Vorurteile: Vorgefertigtes Denken

Es klingt hart, aber jeder Mensch hat Vorurteile. Wir stecken Menschen in Schubladen, aus denen diese nur schwer wieder herauskommen. Blondinen sind dumm, Polen klauen, Schwaben sind geizig, Kevin hat die Schule abgebrochen, Frauen können allgemein nicht einparken, Männer sind auf der anderen Seite gefühlskalt und denken nur an Sport oder Autos… Das sind natürlich alles Vorurteile, doch sie beeinflussen das Denken und Handeln. Der Mensch lässt sich von Vorurteilen zeigen, wie die Welt auszusehen hat, damit diese in eine vorgefertigte Schablone passt. Mit der Realität hat das wenig bis gar nichts zu tun und so haben Vorurteile vor allem negative Folgen. Doch wer versteht, wie Vorurteile entstehen, kann auch etwas tun, um diese zu überwinden und vorgefasste Meinungen zu hinterfragen…

Vorurteile: Vorgefertigtes Denken

Definition: Was ist ein Vorurteil?

Vorurteile Entstehung Definition Beispiele Psychologie UrsachenEin Vorurteil ist eine vorgefasste Meinung gegenüber Personen, Gruppen oder bestimmten Sachverhalten, ohne dass dazu eine direkte Erfahrung existiert. Stattdessen wird häufig aufgrund von Hörensagen generalisiert.

Um effektiv Informationen zu verarbeiten, die uns im sozialen Miteinander begegnen, müssen wir vereinfachen. Also werden Menschen in Gruppen eingeordnet und wir rufen das Wissen ab, was wir über diese Gruppen haben. Vorurteile erleichtern dabei die Denkarbeit.

Menschen kategorisieren ständig, alles, den ganzen Tag. Bezogen auf Personen, werden Geschlecht, Alter, Hautfarbe als erstes wahrgenommen. Es besteht überhaupt keine Zeit, jeden Menschen, dem wir neu begegnen, einer sorgfältigen Analyse zu unterziehen, daher schaltet das Gehirn gewissermaßen auf Autopilot.

Zu Beginn einer jeden Kategorisierung steht das Stereotyp. Ein bestimmtes Merkmal von Personen wird als typisch erklärt und jeder, der dieses Merkmal enthält, wird in eine Gruppe zusammengefasst.

Oft werden die Begriffe Stereotyp und Vorurteil synonym gebraucht, obwohl es feine Unterschiede gibt:

  • Ein Stereotyp ist eine mehr unbewusste Kategorisierung, die sowohl neutral als auch positiv ausfallen kann.
  • Ein Vorurteil greift auf diese Kategorisierung zurück und bewertet diese negativ.

Beispiele

Ein Stereotyp wäre es zu sagen, dass Franzosen immer mit Baskenmütze herumlaufen. Von Vorurteilen ist die Rede, wenn Sie alle Franzosen als Froschfresser bezeichnen. Mit dieser Unterstellung wird gleich gegen drei Normen verstoßen, die die Bundeszentrale für politische Bildung nennt:

  • Keine Rationalität, das heißt, das eigene Urteil wird nicht kritisch überprüft, stattdessen wird generalisiert und dogmatisch am Fehlurteil festgehalten.
  • Keine Gerechtigkeit, es findet eine unterschiedliche Bewertung der Fremdgruppe im Gegensatz zur Eigengruppe statt. Besondere Umstände finden keine Berücksichtigung.
  • Keine Mitmenschlichkeit, da eine grundsätzlich positive Haltung dem anderen gegenüber fehlt, keine Empathie, stattdessen Intoleranz und Ablehnung.

Üblicherweise werden Vorurteile als negativ definiert. Es gibt allerdings auch positive Vorurteile, zum Beispiel „Schwarze können gut tanzen“. Wenngleich hier eine Gruppe positiv bewertet wird, werden dennoch zwei Kriterien erfüllt, die typisch für Vorurteile sind, nämlich die mangelnde Rationalität beziehungsweise Gerechtigkeit.

Mehr dazu, dass auch vermeintlich positive Vorurteile keineswegs harmlos sind, zeigt die Studie (PDF) von John Oliver Siy und Sapna Cheryan von der University of Washington.

Entstehung von Ressentiments

Bevor Sie empört widersprechen und argumentieren, dass Sie keine Vorurteile haben, sollten Sie noch einmal einen Moment in sich gehen und komplett ehrlich mit sich sein. Vielleicht ist es ein Name, Kevin oder Chantal beispielsweise, den Sie ganz automatisch mit einer geringeren Bildung verbinden.

