Narzissmus: Eine simple Frage entlarvt Narzissten

Auf den ersten Blick sind uns Narzissten ungeheuer sympathisch. Wir sehen sie nicht als Narzissten, sondern als Menschen mit Charme und Charisma. Sie sind in der Regel ungeheuer redegewandt, humorvoll, selbstsicher und ziehen Blicke wie Aufmerksamkeit magnetisch an. Anfangs jedenfalls. Mit der Zeit aber entlarvt sich der Narziss und Egomane selbst: Seine Selbstverliebtheit und Egozentrik nerven nur noch und das, was wir einst bewunderten, avanciert zur hohlen Fassade, zum Mittel zum Zweck. Schade um die Show. Aber wäre es nicht schön, wenn sich der Narziss nicht schon viel früher offenbaren ließe? Laut einer Studie ist das kein Problem. Schon eine einzige Frage reicht dazu aus…

Narzissmus: Eine simple Frage entlarvt Narzissten

Definition: Ist Narzissmus eine Persönlichkeitsstörung?

Definition: Ist Narzissmus eine Persönlichkeitsstörung?Der Begriff „Narzissmus“ bedeutet umgangssprachlich so viel wie Selbstverliebtheit oder Selbstbewunderung. Ein Narzisst ist also eine stark auf sich selbst bezogene Person mit überschwänglich positivem Selbstbild, was sie zugleich gegenüber negativer Kritik immunisiert oder immunisieren soll. Solche Menschen überschätzen sich meist maßlos, interessieren sich kaum für andere und agieren häufig sogar rücksichtslos und kalt.

Der Begriff steht allerdings in Verbindung mit einer Vielzahl unterschiedlicher psychologischer und medizinischer Befunde. So gibt es einerseits Ausprägungen einer narzisstischen Störung bis hin zu Symptomen und dem pathologischen Befund einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung. Eindeutig ist das selbst in der Wissenschaft nicht.

Generell passen bei Narzissten ihr Selbstbild und die Gefühlswelt nicht zusammen. So zeichnen sich Narzissten in der Regel durch fünf zentrale Charakteristika aus:

  • Ein übersteigertes Selbstbewusstsein, welches jedoch
  • immer wieder durch Aufmerksamkeit bestätigt werden muss.
  • Ein starkes Streben nach Dominanz,
  • mangelnden Willen, die Gefühle anderer in eigene Entscheidungen zu integrieren und
  • eine gewisse Rastlosigkeit und Ungeduld.

Die Psychologin Doris Wolf nennt den Narzissmus daher auch „das Selbstbewusstsein des Minderwertigkeitskomplexes„:

Fest steht allerdings, dass nicht nur das Umfeld der Narzissten unter den Auswirkungen der Störung leidet, sondern nicht selten auch die Betroffenen selbst – an den Folgen ihres Narzissmus.

Insbesondere Kritik und Zurückweisung können bei ihnen zu starken Selbstzweifeln, Lebenskrisen oder gar Depressionen und Desorientierung führen. Mancher Narzisst liebt sich zwar selbst, ist sich aber selbst nicht genug. Weil ihr Selbstwertgefühl maßgeblich vom Lob und der Bewunderung des Umfeldes lebt, leidet es auch genauso stark, wenn beides wegfällt. Manche Forscher nehmen daher an, dass es eine starke Korrelation zwischen Narzissmus und Depressionen gibt. Bei krankhaftem Narzissmus bestehe gar ein nachgewiesenes erhöhtes Suizidrisiko.

Ein betroffener Leser schrieb uns dazu Folgendes:

Ich sitze derzeit in einer psychosomatischen Klinik – wegen Burnout und Panikstörung sowie diversen körperlichen Symptomen. Ich habe mich innerlich immer klein und unsicher empfunden. Zudem hatte ich starke Versagensängste. Trotzdem habe ich Karriere gemacht und ich war dabei recht manipulativ. Ich habe mitgenommen, was ging und war stets darauf bedacht, alles zu tun, um Lob und Anerkennung zu bekommen. Ich war als Führungskraft ein Treiber, ein Macher und hielt mich für sehr emphatisch. Erst hier in der Klinik wurde ich zum ersten Mal mit dem Begriff Narzissmus konfrontiert. Tatsächlich habe ich erst hier erkannt, dass ich starke narzisstische Züge habe. Ich will und brauche Selbstbestätigung von außen. Ich liebe meine Erfolge aber nur für kurze Zeit. Eine negative Kritik kann fünf Erfolge entwerten. Ich habe gelernt, dass ich mir nicht helfen kann, wenn ich Hilfe von außen nicht zulasse. Narzissmus hat viele Ausprägungen. Und ich bin dankbar, dass die Psychologen das hier so deutlich angesprochen haben.

