Objektivität: So vermeiden Sie Vorurteile

Ich weiß nicht warum, aber die neue Kollegin ist mir unsympathisch. Haben Sie auch schon einmal so gedacht? Dann haben Sie sich vermutlich von subjektiven Empfindungen statt von Objektivität leiten lassen. Wenn Sie später zu der Einsicht gelangen, dass die neue Kollegin doch ganz nett ist, bereuen Sie Ihre anfänglichen Vorurteile womöglich. Dabei ist es zunächst natürlich, nicht objektiv-rational, sondern subjektiv zu entscheiden. Nur nicht immer gut. Deshalb ist es nützlich, zu wissen, wie sich objektivere Entscheidungen treffen lassen…

Objektivität: So vermeiden Sie Vorurteile

Warum sind objektive Entscheidungen so schwierig?

Im Alltag und im Beruf möchten wir möglichst rationale und objektive Entscheidungen treffen. Die Ergebnisse der Verhaltensökonomie und Kognitionswissenschaft zeigen uns jedoch, dass uns das häufig nicht gelingt.

Objektivität in Bezug auf menschliche Entscheidungen ist in der Regel eine Illusion. Stattdessen lassen wir uns von unbewussten Vorteilen und Einstellungen leiten, der Fachbegriff dafür lautet Cognitive Biases – und davon gibt es so einige.

Das Fatale daran: Diese unbewussten Muster helfen uns nicht immer, die beste Entscheidung zu treffen. Im Gegenteil. Manchmal stehen sie uns im Weg.

Das behindert unsere Objektivität

Cognitive Biases und andere Denkmuster beeinflussen unsere Entscheidungsfindung. Wer sie kennt, kann sie vermeiden oder zumindest ihren Effekt abmildern. Folgende Muster kommen dabei infrage:

  • Der Rosenthal-Effekt

    Dieser Effekt wurde erstmals in einem Experiment der Sozialpsychologen Robert Rosenthal und K.L. Fode beschrieben und ist auch unter dem Namen Versuchsleiter(erwartungsgemäß) Effekt oder Versuchsleiter-Artefakt bekannt.

    Er erklärt, wie positive Erwartungen, (positive) Stereotype und Überzeugungen des Versuchsleiters das Ergebnis beeinflussen. Der Rosenthal-Effekt (auch: Pygmalion-Effekt) steht in einem engen Zusammenhang zu der sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung.

    Das Experiment wurde in verschiedenen Variationen durchgeführt. Bekannt ist die Versuchsanordnung, bei der einem Lehrer einer Grundschulklasse eine Liste von Schülern vorgelegt wurde, bei denen mit Leistungssteigerungen gerechnet werden könne.

    Die Vorhersagen beruhten nicht auf einem tatsächlich durchgeführten Test, sondern waren frei erfunden: Die Schüler waren ausgelost worden. Die Einstellung des Lehrers zu den Schülern hatte trotzdem einen deutlichen Effekt: Die Leistung besserte sich signifikant – ganz so, wie vorhergesagt.

    Allein die Erwartung des Lehrers reichte aus, um die Leistungssteigerung hervorzurufen. Was in der Schule funktioniert, klappt auch im Alltag. Haben wir eine positive Erwartung einem anderen Menschen gegenüber, werden wir uns anders verhalten und kommunizieren. Das Ergebnis: Die Person entspricht eher unseren in sie gesetzten positiven Erwartungen.

  • Der Primacy-Effekt

    Das ist der Fachausdruck für den Klassiker unter den nicht-objektiven Denkmustern, dem ersten Eindruck. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde entscheiden wir, ob uns unser Gegenüber sympathisch ist oder nicht. Da es schnell gehen muss, beruht dieser Effekt hauptsächlich auf Körpersprache und Geruch. Ist das Urteil gefallen, ordnen wir alles was danach kommt, in diese Schublade ein.

    Hat der neue Kollege etwas an sich, das Sie nicht ausstehen können oder hat er zufällig Ähnlichkeit mit einer Person, die Sie nicht mögen, wird es für ihn schwer. Der Primacy-Effekt besagt nämlich, dass wir das weitere Verhalten dieser Person so wahrnehmen, dass es zu unserem ersten Eindruck passt.

    Selbst wenn der Kollege in Wahrheit ganz nett ist, werden wir das nicht so empfinden. Das hat mit unserem Gedächtnis zu tun: Informationen, die wir als erste aufnehmen, bleiben uns prägnanter in Erinnerung. Stellt sich der Kollege später als durchaus sympathisch heraus, wird das nie das gleiche Gewicht haben, wie unser erster, verkorkster Eindruck.

  • Der Recency-Effekt

    Wo der Primacy-Effekt ist, ist der Recency-Effekt nicht weit. Er ist nämlich das Pendant zu dem eben genannten Denkmuster und auch er beruht auf einer Eigenart unseres Gedächtnisses. Ebenso wie die zuerst wahrgenommenen Eigenschaften, bleiben auch die letzten lange in unserem Gedächtnis und beeinflussen unser Urteil über die betreffende Person.