Möglicherweise eine Nationalität, die einen bestimmten Ruf hat, eine Haarfarbe, eine Ausbildung oder eine Berufsgruppe… Es gibt nahezu unendliche Vorurteile – und niemand kann sich vollkommen von ihnen freisprechen.

Die eigentliche Frage lautet also: Wie entstehen Vorurteile und welchen Zweck haben sie? Neben dem Wunsch des Menschen, die Welt möglichst verständlich zu machen, gibt es einige Theorien, die die Entstehung von Vorurteilen erklären. Es ist vor allem das Verdienst der Psychologie, Sozialpsychologie und Soziologie, die mit ihren Studien Licht ins Dunkel bringen.

Geprägt werden Vorurteile bereits in der frühen Kindheit, schon Kindergartenkinder erkennen Unterschiede. Die Einteilung von Gruppen ist für Kinder wichtig zur Herausbildung der eigenen Identität – und oftmals ist das Geschlecht das erste Merkmal, das wahrgenommen wird.

Dabei lässt sich erkennen, dass die soziale Eigengruppe immer besser beurteilt wird als die Fremdgruppe. Kleine Mädchen sind also aus Sicht von kleinen Jungs erst einmal doof und dürfen nicht mitspielen.

Wissenschaftler vermuten darin evolutionsgeschichtliche Gründe, die das Überleben der Gruppe sicherten. In früheren Zeiten war es ein wichtiger Schutzmechanismus, der das eigene Überleben sichern konnte, wenn in fremden und andersartigen Menschen erst einmal eine Bedrohung gesehen wurde.

Psychologische Versuche, in denen Menschen unterschiedliche Ethnien gezeigt wurden, zeigten, dass bei Bildern von fremden Ethnien die Amygdala besonders aktiv ist. Der Bereich des Gehirns also, der für Furcht und Flucht zuständig ist.

Anders bei Fotos mit der gleichen Ethnie. Vorurteile und der (zumindest unbewusste) Glaube, dass Fremde schlecht und böse sind, hat sich deshalb tief im menschlichen Wesen verankert. Ungeachtet dessen haben Eltern, aber auch das soziale Gefüge und die Gesellschaft großen Einfluss darauf, welche Vorurteile vorherrschen.

Eine weitere Theorie besagt, dass Vorurteile emotional bedingt entstehen können – genauer gesagt durch persönlichen Frust, dessen Ursachen nicht bekannt sind oder an denen einfach nichts geändert werden kann. Geht der eigene Arbeitsplatz verloren, wird ein Vorurteil gegen sämtliche Ausländer als Sündenbock vorgeschoben, die einem den Job strittig gemacht haben.

Der Frust befeuert die Entstehung des Vorurteils, vollkommen unabhängig davon, ob es irgendetwas mit der Realität zu tun hat.

Subtyping bei Ausnahmen

Vorurteile BeispieleHaben sich Vorurteile erst einmal eingenistet, sind sie schwer zu überwinden. Hier kommt ein weiterer Umstand dazu, der das Festhalten an der vorgefertigten Meinung begünstigt. Vorurteile wirken nämlich wie ein Filter. Informationen, die ins eigene Schema passen, schenkt man mehr Aufmerksamkeit.

Keiner gibt Vorurteile gerne zu – auf die Frage antworten die meisten das sozial Erwünschte. Forschern fiel auf, dass das menschliche Gehirn bevorzugt negative Informationen sammelt. Wer also das Vorurteil hat, dass Ausländer per se kriminell seien und in den Nachrichten von einem kriminellen Ausländer erfährt, sieht seine Meinung nur bestätigt.

Um Vorurteile zu bekämpfen, wird im Allgemeinen der Kontakt zur jeweiligen Gruppe der Diskriminierten empfohlen. Wie hartnäckig sie dennoch wirken, zeigt das Phänomen „Subtyping“. Wer beispielsweise bisher immer der Meinung war, dass Araber faul sind, kann einen arabischen Kollegen auf der Arbeit haben, der überhaupt nicht seiner bisherigen Einschätzung entspricht.

Das Subtyping führt dann zu einer Relativierung. Bei näherem Kennenlernen werden einzelne Personen aus der vorgefertigten Schublade für diese Gruppe herausgenommen, frei nach dem Motto: Ausnahmen bestätigen die Regel. Grundsätzlich wird aber an den Vorbehalten dieser Gruppe gegenüber festgehalten, das heißt in diesem Fall, „der Araber“ per se wird nach wie vor als faul eingestuft.