Eine in Deutschland durchgeführte Studie kam erst Anfang 2018 zu dem Ergebnis, dass 9,4 Prozent der Bevölkerung von Persönlichkeitsstörungen betroffen sind. Narzisstische Persönlichkeitsstörungen treten indes bei bis zu 0,4 Prozent der Bevölkerung auf.

Narzissmus erkennen: Die Natur des Narzissten

Narzisstische Persönlichkeit Narziss Ich GrafikSelbstverliebten Menschen mit Geltungsdrang werden die unterschiedlichsten Eigenschaften nachgesagt: Sie suchen in erster Linie Fans, keine Kollegen; sie gieren nach Anerkennung und Aufmerksamkeit; geben gerne vor, alles zu können; machen sich aber selbst nie die Hände schmutzig. Für sie zähle nur der kurzfristige Erfolg, durch den sie kurzfristig ins Rampenlicht geraten, mehr als echte Substanz. Alles nicht gerade schmeichelhaft.

Auf der anderen Seite sind gerade Narzissten Meister des ersten Eindrucks. Sie verstehen es, eine besonders geistreiche Aura zu erzeugen und uns genau das zu geben, was wir so oft bewundern:

  • Attraktivität
  • Coolness
  • Charme
  • Humor
  • Wortgewandtheit
  • Sowie leichte Star-Allüren – die zugleich suggerieren, ein Star zu sein.

Aber was für ein Widersinn: Als Resultat beklatschen oder befördern wir sie bis in die Chefetagen – trotz der nervigen Attitüde:

  • Dem übersteigerten Wunsch nach Bewunderung: Ihr gestörtes Selbstwertgefühl braucht dauerhaft Streicheleinheiten. Sie profilieren sich gerne und stellen sich bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund.
  • Der mangelnden Kritikfähigkeit: Kritik, selbst konstruktive, verstehen sie als Bedrohung und können nur sehr schlecht damit umgehen.
  • Der fehlenden Empathie: Narzissten fällt es schwer, auf die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen einzugehen. Dafür gibt es sogar medizinische Beweise. Als Psychologen um Stefan Röpke von der Charité Berlin 34 Probanden untersuchten, von denen die Hälfte unter einer diagnostizierten narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt, stellten sie mithilfe eines Magnetresonanztomografen (MRT) fest: Die Großhirnrinde war bei den Narzissten deutlich dünner. Dabei handelt es sich um die äußere Nervenzellschicht des Gehirns, in der die Inselrinde sitzt, die für unser Mitgefühl verantwortlich ist.

Wäre es also nicht schön, schon frühzeitig zu wissen und zu erkennen, mit wem man es zu tun hat?

Narzissten entlarven sich schon mit einer Frage

Forscher um Brad Bushman, Professor für Kommunikation und Psychologie an der Ohio State Universität, haben dazu eine Reihe von elf unabhängigen Studien mit insgesamt 2250 Probanden ausgewertet. Und das Ergebnis ist mehr als verblüffend:

Um den Narziss zu entlarven, gibt es einen einfachen Weg – fragen Sie ihn!

Kein Scherz. Psychologen nutzen in der Regel ein Inventar von mindestens 40 ausgeklügelten Fragen, um eine narzisstische Persönlichkeit auszumachen oder einzuschätzen (siehe auch unseren Selbsttest weiter unten). Laut Bradman aber reicht schon eine einzige Frage aus, sie lautet:

Auf einer Skala von 1 bis 7: Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu „Ich bin ein Narzisst“?