    Primacy Recency Effekt Grafik

Was versteht man unter der Interviewer-Bias?

Was versteht man unter der Interviewer-Bias?Nicht nur wir, auch andere Menschen lassen sich von subjektiven Urteilen beeinflussen. Im schlimmsten Fall kann uns das an unserem beruflichen Vorankommen hindern.

Das Gegenteil der Objektivität ist zum Beispiel die so genannte Interviewer-Bias, die Personaler im Bewerbungsgespräch an den Tag legen können.

Der Begriff Bias stammt aus der Statistik und meint hier eine Verzerrung der Untersuchungsergebnisse. In diesem Sinn wird er auch in dem Begriff Interviewer-Bias verwendet.

Statt sich mit größtmöglicher Objektivität (sofern das als subjektives Individuum möglich ist) ein Urteil des Bewerbers zu machen, lassen sich Personaler von ihren Vorurteilen und/oder unbewussten Vorstellungen leiten. Man denke nur an den häufig zitierten ersten Eindruck.

So kommt es dazu, dass das Vorstellungsgespräch keine objektiven Ergebnisse mehr liefert, sondern unbewusst zu verfälschten Ergebnissen führt.

Diese Beeinflussung des Ergebnisses durch den Befrager (in unserem Fall den Personaler im Vorstellungsgespräch) nennt man Interviewer-Bias.

So schützen Sie sich vor subjektiven Entscheidungen

Vorteile und Stereotype können unsere Entscheidungskraft behindern. Das müssen wir aber nicht fatalistisch hinnehmen. Den subjektiven Urteilsfallen können wir etwas entgegensetzen:

  • Machen Sie sich Entscheidungen bewusst

    Sie müssen sich bewusst machen, dass Sie in der Regel keine Urteile fällen, die von Objektivität geprägt sind. Wer das weiß, kann entsprechend handeln.

    Dazu müssen die eigenen Vorurteile und Stereotype präsent und bekannt sein. Auch die Kenntnis der unterschiedlichen Cognitive Biases und psychologischen Effekte ist ein Schritt hin zu mehr Objektivität.

    Können Sie nachvollziehen, warum Sie in der jeweiligen Situation so und nicht anders gehandelt haben? Warum reagieren Sie auf den neuen Kollegen oder Nachbarn so zurückhaltend? Liegt das an seiner Person oder daran, dass Sie sich von einem psychologischen Effekt beeinflussen lassen?

    Die Antwort auf diese Fragen kann erste Hinweise auf die eigenen Entscheidungsfallen bieten.

  • Betrachten Sie Ihr Urteil von außen

    Hin und wieder hilft es, einen Schritt zurückzutreten und die Situation aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Um das zu erleichtern, können Sie auch in eine neue Rolle schlüpfen. Stellen Sie sich vor, Ihr bester Freund müsste die Entscheidung treffen, vor der Sie nun stehen. Was würden Sie ihm raten?

  • Lassen Sie sich Zeit

    Setzen Sie sich bei Ihrer Entscheidungsfindung nicht unter Druck. Das führt dazu, dass Sie in altbekannte Denkmuster verfallen und sich Stereotypen und Vorurteilen bedienen. Nehmen Sie sich für wichtige Dinge so viel Zeit, wie Sie brauchen.

  • Listen Sie die Vor- und Nachteile auf

    Dieser Vorschlag geht viel weiter als die klassische Pro- und Contra-Liste, hängt damit aber zusammen.

    Schreiben Sie alle Vor- und Nachteile der Entscheidung auf, die Sie treffen möchten. Was Ihnen dieses Vorgehen zunächst bringt, ist ein gutes Maß an Objektivität. Die Variante, die die meisten Vorteile hat, ist diejenige, die Sie rational betrachtet wählen sollten.

    Die Liste zeigt noch etwas anderes: Hin und wieder neigen wir nicht zu der Variante, die objektiv gesehen die beste ist, sondern haben bereits eine andere Entscheidung getroffen. Das zeigt sich dann, wenn Sie mit dem Gewinner der Pro- und Contra-Liste nicht einverstanden sind.

Wie wir Entscheidungen treffen und zu Urteilen gelangen, ist ebenfalls eine Einsicht, die uns zu mehr Objektivität verhelfen kann. Selbst wenn wir auf den ersten Blick die unlogische Variante wählen, lernen wir etwas über unsere Entscheidungstechniken – und das führt zu mehr Objektivität.

[Bildnachweis: Pressmaster by Shutterstock.com]
13. Januar 2019 Karrierebibel Autoren Logo Autor: Julia Sima

Julia-Eva Sima arbeitet als freie Journalistin und war mehrere Semester Dozentin an der Universität des Saarlandes. Danach wechselte sie in die Personalbranche und arbeitete unter anderem als Headhunter.



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