Objektivität: Vorurteile erkennen, Wahrnehmung verbessern

Ist Objektivität möglich? Sobald wir Dinge oder Menschen beurteilen, Entscheidungen treffen, leben wir in dem Dilemma aus Objektivität und Subjektivität. Sympathien, die Macht des ersten Eindrucks, die Psychologie von Körpersprache und Wortwahl, ja selbst unsere bisherigen Erfahrungen mit vergleichbaren Situationen oder Menschen prägen uns bis in die Haarspitzen.

Bewusst mögen wir rational handeln. Aber unterbewusst haben die subjektiven Empfindungen, Stereotype und Vorurteile längst die Kontrolle übernommen.

Wir entscheiden oft alles andere als objektiv (auch wenn das viele gerne von sich behaupten), sondern höchst individuell und emotional. Worin liegt der Unterschied? Warum ist Objektivität trotzdem wichtig? Und wie können wir künftig objektivere Entscheidungen treffen? Die Antworten…

Objektivität: Vorurteile erkennen, Wahrnehmung verbessern

Was ist der Unterschied zwischen subjektiv und objektiv?

Beide Begriffe bilden die Extrempole auf einer Skala:

  • Eine Sache subjektiv zu betrachten, bedeutet, sie persönlich zu bewerten – durch eigene Gefühle, Erfahrungen, den Instinkt. Wir mögen etwas, finden jemanden sympathisch, attraktiv. All das liegt im Auge des Betrachters. Subjektivität ist wie ein „Trotzdem“: Sachlich mag die Wahl Blödsinn sein, subjektiv erscheint sie uns völlig richtig.
  • Etwas objektiv zu beurteilen, ist dagegen der Versuch einer nüchternen, rein sachlichen Betrachtung. Nur rationale Argumente, Daten, Fakten zählen. Der Verstand entscheidet, nicht das Herz.

Objektiv versus Subjektiv: Hier liegen die Unterschiede

🧠 Objektivität ist…💖 Subjektivität ist…
  • Rational
  • Sachlich
  • Nüchtern
  • Unparteiisch
  • Unvoreingenommen
  • Vorurteilsfrei
  • Wertneutral
  • Emotional
  • Instinktiv
  • Individuell
  • Befangen
  • Abhängig
  • Klischeebehaftet
  • Tendenziös


Was ist Objektivität?

Der Begriff stammt vornehmlich aus der Testtheorie („Test-Objektivität“). In der wissenschaftlichen Forschung sollen so die Unabhängigkeit der Messmethoden und Testergebnisse gesichert sowie verfälschende Faktoren ausgeschlossen werden.

Es geht um die vollständige Neutralität einer Studie bei der Durchführung, Auswertung und späteren Interpretation. Das Ergebnis soll unbeeinflusst sein von Vorwissen oder Vorurteilen und später von anderen (Außenstehenden) als sachlich nachvollziehbar, logisch und möglichst richtig bewertet werden.

Eine solche Objektivität als Gütekriterium ist allerdings oft eine Illusion.

Die Ergebnisse der Verhaltensökonomie und Kognitionswissenschaft zeigen uns nur allzu deutlich, dass uns eine objektive Beurteilung nur selten gelingt.

Zwar versuchen wir regelmäßig unsere Urteile zu prüfen – durch kritische Rückfragen, durch Faktenchecks oder Datenanalysen. Das ist auch alles vernünftig. Doch müssen wir zugleich eingestehen, dass allein die Auswahl der Quellen, das Ignorieren missliebiger Zahlen und Ausblenden anderer Meinungen bereits eine Manipulation des Ergebnisses darstellt.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Der amüsante Spruch offenbart bereits unseren Unwillen zur Objektivität. Überall, wo etwas nicht in unser Weltbild passt, wird es eben passend gemacht. Solange, bis sich liebgewonnene Urteile und Vorurteile bestätigen. Es ist die Geburtsstunde der „alternativen Fakten“.

Die hat nicht erst Donald Trump erfunden.

Warum ist Objektivität wichtig?

Entscheidet das Herz besser? Durchaus. Oft sogar schneller und richtiger als der Kopf. Unsere Intuition, das sprichwörtliche Bauchgefühl, ist ein mächtiger Verbündeter.

Diverse Studien zeigen: Mit dem Unterbewusstsein können wir in Bruchteilen von Sekunden auf im Gehirn gespeicherte Informationen, Erfahrungen und Gefühle zurückgreifen und diese bewerten. Nur ein Bruchteil dieser Erkenntnisse ist aber bewusst verfügbar.

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat beispielsweise ermittelt, dass das Unterbewusste einige Millionen Informationen pro Sekunde verarbeiten kann, das Bewusstsein jedoch nur 0,1 Prozent davon.

Instinkt und Intuition – sie sind enge Verwandte der Weisheit.

Jetzt kommt das Aber.