Gewiss, die Frage ist weder unglaublich subtil noch rhetorisch besonders ausgebufft, sondern eigentlich ziemlich platt: Bist du ein Narzisst oder nicht? Doch oder gerade deswegen funktioniert sie – aufgrund der Natur des Narzissten.

Je narzisstischer eine Persönlichkeit ist, desto eher wird sie dieser Aussage zustimmen und sich dafür auch auf einem hohen Rang einordnen, ist Bushman überzeugt.

Auch andere Tests, die die Ausprägung von Narzissmus messen, kommen zu vergleichbaren Ergebnissen: Die Betroffen leugnen ihren Narzissmus nicht, weil sie ihn nicht als unerwünschte Persönlichkeitsstruktur sehen. Sie lieben sich – weil sie so toll sind. Was ist daran schon falsch? In gewisser Weise mag es Naivität sein, aber zugleich auch Ehrlichkeit: Der Narziss kann nicht leugnen, dass er sich selbst toll findet und will es auch nicht.

Oder wie es Oscar Wilde einmal ausdrückte:

Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.

Und der war ein ziemlicher Narziss, aber auch ein großartiger Autor.

Mythologie: Die Geschichte von Narziss

Narzissmus Symptome Therapie BedeutungIn der griechischen Mythologie heißt es, Narziss sei der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leiriope gewesen. Auf seine Mitmenschen übte er eine unglaubliche Anziehungskraft aus und diese verliebten sich reihenweise in ihn. Doch aus Stolz und Überheblichkeit wies er alle zurück. Seine Überheblichkeit wird schließlich mit grenzenloser Selbstliebe gestraft. Als er sich eines Tages an einer Wasserquelle niederlässt, um seinen Durst zu stillen, verliebt er sich in sein Selbstbild.

Darüber, wie seine Geschichte endet, herrscht Unklarheit. Es gibt drei unterschiedliche Versionen:

  • Er versucht sein Spiegelbild zu erreichen und merkt, dass das nicht möglich ist. Vor lauter Sehnsucht stirbt er und verwandelt sich in eine Narzisse.
  • In dem Moment, als Narziss ins Wasser sieht, fällt ein Blatt in den Fluss und verzehrt sein Spiegelbild. Schockiert darüber, dass er hässlich ist, stirbt er.
  • Ohne zu erkennen, dass es sich um sein Spiegelbild handelt, beugt Narziss sich ins Wasser, um dem Objekt seiner Liebe nah zu sein und ertrinkt.

Narzissmus Test: Sind Sie ein heimlicher Narzisst?

Narzissmus Test: Sind Sie ein heimlicher NarzisstVielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle gerade: Wie viel Narzissmus steckt eigentlich in mir selbst? Gute Frage! Um das herausfinden zu können, haben wir sogar einen Narzissmus Test

Schon in den Neunzigerjahren stellten der Psychologe Jonathan Cheek und seine Kollegen fest, dass der Narzissmus zwei extreme Gesichter haben kann, die sie so nannten:

  • Großartigkeits-Exhibtionismus (Grandiosity-Exhibitonism)
  • Verletzlichkeits-Sensibität (Vulnerability-Sensitivity)

Beide Varianten äußern sich interessanterweise gleichsam in Formen von Arroganz und Egomanie. Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon.

Vor allem der zweite Typ tritt so gar nicht aggressiv auf, sondern eher hypersensibel, abschätzend, beobachtend, taxierend, übervorsichtig, zurückhaltend – was ihn oft wie einen empfindlichen, intravertierten Charakter erscheinen lässt.

Das kann eine Maske sein, oft aber auch eine unbewusste. Oder reiner Selbstschutz, schließlich klingt es irgendwie sympathischer, für besonders sensibel und empathisch gehalten zu werden, statt für selbstverliebt und arrogant.

Jonathan Cheek, Holly Hendin und Paul Wink haben daraufhin einen interessanten Selbsttest entwickelt (den wir hier gefunden haben), mit dem sich solche heimlichen Narzissten aufspüren lassen.

