. Nur zusammenfassen konnte er sie nicht. Trotz seines großartigen Gedächtnisses hatte er große Mühen damit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und das Gelernte zu abstrahieren. Damit war sein Wissensschatz zwar umfassend, jedoch auch ziemlich unnütz.

Das halbe Wissen ist dem ganzen überlegen, denn es erkennt die Dinge "einfacher als sie sind und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender", fasste es Friedrich Nietzsche seinerzeit trefflich zusammen. Die halbe Wissensportion – sie macht nicht nur schneller und schlauer, sondern obendrein schlagkräftiger.

Oder kurz: Tausendsassa besiegt Fachidiot.

Halbwissen reduziert Komplexität

Was bleibt uns auch anderes übrig. Niemand kann alles wissen. Und so entsteht unsere Lexikonweisheit bereits beim Lernen: Um das immer komplexere Wesen dieser Welt zu erfassen, verknüpft unser Gehirn neues Wissen mit alten Erfahrungen und vereinfacht die Dinge dabei.

Es reduziert Komplexität, indem es Regelmäßigkeiten erkennt. Bauernregeln und Volksweisheiten sind nichts weiter als kondensierter Dilettantismus um einen wahren Kern.

Dass sich bei diesem Vorgang zwangsläufig Fehler und Verzerrungen einschleichen, die wir als solche kaum noch erkennen, weil sie plausibel klingen, macht auf lange Sicht nichts. Unsere spontanen intuitive Bauchentscheide mögen manchmal falsch sein – meistens sind sie es nicht.

Also nichts, wofür man sich schämen müsste. Womöglich ist derjenige, der mit seinem Halbwissen hausieren geht, nicht einmal ein knarziger Besserwisser, sondern hebt nur einen verborgenen Schatz kollektiver Klugheit. Behaupte ich. Vollkommen sicher bin ich mir nicht.

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]

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