Wir können uns dabei auch täuschen. Und zwar dann, wenn wir nur meinen auf diesen Wissensschatz zurückgreifen zu können. Das Wissen ist aber falsch – oder kann schlicht hierauf nicht angewendet werden. Motto: Das haben wir schon immer so gemacht. – Ja, aber die Zeiten sind andere!

Es ist ein bisschen wie beim sogenannten Dunning-Kruger-Effekt und seinen vier Stufen:

  • Zuerst überschätzen wir unser eigenes Wissen und Können (Stufe 1).
  • Zugleich sind wir blind für das Ausmaß der eigenen Inkompetenz (Stufe 2).
  • Weshalb wir unser Halbwissen nicht korrigieren (Stufe 3).
  • Und die Wahrheit oder das Können anderer unterschätzen (Stufe 4).

Das Streben nach Objektivität ist deshalb nicht nur nobel. Es bewahrt uns auch vor Fehlurteilen, Voreingenommenheit und durchlüftet unseren Geist.

Der soll es sich bitteschön bloß nicht allzu bequem machen da oben. Oder wie es ein anderes Bonmot auf den Punkt bringt:

Glaube nicht alles, was du denkst!

Etwas objektiv beurteilen bedeutet, den Versuch zu unternehmen, eine Wahl zu treffen, die nicht nur für uns selbst und in diesem Moment wahr und richtig ist, sondern ebenso vor einer allgemeinen Prüfung bestehen könnte.

Den Gedanken der Objektivität hat letztlich schon der große Aufklärer und Kritiker der Urteilskraft, Immanuel Kant, in seinem kategorische Imperativ zusammengefasst:

Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

Das ist, zugegeben, ein hoher Anspruch und alles andere als subjektiv. Unmöglich ist es aber nicht.

Warum fällt uns Objektivität trotzdem so schwer?

Wollen heißt nicht können. Zwar wollen und sollen wir im Alltag und im Beruf möglichst rationale und objektive Entscheidungen treffen. Tatsächlich aber lassen wir uns häufiger von unbewussten Vorurteilen und Stereotypen leiten.

Der Fachbegriff hierfür lautet: Cognitive Biases – und davon gibt es so einige.

Immerhin: Wer sie kennt und sich bewusst macht, fällt seltener darauf herein. Daher hier eine Auswahl der Cognitive Biases und Denkmuster, die uns im Alltag besonders häufig begegnen und beeinflussen:

  • Der Rosenthal-Effekt
    Dieser Effekt wurde erstmals in einem Experiment der Sozialpsychologen Robert Rosenthal und K.L. Fode beschrieben und ist auch unter dem Namen Pygmalion-Effekt bekannt. Dahinter steckt letztlich das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung.

    Bei den Experimenten dazu erzählten zum Beispiel Lehrer ihren Schülern, sie würden zu den Besten ihres Jahrgangs zählen. Schon verbesserten sich deren Noten und Leistungen. Am Ende waren sie wirklich unter den Besten. Einziger Haken: Die Geschichte war gelogen. Anfangs waren die Schüler allenfalls Mittelmaß.

    Allein Erwartung und Zuspruch reichen aus, um eine Leistungssteigerung hervorzurufen. Das funktioniert nicht nur in der Schule, sondern auch im Job oder Sport. Allerdings nicht nur im Positiven, sondern auch negativ (siehe: Andorra-Effekt): Egal, welche Erwartung wir anderen Menschen gegenüber haben – wir werden uns ihnen gegenüber entsprechend verhalten, mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann unseren Erwartungen entsprechen. Nicht weil SIE so sind, sondern weil WIR uns so verhalten.


  • Der Primacy-Effekt
    Das ist der Fachausdruck für den (meist völlig subjektiven) ersten Eindruck. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde entscheiden wir, ob uns unser Gegenüber sympathisch ist oder nicht.

    Diese Einschätzung beruht allein auf dem Aussehen, der Körpersprache oder dem Geruch unseres Gegenübers. Ist das Urteil gefallen, ordnen wir alles, was danach kommt, in diese Schublade ein. Der Mensch – er passt ins Bild.

    Der Primäreffekt, wie der Primacy-Effekt auch genannt wird, macht es uns enorm schwer, Menschen zu erkennen, wie sie wirklich sind. Einmal unsympathisch, immer unsympathisch. Die anderen – objektiv ebenfalls vorhandenen Seiten – blenden wir aus.


  • Der Recency-Effekt
    Wo der Primacy-Effekt herrscht, ist der Recency-Effekt nicht weit. Er bildet das Pendant am Schluss: die Macht des letzten Eindrucks.

    Der nämlich bleibt hängen und hallt nach. Ein schwerer Fauxpas, ein blöder Spruch am Schluss – und all das aufgebaute Vertrauen und die Sympathien sind futsch. Ebenso wie der erste Eindruck prägt auch der letzte Eindruck noch lange unser Urteil über eine Person.