Letztlich kann ein solcher Selbsttest aber nur Indizien liefern – eine Psychoanalyse oder gar Narzissmus Therapie ersetzt so was nie. Falls Sie trotzdem Lust haben, mehr über sich zu erfahren: Der Test dauert nicht länger als maximal 15 Minuten

Selbsttest: So funktioniert der Narzissmus Test

PDF kostenlos herunterladen Gratis IconBitte prüfen Sie die folgenden 23 Aussagen so ehrlich wie möglich – alles andere ist für Sie nur Zeitverschwendung. Neben den folgenden Aussagen sind fünf Felder, auf denen Sie bitte vermerken, wie sehr die Aussage auf Sie zutrifft, wobei…

  • der Wert 1 für „trifft überhaupt nicht zu“ und
  • der Wert 5 für „trifft voll zu“ steht.

Weil das Ankreuzen online ziemlich schwierig werden dürfte, können Sie den Selbsttest hier auch gerne kostenlos als PDF herunterladen und ausdrucken – oder Sie notieren sich die jeweiligen Werte zu den einzelnen Aussagen und addieren diese später wie Punkte zusammen. Und los geht’s…

AUSSAGE12345
1. Ich kann leicht ins Grübeln geraten – über persönliche Angelegenheiten oder meine Beziehungen zu anderen.
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2. Ich bin leicht verletz- und reizbar durch Beleidigungen, Spott und Hohn von anderen.
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3. Wenn ich einen Raum betrete, habe ich häufig das Gefühl, dass die Augen der anderen auf mich gerichtet sind.
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4. Ich mag nicht so gerne den Erfolg mit anderen teilen, vor allem wenn der mehrheitlich auf meiner Leistung beruht.
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5. Ich finde, ich habe genug mit meinen eigenen Problemen zu tun und muss mich nicht auch noch mit denen der anderen belasten.
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6. Ich finde, ich bin längst nicht so launisch wie die meisten Menschen.
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7. Ich nehme die Bemerkungen aus meinem Umfeld gerne mal persönlich.
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8. Ich kann mich in meinen eigenen Ideen und Interessen schon mal verlieren und die Existenz von anderen dabei vergessen.
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9. Ich bin nicht so gerne in Gruppen – es sei denn, ich weiß, dass ich von allen im Team geschätzt werde.
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10. Eigentlich ärgert es mich jedes Mal, wenn andere mir von ihren Problemen erzählen, um meine Aufmerksamkeit oder mein Mitleid zu bekommen.
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11. Ich gebe zu, ich bin neidisch auf attraktive Menschen.
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12. Ich tendiere dazu, mich gedemütigt zu fühlen, wenn ich kritisiert werde.
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13. Manchmal wurde ich mich schon, warum manche meine Talente und Qualitäten nicht erkennen und anerkennen.
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14. Ich neige dazu, Menschen entweder großartig oder schrecklich zu finden.
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15. Manchmal habe ich Fantasien, richtig brutal zu werden – jedoch weiß ich nicht warum.
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16. Ich bin ebenso sensibel für Erfolge wie für Fehler.
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17. Ich habe schon mal Probleme damit, dass keiner außer mir scheint zu verstehen, worum es geht.
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18. Ich versuche Ablehnungen möglichst zu vermeiden.
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19. Ich fürchte, meine geheimsten Gedanken, Gefühle und Handlungen könnten meine Freunde schockieren.
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20. Ich neige zu Beziehungen, in denen ich meinen Partner mal verehre und dann wieder verachte.
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21. Selbst in einer Gruppe von Freunden fühle ich mich öfters allein und unwohl.
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22. Ich verüble es manchem, der hat, was ich gerne hätte.
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23. Niederlagen und Fehlschläge beschämen oder ärgern mich – aber ich zeige das üblicherweise nicht.
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Auswertung des Narzissmus-Tests

In Vergleichsstudien mit diesem Test zirkuliert der durchschnittlich erreichte Wert etwas über 60 Punkten. Befindet sich Ihre eigene Punktezahl in diesem Bereich oder gar darunter, ist ihr Narzissmus allenfalls durchschnittlich ausgeprägt – also alles im grünen Bereich.