Positiven Aussagen zu einer Gruppe wird generell weniger Aufmerksamkeit geschenkt oder aber sie werden als abweichend bewertet, eben die berühmte Ausnahme von der Regel.

Die Folgen von Vorurteilen

Die häufigste Folge von Vorurteilen sind Streit und Missverständnisse. Wer immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wird und nie die Chance bekommt, sich selbst so zu zeigen, wie er wirklich ist, reagiert mit Frust und Abwehrhaltung. Es ist anstrengend, gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen.

Eine weitere Gefahr bei Vorurteilen: Sie bilden sich keine eigene Meinung. Ihr Denken und somit auch Ihr Handeln sind nur von dem gesteuert, was Sie glauben zu wissen. Eigene Erfahrungen machen Sie keine, stattdessen verfallen Sie nur in die Rechtfertigungen und Argumente, die andere Ihnen eingeredet haben. Das macht Sie in einem hohen Maße manipulierbar, da Sie unreflektiert übernehmen, was andere Ihnen vorsetzen.

Gerade gesellschaftlich können Vorurteile schwerwiegende Folgen haben. Übersteigert führen sie zu Rassismus, Fremdenhass und Ausgrenzung. Negative Vorurteile führen zu einer wachsenden Ablehnung gegen bestimmte Gruppen.

Zuletzt verändern Vorurteile sogar das Verhalten der Menschen, gegen die sie gerichtet sind. Durch unsere ständigen Vorurteile zwingen wir Menschen zu dem zu werden, was wir in Ihnen sehen wollen. Dies wird auch als Prokrustesbett bezeichnet – eine Form, in das etwas hinein gezwängt wird, obwohl es eigentlich nicht passt. Dahinter steht die Geschichte des Straßenräubers und Sadisten Prokrustes.

Dieser zwang fremde Menschen in sein Haus und legte sie in ein Bett, das entweder viel zu groß oder viel zu klein war. War das Bett zu groß, streckte er seine Opfer, bis diese starben. War es zu klein, hackte er ihnen die Beine ab.

Nicht gerade nett und keine angenehme Vorstellung, doch eine treffende Metapher für Vorurteile und wie wir diese benutzen, um andere Menschen hineinzuzwingen.

Diese Urteile werden innerhalb von Sekunden gefällt

Vorurteile Psychologie Beispiele Ursachen EntstehungVerwandt mit den Vorurteilen sind die vorschnellen Urteile. Hierbei wird innerhalb von Bruchteilen von Sekunden entschieden, eingestuft, kategorisiert und beurteilt. Für den ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance.

Dieser Eindruck ist dann jedoch in der Regel anhaltend und nur noch schwer zu ändern Aus einem vorschnellen Urteil wird ein Vorurteil, das wir in Zukunft mit uns herumtragen und einer Person gegenüber hegen. Machen Sie sich also bewusst, dass bereits der erste Augenblick darüber entscheidet, wie Sie von Ihrem Gegenüber wahrgenommen werden – und wie Sie Ihre eigene Wahrnehmung täuschen kann. Diese sieben Urteile fällen wir innerhalb der ersten Sekunden:

  1. Wie vertrauenswürdig ist mein Gegenüber?

    Treffen wir auf eine neue Person dauert es nur 0,1 Sekunde, bis wir uns ein Bild davon gemacht haben, ob wir unseren Gegenüber für vertrauenswürdig halten oder nicht. Dies fand Alexander Todorov von der Princeton Universität in einer Studie heraus.

    Interessant: Gab man den Studienteilnehmern mehr Zeit für die Beurteilung, änderten sich die Einschätzungen über die Vertrauenswürdigkeit kaum noch. Gerade bei Geschäftskontakten ist dies von besonderem Interesse, da es sehr unwahrscheinlich ist, einen Kunden zu überzeugen, der Sie nicht für vertrauenswürdig hält.

  2. Wie hoch ist sein Status?

    Ausschlaggebend für die Wahrnehmung des Status, ist in erster Linie die Kleidung. Genauer gesagt: Die Marke der Kleidung. Der Status einer Person, die sich in bekannten – und bekanntermaßen teuren – Marken kleidet, wird höher eingeschätzt.

    Interessant: Dies wirkt sich nicht auf die Wahrnehmung anderer Eigenschaften aus. Träger teurer Designerkleidung werden weder attraktiver, noch vertrauenswürdiger oder intelligenter wahrgenommen. Es erzeugt lediglich ein besserer Bild von Status und Wohlstand.