    Primacy Recency Effekt Grafik

Sagen wir es, wie es ist: Wir können die Wirklichkeit nicht wirklich wahrnehmen. Unsere Wahrnehmung der Realität ist eben genau das: UNSERE subjektive Wirklichkeit. Wir sind ein Teil davon und konstruieren Wirklichkeit mit. Auch wenn wir das freilich im Alltag ganz anders erleben.

Objektivität gewinnen: So treffen Sie weniger subjektive Entscheidungen

Zurück zur Eingangsfrage: Ist Objektivität möglich? Ja, ist sie. Aber es ist nicht leicht und gelingt auch nicht immer.

Vorurteile und Klischees können unsere Entscheidungskraft massiv behindern – ohne dass wir es merken. Den Umstand müssen wir aber nicht fatalistisch hinnehmen. All den subjektiven Urteilsfallen können wir auch etwas entgegensetzen.

Die folgenden Tipps können Ihnen helfen, mehr Objektivität im Alltag zu gewinnen und öfter mal über den eigenen (mentalen) Schatten zu springen:

  • Machen Sie sich Ihre Entscheidungen bewusst.

    Der erste und wichtigste Schritt ist mit dieser Lektüre bereits getan: Sie machen sich gerade bewusst, dass Sie in der Regel keine objektiven Urteile fällen. Vielleicht nicht die schönste Erkenntnis des Tages, aber eine wichtige.

    Im zweiten Schritt sollten Sie Ihre unbewussten Wahlmotive ans Licht bringen: Auf welche Trigger reagieren Sie regelmäßig so oder so? Was lässt den Verstand ausklinken? Was versetzt Sie in eine Art Rauschzustand? Indem Sie sich mit den unterschiedlichen Biases und Psycho-Effekten beschäftigen, kommen Sie sich selbst auf die Spur – und gehen sich seltener auf den Leim.

    Kurz: Die ehrliche und selbstkritische Analyse entlarvt subjektive Entscheidungsfallen.

  • Wechseln Sie die Perspektive.

    Hin und wieder hilft es, einen Schritt zurückzutreten und die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

    Um das zu erleichtern, können Sie zum Beispiel in eine neue Rollen schlüpfen: Stellen Sie sich etwa vor, Ihr bester Freund müsste die Entscheidung treffen, vor der Sie gerade stehen. Was würden Sie ihm raten?

    Und was fast immer hilft: Eine Nacht darüber zu schlafen (siehe Video):

  • Lassen Sie sich Zeit.

    Objektivität braucht Zeit. Sie ist selten spontan. Ad-hoc-Objektivität gibt es nicht. Schon gar nicht gelingt sie unter Druck. Im Gegenteil: Wer sich unter Druck setzt, fällt regelmäßig in altbekannte Denkmuster zurück. Das Gehirn geht dann auf Autopilot. Eine Art Schutzreflex. Aber kein kluger.

    Nehmen Sie vor wichtigen Entscheidungen daher immer den Druck raus und so viel Zeit wie nötig. Nicht weniger Verkäufer nutzen beispielsweise die sogenannte künstliche Verknappung („Dieses Angebot gilt nur noch 24 Stunden“), um uns zu verführen. Ein fieser Trick. Gegen den Sie sich aber wehren können: Wirklich einmalige Chancen sind selten. Fast immer gibt es eine zweite Chance. Die ist zuweilen sogar noch besser.

  • Listen Sie Vor- und Nachteile auf.

    Etwas aufzuschreiben, Alternativen buchstäblich Schwarz auf Weiß vor sich zu sehen, kann für deutlich größere Objektivität sorgen. Indem Sie die klassische Pro- und Contra-Liste nutzen, lassen sich Vorteile und Nachteile einer Wahl besser bewerten. Zum Einen durch die schiere Anzahl (mehr Vor- als Nachteile). Aber auch durch die Sinnhaftigkeit der jeweiligen Argumente (Ist das wirklich ein Vorteil?).

    Die Liste zeigt noch etwas anderes: Hin und wieder neigen wir nicht zu der Variante, die objektiv gesehen und rein rational betrachtet die beste wäre. Stattdessen haben wir längst eine andere Wahl getroffen. Diesem Vor-Urteil im Wortsinn kommen wir dann auf die Schliche, wenn wir zum Beispiel mit dem Gewinner der Pro-und-Contra-Liste nicht einverstanden sind.

Generell gilt: Allein die Erkenntnis, wie wir persönlich Entscheidungen treffen und zu unseren individuellen Urteilen gelangen, führt zu mehr Objektivität.

Selbst wenn wir auf den ersten Blick eine unlogische, subjektive Variante wählen, lernen wir etwas über unsere Vorlieben, Neigungen, Beuteschemata. Gut so!

Bewusstsein schafft (mehr) Objektivität.

[Bildnachweis: inimalGraphic by Shutterstock.com]
31. Mai 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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