Liegt Ihre Punktezahl über einem Wert von 82, spricht Vieles dafür, dass Sie vielleicht doch nicht so introvertiert und sensibel, sondern eher ein heimlicher Narzisst sind. Ab einem Wert von 97 Punkten stellt sich die Frage, ob man noch von „heimlich“ sprechen kann. Die Sensibilität bezogen auf das, was andere über Sie sagen oder wie die Sie finden, basiert dann vielleicht weniger auf einer empfindlichen Seele als vielmehr auf ausgeprägter Eitelkeit und einem aufgeblasenem Ego.

Narzissmus in Beziehung und Partnerschaft

Zugegeben, Narzissten als Einzelfiguren können durchaus durch ihre oft kreative oder gesellige bis extrovertierte Art förderlich oder unterhaltsam sein. Doch wer einmal in einem kreativen Job mit solchen Menschen gearbeitet hat, weiß auch, wie unerträglich das ebenso schnell werden kann.

Noch verheerender wirkt Narzissmus im Freundeskreis oder in einer Beziehung und Partnerschaft. Nicht wenige erleben dabei eine Achterbahnfahrt der Gefühle – oder im Extrem: ein Martyrium.

Eine betroffene Leserin schrieb uns zum Beispiel vor kurzem folgende Mail (anonymisierter Auszug):

Es ist schrecklich, wie durch diese Persönlichkeitsstörung eine ganze Familie zerstört werden kann. Wie schleichend sich der Mensch verändert. Man beobachtet, wie der Narzisst zunehmend in eine Art Sucht verfällt, Selbstbestätigung erfahren muss, bewundert werden will, niemals zufrieden ist mit dem Erreichten und mit sich selbst. Selbst den eigenen Kindern gegenüber zeigt er keine Empathie mehr, nimmt überhaupt nicht wahr, was er ihnen mit seinem Egoismus und seinem selbstverliebten Verhalten antut. Ich habe diese Entwicklung bei meinem Mann über viele Jahre miterlebt, verbunden mit depressiven Episoden, der inneren Zerrissenheit, nicht so sein zu wollen und dann doch immer wieder in dieses Muster zu verfallen und am Ende sich dem in einer Art Erlösung hinzugeben, nur noch im Job und in der Chefetage Bestätigung zu finden. Nur unsere Familie ist daran zugrunde gegangen.

Eine andere Leserin schrieb uns:

Ich war 31 Jahre mit einem Narzissten verheiratet. Er war mein erster Freund, und ich fand es damals toll, dass er sich traute, seine Meinung jedem ins Gesicht zu schleudern. Je älter ich wurde, desto unangenehmer wurde mir das aber. Mir wurde immer klarer, dass er eine psychische Störung hat. Ich habe ihn anfangs bewundert, sein Verhalten entschuldigt – auch wenn er mir immer die Verantwortung dafür gab, wenn es nicht so lief. Sein Verhalten spitzte sich jedoch immer weiter zu. Er wurde ein Meister der emotionalen Erpressung und hat uns am Ende finanziell ruiniert, weil er nicht aufhören konnte, vor anderen zu protzen. Durch sein Verhalten hat er alles verloren. Er ist sich aber bis heute sicher, dass die Schuld nur bei den anderen liegt oder die Umstände gegen ihn waren.

Kennzeichen einer narzisstischen Beziehung ist nicht selten, dass der andere Partner durch den Narzissten abgewertet, beleidigt, beschuldigt wird, um sich so indirekt aufzuwerten. Ein perfides Spiel aus Schuldzuweisungen, emotionaler Manipulation und Macht. Eine dauerhafte emotionale Ausbeutung des Partners ist dann die Folge.

Hier gilt es eher früher als später klare Grenzen zu setzen – schon um sich selbst zu schützen.

Narzissten punkten nur beim ersten Eindruck

Narzissten punkten nur beim ersten EindruckWährend Narzissten schneller Kontakt (und Bewunderer) finden, gewinnen emotional intelligente Menschen auf lange Sicht mehr Freunde. So lässt sich das Ergebnis einer europäischen Gemeinschaftsstudie um Anna Z. Czarna von der polnischen Jagiellonian Universität in Krakau zusammenfassen. Danach punkten Narzissten zwar beim ersten Eindruck und schaffen es auch, relativ schnell in einer Gruppe populär zu werden. Die stabileren Beziehungen bauen aber Menschen mit emotionaler Intelligenz.