  3. Wie intelligent ist er oder sie?

    Jeder wird von seiner Umwelt gerne als intelligent eingeschätzt und wahrgenommen, doch nicht immer gelingt das. Um smarter zu wirken, können Sie einen einfachen Trick nutzen. Schauen Sie Ihrem Gesprächspartner beim Reden in die Augen. Wer wegschaut, wirkt unsicher. Wer hingegen den Blickkontakt sucht, wirkt kompetenter und intelligenter.

    Interessant: Der smarte Eindruck wird durch das Tragen einer Brille noch verstärkt. Dabei gilt: Je größer und dicker die Brille, desto positiver der Effekt auf die wahrgenommene Intelligenz.

  4. Wie ist der Lebensstil meines Gegenübers?

    Besonders Frauen mit Tätowierungen haben es hier schwerer, denn eine Studie zeigt: Tätowierte Frauen werden nicht nur als unattraktiver empfunden, sondern auch mit einem lockeren Lebensstil und vermehrtem Alkoholkonsum assoziiert. Das diese Wahrnehmungen auf verallgemeinerten Vorurteilen beruhen, sollte klar sein.

    Interessant: Mit steigender Anzahl der Tätowierungen nimmt auch die negative Wahrnehmung zu. Bei einem beruflichen Erstkontakt ist also Vorsicht geboten, um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen, auch wenn dieser nicht der Wahrheit entspricht.

  5. Wie dominant tritt er oder sie auf?

    Schnell bilden wir uns eine Meinung darüber, ob unser Gegenüber dominant ist oder eher zurückhaltend auftritt. Dabei entscheidend: Die Frisur. Oder auch das Fehlen einer Frisur. So werden Männer mit Glatze als dominanter eingestuft, als andere ähnliche Männer.

    Interessant: Männer, deren Haare durch Computertechnik entfernt wurden, werden nicht nur dominanter, sondern auch größer und stärker wahrgenommen, als ihr eigentliches Ich mit Haaren.

  6. Wie erfolgreich ist der Gesprächspartner in seinem Beruf?

    Es ist ein gutes Gefühl, von anderen als erfolgreich eingeschätzt zu werden. Doch wie gelingt es Männern, diesen Eindruck schon vom ersten Moment an zu erwecken? Die Antwort: Tragen Sie einen Anzug – und zwar einen maßgeschneiderten. Im Vergleich zu einem „normalen“ Anzug von der Stange, steigt der wahrgenommene Erfolg im Anzug vom Schneider signifikant an.

    Interessant: Je höher das Gehalt des Beurteilenden, desto geringer ist der positive Effekt eines maßgeschneiderten Anzugs.

  7. Wie abenteuerlustig ist er oder sie?

    Schon die Art, wie Sie einen Raum betreten, beeinflusst die Wahrnehmung Ihres Gegenübers. Insbesondere aus dem Gang werden Rückschlüsse gezogen. So wird mit einem lockeren Gang Extraversion und Abenteuerlust verbunden, mit steifem Gang und kurzen Schritten wird demnach eher Introversion und teilweise sogar neurotisches Verhalten assoziiert.

    Interessant: Die Einschätzung des Gangs kann über größere Entfernung und auch dann erfolgen, wenn das Gesicht der Person nicht erkennbar ist.

Lassen sich Vorurteile überwinden?

Vorurteile lassen sich nicht mal eben beiseite wischen. Sie können nicht von einem Tag auf den anderen entscheiden, keine Vorurteile mehr zu haben und von nun an mit einem offenen Geist und vollkommen unvoreingenommen durch die Welt zu schreiten.

Dafür sind die Denkweisen zu tief verankert und über viele Jahre zur Gewohnheit geworden. Hilflos ausgeliefert sind Sie Ihren Vorurteilen aber dennoch nicht. Voraussetzung dafür, dass das funktioniert ist natürlich der Wille desjenigen, dessen Vorurteile abgebaut werden sollen.

Im Grunde gibt es dabei nur eine einzige effektive Methode, um Vorurteile überwinden zu können: Den Mere-Exposure-Effekt, den regelmäßigen Kontakt mit genau den Personen oder Gruppen, gegenüber denen Sie bisher immer Vorurteile gehabt haben. Vorurteile bestehen oftmals auf fehlender oder falscher Information.

Dem wirken Sie entgegen, indem Sie sich ein eigenes Bild machen und Ihre ganz persönlichen Informationen sammeln. So werden Sie oftmals feststellen, dass bisherige Vorurteile sich einfach nicht bestätigen lassen – und Sie beginnen, Ihre Denkweisen zu hinterfragen und Stück für Stück zu ändern.

[Bildnachweis: Golubovy by Shutterstock.com]
26. Oktober 2018 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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