Vorteile: Die guten Seiten des Narzissmus

Nachdem wir so viel über die negativen Seiten und Nachteile des Narzissmus gesprochen haben, möchten wir die Vorteile des Narzissmus nicht unerwähnt lassen. Alles andere wäre auch ein recht einseitiges Bild.

Ja, es stimmt: Narzissten sind anstrengend, selbstverliebt und eitel bis in die Haarspitzen – das muss man erst mal ertragen können. Andererseits: Nicht jeder, der von seiner Meinung oder Entscheidung überzeugt ist, ist automatisch ein Narzisst. Womöglich hat er oder sie auch einfach nur Recht. Das ist zwar auch nicht leicht zu ertragen, hat aber seine Berechtigung. „Viele Eigenschaften, die man heute gern narzisstisch nennt, sind durchaus gesund“, erklärte Narzissmus-Experte und Chefarzt für Psychiatrie am Asklepios-Klinikum Nord in Hamburg, Professor Claas-Hinrich Lammers, gegenüber der Apotheken-Umschau.

Überdies gibt es sogar einige positive Seiten des Narzissmus. Der Psychologe Delroy Paulhus fand zum Beispiel bei einem Experiment heraus, dass narzisstische Gruppenmitglieder bereits beim ersten Treffen von allen anderen als besonders offen, kompetent, gewissenhaft, kontaktfreudig oder unterhaltsam empfunden wurden. Und das ist durchaus gut für den Teamgeist.

Als das Forscher-Trio Jack Goncalo und Sharon Kim von der Cornell Universität sowie Francis Flynn von der Stanford Universität 2011 untersuchten, wie Narzissmus auf Teams wirkt, stellten Sie überrascht fest: Narzissten waren zwar nicht wirklich besser oder kreativer als andere – dachten das aber. Sie waren davon derart überzeugt und über sich und ihre Werke so euphorisiert, dass sich diese Euphorie und der Impetus, großartig zu sein, auf die gesamte Gruppe übertrug. Effekt: Am Ende verbesserte sich das Ergebnis des Teams insgesamt.

Allerdings darf man das Resultat auch nicht überinterpretieren, Motto: je mehr Narzissten, desto besser. In den Experimenten war das optimale Ergebnis genau bei zwei Narzissten pro Team erreicht. Wurden es mehr, waren Hyper-Wettbewerb sowie ein Hauen und Stechen um Aufmerksamkeit und den Lorbeer die Folge.

Laut Studien der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) wiederum steigt mit dem Narzissmus auf der Chefetage sogar die Bereitschaft, im Unternehmen neue Technologien einzuführen – insbesondere wenn diese Innovationen von der Öffentlichkeit als „heilsbringend“, aber risikoreich wahrgenommen werden.

In der internationalen Studie, an der auch Forscher des IMD in Lausanne und der Pennsylvania State Universität beteiligt waren, ging es um sogenannte diskontinuierliche Innovationen – also jene Ideen, die zu ihrem jeweiligen Zeitpunkt dem bestehenden Geschäftsverständnis grundsätzlich zu widersprechen scheinen und damit das Potenzial haben, ganze Märkte durchzuwirbeln (heute heißt das gerne: disruptive Geschäftsmodelle).

Entsprechend gibt es auf Seiten etablierter Unternehmen wenig Interesse, sich darauf einzulassen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier, das seine Komfortzone schätzt und pflegt.

Doch wie Wolf-Christian Gerstner und Andreas König (beide von der FAU) sowie Albrecht Enders (IMD) und Donald C. Hambrick (Pennsylvania State Universität) feststellten, hängt die Entscheidung für oder gegen Investitionen in eine disruptive Idee mehr als bislang angenommen von der Persönlichkeit des Vorstandschefs und dessen Ego ab. Oder wie Andreas König es zusammenfasst:

Wir konnten feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen in diskontinuierliche Technologien investiert, umso höher ist, je narzisstischer der jeweilige CEO ist. Die Pharmaunternehmen, die von besonders selbstverliebten CEOs geleitet wurden, haben mehr als doppelt so häufig Biotech-Initiativen im Rahmen von Akquisitionen, Allianzen oder internen Forschungsprojekten durchgeführt als die Unternehmen, die von weniger narzisstischen CEO geführt wurden.

Ein Vorteil ist natürlich auch, dass Technologien, denen eine bahnbrechende Wirkung zugeschrieben wird, viel größere Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit erfahren. Ein CEO kann also damit rechnen, dass er mehr Aufmerksamkeit erhält, wenn er in diskontinuierliche Technologien investiert, als wenn er denselben Pfaden folgt, die das Unternehmen schon immer ging. Wolf-Christian Gerstner dazu:

Narzissmus ist eine außerordentlich interessante, weil ambivalente Persönlichkeitseigenschaft. Narzissten glauben, solche Innovationen beherrschen zu können, während andere CEOs vor dem zu großen Risiko eher zurückschrecken.

Die narzisstischen Chefs hatten augenscheinlich ein großes Gespür für Scheinwerferlicht: Wenn die Chance dafür besonders hoch war – etwa in Zeiten, in denen die Presse viel über eine Technologie berichtet –, investieren diese mit einer höherer Wahrscheinlichkeit in solche Diskontinuitäten als ohnehin schon. Das bedeute aber zugleich, dass narzisstische Führungskräfte „nicht bessere oder schlechtere CEOs“ seien, betont Wolf-Christian Gerstner. Sie seien aber möglicherweise besser als ihr Ruf, weil sie dazu beitragen können, „organisationale Trägheit und Starre zu überwinden“.

Wie geht man mit Narzissten in der Chefetage um?

Wie geht man mit Narzissten in der Chefetage um?Was dem Unternehmen nutzt, mag für den einzelnen Angestellten jedoch zum Problem werden. Denn ein narzisstischer Chef kann alles andere als umgänglich sein. Gespräche auf der Sachebene fruchten selten, denn sie erfüllen nicht seine Bedürfnisse. Wenn Mitarbeiter hingegen über die Beziehungsebene einsteigen, ihn loben und bewundern, fühlt er sich sicherer, entspannt und wird merklich zugänglicher.

Um Ihnen ein paar konkrete Empfehlungen im Umgang mit einem Narziss zu geben, finden Sie hier eine Typologie von vier Cheftypen mit großem Ego – und wie man mit ihnen umgeht:

7 Anzeichen, dass Sie KEIN Narzisst sind

Falls Sie der obige Test verunsichert hat: Auch aus umgekehrten Verhaltensweisen lassen sich Rückschlüsse ziehen. So gibt es beispielsweise auch diese 7 Anzeichen dafür, dass Sie KEIN Narzisst sind:

  1. Sie freuen sich für andere

    Narzissten freuen sich nicht für eine andere Person, sondern fragen sich eher, wie sie selbst etwas von der Anerkennung erhalten können. Wenn Sie dagegen in der Lage sind, sich ehrlich für Ihre Mitmenschen zu freuen und ihnen diesen Erfolg auch gönnen, ist dies ein untrügliches Zeichen, dass Sie kein Narzisst sind. Zusätzlich kann es Sie auch glücklicher machen, sich für den Erfolg anderer zu freuen. Denn es hebt auch die eigene Laune, wenn Sie die Freude einer anderen Person teilen.

  2. Sie nehmen Hilfe an

    Jemand anderen um Hilfe zu bitten und diese auch noch anzunehmen, käme für einen Narzissten nicht in Frage. Immerhin kommt dies einem Eingeständnis gleich, dass der Narzisst etwas nicht so gut kann, wie beispielsweise ein Kollege. So wird lieber auf eigene Faust gehandelt. Wenn Sie aber kein Narzisst sind, fällt es Ihnen nicht schwer, die Hilfe Ihres Umfelds anzunehmen. Sie verstehen, dass Sie die Weisheit nicht für sich gepachtet haben und es auch für Sie nützlich sein kann, vom Wissen anderer zu profitieren.

  3. Sie hören wirklich zu

    Gelingt es Ihnen, in Gesprächen auch einfach mal nichts zu sagen, zu schweigen und Ihrem Gesprächspartner Raum zu geben, seine Gedanken zu formulieren? Dann brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, ein heimlicher Narzisst zu sein. Wer sich regelmäßig zurücknehmen kann, wird überdies als netterer Gesprächspartner empfunden.

  4. Sie haben viele Freunde

    Sie verfügen über einen breiten Freundeskreis mit vielen guten und einigen besonders guten Freunden? Dann können Sie beruhigt sein: Sie sind kein Narzisst, denn Ihre Freunde hätten dies längst bemerkt und sich abgewandt. Für Narzissten ist es sehr schwer, langfristige Freundschaften aufzubauen. Sie sind nicht bereit, etwas in die Beziehung zu investieren, sind im Gegenzug aber immer darauf aus, einen positiven Nutzen daraus zu ziehen.

  5. Sie können Fehler eingestehen

    Das makellose Bild, das Narzissten klassischerweise von sich selbst haben, soll um jeden Preis aufrecht erhalten werden. Somit ist es auch unmöglich, sich selbst einen Fehler einzugestehen. Sind Sie bereit, Fehler zu machen und auch zu diesen zu stehen, ist dies nicht nur ein starkes Zeichen, dass Sie kein Narzisst sind. Es zeigt auch, dass Sie daran interessiert sind, sich weiterzuentwickeln und aus Rückschlägen zu lernen.

  6. Sie geben Verantwortung ab

    Ein Narzisst sieht sich selbst als Maß aller Dinge. Die von ihm gelegte Messlatte kann ohnehin von keinem Kollegen übertroffen werden, also nimmt er am besten alles gleich selbst in die Hand. Dieses Selbstbild erzeugt bei anderen nicht nur ein Gefühl der Arroganz, sondern verschlechtert auch das Gesamtergebnis. Sollten Sie ein guter Teamplayer sein, die Kompetenzen Ihrer Kollegen anerkennen und diesen auch entsprechende Verantwortung übertragen, sind Sie eindeutig kein Narzisst.

  7. Sie müssen sich nicht verstellen

    Narzissten können sich durchaus nett und verständnisvoll geben – allerdings nur, wenn Sie sich davon einen eigenen Vorteil erhoffen. Das Umfeld soll manipuliert werden, um den Narzissten in ein besseres Licht zu rücken. Sie stehen zu Ihrer ehrlichen Meinung oder verstellen sich nicht, um anderen zu gefallen? Herzlichen Glückwunsch! Bei Ihnen handelt es sich um eine ehrliche Haut und auf keinen Fall um einen Narzissten.

Narzissmus in Social Media

Narzissmus-narzisstisch-Social-Media-Selfie-FacebookInteressanterweise gibt es auch hierzu bereits erste Untersuchungen. Gerade Social Media, insbesondere Facebook, werden immer wieder nachgesagt, Horte von eitlen Selbstdarstellern zu sein. Schließlich lasse sich hier durch geschickte Selbstvermarktung viel Aufmerksamkeit erzielen.

Eine Studie bestätigt das und kommt zu dem Ergebnis, Social Media seien insgesamt ein Spiegel des wachsenden Narzissmus in der Gesellschaft.

Die Wissenschaftler um Elliot Panek, Yioryos Nardis und Sara Konrath von der Universität von Michigan in Ann Arbor bringen ihr Forschungsergebnis auf die knackige These: Facebook sei ein Spiegel – Twitter ein Megafon.

Zumindest seien die Kanäle für Narzissten unterschiedlicher Altergruppen jeweils die Plattform ihrer Wahl: Während junge Erwachsene und Studenten eher Twitter nutzen würden, ihren Geltungsdrang auszuleben, sei bei den sogenannten Middleagern Facebook der präferierte Kanal.

Begründung: Ab einem gewissen Alter habe man bereits sein soziales Selbst geformt und wolle dies lediglich abgleichen. Dazu sei Facebook besser geeignet. Oder wie Elliot Panek es ausdrückt:

It’s about curating your own image, how you are seen, and also checking on how others respond to this image. Middle-aged adults usually have already formed their social selves, and they use social media to gain approval from those who are already in their social circles. Young people instead may overevaluate the importance of their own opinions. Through Twitter, they’re trying to broaden their social circles and broadcast their views about a wide range of topics and issues.

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[Bildnachweis: murphy81 by Shutterstock.com]
31. Mai 2010 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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